Efeu - Die Kulturrundschau

Schwermütiger Heldenkörper

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2019. Hyperallergic wundert sich, wie wenig Aufsehen die große Jenny-Holzer-Retrospektive in Bilbao erregt. In Venedig freuen sich die Kritiker über aufgewecktes amerikanisches Autorenkino mit Brad Pitt und Scarlett Johansson. Schade, dass Matthias Lilienthal aus München weggeht, wo er doch Stadttheater der Zukunft macht, bedauert Dlf Kultur. Warum sind Literaturkritiker nur solche Heulsusen, fragt sich die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2019 finden Sie hier

Kunst

Jenny Holzer, It Is Guns, 2018. Electronic sign on truck. © 2019 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY/ VEGAP. Photo: Catapult Image


Heather Kapplow (Hyperallergic) ist bass erstaunt, wie wenig Aufsehen die große Jenny-Holzer-Retrospektive außerhalb Bilbaos erregt. Nur die Washington Post habe bisher berichtet und ihr antiamerikanische Propaganda vorgeworfen. Dabei geht "Holzers Arbeit weit über die amerikanischen Grenzen hinaus", so Kapplow, "um individuelle und kollektive Wunden sichtbar zu machen, ohne immer spezifische Täter für diese Wunden zuzuordnen. Manchmal wird jemand als die Person oder Entität vorgeschlagen, die zur Verantwortung gezogen werden sollte, aber genauso oft ist es der Betrachter, der das Verantwortungsgefühl für eine Verletzung, eine Gewalt, eine Vergewaltigung, einen Rechtsverlust, eine Verschwendung, einen Tod tragen soll. Wie das Stück aus der ständigen Sammlung des Museums, 'For Bilbao' (1997), den Betrachter von Zeit zu Zeit auf jeder Gebäudeebene aufflackernd informiert: "Sie sind derjenige. Sie sind es, der mir das angetan hat."

Jens Bisky berichtet in der SZ von einer Leipziger Diskussionsveranstaltung mit dem Maler Axel Krause, der wegen seiner AfD-Nähe von der Leipziger Jahresausstellung ausgeladen worden war. Krause hatte nach Kritik an seiner anfänglichen Einladung einen "satirischen Text" geschrieben, in dem er sich selbst als "entarteten Künstler" und "Volksschädling" beschrieb. Daraufhin war er wieder ausgeladen worden: "'Entarteter Künstler' - das erinnere an die Sprache des Dritten Reiches, an LTI, sagte Christoph Tannert, witzig sei das nicht. [Rüdiger] Giebler sprach von einer 'peinlichen Verirrung', [Jürgen] Reiche warnte vor Verharmlosung, [Eva-Maria] Stange vor 'sprachlichen Grenzüberschreitungen'. Statt sich zu erklären, griff Axel Krause an: Man sei jetzt auf der moralischen Ebene, beginne ein 'Erziehungsprogramm', übe 'Zurechtweisung in geballter Form'. Was er getan, sei von der Meinungsfreiheit gedeckt, man könne ihn ja verklagen. Dies war der tote Punkt." (Mehr über die Debatte und ihre Teilnehmer beim MDR)

Weiteres: Donna Schons untersucht für Monopol während des Berliner Atonal Festivals, wie sich Kunst in den Anti-White-Cubes von Clubs behauptet. Und im Blog der NYRB schreibt Catherine Bindman über eine New Yorker Ausstellung von Maurice Sendaks Bühnenbildern in The Morgan Library & Museum in New York.
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Film

Auf der Suche nach der Schwärze des Alls: Brad Pitt in "Ad Astra"

Der zweite Festivaltag in Venedig stand im Zeichen Hollywoods: Brad Pitt präsentierte dort seinen von James Gray gedrehten Science-Fiction-Film "Ad Astra", auf den Andreas Busche (der auch Noah Baumbachs Scheidungsdrama "Marriage Story" mit Adam Driver und Scarlett Johansson gesehen hat) im Tagesspiegel eingeht: Pitt fliegt hier auf der Suche nach seinem Vater bis an den Rand unseres Sonnensystems - was den Kritiker auch ein bisschen an Christopher Nolans modernen Genreklassiker "Interstellar" erinnert: Hier wie dort kommt der "einsame Weltraumfahrer erst im deep space zu sich selbst und findet seine eigene Biografie. ... An 'Starkino' ist Gray nur insofern interessiert, als er den schwermütigen Heldenkörper vor dem Sternenhintergrund bloß mit der Schwärze des Alls verschmelzen will. Selbst die einzige Actionszene opfert er der Schwerelosigkeit. Der Weltraum ist in 'Ad Astra' eher ein Zustand, kein Ort, der zur Kolonisierung taugt. Das US-Autorenkino wirkt an diesen ersten Tagen am Hollywood-verwöhnten Lido aufgeweckter denn je."

