Efeu - Die Kulturrundschau

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13.02.2021. Die klassische Literaturkritik schwindet, bedauern ZeitOnline und Freitag und machen sich auf die Suche nach neuen Räumen. Der Guardian entdeckt die Ziegenhaftigkeit der Liebe in jenen Werken von Robert Rauschenberg, in denen er seine Affären mit Cy Twombly und Jasper Johns verarbeitete. Schon in den Fünfzigern begann das Kinosterben, diagnostiziert der Filmdienst. Und die Musikkritiker trauern um Chick Corea, den Giganten auf den Flügeln des zwanzigsten Jahrhunderts.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2021 finden Sie hier

Literatur

Auf ZeitOnline kritisiert Insa Wilke den herbeigeführten Niedergang der Literaturkritik: Entscheider insbesondere im Rundfunk sprechen von bunter Vielfalt, die sie mit leichteren Formaten herbeiführen wollen. Dabei gebe es doch "ein stabiles buchinteressiertes Publikum. Könnte die Frage dann nicht sein: Was ist ein gutes Literaturprogramm? Und zweitens: Wie bringe ich es unter die Leute? Wäre nicht das die Frage, aus der die Aufgabe wird, die Literaturredaktionen zu lösen haben? Dort sitzen ja denkende Leute, die auch bereit sind, Programmformate zu verändern, ohne den Gegenstand und sein Publikum aus den Augen zu verlieren. ... Gerade bei den Jüngeren gibt es ein neues und deutlich sichtbares Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit. Und sie schaffen sich eigene Räume, weil sie sich in den alten nicht mehr erkennen. Blogs wie 54books.de oder praeposition.com sind dafür ein Beispiel. Hier gibt es Raum, um sich argumentativ mit Fragen auseinanderzusetzen, die man nicht mit 4.000 Zeichen oder in fünf Minuten abhandeln kann und auch nicht im Gespräch mit Moderatorinnen, die keine Sachkenntnis haben."

Literaturkritik, zumindest wenn man sie als Textgattung mit einer festen Position in Hörfunk und Feuilleton versteht, ist tatsächlich im Schwinden begriffen, lautet auch Hans Huetts Befund im Freitag. Literaturkritikern verdankt er zwar noch immer die wichtigsten Buchtipps, aber diese posten ihre Texte mittlerweile eher auf Facebook als in den klassischen Medien. Und so geht es wohl weiter: "Nach dem Verschwinden von Blogs starten in den USA neue Formate. Auch mit dem symbolischen Kapital von AutorInnen kehren diese Formate zu Formen des Vertriebs zurück, wie sie erstmals im 17. Jahrhundert in Mode kamen. Nun heißen sie Newsletter. Damals durfte das geneigte Publikum subskribieren. Das sind gute Aussichten für Menschen, die lesen, denken und schreiben können und die in den vergangenen Jahren in Publikumsmedien eine gewisse Anerkennung errungen haben. Die Plattform Substack macht es vor. Hier hören wir von Vorbereitungen zu ähnlichen Neugründungen."

Weitere Artikel: Sibylle Luithlen spricht für 54books mit Mithu M. Sanyal, die mit "Identitti" gerade ihren ersten Roman veröffentlicht hat. Gerrit Bartels telefoniert für den Tagesspiegel mit der Schriftstellerin Katja Lange-Müller, die heute ihren 70. Geburtstag feiert. Für die FR spricht Thomas Kaspar mit dem Philologen Dirk Uwe Handen über die Barocklyrikerin Sibylla Schwarz. Thomas Hummitzsch spricht für den Freitag mit Marjane Satrapi über den anhaltenden Erfolg ihres Comics "Persepolis".  Bernd Noack erinnert sich in der NZZ ans beruhigende Geklapper mechanischer Schreibmaschinen. Andreas Rossmann begibt sich für das "Literarische Leben" der FAZ im italienischen Comiso auf die Spuren des Schriftstellers Gesualdo Bufalino. In der Literarischen Welt spricht Marc Bassets mit Catherine Camus über deren Vater Albert. Für Dlf Kultur haben Konstantin Schönfelder und Holm-Uwe Burgemann ein Lockdown-Feature über Marlene Streeruwitz produziert.

