Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Efeu - Die Kulturrundschau

Genug Worte gesammelt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2018. Im Freitext erzählt die in Petersburg geborene Schriftstellerin Lena Gorelik, wie sie sich das Deutsche eroberte. Im Dlf Kultur wirbt Jörg Buttgereit für die Unterstützung des Videodroms, einer der schönsten, besten und engagiertesten Videotheken hierzulande. Die Plattenfirma BMG will jetzt doch nicht mehr mit ihren Goldeseln Kollegah und Farid Bang weiterarbeiten. Pffft, denkt dazu Jens Balzer in der Zeit. Die NZZ feiert das dunkle Stimm-Metall des Countertenors Max Emanuel Cencic.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2018 finden Sie hier

Musik

Gestern hat sie sie noch verteidigt, heute erklärt die Plattenfirma BMG, sie wolle die weitere Kooperation mit Kollegah und Farid Bang nach den Turbulenzen der letzten Tage bis auf weiteres ruhen lassen. Außerdem spendet sie 100.000 Euro an ein Programm gegen Antisemitismus. Für "modernen Ablasshandel" hält das Jens Balzer auf ZeitOnline und erinnert daran, dass das dort veröffentlichte, jetzt in der Kritik stehende Album noch vergangenen Dezember vom Hause arg als Megaseller in der Öffentlichkeit bejubelt wurde: "Allein mit den 50 Euro teuren Box-Sets habe man in den ersten sieben Tagen 3,5 Millionen Euro umgesetzt. (Zur Erinnerung: Für das neue Bertelsmann-Programm gegen Antisemitismus sind bisher 100.000 Euro geplant, nicht pro Woche, sondern insgesamt)." Für die Zukunft schlägt Balzer "einen kollektiven Entwöhnungsprozess" vor, was Leute wie Kollegah und Co. betrifft.

Dass Kollegah, mit echtem Namen Felix Blume, gerne mal mit wirren Narrativen und Ideologien zündelt, belegt Leon Holly im Tagesspiegel anhand des bereits vor zwei Jahren erschienenen und damals von kritischen Reaktionen kaum begleiteten Videos zu "Apokalpyse", in dem sich Kollegah  Versatzstücke antisemitischer Weltenlauf-Deutungsmuster bedient. Natürlich "gibt es den künstlerischen Spielraum, in dessen Rahmen nicht jede fiktive Darstellung unbedingt bedeutet, dass der Autor selbst komplett mit der Aussage des Werkes übereinstimmt. Das Musikvideo zu 'Apokalypse' stilisiert Blume allerdings zum Helden im Kampf gegen das Böse, von einem Verweis auf einen ironischen Charakter fehlt jede Spur." In der Welt kann Christian Meier den Spagat von BMG auch nicht ganz nachvollziehen und verweist auf die "gerade ausgestrahlte, äußerst differenzierte WDR-Dokumentation 'Die dunkle Seite des Rap' von Viola Funk" zum Thema.

Weitere Artikel: Ueli Bernays annonciert in der NZZ die neue Konzert- und Performancereihe "Sonic Fiction" am Zürcher Schauspielhaus, die mit Konzerten von Jenny Hvals und Ben Frost startet. Hülya Gürler porträtiert in der taz den deutschtürkischen Rapper Sultan Tunc, der als Musiker lange Zeit zwischen der Türkei und Deutschland pendelte und jetzt eine Coverversion von "Kreuzberger Nächte sind lang" veröffentlicht hat. Stephanie Grimm berichtet in der taz von einer Berliner Veranstaltung über Gleichberechtigung im Pop. Zoya Mahfoud hat sich für den Tagesspiegel mit dem syrischen Solocellisten Athil Hamdan getroffen. Frederik Hanssen wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm der kommenden Saison des Deutschen Symphonie-Orchesters.