Deutsche Mutter, deutsche Kinder, etwas deutscher Wald: Katrin Gebbes "Pelikanblut"

Rüdiger Suchsland bringt auf Artechock Notizen zum deutschen Festivalbeitrag, Katrin Gebbes "Pelikanblut", der offenbar auch tatsächlich ziemlich deutsch geraten ist: "So ein Film ist undenkbar aus anderen Ländern. In diesem Film ist alles drin, was die Ausländer an Deutschland lieben und was die Deutschen an sich selbst auch ein bisschen hassen: Der deutsche Extremismus, der deutsche Perfektionismus, die deutsche Mutter, der deutsche Wald." Außerdem aus Venedig: Für die taz taucht Tim Caspar Boehme ab in virtuelle Realitäten. Dominik Kamalzadeh (Standard) und Andrey Arnold (Presse) schreiben über Hirokazu Kore-Edas Eröffnungs "La Vérité" (mehr dazu bereits hier).

Weiteres: In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Regisseur Joel Schumacher zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Sophie Kluges Debütspielfilm "Golden Twenties" (Tagesspiegel), der Thriller "Die Agentin" mit Diane Kruger (Tagesspiegel, ZeitOnline), Anatol Schusters "Frau Stern" (FAZ) und die auf Amazon gezeigte Fantasyserie "Carnival Row" (FAZ).
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Bühne

Schade, dass Matthias Lilienthal nach viel Kritik gerade jetzt aus München weggeht, nachdem er die Auszeichnung "Theater des Jahres" für die Münchner Kammerspiele gewonnen hat, bedauert im Dlf Kultur Susanne Burkhardt. "Nach zunächst zu vielen Experimenten sind Lilienthal und sein Team längst auf einen ästhetisch vielfältigen Spielplan umgeschwenkt, bei dem das Ensemble seine Stärken ausspielen kann, bei dem Performance, internationale Gäste und Klassiker sich nicht ausschließen. Ein Beispiel, wie das Stadttheater der Zukunft aussehen könnte. Die Mehrfacheinladungen zum Theatertreffen des Noch-Hausregisseurs Christopher Rüping belegen das: Wurde er für seine erste Inszenierung an den Kammerspielen noch ausgebuht, hat er 'mit Dionysos Stadt' - der Inszenierung des Jahres - eine der besten Produktionen der Saison abgeliefert."

Weiteres: FAZ-Autor Kevin Hanschke lernt von Rolf Hemke, dem neuen Künstlerischen Leiter des Kunstfestes Weimar, dass sich der Programmschwerpunkt ändert: "'Es wird politisch und musikalisch', sagt er mit einem leichten Schmunzeln."

Besprochen werden die Adaption von Bettina Wilperts Vergewaltigungs-Roman "Nichts, was uns passiert" durch Sandra Strunz für das Stadttheater Gießen (nachtkritik), "Dido and Aeneas, Remembered" nach Henry Purcell bei der Ruhrtriennale (nachtkritik), die Uraufführung von Claire Vivianne Sobottkes Stück "Velvet" beim Festival Tanz im August (taz) sowie Inszenierungen von Faustin Linyekula und der Needcompany bei der Ruhrtriennale (taz).
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Literatur

"Was sind wir Literaturkritiker doch für Heulsusen und Memmen", stöhnt Roman Bucheli in der NZZ angesichts der etwas verquer laufenden und erzwungen wirkenden Debatte über Karen Köhlers für den Buchpreis nominierten Roman "Miroloi", den Bucheli allerdings genauso vornehm unerwähnt lässt wie seine Sparringspartner im Ring der Literaturkritik: "Es fehle ihm der Maßstab, sagt einer. Ein anderer wünscht sich einen Kriterienkatalog für die Beurteilung. Ja, gütiger Himmel, wo sind wir denn hier gelandet? Haben wir denn nichts gelernt in all den Jahren mit all den Büchern? Sind wir etwa nicht die hartgesottenen Kerle, für die wir uns ausgeben, sondern bloß Hartgesottenheits-Darsteller? Wenn das so weitergeht, werden demnächst Checklisten eingeführt, an denen wir uns abarbeiten können: Stil - erfüllt / nicht erfüllt (Nichtzutreffendes streichen). Lesbarkeit - erfüllt / nicht erfüllt." Mehr zur Debatte um Köhlers Buch hier und dort.

