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Efeu - Die Kulturrundschau

Was für ein Licht!

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19.04.2018. Zum Echo äußert sich jetzt auch das Label der Rapper, Bertelsmanns BMG: Was wollt ihr denn? Läuft doch! Die nachtkritik fragt, warum sich alle über Dercon streiten, wo das Land doch nach rechts driftet. Schafft die Schwedische Akademie ab, ruft die NZZ. Die Filmkritiker liegen Greta Gerwigs "Lady Bird" zu Füßen. Die SZ  feiert eine Bremer Ausstellung niederländischer Malerei aus der Sammlung Schünemann. In der Zeit erklärt Ingrid Mössinger, wie man erfolgreich ein Museum leitet: Man muss sein Publikum kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2018 finden Sie hier

Musik

Die Pianistin Yaara Tal, Tochter von Holocaust-Überlebenden, erklärt im SZ-Gespräch Harald Eggebracht, warum sie ihre Echo-Auszeichnungen behalten will: Das wäre "wohlfeil. ... Sie nun husch, husch zurückzugeben, finde ich heuchlerisch. Damit wird nichts besser, es trifft nicht die gesellschaftliche Problematik, mit der wir alle umgehen müssen." Sven Regener hat die umstrittene Preisverleihung vergangene Woche vorzeitig verlassen, erklärt er Jens Balzer im Zeit-Gespräch: Der Preis sei "komplett ruiniert. ... Ich möchte da jedenfalls nicht mehr hin." Jens-Christian Rabe referiert dazu passend in der SZ die ökonomischen Eckdaten des kommerziell erfolgreichen Battle-Raps.

Unterdessen haben Sponsoren den Echo aufgegeben, und der Präsident des Deutschen Musikrats will beim Ethikrat des Echo nicht mehr mitmachen, berichten Agenturen (hier in Zeit online). Nur einer hält treu an den beiden antisemitischen Rappern fest, BMG - die Musiktochter von Bertelsmann, die mit den Platten der Rapper prächtige Geschäfte macht (sonst hätten sie den Echo ja nicht bekommen). "Ohne Zweifel hätten manche Zeilen des Rap-Albums viele Menschen tief verletzt", zitiert der Ticker die Firma, "auf der anderen Seite seien viele Menschen nicht so sehr verletzt worden, so dass das Album vergangenes Jahr eines der meistverkauften in Deutschland gewesen sei, hieß es weiter."

Dem Rapper Fler geht die ganze Aufregung gehörig auf die Nerven: Der Echo sei schließlich kein Kunstpreis, meint er im Interview mit der NZZ. "Wer kommerziell den größten Erfolg hat, bekommt einen Echo, Punkt. Es ist feige, die Leute, die für die Industrie das Geld verdienen, auf der Bühne an den Pranger zu stellen. Der Echo lebt vom Schlager, er lebt vom Hip-Hop. Er lebt nicht von Campino. Die Zeit von dem Typen ist vorbei."

Der Generationenwechsel unter den Orchesterleitern ist im vollen Gange, beobachtet Ljubiša Tošić im Standard: Viele nachrückende Dirigenten tanzen allerdings auch auf vielen Hochzeiten und hetzen nach Karajans Façon von einem Konzert zum nächsten, mit ständig wechselnden Orchestern. Die Dirigenten sehen das eher gelassen: So "betont etwa Orozco-Estrada, dass 'es zu falscher Routine führt, zu lange mit einem Orchester zusammen zu sein. Abwechslung ist gut!' Selbst Petrenko kann flüchtigen Orchesterbegegnungen Reize abgewinnen: 'Es ist schön zu improvisieren, denn manchmal hat man so geprobt, dass man improvisieren muss.' Mag sein. Die Rezeptionsgeschichte lehrt allerdings, dass bleibende Ergebnisse oft aus Kontinuität erwachsen." Petrenkos kürzlich in Berlin gegebenes Konzert mit den Berliner Philharmonikern, die er bald regulär leiten wird, kann man im übrigen derzeit beim Deutschlandfunk Kultur nachhören.

