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Efeu - Die Kulturrundschau

Die Regeln des poetischen Spiels

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2020. Vogue feiert die Jungfrau in Valentino Couture. In der FAZ freut sich Städel-Direktor Philipp Demandt über den Erfolg der digitalen Angebote seines Museums. In der FR erklärt dagegen der Intendant der Frankfurter Oper Bernd Loebe, über Streaming noch nachdenken zu müssen. Die FAZ porträtiert den syrischen Schriftstelller Khaled Khalifa. Im Freitag erklärt Nora Gomringer, warum sie für die Veröffentlichung des Vergewaltigungsgedicht von Rammstein-Sänger Till Lindemann ist. Die Musikkritiker hören das neue Album der Strokes.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2020 finden Sie hier

Kunst

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Kürzlich haben wir auf ein Projekt des Getty Museums hingewiesen, dass seine Besucher ermuntert, berühmte Gemälde nachzustellen (unser Resümee). Eine andere Form des Nachstellens hat sich der Fotograf Edwin Antonio ausgedacht, der für sein Buch "Runway Dreams" Charaktere aus klassischen Gemälden nach New York oder Versailles versetzt und ihnen zeitgenössische Haute Couture auf den Leib gephotoshoped hat, erzählt Laird Borrelli-Persson bei der Vogue. "In these scenarios, Élisabeth Vigée Le Brun's 18th-century beauties rock Gothic gear, and Botticelli's Venus, Simonetta Vespucci, trades in her birthday suit for a striped minidress. Antonio's collage technique reframes familiar things, notes [Stylist Leaf] Greener, so that they 'can elicit different emotions when they collide in diverse contexts.'" Wer Lust auf mehr hat, Borelli-Persson hat außerdem eine Fotostrecke von der kommenden Herbstmode zusammengestellt, die zeigt, wie stark sich die Designer von Renaissancegemälden haben inspirieren lassen.

Im Interview mit der FAZ skizziert der Städel-Direktor Philipp Demandt die Folgen der Corona-Krise für Städel und Schirn Kunsthalle und versucht, der Krise auch etwas Positives abzugewinnen: "Seit der Krise sind die Zugriffe auf unsere digitalen Angebote schlagartig gestiegen, teils um das Zehnfache. Die sehr rechtzeitig begonnene digitale Erweiterung unserer Häuser war ein richtiger Weg, den viele Museen inzwischen beschreiten. Aber er kostet sehr viel Geld. Eine digital zugängliche Sammlung, Filme, Podcasts, Digitorials, Audioguide-Apps - all das ist lohnend und bringt übrigens am Ende mehr Besucher ins Museum, nicht weniger."

Weiteres: In der NZZ berichtet Marion von Löhndorf, wie die britische Kunstszene mit der Pandemie umgeht. Besprochen wird eine Installation von Christiane Möbus, die man durch das Fenster der Berliner Galerie Volker Diehl betrachten kann (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Bühne

Die Oper Frankfurt ist digital weniger gut aufgestellt, entnimmt man einem Interview der FR mit Intendant Bernd Loebe: "Präsenz wäre schon wichtig, aber wir haben nicht viele Aufzeichnungen. Wir haben 'Die Entführung aus dem Serail' mit dem HR produziert, und wir haben Händels 'Xerxes'. Wir überlegen gerade, letzteren auf unseren Online-Kanal zu stellen." Für das Streamen der Aufzeichnung des "Rings" müsse allerdings erst "mit der Produktionsfirma verhandelt werden. Aber klar, Streaming wird immer wichtiger, immer mehr Leute scheinen auch damit Geld zu verdienen, sonst wär's nicht so wichtig. Es gibt Häuser, die mit festinstallierten Kameras und festem technischen Equipment arbeiten, um regelmäßig streamen zu können. Langfristig wird das für die Oper Frankfurt sicher ein Thema werden, momentan können wir da nur sehr reserviert sein."

Schon erstaunlich, dass die kleine nachtkritik schafft, was ein subventionierter Tanker wie die Oper Frankfurt offenbar noch nicht mal angedacht hat: Sie streamt bis heute 18 Uhr Nicolas Stemanns Uraufführung von Elfriede Jelineks "Wut", und den aktuellen Online-Spielplan gibts natürlich auch. Besprochen wird außerdem die erste Online-Uraufführung seit Ausbruch der Corona-Krise: Joachim Zelters Stück "Corona zu zweit" vom Theater Gütersloh. Kann man hier bei Youtube sehen:



Außerdem: Theater ist wie Boxen, es funktioniert nicht ohne Publikum, meint Bernd Noack in der NZZ: "Schon der Gong in der Sportarena erinnert an das Klingelzeichen, mit dem die Zuschauer zur Vorstellung gerufen werden; die Runden, über die ein Kampf geht, entsprechen den Akten eines Stückes; und wie oft gibt es hier wie dort verbotene Tiefschläge, egal ob in die Magengegend oder verbal in die Seeleneingeweide, die den Gegner nach Luft schnappen lassen."
Archiv: Bühne

