Efeu - Die Kulturrundschau
Fest des Negativraums
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.03.2026. Die Preise der Leipziger Buchmesse wurden verliehen: Belletristiksiegerin ist Katerina Poladjan mit ihrem Roman "Goldstrand". Vielleicht weil sich Poladjan den Themen Krieg und Flucht märchenhaft nähert, glaubt die Welt. Aber Mut zur Politik hat sie auch, sekundiert die FAZ. Nach dem jüngsten offenen Brief, der Israels Ausschluss von der Biennale in Venedig fordert, fragt die Welt die Unterzeichner: Regimetreue Kunst aus Katar und Saudi-Arabien ist aber okay? Die FAZ stellt in Amsterdam genervt fest: Die Zukunft der Oper ist nur noch politisch, queer und of colour. Die SZ erlebt dank Omer Meir Wellber in Hamburg einen ganz neuen Mozart.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.03.2026
finden Sie hier
Literatur

In der Zeit applaudieren Maja Beckers und Alexander Cammann: Poladjans "Goldstrand" sei ein "extrem dichter und ganz fantastischer Roman" Was ihn "so großartig macht, ist ohnehin die Art, wie Poladjan erzählt. Szenisch stark, ihre Liebe zum Tschechowschen Theater scheint immer wieder durch, und sie erzählt in einer hochliterarisch verknappten Sprache. Und vor allem ist da dieser Humor, dieses Talent für absurd komische Dialoge, auf der Couch der Therapeutin, zwischen den Generationen und den ernstesten Menschen, die mal dem Sozialismus, mal dem italienischen Faschismus zugeneigt sind." Auch die Preise für Sachbuch und Übersetzung ernten vollste Zustimmung: "Dieses Jahr wurden in Leipzig drei herausragende Bücher ausgezeichnet."
Bei faz.net freut sich Andreas Platthaus über die Auszeichnung Poladjans, die auch den Mut habe, sich politisch zu äußern: "Sie ist es auch, die sich zur Weimer-Affäre äußert, mit der Autorität einer in der Sowjetunion geborenen Frau, die noch erlebt hat, was staatliche Gängelung des Lebens bedeutet, ehe sie im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam. 'Ein staatliches Handeln', sagt Poladjan in ihrer Dankesrede, 'das sich auf nicht bekannte geheimdienstliche Erkenntnisse beruft, muss bei mir eine Erinnerung hervorrufen.' Es ist nicht nur Poladjans Roman 'Goldstrand', der heute ganz besonders glänzt, es ist auch dessen Autorin."
Weitere Artikel: Christiane Lutz unterhält sich für die SZ mit der Hispanistin Carmen Urbita und der Historikerin Ana Garriga über deren Buch "Convent Wisdom - Wie Nonnen aus dem 16. Jahrhundert dein Leben verändern können". Nina Schieben stellt in der SZ das Programm "Weiter Schreiben" vor, das migrierten Schriftstellern hilft, in Deutschland Fuß zu fassen. Und Christine Dössel porträtiert in der SZ Lukas Rietzschel, der mit seinem Roman "Sanditz" einen großen Erfolg landete.
Besprochen werden u.a. Jörg Baberowskis "Am Volk vorbei" (NZZ), Paul Ingendaays "Entscheidung in Spanien" von (FR), ein Krimi von Sophie Sumburane (FR), Mirko Bonnés Gedichtband "Wege durch die Spiegel" (FAZ), Gianna Langes Roman "Und dann springen wir" (FAZ) sowie Oliwia Hälterleins Roman "Wir Töchter" (FAZ).
Kunst
Im Frühjahr 1948 veranstaltete Willem de Kooning seine erste Einzelausstellung in der New Yorker Charles Egan Gallery, sie sorgte für seinen Durchbruch. Zwölf jener Werke, die de Koonings Weg zu einem der wichtigsten abstrakten Expressionisten begründeten, zeigt nun das Princeton University Art Museum unter dem Titel "The Breakthrough Years", freut sich Veronica Esposito im Guardian: So sind Schlüsselwerke wie "Black Friday" und "Dark Pond" zu sehen: "Die Farbpalette der Schau ist auffallend reduziert; Schwarz- und Beigetöne dominieren, durchsetzt mit vereinzelten Farbtupfern, wie dem leuchtenden Gelb in 'Secretary' und dem betörenden Ocker in 'Gansevoort Street'. Die geschwungenen Linien des Künstlers tanzen in kontrollierter Ekstase über die Leinwände, und sein präziser Einsatz von Schattierungen macht viele dieser Werke zu wahren Festen des Negativraums."
