Efeu - Die Kulturrundschau

Ästhetische Radikalität in jeder Beziehung

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16.09.2019. Die SZ kürt Pretty Yende und Benjamin Bernheim zum neuen Traumpaar der Oper. Die NZZ lernt von Luigi Nonos  "Al gran sole carico d'amore" in Basel, dass Schönheit und Revolution durchaus zusammengehen. Der Tagesspiegel berichtet, dass Münchens Haus der Kunst diesmal Ai Weiwei nicht haben wollte.  Auf ZeitOnline erzählt die Regisseurin Nora Fingscheidt, wie die Arbeiten an "Systemsprenger" ihr Weltbild verfinsterte. Und große Trauer herrscht über den Tod des Dissidenten György Konrad, der nie recht haben wollte, sondern verantwortlich handeln, wie Adolf Muschg in der FAZ schreibt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2019 finden Sie hier

Literatur

György Konrád, 2013 (Bild: Lesekreis, CC0)


Große Trauer um den Schriftsteller, Holocaust-Überlebenden und so widerspenstigen wie debattenfreudigen Intellektuellen György Konrád:  "Er war er ein ewiger Regimegegner", bringt Ralf Leonhard in der taz Konrads Leben auf den Punkt, "einer, der der Versuchung der Emigration widerstanden hat und seine intellektuelle Kraft im Inneren zur Wirkung brachte." Als einen "der großen Autoren der europäischen Erinnerungsliteratur" würdigt ihn Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Seine nicht korrumpierbare politische Wachheit war zweifellos das Vermächtnis einen jungen Menschen, der früh erfahren musste, was es heißt, ein Überlebender zu sein. ... Er hatte 1956 am Ungarnaufstand teilgenommen und spätestens mit seinen ersten literarischen Veröffentlichungen galt er als Kritiker des ungarischen Sozialismus." Für Nutt zählt Konrad daher "neben Václav Havel, Adam Michnik oder Pavel Kohout zu den wichtigsten Stimmen, die den Eisernen Vorhang gedanklich aufgeweicht" haben. Konrad trat bereits publizistisch für ein geeintes Europa ein, "als diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs nukleare Mittelstreckenraketen noch ganz Europa in Schutt und Asche legen konnten", erklärt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Er "räsonierte und fabulierte gegen die Willkür der Macht, gegen den Wahn der Ideologien und Nationalismen", ergänzt Karl Gaulhofer in der Presse: "Alles, was er schrieb und sagte, war von eigenem Erleiden durchtränkt. Was für eine Biografie! - und was für ein Werk, das darauf ständig reflektiert. In einer Kleinstadt in Ostungarn geboren, floh das jüdische Kind 1944 vor den Nazischergen, fand mit der Schwester Zuflucht in Budapest und überlebte - wie auch seine Eltern - nur durch glücklichen Zufall. Das Trauma der toten Freunde und Verwandten konnte er erst viel später schreibend verarbeiten."

Von Kindesbeinen an "hegte Konrad ein tiefes Misstrauen gegen jede Art staatlicher Willkür", erklärt Ulrich M. Schmid in der NZZ. "Dabei ging es ihm jedoch nicht um eine selbstgerechte Scheidung der Menschheit in Opfer und Täter." Ein Aspekt, auf den auch der Schriftsteller Adolf Muschg in seinem großen FAZ-Nachruf zu sprechen kommt: "Wenn György Konrád ein Pathos hatte, dann das eigentümlichste, das man in seinen Büchern lesen muss, weil man es sich sonst nicht vorstellen kann: Er war kein Opfer. Er hatte überlebt, also musste und durfte er leben; er blieb einer, der verantwortlich handeln musste. ... Seine Sprache war die Literatur, und in ihr herrschen andere Bräuche als die des Rechthabens oder Das-letzte-Wort-Behaltens, denn darin - möge es moralisch noch so geboten sein - lebt das Unmenschliche fort."

In der SZ würdigt Lothar Müller den Verstorbenen als glühenden Urbanisten und Kosmopoliten: "Eine kleine Anthologie von Lobliedern auf die Großstadt - auf Budapest, Berlin, New York - ließe sich aus Konráds Essays und Romanen herausschreiben. 'Die Großstadt ist die höchste Entwicklungsstufe der Freiheit.' 'Die Städte sind die Rechtfertigung des Menschengeschlechts.' Meist ist es der Kosmopolit und leidenschaftliche Spaziergänger, der solche Sätze formuliert", doch "ist im Hintergrund immer auch die Erfahrung des Jungen aus Berettyóújfalu anwesend, dass die Großstadt ein Ort ist, an dem man sich gut verstecken kann."

