Efeu - Die Kulturrundschau

Mit der Attitüde des Provokateurs

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28.07.2021. In Salzburg hatte der "Don Giovanni" Premiere: in der Inszenierung von Romeo Castellucci und mit Teodor Currentzis am Pult. Die SZ lernt das gesellschaftszerstörerische Potential des Sex verstehen und bewundert nackte Opernsänger. Die Welt erlebt nur Geistesblitze eines Dekorateurs. Die FAZ findet ein  Epos des "Coming of Age" in den Fotografien Tobias Zielonys. Dem Tagesspiegel gefällt die lakonische Souveränität von Franka Potentes Regiedebüt "Home". Die SZ freut sich über die Feier der Homosexualität in Lil Nas X neuem Video "Industry Baby".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2021 finden Sie hier

Bühne

Don Giovanni in Salzburg. Foto: Ruth Walz/SF


In Salzburg war Romeo Castelluccis Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" ganz groß erwartet worden worden. Mit Teodor Currentzis am Pult sollte Mozart gegen den Strich gebürstet werden. Zumindest als Beleg der Freudschen These vom gesellschaftszerstörerischen Potenzial des Sex ist ihnen das gelungen, findet Reinhard J. Brembeck in der SZ. Absolut sei das Begehren Don Giovannis. "Das ist der beunruhigende Kern dieser Aufführung, so radikal und verstörend kommt dieses Axiom sonst nie heraus. Der Bühnendialektiker Castellucci zeigt die zerstörerischen Folgen dieses absoluten Begehrens. Die Bekenntnisse zur als Freiheit gedeuteter Libertinage, zu Wein, Haut Cuisine und Frauen, enden im Zusammenbruch des Helden. Die Hölle bricht aus Giovanni heraus. Er reißt sich den Anzug vom Leib, wälzt sich nackt in weißer Kreidefarbe. Es ist einer der großen magischen Momente von Theater, auch deshalb, weil nackte Opernsänger eine Seltenheit sind."

Auch Ljubiša Tošić applaudiert im Standard: "Dirigent Teodor Currentzis und sein music Aeterna Orchestra sind an das ganze Ideengeflecht Castelluccis gewissermaßen mitatmend seelisch gebunden. Der originelle Extremist, der schon mal eine ganze Giovanni-Einspielung zurückgezogen hat, da sie nicht seinen Vorstellungen entsprach, sucht den drastischen Akzent; brutal schneiden manche Akkorde in die Szenen hinein. Es ist dabei allerdings nichts Selbstzweck, es wirken die Akzente dramaturgisch sinnvoll. Auf der anderen Seite verlangsamt Currentzis in Liebesdingen, lässt die Zeit fast anhalten und erreicht in Giovannis Betörungsszene mit Zerlina ein Höchstmaß an Poesie. Grandios." In der nmz hörte Joachim Lange das genauso: "Teodor Currentzis legt mit den Musikern seines musicAeterna Orchestra in der Ouvertüre krachend und knarzend los und er macht aus der Champagnerarie mit hochgefahrenem Graben und stehenden Musikern eine Showeinlage, die sich gewaschen hat. ... Oder umgekehrt. Currentzis ist zwar wie immer eigensinnig mit seinen Tempi, aber diesmal ausgesprochen einfühlsam und geradezu zärtlich beim Umschmeicheln der Stimmen des durchweg vorzüglichen, wirklich miteinander singenden Ensembles."

Ganz anders Manuel Brug (Welt), der diesen "eitel auftrumpfenden, bedeutungshubernden Abend" förmlich gehasst hat: "Über Don Giovanni, sein Werden, sein Sein, sein Verlöschen, haben wir in 240 zäh verstreichender Minuten Lebenszeit nichts Neues erfahren. Aber viele Geistesblitze eines Dekorateurs erlebt, zu dessen Tun als akustische Begleitfolie Mozart herhalten muss. Missbraucht wird er dabei nicht, dazu ist er zum Glück zu robust und autark. Aber ausgerechnet vom Dirigenten wird er misshandelt. Und - schlimmer noch - von dessen Hammerklavierspielerin Maria Shabashova, die sich besonders im zweiten Akt mit schrillen, atonalen, in Mollverzückungen exhibitionistisch windend, maßlos in den Vordergrund klappert. Sind wir wirklich so angeödet, dass wir solche entstellenden Gaumenkitzel brauchen, um unsere genussüberfrachteten Papillen noch irgendwie orgasmisch reizen zu können?"

