Efeu - Die Kulturrundschau

Moment mal, so redet doch kein General!

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24.06.2026. Die Geschichte der Bayreuth-Inszenierungen unter den Nazis ist keineswegs aufgearbeitet, meint der Wagner-Forscher Arno Mungen, der in der Zeit erinnert, wie gern die Nazis von Auschwitz direkt in die Oper fuhren. Monopol blickt in einer Berliner Ausstellung in die Abgründe unseres digitalen Medienkonsums. Leo Fenders berühmte Stratocoaster ist jetzt Kunst und damit urheberrechtlich geschützt, ärgert sich die Welt. Außerdem liest sie kritisch Ingeborg Bachmanns Gedicht "Es kommen härtere Tage". Perlentaucher und Tagesspiegel sehen mit Curry Barkers "Obsession" ein wunderbares Stück Horrorkino.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2026 finden Sie hier

Bühne

Für den Wagner-Forscher Anno Mungen ist es kein Zufall, dass sich die Bayreuther Festspiele mit ihrer Geschichte so schwertun, wie  Christine Lemke-Matwey im Interview für die Zeit erfährt. Der Antisemitismus Wagners selbst mag halbwegs aufgearbeitet sein, die Geschichte der Inszenierungen im Nationalsozialismus sei es nicht: "Noch im Frühjahr 1944 wird in Kattowitz ein kompletter Ring des Nibelungen ins Programm genommen. Der soll dort siebenmal aufgeführt werden (...) Dazu kommt es nicht, weil zum 1. September alle Theater geschlossen werden, zweimal aber wird der Ring gespielt. Dabei geht es weniger nur um Unterhaltung oder darum, den in Auschwitz Tätigen etwas Erbauliches oder 'Schönes' zu bieten; zwischen Auschwitz und Kattowitz gibt es eine direkte Bahnlinie, man fuhr aus dem Vernichtungslager gerne in die Oper." Es geht um "eine leibliche Erfahrung, die mir versichert, ja, es ist sinnvoll, das Töten, die Vernichtung der Juden weiter voranzutreiben. Die Ring-Premieren übrigens fanden jeweils an einem Dienstag statt. Nicht weil der Dienstag so ein bevorzugter Theatertag wäre, sondern weil er offenbar günstig für die Lagerlogistik war."

In Chemnitz gastiert gerade das Festival "Theater der Welt" (unser Resümee), aber um die heimische Kulturszene steht es wegen immenser Sparzwänge nicht allzu gut, hat Merle Zils für die SZ herausgefunden: "Seit 2022 spielt das Sprech- und Figurentheater im Interim im Spinnbau, in der alten Spinnereimaschinenfabrik. Wegen dringender Sanierungsarbeiten musste das Ensemble nach mehr als 40 Jahren aus dem DDR-Bau ausziehen, doch nach einer Kostenexplosion von 17 auf 34 Millionen Euro legte die Stadt die Pläne für die Sanierung erst einmal auf Eis. Der Stadtrat prüfte seitdem verschiedene Ideen: den DDR-Bau umbauen? Zu kompliziert. Das Sprechtheater mit auf die Bühne der Oper verlegen? Unmöglich. ... Nun soll ein Gelände in der Innenstadt für einen Neubau geprüft werden. Ein ermüdendes Hin und Her, Strategie nicht erkennbar. Und so steht Chemnitz auch vor der Frage: Wohin mit dem eigenen Theater?" Für die taz berichtet Katrin Müller von dem Festival.

Weitere Artikel: Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit der Choreografin Aszure Barton. Die Theater sollten alles daran setzen, sich nicht von der AfD vereinnahmen zu lassen, mahnt Nachtkritiker Janis El-Bira, ohne zu konkretisieren, wo eine solche Gefahr besteht.

Besprochen werden Frank Zappas "200 Motels", Regie von Aviel Cahn an der Oper Genf (nmz), Richard Wagners "Tannhäuser" am Opernhaus Zürich, inszeniert von Tobias Kratzer (SZ), "The Bones", geschrieben und inszeniert von Manuela Infante auf dem Festival Theaterformen (Nachtkritik) und die Lange Nacht der Autoren am Deutschen Theater Berlin (FAZ).
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Kunst

#Ingrid, 2022 © Copyright-freies Bild, Zoé Aubry & Delia Citlalin

Vergangenes Jahr war die Gruppenschau "The Lure of the Image" im Fotomuseum Winterthur zu sehen, nun zeigt das C/O Berlin diese Ausstellung, die der Frage nachgeht, wie digitale Bilder unsere Wahrnehmung steuern. Jens Hinrichsen (Monopol) blickt hier natürlich in die "Abgründe des alltäglichen Medienkonsums", zeigt sich dann aber erleichtert, dass Bilder doch immer noch verstören können, wie etwa Zoé Aubrys Fotoinstallation "#Ingrid", eine scheinbar harmlose Bildtapete, die sich "einem bemerkenswerten Online-Widerstand gegen voyeuristische Berichterstattung und gegen das Herunterspielen von Femiziden als systemisches Problem" widmet: "Die junge Mexikanerin Ingrid Escamilla Vargas wurde 2020 von ihrem Ehemann brutal ermordet. Tatfotos ihres verstümmelten Körpers wurden illegal verbreitet. In der Presse wurden die Bilder mit Überschriften wie 'Amor war schuld' versehen. In den sozialen Medien machte sich die Initiative #IngridEscamillaVargas zum Ziel, die grausigen Fotos aus dem Internet zu 'schwemmen' und zukünftige Online-Suchen nach Ingrid nurmehr mit schönen Bildern zu verknüpfen."