Weiteres: Samir Sellami berichtet für die SZ vom Literaturfestival in Berlin. Besprochen werden Margaret Atwoods "Die Zeuginnen" (Standard), Nora Bossongs "Schutzzone" (Standard), Volker Weidermanns "Das Duell" über das Verhältnis zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki (Zeit), neue Comicbiografien über Mies van der Rohe und Le Corbusier (taz) und neue Hörbücher, darunter eine Edition mit Hörspielbearbeitungen von Hemingway-Vorlagen (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Nelly Sachs' "Der Marionettenspieler":

"Die weite Welt war zu dir eingegangen
Mit Sand im Schuh und Ferne an den Wangen.
..."
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Bühne

Glitterflitter trifft Reichenschnösel: Vrdis "Traviata" in Paris

Die Oper hat ein neues Traumpaar, jubelt Reinhard Brembeck in der SZ nach einer "Traviata" an der Pariser Oper, bei der Pretty Yende als Violeta die Influencerin - oder "Glitterflitterbitch" - gab und Benjamin Bernheim als Alfredo den unbedarften Reichenschnösel. Aber diese Stimmen! Erst einmal Bernheim, der jeden Ton anders formte: "So bewusst das auch gemacht ist, immer wirkt das natürlich, naiv, spontan, unangestrengt, unverkopft und tief empfunden. Das aber ist die höchste Kunst beim Singen, wenn das Artifizielle als Natur daherkommt. Bernheim betreibt die vollkommene Irreführung der Sinne, die das völlige Glück bedeuten. Er ist ein ganz großer Meistersänger. Auch Pretty Yende kann diese Natürlichkeit, in den schnellen Läufen, dem Tongeflatter genauso wie im Lyrischen, Zarten, Verträumten. Die leisen und langsamen Nummern sind ihre Domäne, da lässt sie die Stimme selbst in den höchsten Höhen nur als Hauch erklingen, da scheint sie nicht mehr atmen zu müssen, da wird die Seele zu Klang."

Es wird wieder Leben geben: Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" am Theater Basel. Foto: Birgit Hupfeld

Schönheit und Revolution
sind sehr wohl vereinbar, lernt NZZ-Kritikerin Martina Wohlthat mit Luigi Nonos großer Revolutionsoper "Al gran sole carico d'amore", die Sebastian Baumgarten am Theater Basel vielleicht etwas zu realistisch, aber doch voller Intensität auf die Bühne gebracht hat. Zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz: "Aus heutiger Sicht frappiert das Stück vor allem in einer Hinsicht: der Rollenverteilung unter den Geschlechtern. Den Handlungsimpuls überträgt Nono auf die Frauen. Die Grundidee des Stücks, so der Komponist, sei die Kontinuität der weiblichen Präsenz im Leben, im Kampf, in der Liebe. Die Revolution ist bei Nono weiblich. Aktivistinnen wie der französischen Lehrerin Louise Michel oder der Guerillakämpferin Tania Bunke setzt der Komponist ein musikalisches Denkmal. Die zentrale Frage wird von Tania Bunke (Rainelle Krause) gleich zu Beginn als individueller Einspruch gegen das Vergessen gestellt: 'Wird mein Name eines Tages nichts sein?'"

Besprochen werden außerdem Martin Kušejs Inszenierung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Wiener Burgtheater (die Ronald Pohl im Standard recht kunstgewerblich fand, aber dank Bibiana Beglau doch ziemlich beeindruckend: "Alles an der Beglau strotzt vor Kraft"), Wajdi Mouawads "Vogel" am Akademietheater in Wien (Standard), Gustav Ruebs Inszenierung des "Othello" am Staatstheater Darmstadt in der Übersetzung von Feridun Zaimoglu (Nachtkritik), Ewelina Marciniaks Bühnenfassung von Szczepan Twardochs schillerndem Roman "Der Boxer" am Thalia Theater (Nachtkritik), Ulrich Rasches Euripides-Inszenierung der "Bakchen" an der Burg ("Der misogyne Mief männlicher Machtroutinen durchströmt die ganze Apparatur", gibt Uwe Mattheis in der taz zu Protokoll, NZZ, FAZ) sowie Brechts "Baal" und Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone", die sich beide am Poète maudit abarbeiten (Welt).
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Kunst

Das Münchner Haus der Kunst will seine Finanzen sanieren, indem es die eh schon gering bezahlten Mitarbeiter entlässt. Dass Ai Weiwei den Beschäftigten zur Seite sprang und sich als Kartenreißer an die Pforten stellte, mochte das Museum aber nicht als Kunstaktion gelten lassen, berichtet unter anderem der Tagesspiegel: "Ai erklärte der Deutschen Presse-Agentur, die Mitarbeiter des Hauses der Kunst hätten ihn zuvor eingeladen, sie zu unterstützen, um ihre Jobs zu behalten. Er kritisierte, die Museumsleitung kaufe teure Kunstwerke für Ausstellungen ein, 'während Leute mit geringer Bezahlung entlassen werden sollen'. Das Haus der Kunst hatte die Einladung des Künstlers sowie die Aktion missbilligt. Das Hausrecht sei gröblich verletzt worden, hieß es."