Weitere Artikel: Jenni Zylka verdrückt in der taz eine kleine Träne darüber, dass der Berliner Retro-Rock'n'Roll-Club Bassy wegen einer "monströsen Mieterhöhung" zum Monatsende die Pforten schließen muss.

Besprochen werden "Dimensional People" von Mouse on Mars (Pitchfork), das neue SIND-Album "Irgendwas mir Liebe" (taz), Ivo Pogorelichs Konzert in Wien (Standard), ein Tocotronic-Konzert (Berliner Zeitung), ein Konzert der Violinistin Lisa Batiashvili mit Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle (Tagesspiegel), ein Telemann-Konzert des Ensembles Il Suonar Parlante, Dorothee Oberlinger und Vittorio Ghielmi (Tagesspiegel), ein Puccini- und Verdi-Abend mit der Frankfurter Kantorei (FR), ein Fagott-Performance-Abend mit Johannes Schwarz (FR) und der Kino-Dokumentarfilm "The King - Mit Elvis durch Amerika" (FAZ, kino-zeit.de).
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Kunst


Adam von Breen, Elegante Gesellschaft auf dem Eis, um 1611. Kunstverein Bremen, Foto: Marcus Meyer

Die Kunsthalle Bremen feiert mit der Ausstellung "Tulpen. Tabak. Heringsfang. Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters" das wunderbare Geschenk der Sammlung Schünemann. Und die "ist ein Wunder, ruft hingerissen Willi Winkler in der SZ. "Zu Gudes 'Abendwolken', die weiter in einer Privatsammlung verbleiben, gesellt sich die "Flusslandschaft bei Mondschein", ein früher Caspar David Friedrich, aber nicht deutsch-mystisch, sondern ganz holländisch. Die Fischer fischen, die anderen holen das Segel ein, der weißgraue Himmel mit einem hinter dem Haus verborgenen Mond vermählt wirklich Land und Meer. Ein Paar, ganz von hier, spaziert völlig unhöfisch in diese Szenerie, die man auch Heimat nennen könnte. Nirgends aber eine auftrumpfende Nachtwache, kein Goldhelm, kein Ratsherr im steifen Kragen, es ist das Leben, sonst nichts, doch was für ein Licht!"

Anne Hähnig und August Modersohn interviewen für die Zeit im Osten Ingrid Mössinger, die in den vergangenen 20 Jahren die Chefin der Kunstsammlungen Chemnitz war. Dass sie nun dafür gefeiert wird, die Sammlungen stark erweitert und dabei auch Werke von Größen wie Picasso, Munch und Neo Rauch in die Stadt geholt zu haben, führt sie darauf zurück, dass sie ein grundsätzliches Kunstinteresse der Chemnitzer befeuert habe, das bis dahin nicht richtig geschürt worden sei: "Ich wollte das Publikum locken, aber erziehen wollte ich es nicht. Ich hatte schon erwartet, dass unterschiedliche politische Systeme unterschiedliche Kunstformen hervorbringen. Nehmen wir zum Beispiel Andy Warhol. Das ist ein Künstler, der sich mit der westlichen Waren- und Überflussgesellschaft ironisch auseinandersetzt. Aber diese Ironie wird in einer Region, die von Mangel geprägt war, nicht unbedingt verstanden."

Weiteres: Eva Munz porträtiert in der Welt die Ex-Berlinerin Jenny Schlenzka, die erste weibliche Leiterin des wieder eröffneten Performance Space in New York wurde. "Einmal Rebell, immer Rebell": In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Fotografen William Klein zum Neunzigsten. Und Niklas Maaks sehr schöne Besprechung (FAZ) der Luzerner Fotoausstellung von Taryn Simon ist jetzt online.
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Literatur

Den Skandal um die Schwedische Akademie nimmt Roman Bucheli in der NZZ zum Anlass, sich Peter Handkes Forderung anzuschließen: "Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen." Denn die Kriterien, unter denen die Akademie Literatur bewerte, seien heute doch völlig überholt, moniert er: "Der Kanon der Weltliteratur umfasste bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von wenigen Ausnahmen abgesehen fast nur europäische Literatur. Von dieser eingeschränkten Optik hat sich die Schwedische Akademie in all den Jahrzehnten nie wirklich befreien können. Sie konnte und kann es umso weniger, als sie auf zu vielen Augen blind ist. Diese partielle Blindheit gehört gleichsam zur statuarisch festgelegten Verfasstheit der Akademie, weil sie als sektenähnliches und sich selbst konstituierendes Gremium außerhalb jeder Kontrolle tätig und nur einer Satzung verpflichtet ist, die 1786 erlassen und seither nicht mehr geändert worden ist." Der schwedische König will jetzt tatsächlich die Statuten der Akademie ändern, meldet der Standard.

