Efeu - Die Kulturrundschau

Hinter tausend Daten keine Welt

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02.12.2025. Jafar Panahi ist im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, melden die Agenturen. Der Guardian erkennt in der Tom-Sandberg-Retrospektive in Oslo die Poesie von Nieselregen. Die FR lauscht mit Annika Kahrs in Berlin derweil Streicherinnen in sterbenden Konsumtempeln. Die taz blickt mit Olga Ravn zurück auf die Hexenverfolgung im Dänemark des 17. Jahrhunderts und fragt: Wie kann eine solidarische Gemeinschaft entstehen? Und die Theaterkritiker sind uneins, ob Stanislaw Lem gut auf der Bühne funktioniert. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2025 finden Sie hier

Kunst

Ausstellungsansicht: Christian Tunge / Henie Onstad Kunstsenter

Mehr als zehn Jahre nach seinem Tod erhält der norwegische Fotograf Tom Sandberg, der die Fotografie in den nordischen Ländern maßgeblich prägte, eine Retrospektive, freut sich Christian House im Guardian nach seinem Besuch im Henie Onstad Kunstsenter in Oslo. Sandbergs Aufnahmen eignete stets eine poetische Sensibilität, erinnert House. In der Ausstellung sieht man "Aufnahmen von Nieselregen und Pfützen, von Asphalt, der vom Nieselregen glitschig ist. Eine Wasserwelle scheint ein Loch zu haben, eine Gestalt ragt hinter einem regennassen Fenster hervor, eine Dachrinne leuchtet nach einem Wolkenbruch. Ob in kühnem Helldunkel oder sanften Grautönen - diese Bilder besitzen die Kraft, den Alltag traumhaft erscheinen zu lassen. Gleichzeitig wirken sie auf eine etwas verwirrende Weise erhebend, so als würde man ihnen raten, sich sonnig zu kleiden, selbst wenn die Wolken am Himmel schwarz sind."

Ausstellungsansicht "Annika Kahrs. OFF SCORE", Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart © Annika Kahrs, 2025 / Produzentengalerie Hamburg. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia

Es dürfte die "stillste und sinnlichste" Kunstausstellung seit langem sein, vermutet Ingeborg Ruthe (FR), nachdem sie ihre Hörgewohnheiten im Hamburger Bahnhof in der Ausstellung "Off Score" von der Künstlerin Annika Kahrs hat auf den Kopf stellen lassen, wenn diese Geräusch und Musik verbindet: "Im Video 'A Cashier's Opera' steckt auch schon so etwas wie Agonie, das wäre wohl der bessere Ausdruck für die langsam, aber sicher sterbenden Konsumtempel, in denen Kahrs filmte: Die Warenhäuser der guten alten Wohlstandsgesellschaft, in denen sie ein Streicherinnen-Quartett und eine Opernsängerin auftreten lässt, gleichsam erlebbar als Berliner Requiem, insbesondere in den verlassenen, kahlen Räumen der einstigen Galeria am Frankfurter Tor. ... Wie trotzige Gegenwehr erklingen Geigen und Celli ganz oben in der Galeria am Alexanderplatz. Am Schluss dirigiert da eine so sensible wie resolute Dame vom Reinigungsservice vor Notenständern, vor denen niemand mehr sitzt."

Weitere Artikel: Auf Zeit Online gibt Konstantin Zimmermann einen Überblick über die Aufgaben und Methoden des neuen Schiedsgerichts, das die Beratende Kommission mit Blick auf NS-Raubkunst ablöst. Besprochen wird Shala Millers Installation "Scar Light" im Frankfurter MMK Zollamt (FR).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Sandberg, Tom, Kahrs, Annika

Film

IndieWire meldet unter Rückgriff auf eine Pressemitteilung des Filmjournalisten Mansour Jahani, dass Jafar Panahi, der sich gerade in den USA aufhält, im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis und zwei Jahren Ausreiseverbot verurteilt wurde. Vorgeworfen werden dem international preisgekrönten iranischen Autorenfilmer mal wieder diffuse "Propaganda-Aktivitäten" gegen die politische Führung Irans.