Das Kollektiv Art Not Genocide Alliance (ANGA) fordert in einem offenen Brief an Präsident Pietrangelo Buttafuoco Israel von der Biennale in Venedig auszuschließen, unterzeichnet wurde der Brief von 183 Künstlern, Kuratoren und Mitarbeitern. "Zionistische Kräfte töten, inhaftieren und verfolgen palästinensische Künstler und Kulturschaffende, zerstören Museen, Archive, Kulturzentren, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Galerien sowie historische Gebäude und Denkmäler vollständig und schlachten Künstler, Musiker, Dichter und Schriftsteller ab", zitiert Gesine Borcherdt in der Welt fassungslos: "Es ist verblüffend, dass Vertreter der internationalen Kunstszene ihre Namen unter Formulierungen setzen, die bewusst an die Sprache historischer Verfolgungsnarrative erinnern, speziell das der Juden durch die Nazis - und dieses zugleich verschieben." Mehr noch: "Zugleich unterzeichneten den Brief auch Künstler aus Katar und Saudi-Arabien - Staaten, deren Regime Kritiker einschüchtern, inhaftieren und hinrichten. Deren Pavillons sind also ok, und die darin ausgestellte regimetreue Kunst auch?"
In der FAZ verteidigt Hubert Spiegel die Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie Donatella Fioretti, die sich gegen Vorwürfe verteidigen muss, eine studentische Veranstaltung mit der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif, die im Netz mit antisemitischen Sprüchen aufgefallen war, zugelassen und dabei die Öffentlichkeit ausgeschlossen zu haben (unsere Resümees). Das mag Spiegel unsympathisch sein, aber die Wissenschaftsfreiheit erlaube auch das: "'Dismantle it', hat Sharif in einem ihrer Anstoß erregenden Beiträge geschrieben. Gemeint ist: Zerlegt, zerstört Israel. Der antisemitische Gehalt ihrer Äußerungen ist also unzweifelhaft. Kein Zweifel besteht auch daran, dass Donatella Fioretti Fehler unterlaufen sind. Aber ist beides zusammen Grund genug, die Freiheit der Wissenschaft infrage zu stellen?" Grund für eine Entlassung ist das jedenfalls nicht, findet Spiegel. Weitere Hintergründe liefert Daniel Kothenschulte bei Monopol.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "You see what I might think and the pipes hear what the others see" mit Werken von Ferdinand Dölberg in der Galerie Anton Janizewski in Berlin (taz), die Ausstellungen "Daido Moriyama. Retrospektive" und "Michelle Piergoelam. Across the Water" im Foto Arsenal in Wien (FAZ) und die große Leonora-Carrington-Schau im Pariser Musée du Luxembourg (monopol, mehr hier).
Das Kollektiv Art Not Genocide Alliance (ANGA) fordert in einem offenen Brief an Präsident Pietrangelo Buttafuoco Israel von der Biennale in Venedig auszuschließen, unterzeichnet wurde der Brief von 183 Künstlern, Kuratoren und Mitarbeitern. "Zionistische Kräfte töten, inhaftieren und verfolgen palästinensische Künstler und Kulturschaffende, zerstören Museen, Archive, Kulturzentren, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Galerien sowie historische Gebäude und Denkmäler vollständig und schlachten Künstler, Musiker, Dichter und Schriftsteller ab", zitiert Gesine Borcherdt in der Welt fassungslos: "Es ist verblüffend, dass Vertreter der internationalen Kunstszene ihre Namen unter Formulierungen setzen, die bewusst an die Sprache historischer Verfolgungsnarrative erinnern, speziell das der Juden durch die Nazis - und dieses zugleich verschieben." Mehr noch: "Zugleich unterzeichneten den Brief auch Künstler aus Katar und Saudi-Arabien - Staaten, deren Regime Kritiker einschüchtern, inhaftieren und hinrichten. Deren Pavillons sind also ok, und die darin ausgestellte regimetreue Kunst auch?"
In der FAZ verteidigt Hubert Spiegel die Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie Donatella Fioretti, die sich gegen Vorwürfe verteidigen muss, eine studentische Veranstaltung mit der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif, die im Netz mit antisemitischen Sprüchen aufgefallen war, zugelassen und dabei die Öffentlichkeit ausgeschlossen zu haben (unsere Resümees). Das mag Spiegel unsympathisch sein, aber die Wissenschaftsfreiheit erlaube auch das: "'Dismantle it', hat Sharif in einem ihrer Anstoß erregenden Beiträge geschrieben. Gemeint ist: Zerlegt, zerstört Israel. Der antisemitische Gehalt ihrer Äußerungen ist also unzweifelhaft. Kein Zweifel besteht auch daran, dass Donatella Fioretti Fehler unterlaufen sind. Aber ist beides zusammen Grund genug, die Freiheit der Wissenschaft infrage zu stellen?" Grund für eine Entlassung ist das jedenfalls nicht, findet Spiegel. Weitere Hintergründe liefert Daniel Kothenschulte bei Monopol.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "You see what I might think and the pipes hear what the others see" mit Werken von Ferdinand Dölberg in der Galerie Anton Janizewski in Berlin (taz), die Ausstellungen "Daido Moriyama. Retrospektive" und "Michelle Piergoelam. Across the Water" im Foto Arsenal in Wien (FAZ) und die große Leonora-Carrington-Schau im Pariser Musée du Luxembourg (monopol, mehr hier).
