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Efeu - Die Kulturrundschau

Hier rauscht der Wald

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2017. Die NZZ lauscht diesem "speziellen Zumthor-Sound". Im Art Magazin denkt der britische Maler Michael Simpson über die Schönheit einer Reihe von grauen Rechtecken nach. Der Tagesspiegel erlebt Naomi Kawases Film "Radiance" als Hörkino. Die Berliner Zeitung unterhält sich mit Toshio Hosokawa über dessen Lehrer, den Komponisten Isang Yun. Und laut Art wehrt sich Documenta-Leiter Adam Szymczyk gegen den Vorwurf der Misswirtschaft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2017 finden Sie hier

Architektur


Peter Zumthor, Kunsthaus Bregenz. Foto: Foto: Matthias Weissengruber, © Kunsthaus Bregenz

Weil das Kunsthaus in Bregenz dieses Jahr zwanzig wird, ist Antje Stahl für die NZZ einer Einladung des Architekten Peter Zumthor zu einer Geburtstagsparty gefolgt, wo sie dem Meister mit Rührung aber auch einer leichten Genervtheit lauscht: "Dieser spezielle Zumthor-Sound, den er vor dreißig Jahren ausbildete, wirkt heute aktuell. Sowohl im ästhetischen Diskurs als auch in Frauenmagazinen wird der Rückzug der Sinne gefordert, es geht um Körper und Performance, um das Hier und Jetzt und ein geschärftes Bewusstsein. Meistens führen die Befürworter einen Feldzug gegen den angeblich digital verseuchten Alltag und möchten den getriebenen, entwurzelten Menschen im White Cube oder auf einer Yogamatte erden - Spiritualität inklusive."
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Kunst


Michael Simpson: "Leper Squint Triptych", 2016. Foto: Todd White, courtesy the artist and BlainSouthern

Im Art Magazin porträtiert Hans Pietsch den gerade in Berlin ausstellenden britischen Künstler Michael Simpson, der sich in seinen - oft banale Gegenstände zeigenden - Bildern mit der "Infamie der Religionsgeschichte" auseinandersetzt, aber auch den Fußball liebt und Vermeer vor Augen hat, wenn er malt: "Besonders bewundert er Vermeers 'Junge Frau, am Virginal stehend' (um 1670/72), 'das beste Bild, das je gemalt wurde'. Er nennt es den Versuch, 'einen Weg zu finden, eine Reihe von grauen Rechtecken nebeneinanderzusetzen, beinahe, als seien die bildnerischen Elemente des Gemäldes unnötig. Ich sehe hier diese wundervolle Perfektion niederländischer Malerei. Beim Malen habe ich dieses Bild ständig im Kopf.' Auch für ihn muss ein Gemälde 'immer über sein Thema hinausgehen. Die Mechanik des Malens ist also entscheidend. Das Thema ist ein Subtext dessen, worum es bei einem Gemälde wirklich geht, nämlich einer Idee Form zu geben.'"

Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta 14, und sein Team wehren sich gegen die Vorwürfe, ein Millionendefizit hinterlassen zu haben, meldet Art. "Szymczyk hatte die Ausstellung auf 163 Tage verlängert und neben Kassel auch in Athen stattfinden lassen, was die Sache verteuert hat. Seine Pläne habe er 'deutlich kommuniziert', gerade dieses Konzept 'mit den ihm innewohnenden und vorhersehbaren Herausforderungen' habe die Findungskommission überzeugt. Nun aber sehe er, 'dass diese Zustimmung sehr viel mehr an Bedingungen geknüpft und begrenzt war, als man uns glauben ließ.'" Laut Tagesspiegel kritisierte Szymczyk auch die Stadt Kassel als Veranstalter: ""Wir möchten das ausbeuterische Modell, unter dem die rechtlichen Gesellschafter 'die wichtigste Ausstellung der Welt' produzieren möchten, anprangern."

Weitere Artikel: Annekathrin Kohout unterhält sich für ihr Blog So frisch so gut mit der Malerin Aneta Kajzer über Zeitgenossenschaft, Feminismus und politische Botschaften in der Kunst. Auf Hyperallergic unterhält sich Dan Schindel mit dem chinesischen Künstler Xu Bing über dessen ersten Langfilm "Dragonfly Eyes". Alexandra Wach besucht für Art Ausstellungen der Fotobiennale.

Besprochen werden die Chagall-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (NZZ), die Ausstellung "Miro - Welt der Monster im Max Ernst Museum in Brühl (FAZ), die Ausstellung "Art without Death: Russischer Kosmismus" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (SZ) und die Ausstellung Bonnard-Matisse im Städel Museum (Standard).
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Film


Sinnliches Erlebnis: Naomi Kawases "Radiance"

Eine Frau erstellt Audiodeskriptionen von Kinofilmen für Blinde, ein Fotograf verliert langsam sein Augenlicht: In Naomi Kawases neuem Film "Radiance" geht es um die Frage nach der sinnlichen Wahrnehmung. Der Regisseurin ist damit "eine bewegende Selbstermächtigungs- und Liebesgeschichte vor und zugleich eine Hommage an die Macht und die integrative Kraft des Kinos" geglückt, schreibt Anke Westphal im Tagesspiegel. Für Katja Belousova von der Welt entfaltet der Film mit seiner sensiblen Tonspur geradezu ASMR-Qualitäten: "Hier rauscht der Wald, da knistert Feuer, dort kratzt Nakamoris Blindenstock über den Asphalt. Wer sagt, dass Kino immer nur eine visuelle Erfahrung sein muss?"

