9punkt - Die Debattenrundschau

Vor allem: bergab

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2019. Die englischen Wähler haben dem Brexit ein zweites Mal zu einer massiven Mehrheit verholfen. Und ähnlich wie Donald Trump hat Wahlsieger Boris Johnson vor allem beim Proletariat Punkte gemacht, analysiert das New York Magazine. Die Welt und Hubertus Knabe sind mit dem jüngsten Gutachten zur Stasi-Verbindung des Berliner-Zeitung-Verlegers Holger Friedrich noch nicht zufrieden. Die SZ fragt mit  Emmanuel Terray, warum fast alle Revolutionen scheitern. Warum versagen die Begriffe des Antirassismus und des Postkolonialismus bei der Analyse so vieler Phänomene, fragen Yascha Mounk in Atlantic und Caroline Fetscher im Tagesspiegel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2019 finden Sie hier

Europa

Die englischen Wähler haben dem Brexit ein zweites Mal zu einer massiven Mehrheit verholfen. Boris Johnson scheint nach den Schätzungen fast so viele Sitze zu bekommen wie einst Maggie Thatcher - der Brexit ist nur noch eine Frage von Wochen. Jeremy Corbyn will nicht mehr kandidieren, ob er als Labour-Parteichef zurücktritt, ist noch unklar. Im NYMag kommentiert Jonah Shepp: "Johnsons Wahlkampfslogan 'Get Brexit Done' scheint bei einer Wählerschaft angekommen zu sein, die es leid war, das Referendum von 2016 endlos wiederzukäuen, während Corbyns Taktik, beim Brexit unklar zu bleiben und auf einen radikale Wirtschaftsumbau zu setzen, floppte. Wie es Umfragen vorausgesagt hatten, verbuchten die Tories große Gewinne in traditionellen Labour-Hochburgen im nordenglischen Industriegebiet - genauso wie Donald Trump 2016 siegte, indem er die 'bue wall' der Rust-Belt-Staaten niederriss, die die Demokraten für sicher hielten."

Für die SZ hat sich Joseph Hanimann einige internationale historische Neuerscheinungen angeschaut, die die Proteste in Frankreich zur Revolution hochschreiben, wie etwa Emmanuel Terrays "Procès de la Revolution", in dem der französische Anthropologe fragt, weshalb fast alle Revolutionen seit 200 Jahren scheitern: "Warum ist die Revolution, 'Tochter der Aufklärung', innerhalb kurzer Zeit durch Gewaltherrschaft immer wieder in Verfinsterung umgeschlagen? Der Autor fragt das vor dem Hintergrund seiner festen Überzeugung, dass auch in den gefestigten, wohlhabenden Demokratien Europas eine Revolution jederzeit wieder möglich sei, gerade heute, wo der Sozialstaat systematisch abgebaut und der Kapitalismus seiner 'Hybris der Maßlosigkeit' überlassen werde. Doch nicht nur der Zorn von unten, sondern auch die Unfähigkeit von oben sei nötig für den Ausbruch einer Revolution, schreibt Terray in Anlehnung an Lenin. Und genau so eine Situation zeichnet sich in seinen Augen heute ab."

Viel Sympathie hat Thomas Steinfeld in der SZ für die italienische Bewegung der Sardinen (Unsere Resümees), die kurz davor stehen zu einer nationalen Bewegung zu werden: "Wir liegen ohnehin alle in derselben Dose, lautet die Botschaft dieser Wort-und-Bilderfindung, warum sollen wir Angst vor Einwanderern haben? Die Auftritte der Sardinen sind eine Form des selbstorganisierten politischen Protests, der sich aus dem Überdruss an Kampf- und Hassparolen speist, mit denen in Italien nun schon seit Jahren Politik gemacht wurde: Es ist ein Protest gegen die sachte, aber sicher untergehende Volksbewegung der Cinque Stelle, deren Leitgestalt Beppe Grillo den zunächst noch etablierten Parteien sein 'vaffanculo' (etwa: 'verpiss dich') entgegenschleuderte, vor allem aber gegen den Rechtspopulisten Matteo Salvini, der aus der öffentlichen Schmähung eine politische Haltung machte und dessen Lega, den jüngsten, heftigen Wahlerfolgen nach zu urteilen, die gegenwärtig stärkste Partei bildet."
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Medien