Weiteres: Tilman Spreckelsen erklärt in der FAZ anlässlich des Bestsellerlisten-Erfolgs des Romans "Die Schmahamas-Verschwörung", wie Youtuber ihre Reichweite in Bucherfolge umsetzen. Besprochen werden unter anderem die Werkausgabe Irmgard Keun (FR) und der zweite Teil aus Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore"-Romanzyklus (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

In der nachtkritik wundert sich Dirk Pilz über die Energie, die in den Streit um Chris Dercon fließt. Gibt's nichts wichtigeres, fragt er und meint den "erdrutschartigen Rechtsdrift" im Land: "Es gibt durchaus laute, kräftige Stimmen aus dem Theaterbetrieb dagegen, von Volker Lösch bis Falk Richter und dem Gorki Theater. Aber es gibt nicht die Verve und die Entschiedenheit, nicht die Geschlossenheit und Leidenschaft, mit der etwa die Volksbühnen-Frage verhandelt wird. Als sei es unter der Würde des Theaterbetriebs, sich mit hässlichen Nazis zu befassen, als stünde man außerhalb, als beträfe es einen nicht. Als hinge das (eigene wie das allgemeine) Wohl und Wehe eher am Pro-und-Contra in Sachen Dercon - und weniger an einer Partei, der es um Umsturz, um Machtergreifung geht. Man hat es offenkundig mit einer fatalen Maßstabsverschiebung bei gleichzeitiger Wirklichkeitsverdrängung zu tun".

Der Intendant des Konstanzer Theaters, Christoph Nix, hatte eine absolut idiotische Idee: Er will am Freitag George Taboris "Mein Kampf" aufführen und dafür Zuschauern, die an diesem Abend ein Hakenkreuzsymbol tragen, freien Eintritt gewähren, meldet Christine Dössel in der SZ. "Wer dagegen regulär eine Karte kauft, bekommt einen Davidstern angeheftet - als 'Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft'. Eine plumpe PR-Idee? Nein, heißt es aus dem Theater, man wolle zeigen, wie leicht Menschen korrumpierbar seien. Bis Mittwoch hatten sich bereits 50 Interessenten für eine Freikarte gemeldet."

Sophie Diesselhorst sah für die nachtkritik in Wien "Welt in Bewegung" und ist entsetzt. Das Stück wurde vom österreichischen Innenministerium in Auftrag gegeben und sollte jungen Österreichern den Horizont für das Thema Emigration erweitern. Von wegen! Das Stück sei nichts als grob rassistisch: "Als Pappkameraden stehen zwei Migranten nebeneinander, die es nach Österreich geschafft haben - einer von ihnen kommt aus Syrien und ist ein hochsympathischer, fließend deutsch sprechender, westeuropäisch gekleideter Künstler, den man glatt für einen gebürtigen Wiener halten könnte und der einen auch mit Kriegsgeschichten in Ruhe lässt. Der andere kommt aus 'Afrika' - was man ihm auch sofort ansieht, denn er trägt kreischend bunte Klamotten, ist überaus ungebildet und naiv, von seiner Flucht übers Mittelmeer traumatisiert und gefährlich impulsiv, weshalb er zum Schluss auch in die Fänge eines Islamisten gerät - zum Glück schiebt Österreich ihn rechtzeitig ab, bevor noch Schlimmeres passiert!" Die Schüler, liest man, reagieren nicht wie erwünscht und applaudieren dem Islamisten. Hier kann man das Stück sehen und selbst urteilen.