Kirk Morris, ein Körper wie ein Keil: "Sansone contra i Pirati" begeistert auch im Standgas

Das Team von critic.de sendet Notizen vom Karacho-Filmfestival, das in Nürnberg ausgesuchte Preziosen aus dem Fundus des Actionfilms von historischen 35mm-Kopien zeigt. Auch der italienische, "Peplum" genannte Sandalen- und Muskelfilm nach Herkules-Manier wurde dabei in Form von Tanio Boccias (im Genre an sich eher zweit- bis drittklassigem) "Sansone contra i Pirati" gewürdigt, der sich durch Action gerade nicht auszeichnet, wie Tilman Schumacher dennoch ganz bezaubert berichtet: "Unverhofft sehen wir so etwas wie die James-Benning-Variante eines Peplum. ... Das Scopebild steht statisch und gibt einen Waldweg preis. Überaus gemächlich ziehen Figuren von links nach rechts hindurch. ... So einen Einschub von Slow Cinema gibt's nicht nur ein oder zweimal, sondern zigfach zu bestaunen." Auch ansonsten "herrscht Stillstand. Auffällig immer dann, wenn er uns seinen 21-jährigen Jüng-/Schönling Kirk Morris und damit seinen Muckimann in voller Pracht präsentiert. Viel häufiger als in Aktion begriffen, steht er einfach statuenhaft da. Sein öliger Oberkörper gleicht einem Keil. ... Unsubtil (homo-)erotischer Camp, bei dem erstaunt, dass er noch nicht von der Pop- und Undergroundkultur geadelt wurde."

Außerdem: In der taz berichtet Serena Bilanceri von dem palästinensischen Aktivisten Issa Amro, der im Westjordanland ein Kino einrichten will und sich permanent gegen die Angriffe radikaler israelischer Siedler zur Wehr setzen muss. Till Kadritzke und Hannah Pilarczyk sprechen im critic.de-Podcast mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film "Sehnsucht in Sangerhausen". Besprochen werden Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Videoinstallation "The Clock" (FAZ, mehr dazu bereits hier), Joachim Triers Familien-Tragikomödie "Sentimental Value" mit Stellan Skarsgård (Tsp), Cédric Jimenez' Actionthriller "Zone 3" (taz), Stéphane Sorlats Dokumentarfilm "Das Geheimnis von Velazquez" über den Maler Diego Velázquez (NZZ) und die auf MagentaTV gezeigte Serienadaption von Peter Hoegs Roman "Smillas Gespür für Schnee" (taz).
Archiv: Film

Literatur

Die Buchmessestadt Leipzig ohne Literaturhaus? Undenkbar, findet Dirk Knipphals in der taz. Und doch könnte dem dortigen Literaturhaus Ende 2027 das Aus drohen. "Finanziert wurde es bislang - neben den Einnahmen und den Drittmitteln - aus einem Vereinsvermögen, das noch aus Mitteln des Kulturministeriums der DDR stammt. Dieses Geld ist jetzt weitgehend aufgebraucht. Der Trägerverein riskiert eine Klage wegen Insolvenzverschleppung, wenn es die Räume des Literaturhauses im Leipziger Haus des Buches nicht kündigen würde, so Leiter Thorsten Ahrend. ... Irgendeine Lösung muss doch möglich sein. Es kann doch gar nicht sein, dass ausgerechnet Leipzig, das auf seine buchhändlerische und literarische Tradition so stolze Leipzig als erste deutsche Stadt ein Literaturhaus wieder schließt! Das kann doch nicht sein. Oder?"

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Johann Voigt porträtiert in der taz die dänische Schriftstellerin Olga Ravn, die in ihren Büchern experimentelle und Genre-Literatur miteinander verbindet und mit "Wachskind" gerade einen Roman über die Hexenverfolgung im Dänemark des 17. Jahrhunderts geschrieben hat. Ihre "Romane eint, dass sie fragmentarisch sind, eine literarische Zerfaserung in einzelne Textteile, Ausflüge in Lyrik, Essay und szenische Texte und ein Spiel mit Intertextualität. Die Kernelemente aller ihrer Texte sind die Fragen danach: Wie kann eine solidarische Gemeinschaft entstehen? Und inwiefern halten patriarchale Strukturen und ungleiche Arbeitsbedingungen uns davon ab? Dass die Handlungen dabei nicht nur in der Gegenwart verankert sind, sondern auch auf Raumschiffen der Zukunft und in Kerkern der Vergangenheit, ist eine große Stärke Ravns: Genreliteratur fließt in ihre Texte ganz natürlich mit hinein."

Außerdem kürt die Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf dem ersten Platz: der Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und seiner späteren Ehefrau Martha Bernays.