Der Befund von Marianne Birthler und Ilko-Sascha Kowalczuk über die Stasi-Tätigkeit von Holger Friedrich mag entlastend oder "wohlwollend" ausgefallen sein, schreiben Christian Meier und Uwe Müller in der Welt, begründen aber ihre Zweifel: "Die Opferakte und die Täterakte beschreiben zwei Seiten einer Person, die aber in dem dort jeweils vermittelten Bild unterschiedlich ausfallen - beide Perspektiven gehören in eine umfassende Bewertung der Person Holger Friedrich und seiner Vergangenheit. Er könne nicht ausschließen, hat Holger Friedrich zuletzt der Zeit gesagt, dass er anderen Menschen Schaden zugefügt habe. Um das zu klären, bräuchte es weitere Akten oder Aussagen von Zeitzeugen, die Friedrich kannten. Auf einer zweiten Ebene ist zu berücksichtigen, dass der Unternehmer diesen Aspekt seiner Vergangenheit, wie auch immer dieser Anteil an seiner Biografie zu bewerten ist, nicht von sich aus öffentlich gemacht hat. Von einem Mann, der einen Zeitungsverlag kauft und danach mit dezidiert politischen Kommentaren und Bewertungen der deutschen Vergangenheit, auch mit Erzählungen aus seiner Zeit bei der NVA auffällt, wäre das zu erwarten gewesen."

Ähnlich sieht das auch Hubertus Knabe, der auf seinem Blog bereits Ende November die Akte "Bernstein" analysierte:

Einige Stunden vor der Veröffentlichung des Gutachtens winkte Ilko-Sascha Kowalzuk noch eine Anfrage des Spiegels ab mit dem Hinweis, er sei "im Wort" bei der Berliner Zeitung, kommentiert Stefan Berg auf SpOn: "Wenige Stunden später ist der Historiker voller Zorn. Denn über die Agenturen läuft eine Vorabmeldung der Zeit über die Opferakte von Holger Friedrich. In der Meldung ist von zehn IMs die Rede, mindestens zehn, die auf ihn, Friedrich, angesetzt worden seien. 'Blödsinn', zischt Ilko-Sascha Kowalczuk. Und schimpft über die Berliner Zeitung: Von 'Vertrauensbruch' ist die Rede, von stundenlanger Arbeit und übrigens sei das mit den zehn Spitzeln totaler Quatsch."

Archiv: Medien

Kulturpolitik

Niklas Maak schildert in der FAZ das kaum nachzuzeichnende kulturpolitische Chaos in Berlin um einige sehr symbolische Orte im Zentrum der Stadt, etwa die  Gegend  um den einstigen Checkpoint Charlie: "Was sonst in Berlin an Symbolbauten geplant wird, ist ein Trauerspiel: Eine Bauakademie, die zurzeit vor allem ein Sinnbild für die Übergriffigkeit politischer Postenzuschusterer ist - und direkt nebenan das geplante Wiedervereinigungsdenkmal, eine begehbare, wippende Riesenschale, die vorführen soll, dass, wenn alle zusammen in eine Richtung marschieren, sich 'etwas bewegt', so wie die Menschen 1989 'etwas bewegt' haben. Doch wenn auf einer Wippe alle in eine Richtung laufen, dann geht es mit den Marschierenden vor allem: bergab."
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Stichwörter: Berlin, Checkpoint Charlie

Kulturmarkt

Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert spricht Verleger Klaus Schöffling über den Erfolg von Katzenkalendern, soziale Medien und den Anspruch, vergessene und verfolgte AutorInnen zu verlegen: "Oft waren die Autoren tatsächlich entweder tot oder in der Emigration, weit weg in den USA, selbst in China. Und nach dem Ende des Faschismus waren die Emigrierten die Unbequemen. Sie kamen zurück und haben Forderungen gestellt. Oder sie wussten Sachen zu erzählen, die in der jungen Bundesrepublik nicht so gerne gehört wurden. Viele der Emigranten haben keinen Anschluss mehr gefunden an die neue Gesellschaft. Es gab außerdem eine nachgewachsene junge Literatur in Deutschland, die sich etwa in der Gruppe 47 organisierte. Die wollten mit der Literatur der Emigration nichts zu tun haben und wussten auch oft gar nicht, um welche Personen es da ging."
Archiv: Kulturmarkt

Politik

Vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag sprach Aung San Suu Kyi im Bezug auf den Genozid an den Rohingya von "Einzelfällen". Beim Versuch, die Wandlung der Friedensnobelpreisträgerin zu erklären, müssen selbst die Postcolonial Studies scheitern, schreibt Caroline Fetscher im Tagesspiegel: "Seit einiger Zeit betreiben die 'Postcolonial Studies' vorrangig Erkundungen derjenigen, die von den Folgen des westlichen Kolonialismus' geknechtet waren. Allerdings tut sich der neue Forschungszweig schwer mit Erklärungen angesichts der brutalen Ethnisierung von Konflikten in ehemaligen Kolonien. Teils wurde versucht darzulegen, Staaten wie Myanmar hätten nun mal ein 'anderes' Verhältnis zu Territorialität und Zugehörigkeit. Dass mörderische Rechtsbrüche schlicht der 'Andersheit' zugeschlagen werden können, wird gleichwohl auf Dauer nicht einleuchten. In der Zeitschrift Postcoloniael Politics stellen Mursed Alam und Anindya Parakayastha bitter fest, dass Aung San Suu Kyi im Konflikt mit den Rohingya 'wie eine neo-koloniale Matriarchin' wirkt. Sie plädieren für ein Konzept postnationaler Staaten, um dem Dilemma zu entrinnen, eine neue 'ethisch-politische Agenda der Gerechtigkeit'".

