Efeu - Die Kulturrundschau

Wir machen aggressiven Humanismus

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22.12.2017. "Wir sind nicht links", protestiert Phillip Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit im Interview mit der NZZ. Das Art Magazin porträtiert die Künstlerin Helene von Taussig, deren Karriere von den Nazis beendet wurde. Die FAZ feiert Dušan David Pařízeks Inszenierung von Ewald Palmetshofers modernisiertem Hauptmannstück "Vor Sonnenaufgang" am Wiener Akademietheater. Die SZ betrachtet die Trailer von Filmen als Industrie und Kunstform.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2017 finden Sie hier

Kunst

Im Interview mit der NZZ erklärt Aktivist Philipp Ruch vom Berliner Zentrum für Politische Schönheit sein Konzept eines "aggressiven Humanismus", der mit links oder rechts nichts zu tun habe: "Wir sind nicht links. Das kann man schon am Furor der Linken gegen das Zentrum für Politische Schönheit erkennen. Wir machen aggressiven Humanismus. Und gerade die Kunst will mit Rechten reden. Sie tut es auf ihre - etwas unkalkulierbare - Weise. Das letzte Mal haben wir in Dortmund mit Rechten geredet. Wir sind geschlossen mit Kalaschnikows und Äxten vor das Haus von stadtbekannten Nazis gezogen, haben es umstellt und die Lokalgrößen des militanten Rechtsextremismus aus dem Haus geholt. Nicht wir grenzen die Rechten aus, die tun das immer noch selbst. Plötzlich hatten gewaltbereite Nazis Angst vor Waffenattrappen aus dem Theaterfundus. Das kann also Kunst."

Im Art Magazin porträtiert Celina Sturm die Künstlerin Helene von Taussig, deren Aufstieg zur wichtigsten Vertreterin der österreichischen Moderne die Nazis beendeten. 1927 stellte sie mit zwei Freundinnen zusammen erstmals ihre Bilder aus: "Taussigs Bilder sind voll leuchtender Farben, an machen Stellen pastos in dicken Pinselstrichen aufgetragen, an anderen blitzt die Leinwand hindurch. Ihr Stil erinnert an Emil Nolde oder Alexej von Jawlensky. Die späteren Bilder wirken radikaler und eigenständiger. Sie malt häufig Frauenakte, oft fragmentarisch. Als Konstante erweist sich jedoch die Farbigkeit. Für Helene bedeutet die Malerei 'helle, hellste Freude' und ein 'strahlendes Farbenfest'." Taussig starb 1942 im Lager Izbica in Polen.


Colin Firth im ugly christmas sweater

Erinnert sich noch jemand an den Elch, den Colin Firth in "Bridget Jones" auf seinem Weihnachtspullover trug? Das war ein sogenannter Ugly Christmas Sweater. Annekathrin Kohout hat sich für ihr Blog mit dem Pionier dieser Mode unterhalten, dem Künstler und Tänzer Michael Simon. Vorher stimmt sie den Leser ein: "Bei fast allen Kleidungsstücken geht es um die Wiederholung eines Motivs zur Würdigung desgleichen. Sie lassen sich natürlich auch mit Ironie tragen. Aber während man mit den billig bedruckten Ugly Christmas Sweatern nur seine eigene Fähigkeit zur Ironie beweihräuchert, nimmt man mit der aufwendigen Verarbeitung der Michael-Simon-Sweater Ironie als Konzept sehr ernst."

Besprochen werden die Klee-Ausstellung in der Fondation Beyeler (Tagesspiegel), die Schau "Liebe, Glanz und Untergang" im Frankfurter Ikonen-Museum (FR, FAZ), die Wiener Ausstellung "Bowie in Gugging" mit Fotos von Christine de Grancy, die David Bowie beim Besuch in der Art-Brut-Klinik Gugging zeigen, (Welt, SZ), eine Ausstellung über Galileo Galilei im Palazzo del Monte di Pietà in Padua (SZ), Boris von Brauchitschs Biografie der Gabriele Münter (art), eine David-Hockney-Ausstellung im Moma in New York (art).
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Musik