Besprochen werden Groupers neues Album "Grid of Points" (taz), Cardi Bs neues Album "Invasion of Privacy" (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter Mr. Fingers' "Cerebral Hemispheres" (ZeitOnline). Daraus eine Hörprobe:

Archiv: Musik

Literatur

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline beschreibt die Schriftstellerin Lena Gorelik, 1981 im heutigen St. Petersburg geboren, 1992 nach Deutschland gekommen, ihr Ankommen in diesem Land, in dessen Sprache. Unter anderem schildert sie, wie sie letztere "aufsog, wie ein hungriges Tier schnappte ich nach Worten, hielt sie mit aller Kraft fest, ließ sie auf der Zunge zergehen: Monatelang antwortete ich mit 'meinetwegen' auf jede mir gestellte Frage. Ich wusste nicht, ob das Wort 'ja' oder 'nein' bedeutete, aber ich mochte den Klang. Als ich genug Worte gesammelt hatte, da schrieb ich ein Buch, in dem auch das Flüchtlingswohnheim eine Rolle spielte, und über das Wohnheim schrieb ich: Ein Zuhause, für das ich mich bis auf die Knochen schämte, und ich freute mich an der Sprache, die die meine geworden war."

Weiteres: In der NZZ feiert Roman Bucheli die "musikalischen Kleinode" des Dichters Pietro de Marchi. Und Hans Magnus Enzensberger widmet seine Kolumne diese Woche dem Bierdeckel. Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des Schriftstellers Dieter Lattmann. In der FAZ stellt Hannes Hintermeier Anne Wroe vor, die für den Economist - traditionell ohne namentliche Kennung - die Nachrufe schreibt, für die "viele Leser des Blattes als Erstes die letzte Seite aufschlagen."

Besprochen werden unter anderem Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (taz), Yara Lees "Als ob man sich auf hoher See befände" (FR), ein Abend mit Ferdinand von Schirach (FR), Anna Sommers Comic "Das Unbekannte" (NZZ) und Hans Magnus Enzensbergers "99 Überlebenskünstler" (SZ).
Archiv: Literatur

Film

In den Debatten spricht man gerne vom Erhalt des Filmerbes, doch eher selten davon, wie man Filmgeschichte tatsächlich ganz pragmatisch zugänglich machen und vermitteln kann - derweil geht die Berliner Videothek Videodrom, eine kulturelle Institution der Stadt mit tausenden von Filmen aus aller Welt und allen Zeiten im Leih-Angebot, vor den Augen der Öffentlichkeit pleite - unter anderem wegen stark gestiegener Mietkosten. Was an dem Laden besonders ist, hat Andreas Hartmann für den Tagesspiegel aufgeschrieben. Im Deutschlandfunk Kultur hat der Berliner Filmemacher Jörg Buttgereit jetzt unterstrichen: "Es wäre jetzt endlich an der Zeit, dieses Videodrom, das man immer nur mit spitzen Fingern angefasst hat, mal von öffentlicher Seite staatlich zu fördern. Dieses Riesenarchiv und diese Kompetenz, die dahintersteht, ist gleichbedeutend mit der Staatsbibliothek - nur dass es nicht von oben verordnet, sondern mit Herzblut entstanden ist." Schon 1999 stand die Videothek mit diesem einzigartigen Beständen vor dem Aus - damals wollte noch die Staatsanwaltschaft wegen jugendschutzrechtlicher Vorbehalte den Laden schließen lassen. Daran erinnert dieses historische Fundstück aus den Beständen von Viva2, in dem auch Christoph Schlingensief einen Auftritt hat:



Weitere Artikel: "In Cannes könnte der Wettbewerb plötzlich zur Nebensache werden", fürchtet Daniel Kothenschulte in der FR, nachdem Thierry Frémaux in diesem Jahr die Vorab-Vorführungen für die Presse gestrichen hat. Martin Schwickert plaudert im Tagesspiegel mit Andy Serkis, den man sonst als Schauspieler für CGI-Charaktere kennt, mit "Solange ich atme" aber erstmals selbst Regie geführt hat. Das Berliner Kino Arsenal widmet der Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann eine Werkschau, berichtet Alexandra Seibel im Tagesspiegel. In Berlin wurde der Nachlass Leni Riefenstahls präsentiert, berichtet Brigitte Werneburg in der taz. Hans-Georg Rodek konnte für die Welt schon mal einen Blick in die 700 Kisten werfen und notiert: "Inwieweit Riefenstahl ihren Nachlass frisiert hat, muss dahingestellt bleiben, doch zumindest ihr Wesen als manische Sammlerin spricht gegen eine gründliche Säuberung."