Besprochen werden unter anderem Hengameh Yaghoobifarahs "Ministerium der Träume" (online nachgereicht von der FAS), Alaa al-Aswanis "Die Republik der Träumer" (taz), Hannah Brinkmanns Comic "Gegen mein Gewissen" (Jungle World), Norbert Gstreins "Der zweite Jakob" (Literarische Welt), Felicitas Hoppes "Fieber 17" (SZ) und Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau etc." (FAZ).
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Kunst

Robert Rauschenberg's "Monogram". Robert Rauschenberg Foundation. Quelle: Wikimedia

Im Guardian spürt Jonathan Jones den gar nicht so versteckten Codes in den Werken Robert Rauschenbergs nach, der seine Affären mit Cy Twombly und Jasper Johns auch in seinen Kunstwerken verarbeitete. So deutete der Kunstkritiker Robert Hughes Rauschenbergs "Monogram", jene ausgestopfte Ziege, die sich durch einen Autoreifen presst, einst als "das gewaltigste Bild des Analverkehrs, das jemals aus den psychologischen Tiefen der modernen Kunst hervorgegangen ist", erinnert Jones: "Rauschenberg begann Monogram in dem Jahr, in dem er seinen Partner wechselte. Vielleicht ist diese lüsterne Ziege wirklich ein Symbol für die Gewalt und Unberechenbarkeit der Liebe, für ihre Ziegenhaftigkeit. Rauschenberg und Johns lebten in Lofts in benachbarten Stockwerken eines ruinösen ehemaligen Industriegebäudes in der Pearl Street in Lower Manhattan. Sie wurden Geschäftspartner und unterstützten einander, indem sie unter dem Pseudonym Matson Jones Schaufenster für Uptown-Kaufhäuser gestalteten. Sie arbeiteten auch kreativ zusammen. Das Klischee der modernen Kunstgeschichte besagt, dass die machohaften Maler des abstrakten Expressionismus im Amerika der Nachkriegszeit die Oberhand behielten, bis Johns und Rauschenberg diesen malerischen Big-Boy-Kult unterliefen."

Heute wäre Sigmar Polke achtzig Jahre alt geworden. In einem sehr persönlichen Text im Monopol-Magazin erinnert Hans-Joachim Müller an den Maler, der mit hochgiftigen Substanzen hantierte und der seine Gesundheit für das Malen aufs Spiel setzte: "Es liegt ein gefährlicher Zauber über Polkes Bildern, etwas Dschungelblütenartiges, als entdeckte Malerei ihre sinnlichen Möglichkeiten auf ziellosen Fern- und Zeitreisen, als hätte erst das Atelier zum Labor umgerüstet werden müssen, um koloristische Roh- und Reizstoffe wie Bleimennige, Mangan, Kobalt und Silberbromid zu erschließen. Zuletzt stand er mit Schutzanzug vor der Staffelei, bewachte die Oxidation dampfender Essenzen und hat nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin - und leider auch Theologie - durchaus studiert, die Schönheit aber nur in der Magie gefunden. Große Kehre? Polke vorkopernikanisch?" In der FR erinnert Ingeborg Ruthe an den "letzten Dadaisten" der Bundesrepublik.
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Film

Im Filmdienst blickt Daniel Kothenschulte auf die lange, schon in den späten 50ern einsetzende Geschichte des Kinosterbens zurück. Die Coronakrise könnte hier jetzt einen letzten Sargnagel darstellen, fürchtet er. Lars Henrik Gass' Vorschlägen, das Kino strukturiert in die Musealisierung zu überführen, ähnlich wie sich Städte auch Theater und Museen halten (mehr dazu etwa hier), findet er zumindest fürs Erste plausibel. "Doch moderne Multimedia-Museen, so vielseitig einsetzbar und populär sie sein mögen, werden uns die Kinos nicht ersetzen, weder in ihrer spezifischen Architektur noch als Aura gelebter Geschichte. Erst recht werden sie nicht das 'Dispositiv Kino' vermitteln können, also den komplexen Sinnzusammenhang zwischen der offenen Vielfalt des Filmangebots, seiner Präsentation und dem Publikum. ... Mein Vorschlag lautet deshalb: Die Musealisierung sollte nicht mit schicken Neubauten beginnen, sondern mit dem Erhalt wenigstens eines noch existierenden Traditionskinos in jeder Stadt. Die Essener Lichtburg ist hier ein Beispiel, das International in Berlin, das Gartenbaukino in Wien. Aber auch kleine Kinos wie etwa die Kölner Filmpalette oder das Frankfurter 'Mal seh'n' können das Wunder bewirken, Film authentisch zu erleben."

