Efeu - Die Kulturrundschau

Fröhlich zerdieselnde Kreuzfahrtschiffe

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24.01.2020. Die Welt feiert mit Lizzo und Billie Eilish die neuen weiblichen Popstars. Die SZ porträtiert den Pianisten Alexandre Tharaud als Nomaden, der Freunde mit Flügeln sucht. Zeit online freut sich, dass auch die neue Star-Trek-Serie dem Pazifismus verpflichtet bleibt. Die FAZ fragt: Müssen Theaterbauten so teuer und das Personal so billig sein?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2020 finden Sie hier

Musik



Vor ein paar Jahren waren weibliche Popstars noch unnahbare Göttinnen, perfekt durchdesignte Produkte. Aber beim Blick auf die Grammy-Nominierungen in diesem Jahr zeigt sich Welt-Kritikerin Laura Sophia Jung, "dass die Zeit der bis zur porzellanenen Makellosigkeit retouchierten Magazincover und durchchoreografierten Personae vorbei ist." Denn Lizzo und Billie Eilish markieren hier das Spitzensegment: "Ihre Musik ist persönlich, ihre Attitüde politisch": Lizzo setzt gerade ihr Körperfett in den Mittelpunkt ihrer Körperpolitik und Billie Eilish "könnte problemlos wie die nächste Britney Spears aussehen. Aber ... ihren Körper will Eilish nicht zur Schau stellen. Egal, ob in ihren Videos, auf dem roten Teppich oder auf der Bühne, am liebsten zeigt sich die Sängerin in übergroßen Jogginganzügen, gerne in grellen Farben. Dazu trägt sie klobige Sneaker und Ketten. Viele sehen darin einen bewussten Kontrapunkt zur Hyperfemininität anderer Pop-Stars, Eilish aber betont, dass ihr Stil kein Konzept hat: 'Ich trage einfach, was ich will.'"

Apropos Billie Eilish: Richtig "toll" findet Jens Balzer in der Zeit die Entscheidung, dass der Teenie-Star das Stück für den neuen Bond-Film singen wird. Diese Wahl stellt einen "radikalen Gegenentwurf" zum gängigen, in den letzten Jahr arg fad gewordenen Bond-Song-Bombast dar, denn Eilish "ist nicht larger than life, sondern smaller; sie ist unaufgeregt bis zum Teenager-typischen Phlegma." Gerade ist auch Eilishs neues Video erschienen, für das sie selbst Regie geführt hat:



Der Pianist ist der große Einzelgänger der klassischen Musik, schreibt Michael Stallknecht in seinem SZ-Porträt von Alexandre Tharaud: Alleine auf der Bühne, mit einem Instrument, dass das seine nicht ist. Tharaud hat daraus eine nomadische Art des Arbeitens gemacht, erfahren wir: "Vor zwanzig Jahren verkaufte er seinen Flügel. ... 'Wir waren ein bisschen wie ein altes Paar', sagt er im Gespräch, 'es war langweilig, immer gemeinsam im selben Apartment zu sein.' Seitdem besitzt Tharaud statt eines Klaviers einen großen Schlüsselbund. Wenn er in Paris, wo er geboren ist und noch immer lebt, üben möchte, dann ruft er Freunde an, die einen Flügel besitzen, und fragt sie, ob die Wohnung leer ist und er üben kommen darf."

Weitere Artikel: Patrick Wagner stimmt in der taz in das CTM-Festival in Berlin ein, bei dem sich "Cello-Konzert, Techno-Raves und Workshops zu politischer Theorie" die Klinke in die Hand geben. Besonders ans Herz legt uns Tagesspiegel-Kritiker Jonas Bickelmann das heutige Eröffnungskonzert der britischen Musikerin Afrodeutsche. Im Tagesspiegel gratuliert Ulrich Amling der Bratschistin Tabea Zimmermann zur Auszeichnung mit dem Ernst-von-Siemens-Preis. Für den Standard porträtiert Ronald Pohl den Jazzmusiker Anthony Braxton. Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ über den britischen Musiker Lewis Capaldi, der wie zuvor schon Ed Sheeran für den neuen Typus Langeweiler im Pop-Biz steht.

