Efeu - Die Kulturrundschau

Ganz auf Konsens ausgerichtet

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2015. Die Kritiker feiern die radikale Verheutigung von Wolfgang Rihms Azteken-Oper "Die Eroberung von Mexiko" durch Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny in Salzburg. In Italien protestieren Arbeiter gegen die Ausbeutungsmethoden hochbudgetierter Kunstveranstalter, berichtet die taz. In der NZZ am Sonntag beklagt Literaturkritiker Volker Weidermann die fehlende Streitlust in deutschen Feuilletons.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2015 finden Sie hier

Bühne


Wolfgang Rihm, "Die Eroberung von Mexico". Inszenierung Peter Konwitschny 2015 © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Nach Bayreuth kommt Salzburg: Dort hatte Peter Konwitschny mit seiner Inszenierung von Wolfgang Rihms "Die Eroberung von Mexiko" mit Ingo Metzmacher am Pult, der laut Markus Schwering (Berliner Zeitung) großen Anteil am Erfolg des Abends hatte, die Festspiele eröffnet. Der historische Aspekt der Aztekengeschichte interessiert Konwitschny dabei weniger: "Der will keinen exotischen Altaraufsatz hinstellen, der will etwas erzählen und wachrütteln", erklärt ein begeisterter Manuel Brug in der Welt. "Und plötzlich ist das alles sehr konkret. Denn wie sollen eigentlich Kontinente, Nationen, Menschen miteinander umgehen, wenn es noch nicht einmal im Zwischenmenschlichen, hier mit Mann und Frau klappt? Vielleicht hat Rihm deshalb den aztekischen Gottkönig Moctezuma, der von Hernán Cortes womöglich (erwiesen ist es nicht) beseitigt wurde, mit einer Frauenstimme besetzt."

In der taz zeigt sich Regine Müller davon sehr angetan: Konwitschny "reizt die postmoderne Offenheit von Rihms Oper bis an die Grenzen aus, krempelt munter um, ignoriert Wesentliches, schießt giftige Ironie-Pfeile ab und dringt doch durch zu neuer Brisanz. Weil es das Werk nicht nur zulässt, sondern dadurch gewinnt. Konwitschny begegnet Rihms artifiziellem Kons­trukt, das von schwerem Surrealisten-Parfüm dampft, mit radikaler Verheutigung." Womit auch die gewichtige Präsenz von Smartphones und Tablets auf der Bühne gemeint sein dürfte, die für den Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Mann und Frau verantwortlich seien, wie uns Eleonore Büning in der FAZ mitteilt. "Der Schlaf wahrer Kommunikation gebiert Ungeheuer", pflichtet Ulrich Amling vom Tagesspiegel bei.

Weiteres: Udo Badelt (Tagesspiegel) besucht das wiedereröffnete Wagner-Museum in der Villa Wahnfried: "Der obsessive, ja pathologische Antisemitismus Richard Wagners (...) wird zumindest gestreift", berichtet er. Joseph Hanimann resümiert das Theaterfestival in Avignon, wo Lars Eidinger in Thomas Ostermaiers "Richard III" gefeiert wurde und es ansonsten "viel Halbgeglücktes, Unfertiges, Verheißungsvolles, Enttäuschendes" gab. In der taz bringt Christian Werthschulte Hintergründe zur verschobenen Eröffnung des Kölner Opernquartiers.

Besprochen werden Katharina Wagners Bayreuther "Tristan und Isolde"-Inszenierung (FR, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), die Wiederaufführung von Hans Neuenfels" Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung, die, vor fünf Jahren noch ausgebuht, jetzt mit ausgiebigen Standing Ovations bejubelt wurde (FAZ), Jan Martens" in Frankfurt aufgeführte Choreografie "Sweat Baby Sweat" (FR), Stefan Herheimers Inszenierung von Offenbachs "Les Contes d"Hoffmann" in Bregenz (NZZ) und eine Patrice Chéreau gewidmete Ausstellung in der Collection Lambert in Avignon (SZ).
Archiv: Bühne

Design

Sandra Hofmeister besucht für die NZZ die "Design Parade" in der Villa Noailles im südfranzösischen Hyères. Hierher werden junge Künstler zum freien Experimentieren eingeladen, was wunderbare Ergebnisse zu zeitigen scheint: "Samy Rio hat vor kurzem sein Design-Studium an der Ensci - Les Ateliers in Paris abgeschlossen und nun mit seiner Diplomarbeit in Hyère den Hauptpreis gewonnen. Seine Recherche zum Werkstoff Bambus hat es in sich: Zunächst untersuchte Rio, inwiefern die Pflanze geeignet ist, Kunststoff zu ersetzen. Mit CNC-Fräsen entstanden aus den unregelmässigen Bambusrohren millimetergenaue Einzelteile, deren Einsatzmöglichkeiten unendlich schienen. Als Fallbeispiele griff der junge französische Gestalter dann zwei Entwicklungsmöglichkeiten heraus. Er kombinierte das Material mit Kunststoff und Hightech-Elektronik zu Bluetooth-Lautsprechern und Haartrocknern." (Foto: Lautsprecher von Samy Rio)
Archiv: Design