Literatur

Im "Literarischen Leben" der FAZ porträtiert Lena Bopp den syrischen Schriftsteller Khaled Khalifa, den sie nicht nur wegen seiner Romane, in denen er seine Kritik am Regime seines Heimatlandes hinter geschickten literarischen Gesten camoufliert, faszinierend findet, sondern auch für seinen Wagemut: "Er besitzt einen Reisepass voller Visa, für welche die meisten seiner Landsleute enorme Opfer in Kauf nehmen würden. Und doch kehrt er freiwillig nach jeder Reise in sein Heimatland zurück. Dabei hätte er allein Grund, Syrien zu verlassen." Und Bopp wundert sich, dass Khalifa für seine "schonungslosen" Bücher noch "nicht längst in einem Foltergefängnis des Regimes verschwunden ist. ... 'Das Leben in Syrien ist hart', sagt Khalifa. Manchmal gebe es kein Essen und nur selten Strom. 'Aber wir haben vierzig Jahre lang auf die Revolution gewartet. Wenn wir bleiben können, müssen wir bleiben. Manchmal kommen junge Leute auf der Straße auf mich zu und sagen mir: 'Wir sind froh, dass Sie uns hier unterstützen, verlassen Sie uns nicht!' Sie schauen auf mich. Das Regime weiß das, es weiß alles.'"

Nach anfangs ebenfalls geteilter Entrüstung über das Vergewaltigungsgedicht von Rammstein-Sänger Till Lindemann (mehr dazu hier und dort) hat die Lyrikerin Nora Gomringer ihre Position dazu überdacht, schreibt sie im Freitag. "Ich würde es auch veröffentlichen. Denn Lindemann mag mir nicht gefallen als einer, der die Dinge poetisch unverstellt beim Namen nennt, aber er bleibt sichtbar mit seinen Fantasien und Phantasmen und ich fürchte mich weit eher vor denen, die im Dunkeln bleiben." Und "niemals sind wir angehalten, ohne triftigen Grund, den Autor mit dem im Text auftretenden 'Ich' gleichzusetzen und dadurch endgültige Schlüsse auf dessen Geisteszustand, seine moralischen Überzeugungen oder Absichten zuzulassen. Dies sind die Regeln des poetischen Spiels, dies sind die Freiheiten der Meinung."

Die Schriftstellerin Esther Kinsky berichtet im Logbuch Suhrkamp von ihrer "ehrlich gesagt ganz angenehmen Isolierung". Die Nachrichten hat sie bis auf einen abendlichen Blick auf die Statistik ausgeblendet, "denn es gibt ja auch nicht viel anderes. Es ist, als hätte man all den Kummer der Welt, all diese Ungerechtigkeiten, Kriege, die furchtbare Situation der Flüchtlinge schlafen gelegt. Oder in Quarantäne geschickt. Jeder horcht bloß noch in die eigene Brust, aber nicht auf Herzensregungen, sondern ob vielleicht schon Corona kratzt."

Weitere Artikel: Paul Jandl rät in der NZZ dazu, sich in der Corona-Isolation mit der Lektüre der Kolumnen Max Goldts für die Zeit danach zu wappnen - denn dann bekäme man "eine Ahnung davon, wie anstrengend ganz unangestrengte Normalität sein kann." Im Freitext-Portal von ZeitOnline schreibt der Schriftsteller Manfred Rebhandl darüber, wie er 1968 als Dreijähriger erstmals mit dem Tod in Berührung kam, als seine kleine Schwester starb. Hans Christoph Buch liest für die Literarische Welt Paul Celans 1952 verfasstes, damals aber noch ganz dem gleichnamigen Himmelszeichen gewidmetes Gedicht "Corona". Die Schriftstellerin Kristen Roupenian berichtet in der SZ von ihrem Corona-Alltag auf Cape Cod in den USA. Für die NZZ besucht Bernd Noack die Berliner Buchhandlungen, die - anders als die in anderen Städten - unter Auflagen noch geöffnet sind. Außerdem hat Bernd Noack für die NZZ nachgesehen, wie Literatur und Theater aufs Boxen schauen. Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Sabine Rohlf (Berliner Zeitung) erinnern an die 1970 gestorbene Schriftstellerin Marlen Haushofer, die heute vor 100 Jahren geboren wurde. Im Literatur-Feature von Dlf Kultur befasst sich Sven Ahnert mit der Rolle der Spiritualität in der US-Gegenwartsliteratur. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Sabine Fringes über den Schriftsteller Roald Dahl.

