Efeu - Die Kulturrundschau

Angeblich satanische Umtriebe

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30.12.2025. Die FAZ ist ganz begeistert von der Vorstellung eines Berliner "House of Jazz", das sich nun bald realisieren könnte. Ebendort sorgt sich der Komponist Samuel Penderbayne um den Zustand der Neuen und zeitgenössischen Musik. Mit fast hundert Jahren Verspätung kommt Julia Kerrs verrückte Zeitreise-Oper "Der Chronoplan" bald auf die Bühne, jubelt die Zeit. Die taz bewundert, wie das Mädchen Doris aus Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" beim Figurentheater in Bremen zwischen existenzieller Trauer und Kessheit schillert. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2025 finden Sie hier

Musik

Der Komponist Samuel Penderbayne sorgt sich in der FAZ um den Zustand der Neuen und zeitgenössischen Musik: Deutliche Abschottung nach innen sei zu erkennen, was einst ein großer Erneuerer war, ist mittlerweile zum Regelwerk verkrustet. Von innen kommen kaum neue Impulse, einer Diversifizierung - ob nach Geschlecht, Alter oder Hautfarbe - stehen eifersüchtig wachende Gatekeeper skeptisch gegenüber. Er schlägt einen Deal vor: Ein gnädiger Welpenschutz für diejenigen, die sich noch erproben müssen und ein waches Ohr für das, was die als neu bestimmen: "Jede Generation muss ihren eigenen Klang finden." Doch "dafür müssen besonders progressiv eingestellte Menschen begreifen, dass Chancengleichheit nicht Ergebnisgleichheit bedeutet. Zwar stimmt es leider nach wie vor, dass unsere Gesellschaft in weiten Teilen Rollenbilder für Frauen vorsieht, die sie Männern unterordnen. ... Doch stimmt es leider auch, dass es inzwischen ein strukturelles Ungleichgewicht zugunsten der Komponistinnen gibt, und dies ist in einer liberalen Demokratie grundsätzlich unerträglich. ... Die künstlerische Qualität ist unser höchstes Gut und darf nie einer politischen Agenda geopfert werden, doch vielleicht wäre eine moderate Identitätspolitik nicht nur erträglich, sondern den Verhältnissen angemessen."

Bereits vor fünfzehn Jahren hat der Trompeter Till Brönner vorgeschlagen, in Berlin ein "House of Jazz" zu errichten, seitdem flammte die Debatte darum immer wieder mal auf. Nun zeichnet sich die Kino- und Theateranlage L'Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm als wohl auch von der Politik favorisierte Location ab, berichtet Wolfgang Sandner in der FAZ und ist von den Möglichkeiten der Räumlichkeiten absolut begeistert. "Nach so vielen Jahren der Entwicklung des Projekts" sollte diese Möglichkeit nun auch wirklich "genutzt werden, denn die Situation für das Kulturgut Jazz in Deutschland entspricht zwar noch nicht dem düsteren Szenario, dem Till Brönner vor fünfzehn Jahren seine Jazz-Akademie entgegensetzen wollte." Doch "sind die alarmierenden Anzeichen, etwa zur Marginalisierung des Jazz in den Medien und die ökonomischen Probleme von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern, in den Jahren seither sicher nicht kleiner geworden. ... Das House of Jazz wird gebraucht."

Außerdem: New York macht Berlin vor, wie es geht, staunt Larissa Smurago in der FAZ: Während Berlin als Clubmetropole gerade am Scheideweg zwischen Siechtum und vollendeter Institutionalisierung steht, ist in New York gerade wieder der Zauber des gemeinsamen Anpackens und Aufbrechens zu spüren, wie ihr der erfahrene Veranstalter und Betreiber Seva Granik bestätigt. Christoph Irrgeher blickt im Standard gespannt auf das anstehende Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, für dessen Programm Dirigent Yannick Nézet-Séguin auch Stücke von Josephine Weinlich und Florence Price angekündigt hat, nachdem 2025 erstmals überhaupt zu diesem Anlass Musik einer Komponistin aufgeführt wurde. Stefan Ender erkundet in der NZZ den Zauber des Donauwalzers, mit dem für viele traditionell das neue Jahr beginnt.

