Efeu - Die Kulturrundschau

Abstand ist die Seele des Schönen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2021. In der SZ weiß Friedrich Ani nicht, ob er nach der Pandemie überhaupt wieder raus will. Im Interview mit Van erzählt der belarussische Dirigent Vitali Alekseenok, warum er gerade auf keinen Fall Schostakowitsch dirigieren will. Hyperallergic stellt uns die prächtig bemalten Lastwagen in Indien vor. Artechock fürchtet einen Kollaps der kommenden Kinosaison. Der Tagesspiegel informiert über das atemberaubende Programm von Cannes.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2021 finden Sie hier

Literatur

"Bin das noch ich, oder ist das bloß der übrig gebliebene Schatten eines Zimmerlings, um den die Sonne einen Bogen schlug", fragt sich in der SZ der Schriftsteller Friedrich Ani, der sich im Zuge sinkender Inzidenzen und steigender Impfquoten zögerlich wieder daran gewöhnt, auch tags mal wieder vor die Tür zu gehen: "Du, Sonne, du hast keine Vorstellung vom Ausmaß meiner nächtlichen Aushäusigkeit, und zwar mit oder ohne Ausgangssperre. Mittendrin im Lockdown war ich draußen, und zwar oft. Nicht immer körperlich, das gebe ich zu, aber auf dem Papier wie seit jeher." Aber Nähe zu anderen Menschen: "Will ich das überhaupt noch? Ist nicht Abstand die Seele des Schönen, wie Simone Weil sagte? Und bin ich nicht längst verroht? Eine Folge exzessiven Internetkonsums, speziell der sogenannten sozialen Medien? Fassungsloser Voyeur auf einem Marktplatz namens Facebook, Mischung aus Golgatha und Tempel der Selbstbegeilung. Oder auf Twitter. O Gott, Twitter."

Weitere Artikel: In der taz gratuliert Jens Uthoff David Diop zur Auszeichnung mit dem International Booker Prize für seinen Roman "Nachts ist unser Blut schwarz". In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Erhard Schütz an W. H. Audens Aufenthalte in China. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Erasmus Schöfer zum 90. Geburtstag. Lara Keilbart schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die französische Comiclektorin und -macherin Laëtitia Graffart, die vor einer Woche bei einem für viel Aufsehen sorgenden Fahrradunfall in Berlin ums Leben gekommen ist. Außerdem kürt Dlf Kultur die besten Krimis des Monats - auf der Spitzenposition: "Tokio, neue Stadt" von David Peace.

Besprochen werden unter anderem Christoph Heims "Guldenberg" (Dlf Kultur), Naoise Dolans Romandebüt "Aufregende Zeiten" (Tagesspiegel), Johannes Groschupfs Krimi "Berlin Heat" (Dlf Kultur), Éric Vuillards "Der Krieg der Armen" (Intellectures), Essaybände von Claudia Rankine und Audre Lorde (online nachgereicht von der FAZ), Constantin Schreibers "Die Kandidatin" (54books), Peter Hunts "Die Erfindung von Alice im Wunderland" (Tagesspiegel),  Zeruya Shalevs "Schicksal" (SZ) und Roberto Alajmos "Palermo ist eine Zwiebel" (FAZ).
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Film

Erst gab es keine Filme, dann viel zu viele gute und alle auf einmal, stöhnt Rüdiger Suchsland auf Artechock mit Blick auf die sich gerade rapide füllenden Startlisten für die Zeit ab 1. Juli, wenn die Kinos wohl tatsächlich wieder flächendeckend öffnen werden. Alleine im Juli sollen jetzt schon 79 Filme, darunter viel Hochkaräter, in die Säle schwappen: "Und das mitten im Sommer, in einer Zeit, wenn die Menschen schon des Wetters wegen lieber draußen an der Sonne und an der frischen Luft sind, und nach dem Kneipen-Lockdown es auch erst mal wieder genießen werden, im Biergarten und im Restaurant sitzen zu dürfen. Außerdem buhlt noch die Fußball-Europameisterschaft um Zuschauer. Kann das gutgehen? ... Dem Kino droht der Kollaps. Das Kino wird an sich selbst und an seinen Filmen ersticken. Ein Selbstmord aus Angst vor dem Tode."