Weitere Artikel: Kracauer-Stipendiatin Esther Buss spricht in ihrem Filmdienst-Blog mit der Filmemacherin Lynne Sachs. Johanna Adorján spekuliert in der SZ, wie wohl der neue "James Bond" sein wird. Für Kinozeit geht Joachim Kurz mit dem Kino in Therapie. Das Duscope-Blog würdigt Nick Nolte, der diese Woche 80 wurde, mit einem großen Porträt.

Besprochen werden Francis Savels derzeit in der Edition Salzgeber gezeigter Kunstporno "Gleichung mit einem Unbekannten" von 1980 (critic.de, unsere Kritik hier), Nancy Mecklers ebenfalls in der Edition Salzgeber gezeigter "Sister My Sister" von 1994 (Filmgazette), Jo Sung-hees auf Netflix gezeigter, südkoreanischer Science-Fiction-Film "Space Sweepers" (SZ), "Music", der erste Spielfilm der Popmusikerin Sia (Standard), und Midge Costins von Arte gezeigter Dokumentarfilm "Making Sounds" über die Geschichte des Filmtons (FAZ). Der Sender hat den Film auch auf Youtube gestellt:

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Archiv: Film
Stichwörter: Kinokrise, Coronakrise, Netflix

Musik

Die Feuilletons trauern um den Jazzpianisten Chick Corea. Wie Keith Jarrett begann er bei Miles Davis, wie Jarrett emanzipierte er sich von ihm, schreibt Wolfgang Sanders in der FAZ: Beide waren sie "Giganten auf den Flügeln des zwanzigsten Jahrhunderts" und Corea einer, der immer wieder Grenzen überschritt: Er "hat Klavierkonzerte von Mozart respektabel eingespielt, unorthodoxe Auftritte mit dem Sänger Bobby McFerrin durchgeführt, mit Friedrich Gulda eine eher problematische Fantasie für zwei Klaviere aufgenommen und für die Kammermuikgesellschaft vom Lincoln Center  in New York klassizistische Werke für Streichquartett, Klavier, Flöte und Horn komponiert". Entstanden sind auf diese Weise viele  "unverzichtbare Meilensteine des Jazz der letzten fünfzig Jahre."

Auf ZeitOnline verneigt sich Reinhard Köchl: Corea "war einer, auf den der meist gedankenlos verschleuderte Terminus 'Virtuose' wirklich zutraf. Die Ideenlawine, mit der er Themen jedweder Struktur einen klanglichen Korpus verlieh, sprengte mitunter sämtliche gängigen Regeln des Klavierspiels. 'Er war in einer Überfülle von Musik zu Hause, und es strömte ihm nur so aus den Fingern', beschrieb der Musikjournalist Karl Lippegaus das Phänomen Chick Corea." Thomas Steinfeld legt in der SZ nochmal "Return to Forever" aus dem Jahr 1972 auf, das nicht nur Chick Coreas langjähriger Band ihren Namen verlieh, sondern dem Fusion-Jazz maßgebliche Impulse verlieh. "Das zeitlos Zeitgemäße, das diese Musik besitzt, findet sich auch im Namen wieder." Hier "verband sich ein hohes Maß an Schnellfingrigkeit und kompositorischer Virtuosität mit scheinbar schlichten Songstrukturen. Alles mit dem Ziel einer musikalischen Emanzipation, einem Willen zum Höheren und Besseren, aus der zu jener Zeit eine neue Volksmusik zu entstehen schien, zu hören in den akademischen Studierstuben wie in Bundeswehrkasernen." Zur wahren Form reifte dies 1976 mit "My Spanish Heart", schreibt Steinfeld:



Weitere Nachrufe schreiben Jan Paersch (taz), Josef Engels (Welt), Hans-Jürgen Linke (FR), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Stefan Hentz (NZZ).