Besprochen werden unter anderem Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson & Johnson" (54books.de), Ocean Vuongs Gedichtband "Nachthimmel mit Austrittswunden" (Standard), Anna Herzigas "Herr Rudi" (taz), T.C. Boyles Storyband "Sind wir nicht Menschen?" (NZZ), Mario Vargas Llosas "Harte Jahre" (FR), Lina Meruanes "Heimkehr ins Unbekannte" (Tagesspiegel), Tom Kummers "Von schlechten Eltern" (Freitag), Ivana Sajkos "Familienroman" (taz), Moritz von Uslars "Nochmal Deutschboden" (SZ), Matthias Wittekindts Kriminalroman "Die Brüder Fournier (FR), J.M.G. Le Clézios "Alma" (FAZ, Literarische Welt) und neue Lyrikbände von Nadja Küchenmeister, Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß und Jo Shapcott (Literarische Welt).
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Archiv: Literatur

Architektur

In der FAZ stellt Klaus Englert das italienisch-katalanische Architekturbüro Barozzi Veiga vor, das unter adnerem die Philharmonie in Stettin erbaut und das Zürcher Tanzhaus am Limmatufer erweitert hat. Und Andreas Rossmann unternimmt, ebenfalls für die FAZ, virtuelle Rundgänge durch die Archäologischen Parks Pompeji und Herculanum.
Archiv: Architektur

Film

Sehr schade, aber auch sehr erwartbar und nachvollziehbar findet es Dunja Bialas auf Artechock, dass das für Ende Juni geplante Filmfest München abgesagt wurde: Dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Chance nicht genutzt hat, um auf Digitalisierung und Virtualisierung zu drängen, wundert sie dann aber doch, schließlich hatte Söder vor einiger Zeit beträchtliche Mittel dafür in Aussicht, dass sich das Festival - zum Missfallen der Cinephilen - als neuen Fokus "Games und Virtual Reality" erschließt. Allerdings scheinen in den Pressemitteilungen Veränderungen für die Zukunft bereits durch: Akzentuiert werde darin "die jetzt eingeforderte Adaptionsbereitschaft aller an die veränderten Verhältnisse - die bis nach Corona andauern werden, darauf werden wir schon vorbereitet. Am Ende werden die behauptete Alternativlosigkeit, die Schaffung vollendeter Tatsachen, die technologische Evolution und auf der anderen Seite die natürliche Auslese - biologisch, ökonomisch und kulturell - unser aller Leben verändert haben. Das Filmfest München jedenfalls hat in seiner alten Form wohl letztes Jahr auch zum letzten Mal stattgefunden. Wie schade."

Weitere Artikel: Nora Moschuering entdeckt für Artechock Essayfilme über den Alltag. Thomas Groh empfiehlt in seinem Blog Michael Shanks' Kurzfilm "Rebooted", eine liebevolle Hommage an das Animationskino von Ray Harryhausen. Der Filmdienst hat die besten, da am liebevollsten und sorgfältigsten aufbereiteten BluRays und DVDs der letzten Monate rausgesucht. Online aus der FAS nachgereicht, erinnert Katja Petrowskaja an die Experimentalfilmemacherin Maya Deren, die in gewisser Hinsicht auch Vordenkerin von Cat Content gewesen ist:



Besprochen werden Savas Ceviz' "Kopfplatzen" und  Jean-Marie Straubs neuer Film "La France contre les robots" (Perlentaucher), die Adaption von Philip Roths Roman "The Plot Against America" als Mini-Serie (NZZ), Ljubomir Stefanovs und Tamara Kotevskas auf DVD erschienener Dokumentarfilm "Land des Honigs" über die letzte Wildimkerin in Nordmazedonien (taz) und ein von Judith Keilbach und Thomas Morsch herausgegebener Band mit Texten der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch (Artechock).
Archiv: Film

Musik

Nils Erich recherchiert für ZeitOnline wie es den Berliner Clubs geht, die sich mit den via der Plattform United We Stream erwirtschafteten Spendeneinnahmen immerhin ein klein wenig Linderung verschaffen konnten. Wie es - zumal nach dem Ende der Krise - weitergeht, bleibt allerdings ungewiss, da Clubs die Einnahmeausfälle schwer kompensieren können: "Was lässt sich da tun? Etwa die Preise für Eintritt und Bier erhöhen, wenn die Clubs wieder öffnen? Kaum möglich, sagt Leichsenring von der Berliner Clubcommission. Damit werde nur die Szene verschreckt. Und als Orte engen sozialen und physischen Kontakts dürften Clubs wohl erst als Letzte wieder aufmachen. ... Sollten die Berliner Clubs Erfolg haben und irgendwie durchhalten, könnten sie damit wichtige Türen öffnen für die Anerkennung der Clubkultur, nicht nur in Berlin."

Weitere Artikel: Gottfried Knapp schwärmt in der SZ von Bachs Kantaten. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner Herbie Hancock zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album der Strokes (SZ, Presse, ZeitOnline), das Nature-Writing-Album "Conference of Trees" von Pantha Du Prince, das taz-Kritiker Lars Fleischmann allerdings wenig umhaut ("Wer das Neue dem Bekannten vorzieht, wird enttäuscht zurückbleiben"), und Jessie Reyez' Pop-Debütalbum "Before Love Came to Kill Us", an dem Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche einigen Gefallen findet: "Gegenwärtiger und streetsmarter, abgebrühter und dabei verletzlicher kann Pop im Moment kaum klingen." Wir hören rein:

Archiv: Musik