Weiteres: Für die taz streift Brigitte Werneburg durch den Wald, den Klaus Littmanns ins Klagenfurter Wörthersee-Stadion pflanzen ließ. Im Tagesspiegel bilanziert Christiane Meixner die Berlin Art Week, Björn Rosen freut sich ebenda über die Wiederbelebung des Haus der Statistik am Berliner Allesandersplatz, das etwa von Bernadette La Hangst als "Biotop in filigraner Dysfunktion" besungen wurde. Besprochen wird die Ausstellung zum Weltkulturerbe "Von Mossul nach Palmyra" in der Bundeskunsthalle Bonn (SZ).
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Film

"Systemsprenger" von Nora Fingscheidt

Diese Woche kommt Nora Fingscheidts bei der Berlinale prämierter Film "Systemsprenger" über ein schwer erziehbares Kind in die Kinos (unsere Kritik). Für den Film hat sie minutiös recherchiert, erklärt sie im ZeitOnline-Gespräch: "Mir tat sich plötzlich eine ganze Reihe neuer Welten auf: Kinderheime, Kinderpsychiatrien, Schulen für Erziehungshilfe. Ich war in ganz Deutschland unterwegs: in Rosenheim, Berlin, Stuttgart, Ostfriesland. Keine Institution, kein Gespräch ist spurlos an mir vorüber gegangen. ... Mein Weltbild hat sich total verfinstert. Irgendwann konnte ich nicht mehr U-Bahn-fahren, weil ich überall nur noch Fälle von Kindesmisshandlung gesehen habe."

Die Feuilletons gratulieren dem Film- und Literaturkritiker Wolfram Schütte, der heute achtzig Jahre alt wird. Er zählt zu den "wenigen ganz Großen aus den Zeiten des Großfeuilletons", schreibt Helmut Böttiger in der SZ. Dass die FR lange Zeit den Ruf genoss, eines der unverzichtbarsten Feuilletons dieses Landes zu liefern, war maßgeblich auch Schüttes von 1967 bis 1999 währender Arbeit als widerständiger Redakteur zu verdanken: "Ästhetische Radikalität in jeder Beziehung, experimentelle Formen, lustvoll ausgekostete lange Sätze mit sich überbietenden Nebensatzkonstruktionen waren Schüttes Metier." FAZ-Kritiker Andreas Kilb wird melancholisch, wenn er an die Zeit zurückdenkt, als kein Diskurs über einen Film komplett war, solange es dazu noch keinen Schütte-Text gab. Seit seinem Weggang von der FR jedoch ist nicht nur das Feuilleton dieser Zeitung und diese selbst im Niedergang begriffen, "auch die Autorität der Feuilletons und Kritiker wird nicht mehr unbefragt akzeptiert." FR-Kollege Christian Thomas erinnert sich derweil mit Wonne an gemeinsame Abende und an Schüttes diverse Feuilleton-Coups: Eine 32-seitige Sonderbeilage über Goethe zum eigenen Abschied von der FR etwa oder eine "Serie zum 100. Geburtstag des deutschen Kinos, in der sich seine Seh-Sucht niederschlug, im Wochenrhythmus ein Beitrag, eintreffend per Post oder per Fax, auf jeden Fall auch aus Übersee, etwa von Carlos Fuentes oder William Gaddis. Wer das Feuilleton aufschlug, schaute staunend auf ein 'imaginäres Museum des Kinos'." Und alle Würdigungen erwähnen staunend, dass Schütte seit seinem Weggang munter weiter publiziert - nämlich im Internet, unter anderem bei Glanz & Elend, CulturMag, Titel Magazin und, ja, gelegentlich auch im Perlentaucher.

Besprochen werden Mikhaël Hers' "Mein Leben mit Amanda" (Freitag, Tagesspiegel, Glanz und Elend), die vom ZDF online gestellte Serie "Die neue Zeit" über das Bauhaus (Welt) und neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter Hugo Fregoneses in Argentinien gedrehter Western "Frauen für Fort Del Toro" aus dem Jahr 1945 (SZ).
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Musik

Andreas Busche erklärt im Tagesspiegel die Hintergründe des anonym im Netz komponierten Stücks "Glory to Hong Kong", das die Hongkonger Protestbewegung zu ihrer Hymne erkoren hat. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Musiker Eddie Money. Die FAZ bringt einen Auszug aus Krzysztof Meyers bislang nur auf Polnisch erschienenen Autobiografie, in dem er seine letzte Begegnung mit Dmitrij Schostakowitsch schildert.

Besprochen werden ein Mozart-Abend mit Teodor Currentzis und der Sopranistin Cecilia Bartoli beim Lucerne-Festival (NZZ), die neue Dauerausstellung im Clara-Schumann-Haus in Leipzig ("der Spaß ist riesig", meint Andreas Platthaus in der FAZ über das multimediale Ausstellungskonzept), eine Kino-Dokumentation über die Fantastischen Vier (SZ), Alice Coopers Auftritt in Berlin (Tagesspiegel), und das letzte Konzert der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (Standard).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Cornelius Dieckmann über "Morning in America" von The Milk Carton Kids:

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