Besprochen werden Jeff Parkers neues Album "Suite for Max Brown" (taz, Pitchfork), das neue, Berlin gewidmete Album der Pet Shop Boys ("das vielleicht dunkelste Werk ihrer Karriere", meint Eckhart Nickel im Freitag),  ein neues Album des Maciej Obara Quartetts (FR), die Ausstellung "Mus-ic-on. Klang der Antike" im Martin von Wagner Museum in Würzburg (FAZ) und Nick Caves Auftritt in Mannheim (FR).
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Bühne

918 Millionen für die Sanierung der Frankfurter Bühnen oder 874 Millionen für Abriss und Neubau - das sollen die beiden einzigen Alternativen sein, fragt ein entsetzter Niklas Maak in der FAZ nach einer Pressekonferenz von Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig, die einen Neubau  favorisieren würde. Da würde er doch gerne mal über "absurde Dämm- und Komforterwartungen" diskutieren und über die angeblich unabdingbare "zukunftsfähige" Technik eines Theaters. "Es ist auch diese letztlich konsumistische Definition von 'internationalen Standards', die die großen Theater immer mehr wie überdimensionierte, sämtliche Ressourcen fröhlich zerdieselnde Kreuzfahrtschiffe aussehen lässt. ... In den babylonischen Berliner Kulturbauten haben Kuratorinnen und Kuratoren mit kargen Ausstellungsetats, untertariflichen Hungerlöhnen und prekären Arbeitsverhältnissen zu kämpfen - und auch die Gehälter für Schauspieler, das Geld für die Ensembles und den Betrieb der großen Theater stehen meist in keinem Verhältnis zu den Phantasiesummen, die für ihren Bau losgeeist werden." Da gefallen Maak die Arte-Povera-Entwürfe der Studenten für den Interimsbau in Frankfurt doch deutlich besser. Sie werden derzeit im DAM in Frankfurt ausgestellt, online sehen darf man allerdings gar nichts.

Hubert Spiegel erzählt in einem zweiten Artikel von den Erwägungen, die hinter einem Neubau stehen: Würde das Terrain am Willy-Brandt-Platz geräumt, könnte die Stadt Hunderte von Millionen Euro durch den Verkauf des Grundstücks einnehmen. Oper und Theater müssten umziehen.

Das Ensemble des Berliner Balletts ist sauer über den Rückzug von Sasha Waltz und Johannes Öhmann, meldet die Berliner Zeitung. Öhmann soll sogar schon ab dem 1. März wieder in Dänemark arbeiten, berichtet Petra Kohse. Im Tagesspiegel kann Rüdiger Schaper die Wut der Compagnie gut nachvollziehen: "Aufgeben in der ersten Spielzeit! Es sieht schon sehr nach einem Ego-Trip aus, den Sasha Waltz da durchzieht. Denn an anderer Stelle bleibt sie weiter viel beschäftigt ... Unglücklicher könnte die Terminierung nicht sein. Sie lässt aber vermuten, was Sasha Waltz wichtig ist - die Arbeit mit der eigenen Compagnie, die sie mit Geduld und Geschick aufgebaut hat, an der ihr Herz hängt; dort sind die Strukturen freier, für ihren Geschmack kreativer." Einen Nachfolger auf die Schnelle sieht Schaper nicht, obwohl: "Beim Wuppertaler Tanztheater steckt Adolphe Binder in einem Intrigensumpf (unsere Resümees). Sie ist eine erfahrene Ballett-Managerin und kennt Berlin." Wiebke Hüster, deren Berichterstattung an der Kündigung Binders nicht ganz unschuldig war, würde der Schlag treffen! Sie träumt sich in der FAZ durch die internationale Tanztheater-Direktorenszene. Man kann sich allerdings kaum vorstellen, dass einer der Genannten Lust hat, von London, Moskau oder Oslo nach Berlin zu wechseln.

Weitere Artikel: In der NZZ freut sich Michael Stallknecht über die Korngold-Renaissance in Italien, die gerade in Pier Luigi Pizzis Inszenierung von Korngolds Oper "Violanta" am Teatro La Fenice gipfelt. In der nachtkritik denkt Georg Kasch über Hosenrollen für Frauen im Zeitalter der Liberalisierung nach. Nach anonymen Vorwürfen, wonach Schülerinnen und Schüler an der Staatlichen Ballettschule in Berlin zu starkem Leistungsdruck ausgesetzt seien, soll nun eine Untersuchungskommission eingesetzt werden, berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel.