Besprochen werden Greta Gerwigs "Lady Bird" (FR, unsere Kritik hier), Gerd Kroskes Dokumentarfilm "SPK-Komplex" (FR), die Doku "The King - Mit Elvis durch Amerika" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und Dan Gilroys Anwaltsdrama "Roman J. Israel, Esq." (FAZ).
Anzeige
Archiv: Film

Kunst

Nachrufe auf den Kunsthistoriker Willibald Sauerländer schreiben Kia Vahland (hier) und Gottfried Knapp (hier) in der SZ und Stefan Trinks in der FAZ.

Besprochen werden Ausstellungen zum hundertsten Geburtstag der Kunsthalle Bern und des Kurators Harald Szeemann (NZZ) und Anna Witts Ausstellung "Human Flag" im Wiener Belvedere (Presse).
Archiv: Kunst

Bühne

Michael Stallknecht stellt in der NZZ den kroatischen Countertenor, Regisseur und Manager Max Emanuel Cencic vor, der gerade in Lausanne Rossinis Oper "La donna del Lago" inszeniert und die Rolle des Malcolm Groeme spielt. Stimmlich ist der 41-jährige Sänger absolut auf der Höhe, so der bewundernde Kritiker, der sich Cencis jüngste Platte mit Kompositionen des vor 250 Jahre gestobenen Nicola Antonio Porpora angehört hat: Cenci singe die "hochvirtuose Arien ... mit den Tugenden des klassischen Belcanto, die Porpora als Lehrer im frühen 18. Jahrhundert mitformte: Der Ton ruht sicher auf dem Atem, wo er in langsamen Melismen wie in wildesten Koloraturen gleichermaßen beweglich bleibt, während die für die Textverständlichkeit wichtigen Konsonanten mühelos integriert werden. Wie ein edles dunkles Metall fließt der Stimmstrom durch sämtliche Register, in den klaren Spitzentönen ahnt man die trompetenhafte Kraft, die Kastraten wie Farinelli nachgesagt wird."

Weitere Artikel: In der SZ dröseln John Goetz und Peter Laudenbach auf zwei Seiten nochmal das ganze Volksbühnen-Theater erschöpfend in "er sagte, dann sagte er..."-Manier auf. Unvorstellbar, das jemand dort oder überhaupt in Berlin arbeiten will. Astrid Kaminski macht sich in der taz Gedanken, wie man zumindest Dercons Ansatz, Tanz in die Volksbühne zu integrieren, retten könnte. Im Interview mit der nachtkritik denkt Selina Cartmell, Intendantin des Gate Theatre Dublin, über Geschlechtergerechtigkeit im Theater nach.

Besprochen werden Richard Wagners Oper "Tannhäuser" am Deutschen Nationaltheater in Weimar (FAZ) und Robert Gerloffs Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).
Archiv: Bühne

Design

Susanna Koeberle erinnert in der NZZ anlässlich einer Basler Konferenz über Design in Zeiten des globalen Handels an Victor Papanek, der in seinem 1971 erschienenen Buch "Design for the Real World" bereits die Produktion überflüssiger Konsumgüter kritisiert hatte: Design "sollte laut Papanek keine elitäre Angelegenheit sein, die dazu führe, dass modische und unbequeme Designobjekte für eine privilegierte Minderheit auf den Markt geworfen werden. Design, das solchen Mustern folgt, findet er dekadent. Diesbezüglich würde der gute Mann heute auf manch einer Messe oder auf Events rund um sammelwürdiges Design fündig werden."

Besprochen wird die Ausstellung "Fashion Drive - Ex-treme Mode in der Kunst" im Zürcher Kunsthaus (Tages-Anzeiger).
Archiv: Design
Stichwörter: Fashion, Papanek, Victor