Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Funktionalität und Glamour

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28.12.2020. Im Dlf spricht Swetlana Alexijewitsch in einer Essay-Reihe zur Lage in Belarus. Die New York Times lernt vom Harlemer Fotografen-Kollektiv Kamoinge, wie man einen Berg erklimmt. Der Freitag erkennt in der Mode des südafrikanischen Designer Thebe Magugu das alte Spionage-Prinzip, sich bei voller Sichtbarkeit zu verbergen. Die FAZ beobachtet, wie sich nun auch Warner mit "Wonder Woman" vom Kino verabschiedet. 125 Jahre nach der ersten Kinovorführung in Paris, wie die Welt erinnert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2020 finden Sie hier

Kunst

Louis H. Draper: "Boy and H", Harlem, 1961. Foto: Whitney Museum

Siddhartha Mitter stellt in einem sehr schön bebilderten Artikel in der New York Times das Fotografen-Kollektiv Kamoinge vor, das sich 1963 in Harlem zusammenfand, um den klischeehaften Darstellungen schwarzen Lebens in amerikanischen Medien eigene Arbeiten entgegenzusetzen. Das New Yorker Wihtiney Museum widmet ihm eine Ausstellung: "Die Trennung war selbst in den sechziger Jahren enorm, als Harlem vor Kultur vibrierte, doch die Bilder waren geprägt von den Erwartungen der meisten Medien, die Armut und Gewalt sehen wollten, oder sich auf Personen wie Malcolm X fixierten, die immer gut für eine Meldung waren. Das reguläre Leben spielte keine Rolle... In verschiedenen Telefoninterviews erinnern sich die Kamoinge-Veteranen, die allesamt die siebziger oder achtziger erreicht haben, wie sie gegenseitig voneinander lernten. Sie benannten sich nach dem Kikuyu-Konzept, dass der kenianische Politiker Jomo Kenyatta in 'Facing Mount Kenya' aufgeführt hatte und das man mit 'Menschen, die zusammenarbeiten' übersetzen kann. 'Wir trafen uns jeden Sonntag und sprachen über Kunst und Musik', berichtet Cowans. Er führte die Gruppe in das Kino Akira Kurosawas ein, und er vergab Aufträge: 'Fotografiert Schatten. Fotografiert Schnee.'"

Simon Denny, Amazon worker cage patent drawing as virtual King Island Brown Thornbill cage, 2019. Photo: Jesse Hunniford/Mona
Die aktuelle Fotografie versucht mehr und mehr, algorithmischen Bildlogiken für das menschliche Auge wahrnehmbar zu machen, bemerkt Jochen Becker in der taz und erkennt vor allem in den derzeitigen Ausstellungen im K21 in Düsseldorf, wie sich die Fotografie von der Kamera verabschiedet. Bei Hito Steyerl und Thomas Ruff, aber auch bei Simon Denny (Ausstellung): "Der in Neuseeland geborene und in Berlin lebende Denny übertrug seine ursprünglich den Bergbauregionen in Australien gewidmete Arbeit "Mine" auf die Industrieregion Rhein/Ruhr: Nicht weit vom K21-Museum liegt der Rest des vom Braunkohleabbau geschundenen Hambacher Waldes. Denny bezieht sich jedoch auf die schon zum Museum umgewandelte Zeche Zollverein in Essen, wobei er zusammen mit dem Künstler Jan Berger in der Spielewelt 'Minecraft' eine digitale Raum-Fahrt durch das Ruhrmuseum mit dem K21 im Stollen verknüpft. Die Ausstellung findet somit im Keller des virtuellen Museumskomplexes als auch im realen Ausstellungsraum statt. Jedoch erinnert dieser mit auf Wand und Boden angebrachten Computergrafiken sowie von Paul Riebe entwickelten cyberpunkartige Pappaufsteller von überzeichneten Bergbauprodukten eher an Messearchitekturen oder Themenparks."