Musik
Der queere US-Gitarrist Kid Congo Powers spricht im Interview mit der taz über seine Musik im Besonderen und Latino-Musiker im Allgemeinen: "Bad Bunny ist spitze. Ich finde es toll, dass er dafür ausgewählt wurde, und mir gefällt besonders, dass er die MAGA-Typen und deren konservatives Weltbild angepisst hat. Außerdem ist Bad Bunny ein Geschenk für alle Latinos: Erst in dem Moment, in dem du so herausgestellt wirst, wird dir klar, wie unterrepräsentiert du eigentlich bist. Das war schon eine große Sache, auf die auch ich stolz war. Es ist verrückt, wie Bad Bunny Menschen gegen sich aufbringt. Er ist US-Amerikaner mit Wurzeln in Puerto Rico. Das ist der identitätspolitische Bullshit, mit dem ich mich schon mein ganzes Leben herumplagen muss."
Besprochen werden Mitskis Album "Nothing's About to Happen to Me" (taz), ein Konzert des Ensemble Modern mit Zenders "Winterreise" in der Alten Oper Frankfurt (FR) und ein Konzert des Quartetts Kapa Tult im Frankfurter Mousonturm (FR).
Besprochen werden Mitskis Album "Nothing's About to Happen to Me" (taz), ein Konzert des Ensemble Modern mit Zenders "Winterreise" in der Alten Oper Frankfurt (FR) und ein Konzert des Quartetts Kapa Tult im Frankfurter Mousonturm (FR).
Film
Besprochen werden Phil Lords und Chris Millers Film "Hail Mary" mit Sandra Hüller und Ryan Gosling (NZZ) und Paolo Sorrentinos "La Grazia" (FAZ).
Bühne

Eine Neu-Entdeckung von Mozart hatte der Hamburger Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber mit Christopher Rüpings in einem Raumschiff spielender Inszenierung "Die große Stille" an der Hamburger Oper im FAS-Gespräch versprochen (unser Resümee). Und Wellber nahm den Mund nicht zu voll, findet Egbert Tholl in der SZ. Allein Mozarts frühe Oper "Apollo et Hyacinthus" dürfte kaum jemandem bekannt sein, überhaupt überzeugte die Inszenierung, so Tholl. Apollo et Hyacinthus ist "ziemlich geradlinig inszeniert - da erweist sich die Oper als härter als jede Inszenierungsidee -, aber doch von Rüping und Wellber leicht aufgeraut. Hier ist eine Harmonie verschoben, dort sind die Rezitative zu einer echten Schauspielszene zusammengefügt, aber vor allem ist es das vielleicht von vielen ersehnte Sängerfest. Gerade dank Durlovski (nun Apollo, der hier Aliena heißt, ein im All aufgelesenes Wesen), Marie Maidowski und Kayleigh Decker, Protagonistinnen in dieser mythischen Mord- und Eifersuchtsgeschichte."
Wieso hat niemand dieses "sonderbare Mozart-Musiktheaterprojekt" verhindert, fragt sich indes ein aufgebrachter Manuel Brug in der Welt: "'Mozarts Musik zu erleben wie zum allerersten Mal', das ist schon ein gewaltig nassforscher Anspruch, der mit dieser dürftigen, nur lose verknüpften, überhaupt kein schlüssiges Narrativ ergebenden Geschichte samt banalem, ja dilettantischem Klangergebnis in keiner Weise eingelöst wird."

Auch Jan Brachmanns (FAZ) Laune verfinstert sich mächtig, nachdem er beim Opera Forward Festival an der Oper Amsterdam erleben musste, wie man sich hier die Zukunft der Oper vorstellt: Symbolische Repräsentation von Benachteiligten steht an erster Stelle - "wie im Feudalismus wird die Oper damit wieder ausschließlich zum Träger politischer Repräsentation, nur dass der Adel jetzt queer und of colour ist". Etwa in der Oper "Requiem for Mariza" der türkisch-niederländischen Komponistin Meriç Artaç, die Mariza von zwei Frauen spielen lässt, von denen eine ihre nackten Brüste zeigt. Marizas Mann wird indes vom stets bekleideten Countertenor Maayan Licht dargestellt: "Der Mann wird also repräsentiert durch einen Stimmtyp, dem die Geschlechtsmerkmale entfernt worden sind, denn der Stimmbruch zeigt biologisch die Zeugungsfähigkeit an. Wir sehen eine Oper mit vokal ausradierter Männlichkeit, die paradoxerweise heteronormative Konventionen bestätigt: entblößte Weiblichkeit gegen verhüllte Männlichkeit - und wieder ist die Oper erst aus, wenn die Frau auf der Bühne tot ist."
Besprochen werden außerdem Moritz Rinkes Stück "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Theater in der Josefstadt Wien und am Renaissancetheater Berlin (Welt) und Christian Stückls Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Münchner Volkstheater (nachtkritik).
Kommentieren