Andreas Andersen, Interieur in Florenz mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter, 1894. Museo Hendrik Andersen, Roma

Eine gewisse Selbstverständlichkeit macht der Kunsthistoriker Gabriel Katzenstein (NZZ) in den Darstellungen von Homosexualität in den Jahren 1869 bis 1936 aus, die das Kunstmuseum Basel gerade zeigt: "Als Entdeckung kann das 1894 entstandene 'Interieur in Florenz mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter' gelten. In der Schlafzimmerszene sitzt John bei Tagesanbruch auf der Bettkante und zieht sich die Socken an, während sein Freund Hendrik im Bett liegt und versonnen einem Kätzchen über das Fell streicht. Der Maler Andreas M. Andersen verzichtet dabei auf jede Maskierung und Idealisierung. In dieser intimen Genreszene erscheint das Beisammensein selbstverständlich. Zugleich sind die Personen namentlich bekannt. Der Künstler verschleiert nichts. Mit Édouard Manets 'Olympia' vergleichbar, verzichtet der Künstler auf jeden Deckmantel aus Bibel, Mythologie, Historie, Symbolismus oder Orientalismus."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung der südkoreanischen Künstlerin siren eun young jung "resistant theatre" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (taz)
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Literatur

Welt-Autor Thomas Schmid liest zum hundertsten Geburtstag der Dichterin Ingeborg Bachmanns wohl berühmtestes Gedicht wieder, "Es kommen härtere Tage" von 1953. Ganz überzeugt klingt er nicht: "Das Gedicht hat einen sehr hohen, man könnte auch sagen: neblig schwebenden Ton. Und passt in dieser vagen, konturlosen Katastrophenstimmung recht gut in seine Entstehungszeit. In dieser wurde in Deutschland - in Bachmanns Heimat Österreich erst recht - meist nur sehr ungenau, ausweichend und vernebelnd von dem vergangenen Jahrzehnt gesprochen."

Der Perlentaucher und das "Toledo"-Programm des Deutschen Übersetzerfonds starten eine Zusammenarbeit: Unter anderem publizieren wir zusammen mit "Toledo" eine neue Kolumne - "Mind the Gap": Hier geht's ums Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Den Start macht die Chinesisch-Übersetzerin Karin Betz: "Künstliche Intelligenz ist ein Spiel- und Spaßverderber, weil so ein Algorithmus von vornherein keinen Spaß versteht, rein gar nichts versteht von meiner Lebenswelt oder der Lebenswelt des Personals von Romanen. Ich interessiere mich für sie, sehr sogar, zärtlich, mütterlich, skeptisch begleite ich sie, und nicht selten muss ich zu ihnen sagen: Moment mal, so redet doch kein General, keine Vierjährige, kein Gauner! Ich gestalte ihre Rede sprachlich so, wie Wissen, Lebenserfahrung und der Kontext des Werks sie mir eingeben. Die Sprachen, Kulturen, Menschen, die ich als Übersetzerin aus dem Chinesischen zusammenbringen muss, werden nicht so leicht Freunde."

Wie Poesie die "bequemen Polster linearer Erzählung wegschneiden" (Lena Schneider) und die Dinge, auch die entferntesten, im Wiederholen bannen kann, lernt Perlentaucherin Marie Luise Knott (Tagtigall) auf dem diesjährigen Berliner Poesiefestival, wo drei Künstlerinnen - Anne Carson, Mia You und Valzhyna Mort - zeigten, was die Kunst der Wiederholung vermag: Der Text von Mort, die die Rede zur Poesie hielt, "war reinste Musik, und diverse Melodien tauchten darin immer wieder auf - wie ein Refrain, eine Wiederholung. Tatsächlich versorgte der Rhythmus die Sprache mit dem Atem des Lebens inmitten einer Welt der Zerstörung. 'Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag', beginnt die Rede und dieses 'Im Jahr 2023 fiel der 8. Juni auf einen Donnerstag' war nur eine der sich wiederholenden Leitmotive in Morts Rede. In Umbrien, in einer Kunstgalerie stehend, schieben sich ihr plötzlich beim Betrachten der Madonnen von Perugino, andere Bilder dazwischen, Erinnerungsbilder aus der Kindheit in Minsk, aus den Sommermonaten bei der Großmutter auf dem Land in Padljaddse, Erinnerungen an die Erzählungen der Alten, an all das Leid der Kriege, an die wiederholten Vertreibungen und Zwangs-Umsiedlungen, das Ausradieren ganzer Dörfer."