Weiteres: Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg erinnert in der FAZ-Reihe an die große Ausstellung der Moderne "La grande parade" im Amsterdamer Stedelijk Museum 1984 (mehr hier). Besprochen wird eine Ausstellung zu den Künstlern Emil Pirchan und Josef Maria Auchentaller im Wiener Leopold-Museum (Standard).
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Design

Freitag-Kritikerin Sonja Eismann erfährt in den Entwürfen des südafrikanisches Designers Thebe Magugu, wie sich Mode und Politik verbinden lassen. Magugu lässt sich dabei von Spioninnen inspirieren: Er schuf "Ensembles zwischen Funktionalität und Glamour", deren Fokus darauf liegt, sich bei voller Sichtbarkeit zu verbergen: "Unter den Entwürfen finden sich exakt geschnittene Anzüge, schwingend feminine Kleider und von den 90ern beeinflusste Streetstyles. Die politischen Fragen verstecken sich im Detail: Am Revers eines Jacketts schlängelt sich kaum erkennbar das Kabel eines Abhörmikros hoch, eine Ledertasche lässt sich nur mit Passwort öffnen, auf eine adrette weiße Bluse ist das Transkript eines Spionage-Geständnisses gedruckt, auf einem Parka verbindet sich die Grafik eines Lügendetektors mit dem Code eines Computer-Phishing-Virus."

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Die Handtasche sichert den Modeherstellern auch im Lockdown mit erhöhten Absatzzahlen den Umsatz, schreibt Marion Löhndorf, die sich für die NZZ im Victoria & Albert Museum in London eine Ausstellung zur Geschichte der Handtasche angesehen hat. Das Accessoire ist ein dankbares Spielfeld für Designideen, erfährt sie dort: Denn "anders als andere Gegenstände des Modedesigns umschließt sie den Körper nicht. Diese Eigenständigkeit lässt auch der Fantasie der Designer große Freiräume. Schon im 17. Jahrhundert ersonnen ihre Gestalter exotische und skurrile Formen, empfanden sie Muschelschalen, Ananas oder Blumenkörben nach. Bis heute gibt es sie, die schrägen Gebilde, kleinen Häusern oder anderen Gegenständen nachempfunden, in den Kollektionen von Anya Hindmarch oder Lulu Guinness."
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Literatur

Die DLF-Reihe Essay und Diskurs spricht ausführlich mit Swetlana Alexijewitsch über ihr literarisches Schaffen und die Lage in Belarus: Den Verletzten der Proteste "wird die Behandlung im Krankenhaus verweigert, man will ihre Verletzungen nicht dokumentieren, ihre Berichte nicht anhören. Auf diese Weise soll die Erinnerung getilgt werden, und in den vielen Jahren, seit ich mich mit Erinnerung beschäftige, habe ich noch einmal so deutlich wie nie gesehen, wie schlimm es ist, die Erinnerung zu verlieren, wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Wenn wir das nicht tun, ist es, als hätte das alles nicht stattgefunden. In einer Situation wie heute verlangt das Mut und Zivilcourage, von dem Arzt, der einen Verletzten behandelt und die Erinnerung daran bewahrt, von dem Menschen, der das erlebt hat und davon berichtet. Erinnerung ist fast so etwas wie ein lebendiger Organismus, dem man ehrlich dienen muss, um nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was uns widerfahren ist."