Besprochen werden Luk Percevals Genfer Inszenierung von Mozarts "Entführung" (SZ) und Frank Castorfs Inszenierung "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" nach Carl Sternheim am Schauspiel Köln (alles Castorftypische da, nackte Schauspielerinnen inklusive, meint Cornelia Fiedler in der SZ, "nur: die politische Reflexion des Inhalts, vor allem aber der eigenen stereotypen Darstellungsweise fehlt", Zeit)
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Kunst

In der Berliner Zeitung stellt Ingeborg Ruthe die Malerin Sarah Haffner vor, an die die Ausstellung "Goodbye to Berlin" in der Berliner Galerie Poll erinnert. Außerdem erinnert Ruthe an den vor 100 Jahren gestorbenen Maler Amedeo Modigliani, in der NZZ schreibt Christian Saehrendt. Der Künstler Timm Ulrichs erhält den Käthe-Kollwitz-Preis, meldet Irmgard Berner in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Ausstellung "Family Business" im Centrum Judaicum der Neuen Synagoge Berlin (taz) und die Ausstellung "Striking Moments in Photojournalism" in der Zürcher Photobastei (NZZ).
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Literatur

Besprochen werden Annie Ernauxs autobiografischer Text "Eine Frau" über ihre Mutter (NZZ), Lisa Taddeos "Three Women" (FR), Michail Prischwins "Tagebücher. Band 1. 1917 bis 1920" (NZZ), Michi Strausfelds "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren: Lateinamerika erzählt seine Geschichte" (SZ) und Anthony Horowitz' neuer "James Bond"-Roman "Ewig und ein Tag" (Tagesspiegel).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele mehr zum Bestellen finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Buchladen Eichendorff21.
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Stichwörter: James Bond, Ernaux, Annie

Architektur

In der NZZ schreibt Sabine von Fischer zum Tod des Architekten und Superstudio-Mitbegründers Adolfo Natalini.
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Film

Alter weiser Mann: Patrick Stewart ist mal wieder Jean-Luc Picard (Bild: Amazon)

Mit der Amazon-Serie "Star Trek: Picard" feiert Patrick Stewart nach fast 20 Jahren sein Comeback als Jean-Luc Picard, dem grübelndsten Held aus der Geschichte des "Star Trek"-Universums: Unter seiner Ägide wurde auf der Enterprise noch viel über gesellschaftliche Verantwortung, Pflicht und Diplomatie philosophiert - seitdem und insbesondere seit 9/11 hat sich in der Science-Fiction viel geändert, vor allem eine Militarisierung des Genres habe seitdem stattgefunden, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline. Die nun vorliegende Serie ficht das nicht, sondern bleibt dem pazifistischen Gestus verbunden, die einen aber auch spüren lasse, "wie weit entfernt unsere Gegenwart inzwischen von jener Zeit ist, die in 'Next Generation' einst ein so gutes Spiegelbild fand; von einer Zeit, in der man sich schon einmal am 'Ende der Geschichte' angelangt glaubte und in einem Zustand, in dem alle Konflikte durch den Wunsch nach Verständigung beigelegt werden können, durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments und durch größtmögliche Empathie mit dem Fremden und Anderen." Die Nostalgie dieser Serie gelte daher "nicht nur einer alten Science-Fiction-Serie und ihren Helden, sondern auch einer vergangenen Ära der Zuversicht und des Friedens." Weitere Besprechungen in Presse und FAZ, wo Dietmar Dath "Jean-Luc Picards Sorgenfalten" in Ehren hält.

Weiteres: In der FAZ gratuliert Bert Rebhandl dem Schauspieler Daniel Auteuil zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Til Schweigers neue Komödie "Die Hochzeit" ("ein vergleichsweise mildes Alterswerk", staunt Matthias Dell auf ZeitOnline), Christoph Hübners und Gabriele Voss' Dokumentarfilm "Nachlass - Passagen" (taz), Ladj Lys "Les Misérables" (Jungle World, mehr dazu hier und dort), die dritte, vorerst nur auf Sky gezeigte Staffel von "Berlin Babylon" (Welt, FAZ) und die von Arte online gestellte Serie "Tödliche Flucht" (FAZ).
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