Amokläufe, Kindesentführung, Massaker oder Kinderpornografie - in der amerikanischen Gesellschaft grassiert die Angst und der Verkauf von Waffen oder Überwachungskameras floriert, schreibt Jürgen Schmieder im Aufmacher des SZ-Feuilletons. Dabei werden immer häufiger Zahlen instrumentalisiert: "In der Tat sind mehr als 400 000 Kinder als vermisst gemeldet worden, allerdings ist die Zahl derer, die von einem Fremden länger als eine Nacht entführt worden sind, deutlich geringer: weniger als 250. Die Harvard-Forscher haben ihre eigene Studie ergänzt, weil sie den Begriff 'belästigt' sehr weit gefasst hatten. Er galt auch, wenn ein Kind zum anderen in einem Chat 'Du bist aber blöd' schreibt. Die Zahl - 'eines von sieben Kindern' - hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Der Fall, den sich die meisten Leute darunter vorstellten - alter Mann belästigt Minderjährige -, liege eher bei eins zu 1000, so die Forscher. Natürlich ist jeder Fall einer zu viel, aber Zahlen lassen sich auch benutzen."
Archiv: Politik

Internet

Sebastian Meineck berichtet auf Vice über ein Experiment, das er auf dem immer populäreren sozialen Netzwerk TikTok angestellt hat. Unter jungen Nutzern wird TikTok, das von einer chinesischen Firma betrieben wird, immer populärer. (Allein in Deutschland nutzen 5,5 Millionen Menschen die Plattform, meldet heute das Wiwo-Blog). Meineck hat einige China-kritische Videos bei TikTok eingestellt, die total floppten. Nun könnte das natürlich an allgemeinem Desinteresse liegen: "Es lässt sich nicht überprüfen, ob TikTok-Moderatoren unsere Videos gezielt herabgestuft haben - oder ob schlicht wenige Menschen sie interessant fanden. Eine seltsame Beobachtung haben wir aber gemacht: Unsere Videos sind in mindestens neun Fällen aus den Hashtag-Suchergebnissen der App verschwunden. Nutzerinnen und Nutzer können ihre TikTok-Videos ähnlich wie auf Twitter und Instagram mit Hashtags versehen, damit sie für andere auffindbar sind. Von diesen Hashtags handelte auch unser erster Upload auf TikTok. Wir hatten uns gewundert, warum wir am 26. November nur zwei Videos unter dem Hashtag #freexinjiang finden konnten und nur ein einziges unter dem Hashtag #chinacables." Auf Nachfrage hat TikTok auf einen "Bug" verwiesen. Hyperallergic berichtete vorgestern von ähnlichen Ausreden.
Archiv: Internet

Gesellschaft

Der aktuelle amerikanische "Antirassismus" ist kaum in der Lage, Begriffe für den Antisemitismus zu finden, denn Juden sind für ihn "weiß" und stehen quer zum Oben-unten-Schema des Antirassismus, der allein in Gruppen von Herrschenden und Beherrschten denkt, analysiert der Politoge Yascha Mounk nach einem Attantat auf einen koscheren Supermarkt in Jersey City durch eine Grupe von "Black Hebrew Israelites", einer von zahllosen religiösen Bizarrheiten in Amerika. Über das Attentat, bei dem vier Menschen umgebracht wurden, wird in den USA kaum berichtet. Schwarze, die rassistisch gegenüber Juden agieren? "Im Extrem beinhaltet die ausschließlich strukturelle Sichtweise auf Rassismus nicht nur die Meinung, dass diejenigen, die angeblich an der Spitze der sozialen Hierarchie stehen, wie Juden, nicht Opfer des Rassismus werden können. Sie suggeriert auch, dass jene, die angeblich am unteren Ende der sozialen Hierarchie stehen, wie beispielsweise 'People of Color' unmöglich rassistische Täter sein können. Manisha Krishnan von Vice brachte es auf den Punkt: 'Es ist buchstäblich unmöglich, gegenüber einem Weißen rassistisch zu sein.'"
Archiv: Gesellschaft