Weitere Artikel: In der taz erzählt Leonhard F. Seidl, wie er Reza Pahlawis Besuch in Rothenburg 1967 zu seinem Roman "Der falsche Schah" verarbeitet hat. In Ägypten boomt das literarische Horrorgenre, ist NZZ-Korrespondentin Susanna Petrin aufgefallen. Urs Hafner trauert in der NZZ um die "Suhrkamp-Kultur", die für seinen Begriff seit geraumer Zeit unterzugehen droht. Gisela Trahms erzählt in den "Actionszenen der Weltliteratur" davon, wie sich Adalbert Stifter von zwei Kindern zu seiner Geschichte "Bergkristall" inspirieren ließ. Michael Freund erinnert im Standard an Bill Wattersons letzten (und herzzerreißend schönen) Cartoon aus seiner "Calvin & Hobbes"-Serie, der vor 25 Jahren erschienen ist. Corinne Orlowski widmet sich in einer "Langen Nacht" von Dlf Kultur der Literatur der italienischen Renaissance. Und viel Lesestoff für die Zeit zwischen den Jahren: Jurysprecher Klaus Brinkbäumer kürt im Tagesspiegel die besten Essays des Jahres.

Besprochen werden unter anderem Anna Burns' "Milchmann" (Freitag), Szczepan Twardochs "Das schwarze Königreich" (Tagesspiegel), Ali Smiths "Winter" (ZeitOnline), Anatol Regniers "Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus" (Freitag), Marina Zwetajewas Essaysammlung "Lichtregen" (Tagesspiegel), Ivo Andrićs "Insomnia" (Freitag), die Wiederveröffentlichung von Margaret Goldsmiths ursprünglich 1931 veröffentlichtem Berlinroman "Patience geht vorüber" (Tagesspiegel), der Band "99 beste Schweizer Bücher" (NZZ), John Burnsides "What light there is. Über die Schönheit des Moments" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Sydney Smiths Bilderbuch "Unsichtbar in der großen Stadt" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Wulf Segebrecht über Augustus Buchners "Der Christen Schiff-Fahrt":

"Unser Leben ist ein Meer,
Die Begierden sind die Wellen,
Die sich grausamlich aufschwellen
..."
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Bühne

Im Van-Interview mit Hartmut Welscher verteidigt der Tänzer Michael Carman sein heftig attackiertes Video für die Kampagne #Wellenbrecher. In dem Video sagt Carman, der in der Corona-Pandemie seine Tanzkarriere zugunsten eines Medizinstudiums aufgegeben hat, dass die Krise ihm alles genommen und alles gegeben habe. Der Kampagne wurde vorgeworfen, die Kunst für zweitrangig oder überflüssig zu erklären. In der Nachtkritik plädiert Max Florian Kühlem für mehr Mut bei der Inszenierung traditioneller Weihnachtsstücke. In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler zum Tod des Volksbühnen-Schauspielers Harald Warmbrunn.
Archiv: Bühne
Stichwörter: Corona, Pandemien

Film

Wonder Woman 1984, Gal Gadot


An Weihnachten stellte Warner mit Patty Jenkins' "Wonder Woman 1984" seinen ersten Blockbuster parallel zur (sehr überschaubaren) Kinoauswertung in den USA auf den konzerneigenen Streamingdienst HBO Max online - viele weitere sollen folgen. Dass diese umstrittene Corona-Strategie sich auf 2021 beschränken wird, glaube in der Branche kaum noch jemand, schreibt Verena Lueken in der FAZ. Schließlich gehören Warner und HBO Max dem Netzwerkbetreiber AT&T und der hat ein handfestes Interesse daran, sich im Streaming besser aufzustellen: Denn "ohne Parkgebühren, Benzin und Popcorn kostet ein Kinobesuch eine vierköpfige amerikanische Familie mehr als fünfzig Dollar. Ein HBO-Max-Abo (das nur den amerikanischen Kunden zur Verfügung steht) kostet fünfzehn Dollar im Monat. Für den Kunden, so scheint es, eine leichte Rechnung. Aber für AT&T? 'Wonder Woman' hat ein Produktionsbudget von an die zweihundert Millionen Dollar. Wie können sich solche Kosten über Fünfzehn-Dollar-Abos amortisieren?"