Themenwechsel: Das ist vielleicht mal eine Hommage! Im Guardian feiern Musiker wie James Taylor, Roberta Flack, Lucinda Williams, Joan Armatrading, Danielle Haim, Rufus Wainwright und viele andere Carole King und ihr Album "Tapestry", das 1971, also vor 50 Jahren erschien. Natalie Merchant erinnert sich: "Ich war erst sieben, aber ich konnte die seismischen Veränderungen der Zeit spüren: Sie erschütterten die Grundfesten meines Hauses. 'The earth was moving under my feet and the sky was tumbling down'. Die Ehe meiner Eltern lag in Scherben - meine Mutter hatte sie gegen die Küchenwand geworfen in dem Bemühen, die Form ihres katholisch-amerikanischen Nachkriegsmädchenselbst zu zerbrechen. Sie nahm einen Job an, sie war nicht mehr zu Hause, wenn wir von der Schule kamen, sie schleppte uns nicht mehr sonntags zur Messe, sie trug keinen BH mehr, und sie hörte auf, unseren Vater zu lieben. ... Zu sagen, dass 'Tapestry' Teil des Soundtracks meiner Kindheit war, wäre eine jämmerliche Untertreibung. Es war ein fleckenloser Spiegel, in dem wir Mädchen und Frauen uns selbst reflektiert sahen: natürlich, schön, kraftvoll, zerbrechlich, einsam, freudig, reumütig und entschlossen." Hier kann man das ganze Album hören:



Weitere Artikel: Für die Welt fragt Manuel Brug bei dem Cellisten Gautier Capucon nach, wie dessen Corona-Freiluft-Tour durch die Dörfer gelaufen ist. Jens Uthoff spricht in der taz mit der Hanauer Musikerin Michaela Meise über den rechtsextremen Terroranschlag in ihrer Heimatstadt vor einem Jahr.

Besprochen werden William Parkers 10 CDs umfassende Box "Migration Of Silence Into And Out Of The Tone World" (The Quietus), das neue Rap-Album von Slowthai (Standard), Bill Kaulitz' Autobiografie "Career Suicide" (Standard), Alex Ross' Studie "Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne" (NMZ) und Antonia Baums Buch über Eminem (Welt).
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Bühne

Szene aus "Krasnojarsk". Bild: Johanna Lamprecht

Nachtkritiker
Reinhard Kriechbaum hat sich vom Schauspielhaus Graz eine VR-Brille nach Hause schicken lassen, um am heimischen Bildschirm mit Johann Harstads "Krasnojarsk" eine Endzeitreise in 360 Grad zu unternehmen, mit mäßiger Begeisterung allerdings: "Eigentlich hat Daniel Defoe schon vor dreihundert Jahren 'Krasnojarsk' vorgedichtet: Der Anthropologe und die Frau, das spielt auf Robinson Crusoe und Freitag an. Die Frau kriegt keinen Wochentag als Namen verpasst, sondern einen Stadtteilnamen. 'Kreuzberg' nennt sie der Anthropologe, weil sie (so wie er selbst) früher mal in Berlin lebte. Wie Defoe in der frühen Aufklärung fragt also der 1979 in Stavanger geborene Johan Harstad, was unsere Zivilisation ausmacht und was in eine ungewisse Zukunft hinüber zu retten sich lohnte. 1719 hatte man freilich einen überschaubereren Wertekanon als heutzutage, und so stehlen sich beide um Antworten herum, der norwegische Autor ebenso wie der Wiener Tom Feichtinger, der Regisseur der Filmversion."

Weiteres: Nils Corte und Roman Senkl untersuchen Möglichkeiten von VR-Räumen für das Theater. Im nachtkritik-Gespräch mit Sophie Diesselhorst erklären sie, welches Potenzial Plattformen wie Mozilla Hubs, eine Web-App, mit der sich digitale Räume erstellen lassen, für das Theater bieten. Senkl sagt: "Ich bin überzeugt, dass unsere Welt, unsere Wirklichkeit längst selbst zum Cyborg geworden ist - zum Hybrid aus digitalen und analogen Anteilen. In einer solchen Wirklichkeit ist es naheliegend, dass die Bühnen nicht vor den Toren des Digitalen enden, quasi eine heute schon artifizielle Grenze hochgezogen wird, die es in der Realität 'da draußen' schon lange gar nicht mehr gibt."

Besprochen wird Magz Barrawassers Inszenierung von Kae Tempests "Wasted" am Landestheater Detmold (nachtkritik).
Archiv: Bühne