Weiteres: Im Tagesspiegel empfiehlt Thomas Groh die Filme der Kölner Gruppe, die das Berliner Zeughauskino zeigt. Fritz Göttler erinnert in der SZ an die Geschichte der vor 100 Jahren gegründeten UFA. In der NZZ annonciert Urs Bühler das Programm des 13. Zurich Film Festivals, das am 28. September beginnt.

Besprochen werden Sabus "Mr. Long" (FR), Darren Aronofskys "Mother!" (Welt, ZeitOnline, unsere Kritik hier), die Arte-Miniserie "Kim Kong" (FR, FAZ), Vibeke Idsøes "Löwenmädchen" (FAZ), die neue Amazon-Serie "The Last Tycoon" auf Grundlage einer Vorlage von F. Scott Fitzgerald (FAZ) und eine neue, vom ZDF online gestellte Reihe von Verfilmungen von Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichten (taz, FAZ).
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Literatur

In der Debatte um das Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin hat nun das Berliner Haus für Poesie angekündigt, im Falle einer Entfernung des Gedichts die Kooperation mit der Schule einzustellen: "Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut demokratischer Gemeinwesen, das durch dergleichen Beschränkungen nicht infrage gestellt werden darf. Die Vernichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum, noch dazu aus unseres Erachtens dogmatischen Gründen, ist nicht akzeptabel."

Weiteres: Der Man Booker Prize hat seine Shortlist bekannt gegeben. Monika Gemmer (FR) und Tilman Spreckelsen (online nachgereicht von der FAZ) schreiben über den vor 200 Jahren geborenen Theodor Storm.

Besprochen werden Marion Poschmanns "Die Kieferninseln" (SZ), Thomas Lehrs "Schlafende Sonne" (Tagesspiegel), Martin Schäubles "Endland" (SZ, Zeit), Sven Regeners "Wiener Straße" (Berliner Zeitung), David Whish-Wilsons Korruptions-Thriller "Die Ratten von Perth" (FR) und John Boynes "Der Junge auf dem Berg" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

Am Samstag hat in Hamburg Wagners "Parsifal" Premiere, in der Inszenierung von Achim Freyer, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist. Julia Spinola hat ihn für die SZ getroffen und lässt sich ein Bühnenbildmodell zeigen: Eine große Spirale in einem schwarzen Kasten. "Ich denke", so Freyer, "dass ich eine Weltkonstruktion habe mit dieser Spirale von Marx, der sagte, Entwicklung bestehe darin, immer wieder an den gleichen Punkt zu gelangen, nur eben auf einer anderen Ebene. Ob sie tiefer oder höher liegt, weiß man nicht. Unser Leben ist ein Entwurf, an dem wir alle arbeiten, so wie die Gralsritter auf der Bühne. Sie sind besessen von ihren Ideen und enttäuscht von vielen Ritualen, die nicht stattfinden können. Aber sie legen einen Weg zurück in diese Spirale hinein, in die Gralsburg, also in die innere Zone."
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Musik

Der in Berlin wirkende Komponist Isang Yun wäre am kommenden Sonntag 100 Jahre alt geworden. In der Musik habe der polyglott aufgewachsene Lehrmeister "seine wahre Muttersprache gesucht", erzählt sein Schüler Toshio Hosokawa im Gespräch mit der Berliner Zeitung: Er wollte "asiatische und europäische Musik in ein Gleichgewicht bringen. ... In der asiatischen Musik ist der Einzelton sehr wichtig. In der europäischen aber baut man mehrere Töne zusammen, was man dann 'Harmonie' und 'Kontrapunkt' nennt. Dagegen ergibt der Einzelton in der asiatischen Musik eher so etwas wie eine Linie, eine Kalligraphie: Ein Ton lebt, entwickelt sich und stirbt. Die Harmonie ergibt sich eher zufällig." Auf Youtube gibt es eine Hommage des SFB aus den 90ern:



Weiteres: Ulrich Amling unterhält sich im Tagesspiegel mit Justin Doyle, dem neuen Dirigenten des RIAS Kammerchors. Julian Weber berichtet in der taz von seiner Begegnung mit Ariel Pink, der seine Musik "offensiv epigonal" anlegt (siehe dazu auch die Besprechung des aktuellen Albums "Dedicated to Bobby Jameson" auf Pitchfork). Andreas Hartmann hat unterdessen für den Tagesspiegel Benjamin Clementine getroffen. Judith von Sternburg schreibt in der FR einen Nachruf auf den Dirigenten Siegfried Köhler. Karl Fluch (Freitag) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des ehemaligen Hüsker-Dü-Schlagzeugers Grand Hart. Die Spex hat aus diesem Anlass ein 2013 geführtes Interview mit Hart online gestellt. Zu den bekanntesten Songs von Hüsker zählt dieser hier aus dem Jahr 1986, den Hart geschrieben hat:



Besprochen werden neue Solo-Alben von Rumi Ogawa und Megumi Kasakawa vom Ensemble Modern (FR), ein Konzert des Jazzpianisten Omer Klein mti Trio (taz), das neue Album der Foo Fighters (Welt) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Rostam (ZeitOnline):

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