Und Cannes ist im Juli ja auch noch. Thierry Fremaux gab gestern das absolut hochkarätige Programm bekannt - hochkarätig auch deshalb, weil viele ihre Filme in Hoffnung auf ein vollwertiges Festival zurückhielten und das Festival somit aus gleich zwei Produktionsjahrgängen schöpfen kann, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Es ist "das globale Startsignal für das Kino" und "der Wettbewerb liest sich wie ein Best-Of der vergangenen Jahre, mit neuen Filmen von Paul Verhoeven, Nadav Lapid, Leos Carax, Mia Hansen-Løve, Sean Penn, Kirill Serebrennikow, Asghar Farhadi sowie dem heiß antizipierten Starvehikel "The French Dispatch" von Wes Anderson mit Timothée Chalamet, Frances McDormand, Bill Murray, Christoph Waltz - und Léa Seydoux, die in drei weiteren Filmen zu sehen ist."  Der deutsche Film hingegen ist in Cannes dieses Jahr ebenso abwesend wie Netflix, stellt Hanns-Georg Rodek in der Welt fest: "Die Online-Portale haben vielen durch die schweren Pandemie-Monate geholfen und dabei eigennützig den Eindruck erweckt, es werde auch in Zukunft nur noch das Streamen geben. Die Tech-Konzerne haben alte Filmfirmen aufgekauft. Cannes hingegen betrachtet sich ausdrücklich als Teil des Kampfes des Kinos ums Überleben, für seine Rückkehr in die selbstverständliche Alltagswelt von uns allen."

Außerdem: Jens Balkenborg empfiehlt in Artechock das NipponConnection-Festival für den japanischen Film.

Besprochen werden Peter Stricklands auf DVD veröffentlichter Kunsthorrorfilm "Das blutrote Kleid" (critic.de), Julio Quintanas "Blue Miracle" (Artechock), der Thriller "They Want Me Dead" mit Angelina Jolie (SZ, mehr dazu bereits hier), Barbara Otts Filmdebüt "Kids Run" (ZeitOnline), Icíar Bollains "Rosas Hochzeit" (Standard), Bettina Oberlis "Wanda, mein Wunder" (NZZ) und die Sky-Serie "Domina" (FAZ).
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Kunst

Radhika Iyengar stellt uns in Hyperallergic die Kunst auf den Lkws indischer Fahrer vor. Die Fahrer arbeiten eng mit den Künstlern zusammen, denn sie wissen genau, was sie wollen, erfahren wir: "Eine Apsara tanzt in einem durchsichtigen Rock, kleine gelbe Narzissen blühen, eine Menagerie von Tigern und Elefanten streift inmitten von flügelschlagenden Vögeln umher - all das zusammen wird auf den Stahlplatten der indischen LKWs lebendig. Handgemalte Symbole, kunstvolle Muster und schrullige Slogans mit fetter Typografie verschmelzen zu lebendigen, eigenwilligen Kunstwerken. Truck Art ist seit Jahrzehnten Teil des visuellen Lexikons und Erbes Indiens. Autobahnen verwandeln sich in Landebahnen für klobige Fahrzeuge, die in Mandarin-, Kanariengelb-, Pflaumen- und Jadetöne getaucht sind."

Weiteres: Saskia Trebing unterhält sich für monopol mit der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner, die ihre Dissertation über "Body Positivity" verfasst hat. Im Guardian porträtiert Steve Dow den 68-jährigen australischen Künstler Richard Bell, der gerade eine große Ausstellung in Sydneys Museum of Contemporary Art vorbereitet, und Dale Berning Sawa unterhält sich mit dem französisch-algerischen Künstler Mohamed Bourouissa. Besprochen wird eine Frankfurter Ausstellung mit Fotos des Ethnologen und Fotografen Pierre Verger aus dem damals von den Niederländern besetzten Surinam (monopol).
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Bühne

Für keine gute Idee halten es Merle Krafeld und Hartmut Welscher im VAN-Kommentar, dass die Staatsoper Unter den Linden im Juni ihre Aufführungen in ein Popup-Autokino auf dem Tempelhofer Feld in Berlin übertragen will. Die nachtkritik zeigt im Stream das Stück "Premiere" der Theatergruppe Flux.