Die Offenheit für andere Musikgenres hat den Jazz aus sterilem Innovationsstress befreit, freut sich Ljubisa Tosic im Standard. Beispiele so kurz vor Weihnachten?  "Pianist Bugge Wesseltoft (markante CD: 'New Conception of Jazz') und der Trompeter Nils Petter Molvær sind dabei spannende Vertreter einer Generation, die Modesounds mit Substanz würzen. Auch in den USA Markantes: Pianist und Romantikfan Brad Mehldau weist in seinen Improvisationen erfrischend subjektive Züge auf. Pianist Jason Moran - tief in der Tradition verwurzelt - ist immer gut für raffinierte Versuche, experimentell zu wirken. Und eine Bassistin, Sängerin und Komponistin wie Esperanza Spalding versprüht lebendig-vielseitige Musikalität - etwa auf 'Radio Music Society' in Stücken wie 'Radio Song'.

Hier ein wunderbares kleines Lied Wesseltofts mit Sidsel Endresen.



Hip-Hop hat 2017 erstmals Rock als meistgehörten Musikstil abgelöst, berichtet Felix Zwinscher in der Welt. Eigentlich ein Grund zum Feiern für Rapper, und doch werden sie geplagt von Depressionen und Medikamentensucht, so Zwinscher: "Besonders junge Rapper haben in diesem Jahr öffentlichkeitswirksam ihre Depressionen entdeckt. 2017 war das Jahr des Emo-Raps. Kaum volljährige Hip-Hopper reimen über ihren Weltschmerz, ihre Selbstmordgedanken und ihre Versuche, die dunklen Gefühle mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu unterdrücken."

Im Tagesspiegel konstatiert auch Nadine Lange vor allem bei amerikanischen Rappern eine Medikamentenabhängigkeit, etwa von codeinhaltigem Hustensaft: "Was die Europäer und die Nordamerikaner allerdings eint, ist eine introvertierte, fast schon depressiv wirkende Haltung, die auch als Reaktion auf die politischen und ökonomischen Dauerkrisen gesehen werden kann. Eine resignierte Generation, die nicht an Rebellion und schon gar nicht an den befreienden Krach von Gitarren glaubt, sediert sich und zieht sich zurück. Verweigerung durch Phlegma."

Besprochen werden ein Konzert der Pianistin Maria João Pires in der Tonhalle Zürich (NZZ) und und eine CD des südafrikanischen Tanda-Tula-Choir (taz).

Schließlich würdigt Marion Löhndorf in der NZZ das beste Weihnachtslied von allen, "Fairytale of New York", das in diesem Jahr dreißig wird. Und hier sind sie, Shane MacGowan (damals noch ohne neue Zähhne) und Kirsty MacColl:


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Bühne


Szene aus "Vor Sonnenaufgang" am Wiener Akademietheater. Foto: © Reinhard Werner / Burgtheater

"Ein Höhepunkt. Ein Theaterereignis. Ohne Wenn und Aber eindrucksvoll", ruft Simon Strauss in der FAZ. Das Lob gilt Dušan David Pařízeks Inszenierung von Ewald Palmetshofers modernisiertem Hauptmannstück "Vor Sonnenaufgang" am Wiener Akademietheater. Ganz so weit möchte Margarete Affenzeller im Standard nicht gehen, aber auch sie hat sich bei dem Familiendrama gut unterhalten: "Vor Sonnenaufgang ist kein starker Abend, vielmehr ein in seinen Nuancen reizvolles Konversationsdrama. Mit seinem bewährten Theater der kleinen analogen Dinge zeigt Regisseur Dusan David Parízek eine Familienhölle, die erst durch ihre Eindringlinge Konturen bekommt." Und in der nachtkritik schreibt Theresa Luise Gindlstrasser: "Figuren werden nicht ausgestellt, so!, mit Finger auf die ewig anderen, sondern behutsam in ihren Beziehungen zueinander dargestellt. Naturalismus und Abstraktion in einem eleganten Verhältnis."

In der nachtkritik protokollieren Anne Peter und Christian Rakow ihre vergeblichen Versuche, von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und dem ehemaligen Kultursenator Tim Renner zu erfahren, ob die Erhaltung des Ensemble-Theaters an der Volksbühne überhaupt Teil der Abmachung mit Chris Dercon war. Ihr Fazit: "So geht die Berliner SPD um Michael Müller mit ihrer Verantwortung um. Sie duckt sich weg, sie will alte Entscheidungen fliehen, sie reicht den Schwarzen Peter weiter. Wie in der Kindergarten-Versteckspielecke steht sie: Ich halt meine Augen zu, du siehst mich nicht."