Ralph Trommer unterhält sich im Tagesspiegel ausführlich mit Jérôme Tubiana über dessen von Alexandre Franc gezeichneten Comic "Guantanamo Kid", der von dem damals noch minderjährigen und 2009 freigesprochenen Guantanamo-Häftling Mohammed el Gharani handelt. Als das Projekt begann, war noch nicht klar, ob el Gharani tatsächlich unschuldig ist, sagt Tubiana: "Ich war sehr überrascht über sehr viele Dinge, die Mohammed mir erzählte, und auch er selbst war überrascht, dass ich so wenig wusste. Denn er ging davon aus, dass alles bereits erzählt worden sei. Erst allmählich begannen Ex-Häftlinge wie er, ihre Geschichten zu erzählen, und so konnte ich manche Fakten gegenchecken. Ich konnte auch mit manchen der Anwälte sprechen, die rund 50 Häftlinge vertraten. So fiel auf, dass die Augenzeugen sehr Ähnliches berichteten und Vieles sich wiederholte. ... Wenn Ihnen 20 Leute exakt dieselbe Story erzählen, ist es wahrscheinlicher, dass sie real ist. Ich konnte auch mit anderen Ex-Inhaftierten sprechen, etwa über die Wachen in Guantanamo wie auch über die in Pakistan, und da erkennt man viele Charaktere wieder. Mohammeds Berichte erwiesen sich als bemerkenswert präzise und zutreffend."

Außerdem: Im Berliner Literaturhaus las Karl Schlögel aus seinem Buch "Das russische Berlin" vor, berichtet Katja Kollmann in der taz. Besprochen werden Katerina Poladjans für den Buchpreis nominierter Roman "Hier sind Löwen" (SZ), Brigitte Kronauers "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" (Dlf Kultur), Bachtyar Alis "Perwanas Abend" (NZZ), Denis Minas Krimi "Klare Sache" (Dlf Kultur), Emma Braslavskys Berliner Zukunftsroman "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" (FR) und Jane Gardams "Bell und Harry" (online nachgereicht von der FAZ).
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Musik

Christine Lemke-Matwey ärgert sich in der Zeit erheblich über die anhaltenden Rivalitäten und personellen Unentschlossenheiten rund um die Salzburger Osterfestspiele. Dirigent Christian Thielemann hatte schon vor langer Zeit gesagt, dass er mit dem designierten Geschäftsführer Nikolaus Bachler so gar nicht kann. Stehen die Festspiele womöglich bald ohne ihren künstlerischen Leiter da, fragt sich Lemke-Matwey: "Was soll dieser österreichische Chauvinismus und Intrigantenstadel? Thielemanns Zahlen sind gut bis sehr gut, Kritik am Künstlerischen gab es nur sporadisch. Lässt man ihn alter, neuer Seilschaften wegen über die Klinge springen? Der Imageschaden ist schon jetzt gewaltig." Das Orchester selbst stellt derweil Thielemanns "alleinige Entscheidungskompetenz in Frage", erfahren wir im Standard von Ljubisa Tosic: "Es deutet Freude über die weitere Zusammenarbeit mit Salzburg an, ohne Thielemanns Namen zu erwähnen. Die Osterfestspiele wiederum ermahnen das Orchester: Der Salzburg-Verbleib der Staatskapelle sei quasi an Thielemanns Verbleib gebunden."

David Hugendick nimmt auf ZeitOnline "Fear Inoculum", das erste Album von Tool seit 13 Jahren, zum Anlass daran zu erinnern, dass man in den 90ern zumindest in bestimmten, das Bewusstsein erweiternden Substanzen sehr zugeneigten Milieus an den Düster-Art-Rockern nicht vorbei kam: Ziemlich den Kopf verdrehen lassen konnte man sich dabei, "dass in Justin Chancellors labyrinthischen Bassläufen ein Fünfachteltakt auf einen Siebenachteltakt folgt und dies einfacher zu zählen ist, wenn man einen Zwölfachteltakt draus macht oder einen Sechsvierteltakt; dass man die fünfzehn Sechzehntel leichter kapiert, wenn man sie sich als 1-2-3-4-1-2-3-4-1-2-3-4-1-2-3 aufsagt. ... Sehr wahrscheinlich fährt die Seele von Graf Zahl in jeden, sobald ein Tool-Lied beginnt, verloren klopft man auf die Knie, doch bevor der erste Erkenntnisschub einen gepackt hat, steckt die Band schon wieder woanders."  Eine Hörprobe aus dem neuen Album:



Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Ekaterina Kel mit Vladimir Jurowski, der im Herbst 2021 seinen Dienst als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper antreten wird und damit Kirill Petrenko nachfolgt - er verspricht für seine Arbeit "eine Mischung aus noch nicht Gespieltem und Wohlbekanntem". Für die NZZ hat sich Thomas Schacher mit dem Komponisten André Fischer getroffen. Frederik Hanssen meldet im Tagesspiegel, dass Alexander Steinbeis seinen Posten als Direktor des Deutschen Symphonie Orchesters zum Sommer 2020 aufgeben wird. Volker Lüke berichtet im Tagesspiegel vom Berliner Atonal-Festival. Für die FAZ hat Isabel Herzfeld die "Raritäten der Klaviermusik" in Husum besucht.

Besprochen werden Fazil Says Zyklus "Gezi Park" beim Rheingau Musik Festival (FR) und das neue Album von Taylor Swift (NZZ).
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