Dazu passend hält Hanns-Georg Rodek in seinem für die Welt verfassten Geburtstagsgruß fürs Kino (heute vor 125 Jahren fand die erste Kinovorführung in Paris statt - mehr dazu im Tagesspiegel) fest, dass das Kino seit Jahrzehnten nicht mehr dem Publikum, sondern den Anlegern der übergeordneten Konzerne verpflichtet ist. Und dass sich in der akuten Kinokrise nun räche, dass die großen Kinoketten in den letzten Jahrzehnten "immer stärker auf immer weniger Pferde gesetzt, manchmal 19 von 20 Leinwänden dem neuesten 'Harry Potter' oder 'Wonder Woman' überlassen haben. Dies war eine kurzsichtige, eine abhängig machende Politik, die auf eine einzige Säule setzte", die nun wegbreche. Rodek wendet sich außerdem strikt gegen den vom Filmhistoriker Lars Henrik Gass geäußerten Vorschlag, den Kinobetrieb den Weg von Oper und Theater, also in die subventionierte Selbstmusealisierung beschreiten zu lassen: Kino "muss vital, es muss populär bleiben."

Weitere Artikel: Kathleen Hildebrand spricht in der SZ mit den Machern des neuen (von Tobias Kniebe besprochenen) Pixar-Films "Soul" darüber, wie man eigentlich Seelen animiert. Die Geschichte der Naturdokus ist eine Geschichte der Fälschungen, schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag. Peter Weißenburger unterhält sich in der taz mit der Szenenbildnerin Silke Buhr über die Herausforderungen ihres Berufs. Die ZeitOnline-Kritikerinnen und -Kritiker rufen die besten Serien des Jahres aus.

Besprochen werden Tomm Moores und Ross Stewarts avancierter Animationsfilm "Wolfwalkers" (Perlentaucher, SZ) und die auf Amazon gezeigte Doku-Serie über Bild (Presse).
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Musik

Harald Eggebrecht schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Geigervirtuosen Ivry Gitlis. Für ihn "ein Solitär", bei dem man sofort "hörte, dass kein Schönspieler am Werk war, sondern einer, der Musik existenziell verstand. ... Gewiss, Gitlis konnte übertreiben, aber es diente immer der musikalischen Verdeutlichung: die jeweilige Musik, ob Bach oder Bartók, Alban Berg oder Fritz Kreisler, sollte sprechen, deklamieren, predigen, flüstern oder triumphieren. Das kann man nicht einstudieren, alles Probierte muss vergessen sein, wenn das Hier und Jetzt der Aufführung gekommen ist. Besonders zu Béla Bartók hatte Gitlis einen unmittelbaren Zugang, vielleicht weil er Lebensgefahr, Todesangst, Exil wie dieser Komponist am eigenen Leib erfahren hatte."

Gitlis war "ein gefragter Pädagoge und ein unorthodoxer Fürsprecher einer dezidiert emotional interpretierten Moderne gewesen", fügt dem Wolfgang Sandner in der FAZ hinzu. "Was für den radikalen Musikphilosophen Adorno noch unvereinbar schien, hat Ivry Gitlis zusammengeführt und selbst verkörpert: Er war ein intellektueller Musikant." Hier eine Playlist mit Bartók-Aufnahmen:



Weitere Artikel: Für ZeitOnline hat Andreas Bock den vor den Toren Hamburgs im Wald einsiedelnden und auch sonst ziemlich verschrobenen Punkpoeten Jens Rachut besucht. Im Freitag porträtiert Antonia Munding die Pianistinnen Danae und Kiveli Dörken, die auf Lesbos ein Kammermusikfestival gegründet haben. Der Schauspieler Matthias Brandt und der Musiker Jens Thomas widmen sich in einer Radiocollage beim Dlf Kultur dem Komponisten Robert Schumann.

Besprochen werden Gary Numans Autobiografie (NZZ) und Tolouse Low Trax' Album "Jumping Dead Leafs" (taz). Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Gitlis, Ivry, Geiger, Lesbos