Weitere Artikel: Das Räuberrad der Volksbühne soll restauriert werden und vielleicht wieder an seinen alten Platz, meldet Ulrich Seidler in der FR.

Besprochen werden die Uraufführung von Christoph Marthalers Finanzwelt-Farce "Mir nämeds uf öis" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), die Revue "Alles Schwindel" am Berliner Gorki Theater (nachtkritik), die Uraufführung von Thomas Köcks "paradies spielen" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik) und Miloš O. Štědroňs Oper "Don Hrabal" in Prag (FAZ).
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Film

Trailer für Filme, aber auch Fernsehserien werden langsam zu einer eigenen Industrie, schreibt David Steinitz in der SZ: "Seit Trailer nicht mehr auf die Auswertung im Kino beschränkt sind, ist unter den amerikanischen Filmstudios ein richtiger Wettkampf ausgebrochen, wer innerhalb möglichst kurzer Zeit möglichst viele Internetnutzer mit einem Trailer begeistern kann. Der Rekord für die höchsten Klickzahlen innerhalb von 24 Stunden ist eine Leistung, mit der die Studios gerne werben. Aktueller Spitzenreiter ist das Warner-Studio, dessen Trailer für die Stephen-King-Verfilmung 'Es' dieses Jahr innerhalb des ersten Tages laut Variety 197 Millionen Mal abgerufen wurde."

Zweimal hat die Schauspielerin Birte Carolin Sebastian eine Einladung von Harvey Weinstein ausgeschlagen. Andere Einladungen nahm sie nichts böses ahnend an, und fiel dabei rein: Plötzlich stand der Regisseur nackt vor ihr, sie haute ab, natürlich ohne Rolle. Auf Zeit online versucht sie zu erklären, was dabei abläuft: "Ich möchte mal behaupten, dass es 99,9 Prozent der Schauspielerinnen wirklich um ihre Arbeit geht und nicht nur um eine Karriere um jeden Preis. Wenn man sich also als Schauspielerin zu einem persönlichen Arbeitstreffen verabredet, sich plötzlich aber in einer unangemessenen Situation wiederfindet, in der Grenzen nicht respektiert oder überschritten werden, wird man in eine Rolle gedrängt, die man so nie spielen wollte. Die Vorfreude auf das Treffen richtet sich plötzlich gegen einen selbst, weil man dem Gegenüber offensichtlich etwas signalisiert, was einem selbst bis zu dem Augenblick nicht einmal in den Sinn gekommen ist. So interpretiert man es zumindest zunächst."

Besprochen werden Kad Merads Film "La Mélodie - Der Klang von Paris" (Welt), der ARD-Film "Kästner und der kleine Dienstag" (Zeit online), die neue "Jumanji"-Fortsetzung (Standard), Jan Zabeil Patchwork-Drama "Drei Zinnen" (Tagesspiegel), der Netflixfilm "Bright" mit Will Smith (Tagesspiegel), der finnische Film "Kaffee mit Milch und Stress" (SZ).
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Literatur

In der NZZ blickt der Schriftsteller Martin R. Dean in Gustave Flauberts Geburtshaus in Rouen, in dem Flauberts Vater einst als Chirurg arbeitete: "Zum ersten Mal muss ihm da der Glaube an die Ewigkeit des Fleisches abhandengekommen sein. Hier verwandelte sich das Métier des Vaters zum 'Handwerk' des Sohnes. Denn Flauberts berüchtigte amoralische Beschreibungskälte, über die sich bereits die Zeitgenossen empörten, verdankte sich seiner Beobachtung der väterlichen Obduktionen. Die Geburt des Flaubert'schen Realismus erfolgte aus dem Geist der Anatomie und der Autopsie."

Besprochen wird Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar-Eisenachs "Tagebuch der Reise durch Nord-Amerika in den Jahren 1825 und 1826" (NZZ), Mich Vraas Roman "Hoffnung" (NZZ), Jonas Mekas' "Ich hatte keinen Ort" (SZ) Ibram X. Kendis "Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika" (FAZ), Robert Zwargs "Die kritische Theorie in Amerika" (FAZ) und Andreas Steinhöfels "Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch" (FR)
Archiv: Literatur