Besprochen werden ein Heine-Abend des Theaters Willy Praml in Frankfurt (FR), Christoph Fricks Inszenierung von Gesine Schmidts Stück "Who Cares?" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik, SZ), Stings Arbeitermusical "The Last Ship" am Theater Koblenz (nachtkritik), Helge Schmidts Inszenierung von "Tax for free" im Lichthof Theater Hamburg (taz) und Kay Voges Inszenierung von Becketts "Endspiel" am Volkstheater Wien (Standard)
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Musik

Dominika Hirschler denkt in einem VAN-Essay über das prekäre Leben als freie Musikerin nach, insbesondere über das Leben ohne den relativen Komfort, in dem festangestellte Musiker an staatlich finanzierten Häusern die Pandemie überwintern konnten: "Für weite Teile der Bevölkerung ist der Freiberufler, das unbekannte Wesen, überhaupt erst mit der Pandemie auf dem Radar erschienen. Diese Aufmerksamkeit zu nutzen, reeller und politischer zu werden, selbstbewusster aber engagierter, halte ich für eine Chance. In der Ausbildung werden wir so selbstverständlich und unhinterfragt auf Rivalität konditioniert, dass es uns schwer fällt, uns solidarisch zu begreifen und bei aller Individualität den gemeinsamen Nenner zu suchen. Um geschlossener aufzutreten und sichtbarer zu werden. Die Krise hat uns die Chance geboten, uns ehrlich zu machen. Gerade die klassische Musik umweht immer noch ein Nimbus, der in einem beschämenden Gegensatz steht zu den realen prekären Rahmenbedingungen unserer Arbeit. Wofür entscheiden wir uns: für die Maske oder unser eigenes Gesicht?"

Vom Optimismus in Belarus, das Lukaschenko-Regime zu überwinden, ist wenig geblieben, die Stimmung vor Ort sei "furchtbar", erzählt der in Weimar und München lebende Dirigent Vitali Alekseenok im Interview für VAN, wo er vor einigen Monaten noch sicher war, dass bessere Zeiten unmittelbar bevor stehen (unser Resümee) - Eindrücke, die er auch in einem Buch zusammengefasst hat. Zuflucht bietet ihm derzeit vor allem die Musik: "Die ganze Situation mich sehr stark verändert - wie ich Musik mache, wie ich Musik wahrnehme, überhaupt meine Prioritäten im Leben. Wie viel das Leben wert ist, Liebe und Solidarität, das kann ich wieder in der Musik spüren. Irgendwie kann ich die Erfahrungen von dort mit meinem Beruf verbinden, ich kann die Musik anders machen." Aber "was ich zum Beispiel auf keinen Fall dirigieren würde im Moment ist Schostakowitsch. Das ist viel zu nah. Das Schöne an der Kunst ist ja, dass wir auf der Bühne oft etwas erleben, was mit unserem Leben verbunden ist, aber noch eine gewisse Distanz hat. Und die Musik von Schostakowitsch ist sehr oft zu nah an der Realität."

In der Welt gratuliert Manuel Brug mit großer Lust am Formulieren der Pianistin Martha Argerich zum 80. Geburtstag: "Im bisweilen hohl tönenden Geschirrladen der Klassik ist sie die vielgeliebte Elefantin der poetischen Zärtlichkeit."

Weitere Artikel: Merle Krefeld stellt in VAN das String Archestra vor, das sich gegen rassistische Strukturen im Klassikbetrieb stellt und in der Musikgeschichte nach weniger bekannten Werken Ausschau hält. Frederik Hanssen spricht im Tagesspiegel mit den Veranstaltern Jutta Adler und Andreas Schessl über die Zukunft der Branche nach dem Lockdown. Aida Baghernejad befasst sich in der taz mit dem Comeback der No Angels. Arno Lücker widmet sich diesmal in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen Mercè Capdevila. In der Frankfurter Popanthologie schreibt Jens Buchholz über "I got you, babe" von Sonny & Cher.



Besprochen werde das neue Album von den Chills (taz) und neuer Postpunk aus London von diversen Bands (ZeitOnline).
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