Besprochen werden die Autobiografie von Lionel Richie (FAZ) sowie NAS' und DJ Premiers Hiphop-Album "Light Years", das der aktuellen Apathie im Rap sehr zur Freude von NZZ-Kritiker Ueli Bernays die Spiel- und Bewegungsfreude früherer Hiphop-Ästhetiken entgegen stellt.

Archiv: Musik

Kunst

"Selten war eine Schau mit bis zu 5.000 Jahre alten, aber auch nur wenige Jahre jungen Werken derart zeitlos und avantgardistisch zugleich", jubelt FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Archäologie-Museum der andalusischen Stadt Almería. Der Bildhauer Miquel Barceló hat in der Schau "Reflections. Picasso x Barceló" seine eigenen Keramik-Arbeiten mit denen Pablo Picassos, aber auch jenen aus der weit in die Historie reichenden Sammlung des Museo d'Almería kombiniert: "In dem wie eine Höhle abgedunkelten Ausstellungssaal hängen auf der linken Seite Werke Barcelós, die auch aus der Steinzeit stammen könnten. Ein archaisch einfach gehaltenes Rundgesicht wirkt wie eine Himmelsscheibe von Nebra in Ton und scheint sich gleichzeitig mit leichten Höhungen und Vertiefungen einer imaginären Felswand einzuschmiegen, wie dies etwa bei den Höhlenmalereien im kantabrischen Altamira der Fall ist, wo die frühen Maler Unebenheiten für plastische Schultern und Flanken der porträtierten Tiere nutzten. Auch fanden sich in Altamira unzählige Muscheln, Austern und Fischgräten, und so wundert es nicht, dass nun in Almería der Kopf eines urzeitlich anmutenden, blau glasierten Riesenfischs Barcelós aus der Museumswand ragt und wie ein Karpfen nach Luft schnappt."

Weiteres: Die russischen Besatzer haben das von ihnen zerbombte Theater im ukrainischen Mariupol wieder aufgebaut und am Sonntag eröffnet, melden FR und nachtkritik mit afp. Im Zeit-Interview antwortet die Künstlerin Marina Abramović auf die Frage, "Was tun, wenn es wehtut?" Besprochen wird die Ausstellung "Saâdane Afif: Five Preludes" im Im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ) und die Ausstellung "Havelluft und Großstadtlichter. Stadt und Land in der Malerei der Berliner Secession" im Bröhan-Museum in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Besprochen werden Anders Thomas Jensens schwarze Komödie "Therapie für Wikinger" mit Mads Mikkelsen (taz) und Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Standard).
Archiv: Film

Literatur

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Irina Rastorgujewa bietet in der FAZ so eindrückliche wie bedrückende Schilderungen, wie in Putins Russland nicht nur, aber insbesondere der Literaturbetrieb mit staatlichen Übergriffen auf Linie gebracht werden soll. So wurden gerade zahlreiche Buchläden gestürmt, um etwa Ursula K. LeGuins feministischen Science-Fiction-Klassiker "Die linke Hand der Dunkelheit", aber auch Veröffentlichungen von Susan Sontag und andere Bücher, die "Anzeichen von LGBT-Ideologie" aufweisen, aus dem Verkehr zu ziehen. Ein Comicfestival wurde wegen angeblich satanistischer Umtriebe verboten und dessen Veranstalter verhaftet. Zudem greife demnächst ein Gesetz, das es untersagt, in Romanen Drogen zu erwähnen. "Aus Angst vor Strafen wegen dieses Gesetzes hat eine der größten Online-Buchplattformen, Litres, jetzt schon rund 4.500 Bücher aus dem Sortiment genommen." Auch greife Selbstzensur: Interessensvertretungen der Buchverlage stellen Listen zusammen mit Büchern, von denen man sich lieber fernhalten sollte. Denn die Geldstrafen für Verlage belaufen sich "jedes Mal auf umgerechnet bis zu vierzigtausend Euro." Hinzu komme das Risiko von Verhaftungen, wie bei einer Razzia im Kleinverlag Popcorn Books geschehen, wo drei Mitarbeiter abgeführt wurden.