Besprochen werden unter anderem Jonas Hassen Khemiris "Die Schwestern" (54books), Clemens Marschalls Biografie über die "Wilde Wanda", Wiens einzige Zuhälterin (NZZ), und eine Neuübersetzung von George Sands "Nanon" (SZ).
Archiv: Literatur

Bühne


1983 veröffentlichte der polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem seinen Prosatext "Eine Minute der Menschheit", in dem er eine fiktive Buchrezension über einen nicht existierenden Big-Data-Band verfasste. Anita Vulesica geht am Deutschen Theater in Berlin das Wagnis ein, den Text auf die Bühne zu bringen und Nachtkritikerin Elena Philipp staunt, wie gut das gelingt: "Den inneren Disput, welchen in Lems Kurzprosa der fiktive Rezensent mit sich selbst führt, verteilt sie in ihrer mit der Dramaturgin Lilly Busch entstandenen Theaterfassung auf die schrägen Figuren einer Diskussionsrunde beim '76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik'. (…) Gedankliche Positionen aus Stanisław Lems Vorlage werden in den hitzigen Dialogen kontrastiert. Gemäß Anita Vulesica-Stil geschieht das in Form einer musikalisch getimten Humoreske."

Auch Christine Wahl amüsiert sich im Tagesspiegel mit der Inszenierung, nur Peter Laudenbach schimpft in der SZ: "Vulesica, eine auf absurde Komik spezialisierte Regisseurin, interessiert sich weniger für Lems Gedankenexperiment und die darin gelegte Tech-Dystopie, hinter tausend Daten keine Welt. Stattdessen inszeniert sie eine klamaukige Literaturbetriebssatire. In ihrem literarischen Sextett mühen sich sechs durchgedrehte Kasperfiguren in einer Kultur-Talkshow mit einer Besprechung des Buchs über die Menschheitsminute."

Weitere Artikel: Ein Kulturboykott alles Russischen hat sich zum Glück nicht durchgesetzt, atmet Manuel Brug in der Welt auf. Russen inszenieren, werden inszeniert und stehen auf der Bühne: "Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die meist (und bis heute) exzellent ausgebildeten osteuropäischen Sänger international im Kommen. Erst wurden die dramatischeren Stimmen in italienischen Opern unentbehrlich, inzwischen gibt es Belcanto-Spezialisten, Countertenöre." Arno Widmann macht sich in der FR Gedanken nach Milo Raus Inszenierung der "Seherin" an der Berliner Schaubühne über Empathie.

Besprochen werden außerdem Carolin Millners Inszenierung "Ich bin kein Fall: die Leben von Anna O., Bertha Pappenheim und P. Berthold" im Produktionshaus Naxos in Frankfurt (FR), Rossinis "La Cenerentola" in einer Inszenierung von Stephanie Kuhlmann am Staatstheater Mainz (FR), Anna-Sophie Mahlers "Requiem für eine marode Brücke" im Kolumba-Museum in Köln (SZ), Luca De Fuscos Inszenierung "Samstag, Sonntag, Montag" von Eduardo De Filippo am Teatro Argentina in Rom (FAZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" im Münchner Cuvilliéstheater (FAZ, Welt) und "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Die Initiative Offene Mitte, die sich seit Jahren für die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum am Molkenmarkt einsetzt, kritisiert die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs für die ersten Bauvorhaben, die Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt am 13. November vorgestellt hatte, aufgrund der hohen Kosten, meldet Uwe Rada in der taz.
Archiv: Architektur

Musik

Christian Wildhagen erkundigt sich für die NZZ bei Sebastian Nordmann, dem neuen Intendanten des Lucerne Festivals, nach dessen Plänen für die Schweizer Musikinstitution: Dieser hat eben Riccardo Chaillys Vertrag als Chefdirigent bis Ende 2028 verlängert, kündigt aber auch neue Formate für das Sommerfestival an. Dass Popstar Rosalía auf ihrem neuen Album katholische Sinnsuche betreibt, hat auch im Vatikan zu (durchaus wohlwollenden) Reaktionen geführt, berichtet Aurelie von Blazekovic in der SZ. Während man bei männlichen Stars so gut wie jede bizarre Wunderlichkeit als Ausdruck einer interessanten Exzentrität feiert, wird Britney Spears bei jeder sich bietenden Gelegenheit für verrückt erklärt, ärgert sich Julia Werner in der SZ.

Besprochen werden der neue Band "Bread of Angels" aus Patti Smiths autobiografischen Büchern (NZZ), ein Band mit Texten zum Komponisten und Musiktheoretiker Philip Herschkowitz (FAZ), der von Erika Thomalla herausgegebende Band "Gegenwart machen" mit der Oral History des Popjournalismus in Deutschland (SZ) und neue Weihnachts-CDs, darunter "Joy to the World" des Gesangensembles Chanticleer unter der Leitung von Tim Keeler ("besonders virtuos", schreibt Clemens Haustein in der FAZ).

Archiv: Musik