Efeu - Die Kulturrundschau
Schneidezähne aus Lapislazuli
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Bühne

Den Anfang aber macht die britische Regisseurin Katie Mitchell mit ihrer Adaption von "Bluets", Maggie Nelsons Prosaminiaturen über Liebeskummer und andere Tragödien, vor allem aber über die Farbe Blau. Vor einer Videoarbeit des Filmemachers Grant Gee, der die Kamera durch Berlin gleiten lässt, spielen drei Akteurinnen die Szenen nach - und nachtkritikerin Esther Slevogt erlebt in diesem "süffigen Stadtporträt" in erster Linie eine "Etüde des Sehens", etwa wenn "in einem Video riesengroß einmal eine Biene in das Zentrum einer knallroten Mohnblume fliegt, während eine Stimme erklärt, dass die Biene selbst hier gerade einen klaffenden bläulich-lila Mund wahrnimmt. (...) Es wird von Goethes Farbenlehre berichtet, von der Kathedrale von Chartres und ihrem somnambulen Blau. Von Billie Holiday und dem Blues. Von Menschen, die sich die Schneidezähne durch Lapislazuli ersetzen ließen." "Theatralisch unauffällig", aber von "sinnlicher Prägnanz", nennt Simon Strauss in der FAZ den Abend, während Ulrich Seidler (BlZ) mit wenig Hoffnung nach Hause geht: "Suff, Sex, Trauer, Schmerz, Leere und Einsamkeit werden von diesem seltsamen Blau verschleiert. Man findet also nirgends Halt in dieser kalten Theaterapparatur der Selbstvergessenheit."
Weitere Artikel: In der SZ bemerkt Egbert Tholl anhand von Elisabeth Stöpplers Stockhausen-Inszenierung "Michaels Reise" an der Hamburger Staatsoper, wie gut Kinderopern funktionieren können.
Film

Weiteres: Ingrid Weidner empfiehlt auf Artechock die 37. Türkischen Filmtage in München. Elke Eckert wirft für Artechock ein Blick ins Programm der Münchner Filmreihe "Mediterraneo" In Brooklyn hat die Filme- und Serienmacherin Lena Dunham aus ihren Memoiren vorgelesen, berichtet Ann-Kathrin Nezik in der SZ. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock zum Tod von Mario Adorf (weitere Nachrufe bereits hier).
Besprochen werden Franz Müllers "Das Glück der Tüchtigen" (critic.de, Artechock, unsere Kritik hier), Lee Cronins Horrorfilm "The Mummy" (Perlentaucher), Quentin Tarantinos Viereinhalb-Stunden-Cut seines einstigen Zweiteilers "Kill Bill" (Artechock, Standard, FD), Anna Rollers Verfilmung von Leif Randts Roman "Allegro Pastell" (Artechock, SZ, mehr zum Film bereits hier), Rebecca Zlotowskis "Paris Murder Mystery" (critic.de, SZ), Ben Wheatleys Actionkomödie "Normal" (Artechock, FAZ), Adrian Goigingers "Vier minus drei" (Artechock) und Michael Baumanns "Missing*Link" (Artechock).
Literatur
Kunst


Weitere Artikel: Für die SZ ruft Christine Dössel bei Marina Abramovic an, für deren Ausstellungseröffnung "Balkan Erotic Epic" im Berliner Gropiusbau Menschen einen halben Kilometer lang Schlange standen, um zu fragen, wie es selbst bei ihr mit der Erotik läuft: "'Die Menopause war eine große Befreiung für mich.'" Im Tsp-Interview spricht Marc Brandenburg, dessen aktuelle Ausstellung "20th Century Debris" gerade in der Berlinischen Galerie zu sehen ist, über die queere Subkultur der Achtziger, Armut und den Horror des Spätkapitalimus. Der deutsche Romantiker Friedrich Nerly wurde vor allem durch seine Veduten von Venedig bekannt, Meisterschaft erlangte er allerdings in Rom, bemerkt Andreas Kilb (FAZ) in der Nerlys römischen Jahren gewidmeten Ausstellung "Natur und Antike" in der Kunsthalle Bremen.
Besprochen werden außerdem die von Beastie Boy Mike D. kuratierte Ausstellung "Mishpocha. The Art of Collaboration" im Jüdischen Museum in Frankfurt (FR) und eine Ausstellung über die lettische Künstlerin und Theatermacherin Asja Lãcis im Kunstraum Kreuzberg (taz).
Design

Die Kunsthochschule Weißensee prägt das Gesicht Berlins, schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: Von hier kommen zahlreiche Plakate von Kulturinstitutionen der Stadt, aber auch ganze BVG-Waggons werden dort gestaltet. Mit "Gestalten für Berlin. Design aus der Kunsthochschule Weißensee" ist dem nun auch eine Ausstellung im Museum der Dinge/Werkbundarchiv gewidmet. Hier treffen die Geschichte der Kunsthochschule und Entwürfe junger Jahrgänge aufeinander, die sich Gedanken um das zukünftige Leben in dieser Stadt machen: "Auf das Kapitel 'Die Stadt von morgen', die mit der orange leuchtenden Solarpaneele 'Powerplant' (Entwurf: Nick Geipel und Charlotte von Ravenstein) eine kostenlose Stromquelle für Passanten zeigt, die an Straßenlaternen montiert werden und spontanes Handyaufladen ermöglichen soll, folgt das Kapitel 'Wassergeschichten'. Da hängt die Fotografie eines realisierten historischen Entwurfs der Weißenseer Dozentin Gertraude Pohl für eine Brunnenanlage in Marzahn, in der 1987 Kinder planschen, neben dem Rendering des Leopoldplatzes von heute. In dieser Idee versprechen mit Pflanzen bestückte und von Wasser durchrieselte Ton-Elemente Abkühlung. Allerdings nur, wenn aus der studentischen Vision Realität wird."
Musik
Weiteres: Stephanie Grimm berichtet in der taz von der Tallinn Music Week. In den USA hat ein Gericht festgestellt, dass die fusionierten Ticketservices Live Nation und Ticketmaster ein illegales Monopol errichtet haben, berichtet Niels Bossert in der NZZ. Die Agenturen melden, dass der Pianist Oleg Maisenberg im Alter von 80 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden Paul Simons Konzert in Berlin (FR), ein Konzert der Geigerin Maria Dueñas und des Pianisten Alexander Malofeev in Wien (Standard), ein Auftritt des Berliner Rap-Dups 6euroneunzig in Frankfurt (FR), Lisa Wulffs Album "Hand aufs Herz" (FR) sowie Walter Gröbchens und Thomas Mießgangs Buch "Die guten Kräfte" über die Geschichte des Austro-Pop (Presse).
Und eine Sensation: Die Meister des elektronischen Flou und der akustischen Craquelets Boards of Canada geben ihr erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren!