Weiteres: Die SZ fragt auf zwei Seiten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, welche Bücher 2025 für sie besonders wichtig waren. Besprochen werden El Hors Erzählungsband "Streichhölzer" (taz), Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen" (taz), Natascha Wodins "Die späten Tage" (FR), Jonas Hassen Khemiris "Die Schwestern" (FR), Ilma Rakusas "Wo bleibt das Licht" (Standard) und Marius Goldhorns "Die Prozesse" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

In der Zeit rollt Volker Hagedorn die Geschichte "einer der verrücktesten Opern des 20. Jahrhunderts" auf, geschrieben von Julia Kerr, Mutter der Autorin Judith Kerr. "Der Chronoplan" sollte 1933 aufgeführt werden, dazu kam es nie, die Familie Kerr musste vor den Nazis fliehen. Nun wird sie "demnächst mit 93 Jahren Verspätung auf der Bühne des Staatstheaters Mainz landen. Und sie bringt nicht nur die Berliner Luft aus den letzten Tagen der Demokratie mit, dazu eine Musik zwischen den Zeiten, sondern auch die Geschichte einer Frau, die zwar ihr Leben retten konnte und das ihrer Familie dazu, die aber als hochbegabte Komponistin verstummte", erklärt Hagedorn. Worum geht's? "Die Oper ist Science-Fiction und Gegenwartssatire in einem. Albert Einstein, Heldenbariton, fliegt mit den mutigsten seiner Gäste in die Vergangenheit, landet unfreiwillig im England des Jahres 1805 und sammelt dort den jungen Dichter Lord Byron auf, der vom Berlin des Jahres 1929 ziemlich entsetzt ist ... Dazu ist es eine Who's-who-Oper. Berühmte Zeitgenossen auf der Bühne, unverschlüsselt, das hat es bis dahin nicht gegeben: Der Komponist Richard Strauss, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Maler Max Liebermann, der Dramatiker George Bernard Shaw - mit allen unterhielt Alfred Kerr beste Kontakte, auch mit seinem treuen Leser Einstein."

Nicht nur der Heldin Doris aus Irmgard Keuns Großstadtroman "Das kunstseidene Mädchen" begegnet taz-Kritiker Jens Fischer in Philip Stemanns Figurentheater-Adaption in der Arbeitnehmerkammer Bremen. Die Autorin und ihr tragisches Schicksal selbst spiegelt sich in der Figur wider, beladen mit "existenzieller Trauer", so der Kritiker. Diese Kombination funktioniert ausnehmend gut: "Jeanette Luft gibt der Doris-Puppe die görenfrech sprudelnde Stimme, eine Hand und auch die baumelnden 'Beene'. Im Gesicht der Figur ist die bleiche Traurigkeit von Beginn an vom Glanz puppenhafter Schönheit übertüncht. Luft ergänzt die Starrheit mit schier unzerstörbarem Optimismusstrahlen. Sie liebäugelt, lächelt, auf dass auch die Puppenaugen in müder Kessheit zu funkeln scheinen, und das von Keun beschriebene 'weinende Lachen' den großen, frechen Mund umspielt. So kann Doris in naiver Trotzigkeit gegen enttäuschte Hoffnungen anschnoddern und ironisieren, dass sie gerade nicht anders überleben könne als durch unterwürfige Affären mit reichen Männern."
Archiv: Bühne