Besprochen werden Wagners "Tannhäuser" (nmz) in Weimar, Schillers "Räuber" in Kiel (nmz), die Uraufführung von Olga Bachs Stück "Kaspar Hauser und Söhne" in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Theater Basel (SZ) und Claudio Monteverdis Oper "Die Krönung der Poppea" in Mannheim (FAZ).
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Film


Saorise Ronan in Greta Gerwigs "Lady Bird"

Überwältigendes Lob für Greta Gerwigs Soloregiedebüt "Lady Bird", ein Coming-of-Age-Drama mit leichten autobiografischen Einsprengseln und außerdem Saoirse Ronan in der Hauptrolle, der Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche zu Füßen liegt: Ihre Besetzung "ist ein Glücksgriff, weil sie wie Gerwig intuitiv versteht, dass sich das eigene Verhältnis zur Welt, die permanent Zumutungen bereithält, in einer Haltung ausdrückt - einer körperlichen Haltung." Barbara Schweizerhof warnt dagegen in der taz: "Wer zu viel erwartet, könnte enttäuscht sein", denn obwohl der Film mustergültig Forderungen nach mehr Frauen vor und hinter der Kamera erfüllt, sei er doch nur "ein weiterer 'Coming of Age'-Film; Gerwigs Herangehensweise (...) unterscheidet sich nicht radikal von den Konventionen". Immerhin: "Mädchencharme"-Konventionen werden nicht erfüllt, so Schwizerhof. Schon gut, "'Lady Bird' will das Coming-of-Age-Kino nicht neu erfinden", meint Sebastian Markt im Perlentaucher, "hat im Gegenteil sichtliche Freude an dessen Prämissen und Formen. Als Film in einem Genre, in dem sonst vorwiegend von der Selbstfindung männlicher Helden erzählt wird, setzt Gerwig einige sanfte aber deutliche Abweichungen." Für Juliane Liebert (SZ) ist der Film eher Material zum "wegsnacken".

Weiteres zum Film: Im Standard porträtiert Dominik Kamalzadeh die Regisseurin. Auf critic.de bewundert Maurice Lahde den Film als kleines Lehrstück an inszenatorischer Präzision".


Szene aus Gerd Kroskes "SPK Komplex" (Bild: Edition Salzgeber)

Mit "SPK-Komplex" widet sich der Dokumentarfilmemacher Gerd Kroske der Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs, das in den Siebzigern auf Initiative des Arztes Wolfgang Huber gegründet und sich schließlich im Zuge der Siebziger politisch radikalisiert hat. Der Film behandelt eine "Leerstelle im Diskurs", schreibt im Freitag ein sehr beeindruckter Matthias Dell. "Das SPK bedeutete einerseits eine Modernisierungsleistung, weil psychisch kranke Menschen hier nicht länger in 'Irrenhäuser' abgeschoben wurden. Und war andererseits ein Scharnier zwischen 1968 und RAF, weil sich die Gruppe durch den Druck von außen dogmatisierte und radikalisierte; zwei ihrer Mitglieder suchten die Konsequenz aus der Erfahrung der Kämpfe des Dr. Huber schließlich kurzzeitig im bewaffneten Kampf. Die Wahrheit über das SPK liegt dazwischen."

SZ-Kritikerin Doris Kuhn sieht in dem Film ein "Porträt über deutsche Geschichte, in der sich die Hysterie der kommenden Jahre bereits anzukündigen beginnt". Und Philipp Schwarz beobachtet auf critic.de: Von den 70ern bleiben "eben nicht die tatsächlichen historischen Ereignisse, sondern die Erzählungen, die sich um diese Ereignisse herum gebildet haben. Die Beteiligten von damals kommen aus ihren Rechtfertigungsnarrativen nicht heraus, zu eng ist die eigene Persönlichkeit und Biografie mit ihnen verbunden."

Weiteres: In der taz empfiehlt Carolin Weidner eine Ruth Beckermann gewidmete Werkschau im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden Sonja Kröners auf DVD erschienenes Debüt "Sommerhäuser" (taz), Dan Gilroys Anwaltsdrama "Roman J. Israel, Esq." mit Denzel Washington (Tagesspiegel) und die Netflix-Serie "Die Einkreisung" mit Daniel Brühl (FAZ).
Archiv: Film