Besprochen werden unter anderem Mercedes Spannagels Roman "Crashtest Dummies" (FAZ), Hermann Burgers erstmals aus dem Nachlass publiziertes Theaterstück "Die Scheintoten" (FAZ), verschiedene neue Bachmann-Biografien (Tsp) und Ronald Rengs "Der deutsche Sommer" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Bachmann, Ingeborg

Musik

Helmut Mauro (SZ) möchte sich das diesjährige Bachfest in Leipzig nicht durch den Skandal um Dirigent John Eliot Gardiner verderben lassen: Der hatte versucht, einer Mitarbeiterin des Bachfestes eine Papierrolle in den Ausschnitt zu stecken (oder unter ihre Kette, die Aussagen differieren), diese hat inzwischen Strafanzeige wegen sexuellen Übergriffs gestellt. Ein Erfolg war das Festival dennoch: "Mehr als 200 Veranstaltungen waren es in diesem Jahr, darunter auch ein neuer Aspekt Bach'scher Ausstrahlung, nämlich die Erweiterung des Horizontes nach Wien. Martin Haselböck war mit seinem Originalklangensemble 'Wiener Akademie' und sieben Solisten angereist, darunter der wunderbare Countertenor Alois Mühlbacher, um unter anderem eine Bachkantate zu präsentieren, in der die Flüsse Weichsel, Pleiße, Elbe und Donau sprechen. Hintergrund: Die sächsische Kurfürstin stammte aus Wien." In der NZZ schreibt Christian Wildhagen zum Fall um Gardiner.

1954 hatte Leo Fender die Stratocoaster entwickelt, mehr als siebzig Jahre profitierte das Unternehmen davon, dass jeder sie nachbauen oder variieren konnte - nun hat Fender die Form urheberrechtlich schützen lassen, weil das Landgericht Düsseldorf sie kurzerhand zur Kunst erklärt hat, berichtet Jan Küveler in der Welt: "Die Düsseldorfer Kammer fühlte sich vom Korpus offenbar lyrisch inspiriert: Die kantenlose Grundform, heißt es in der Begründung, wecke Assoziationen an einen weiblichen Rumpf aus Hüfte, Taille und Armen, die asymmetrische Linienführung erzeuge den Eindruck einer dynamischen Neigung, 'vergleichbar einer zur Seite geneigten Tänzerin'; das linke, weiter ausgreifende Horn erinnere an einen Arm und verstärke die Streckbewegung." Sind die prägenden Linien bei Nachbauten der E-Gitarre wiedererkennbar, versendet Fender Unterlassungsschreiben, es drohen bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld. 

Weitere Artikel: Bei über 80 Prozent der Berufsmusiker in klassischen Orchestern werden heute Hörschäden nachgewiesen, weiß Jens Ulrich Eckhard, der in der Welt bessere Musikermedizin fordert. Harry Nutt hört in der FR Woody Guthries "Dust Bowl Ballads", aber auch Songs von Bob Dylan, Joan Baez oder Janis Joplin, und träumt von einem anderen Amerika. Joachim Hentschel (SZ), Jan Wiele (FAZ) und Ueli Bernays (NZZ) gedenken des im Alter von 94 Jahren verstorbenen amerikanischen Musikproduzenten Clive Davis. Ebenfalls in der FAZ schreibt heute der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad zu den Hintergründen der neu entdeckten Sonaten Mozarts (unser Resümee).
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Film

"Obsession" von Curry Barker.


Perlentaucher Karsten Munt sieht in dem überraschenden Erfolg "Obsession - Du sollst mich lieben" von Curry Barker trotz erzählerischer Ungenauigkeiten "ein wunderbares Stück Horrorkino". Bear ist in Nikki verknallt und nutzt einen Wunschzauber, um sie gefügig zu machen - sie ist dann aber nicht mehr sie selbst, sondern eine missbrauchte Frau, die sich aus diesen Zwängen nicht mehr befreien kann: "Jeder Blick, den Bear auf Nikki wirft, droht eine neue Facette des Albtraums zu offenbaren. Besonders dort, wo das Paar gemeinsam in der Öffentlichkeit auftritt, weiß Barker das soziale Unbehagen ziemlich einfallsreich mit den Auswüchsen von Nikkis Besessenheit zu kreuzen - aus Cringe mach Schrecken."
 
Auch Andreas Busche ist im Tagesspiegel nicht restlos überzeugt, aber fasziniert: Der Film "erzählt etwas über diese Generation einsamer junger Männer, die noch nicht den Unterschied zwischen echter Liebe und einer romantischen Verwirrung verstanden haben, wie Bear Nikki einmal zu verstehen gibt. Die 'besessene' Nikki ist die fleischgewordene Version eines Chatbots, der die männliche Unsicherheit tröstlich einhegt und pflegt. Der Horror ist in 'Obsession', und in diesem Punkt bleibt Barker bis zur erlösenden Schlusspointe zu ungenau, nicht etwa die vermeintliche 'Psychose' Nikkis (das klassische Framing), sondern dass sich die 'Schöpfung' erneut der Kontrolle ihres Schöpfers entzieht."

Besprochen werden außerdem Kane Parsons' "Backrooms" (NZZ) und Bi Gans "Resurrection" (taz).
Archiv: Film