Und Jürgen Kesting notiert in der FAZ: "All das, was alten Musik-Generälen wie Karajan und Solti vorgeworfen wurde - die Gesten der Macht -, führt Currentzis mit der Attitüde des Provokateurs wieder ein. Aber vielleicht wird irgendwann ein steinerner Gast an seine Pforten pochen und sagen, was der Commendatore dem Sünder zuruft: 'Di rider finerai pria dell'aurora" - Dir wird das Lachen vergehen, bevor der Tag anbricht.'" Weitere Besprechungen im Tagesspiegel, in dertaz, in der FR und in der NZZ.
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Film

Soziale Stasis in Bewegung: "Home" von Franka Potente

"Klassisches amerikanisches Schauspielkino" bietet "Home", das unweit von ihrem Wohnort in Los Angeles entstandene Regiedebüt von Franka Potente, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Den Film zeichnet eine fast lakonische Souveränität aus, auch weil mit dem Tom-Tykwer-Weggefährten Frank Griebe ein alter Vertrauter hinter der Kamera steht, der die Bilder nie mit Bedeutung überfrachtet. Potente, die zudem das Drehbuch geschrieben hat, gibt ihren Figuren viel Raum, um manchmal auch einfach nichts zu sagen. Den Rest erledigt die atmosphärische Kinematografie: Impressionen eines Kleinstadt-Amerikas, das so spezifisch wie ortlos ist. ... Man findet durchaus Parallelen zu Chloé Zhaos Roadmovie 'Nomadland', das bei aller Mobilität ebenfalls in einer sozialen Stasis verharrte."

Besprochen werden die Doku "Alles ist eins. Außer der 0" über Wau Holland, der damals den Chaos Computer Club mitbegründete (taz, SZ), M. Night Shymalans Horror-Groteske "Old" über Menschen, die schlagartig altern (ZeitOnline), Thomas Vinterbergs "Der Rausch" (Intellectures, unsere Kritik hier), die vierte Staffel der Serie "In Treatment" (FAZ) und Prano Bailey-Bonds Horrorfilm "Censor" (Presse).
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Kunst

Foto © Tobias Zielony/Courtesy KOW, Berlin


In der FAZ empfiehlt Freddy Langer wärmstens eine Ausstellung des Fotografen Tobias Zielony im Museum Folkwang: "Besuche in der Vorhölle sind Tobias Zielonys Metier", ob in Wales, der Ukraine oder dem Ruhrgebiet, erklärt Langer. Immer sind es Menschen ohne Zukunft, arbeitslos, abhängend. In gewisser Weise gleichen sie sich: "Kahl rasierte Schädel und umfassend tätowierte Körper gibt es überall, ebenso Jeans, die weit über den Hintern herunterrutschen, oder Röckchen, die man für einen breiten Gürtel halten könnte. Die Gesten der jungen Menschen wirken wie dem Kino entnommen oder den Youtube-Videos von Rappern ... Aber dann gibt es hin und wieder fragende Blicke, Momente einer berührenden Melancholie, und man versteht plötzlich, dass Tobias Zielony nicht nur eine Geschichte der Moden, Posen und Subkultur erzählt, sondern an einem Epos des 'Coming of Age' arbeitet - vor dem Hintergrund einer ausgeprägten Skepsis gegenüber der Zukunft. Genau genommen, schon der Gegenwart."

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der Objektkünstlerin Alexandra Bircken im Museum Brandhorst in München (SZ).
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Stichwörter: Zielony, Tobias

Literatur

Ralph Trommer schwärmt in der taz von der Edition "Bilderbogen" der Büchergilde Gutenberg, die das Format des Bilderbogens - wenn man so will: eine Art Vorläufer des Comics - wieder aufleben lässt: Kein gebundenes Buch erhält man hier, sondern eine Mappe mit auffaltbaren, sinnlich gestalteten Bögen. Unter anderem gibt es eine "Trouvaille" wie eine Bildgeschichte von Picasso. "Sehr zeitgemäß wiederum und voller origineller Details ist der Bogen No. 3 'Wie wollen wir wohnen?', in dem der Illustrator Thomas M. Müller den Aufriss eines mehrgeschossigen Gebäudes als Wimmelbild in klarem Comicstil zeichnet. Wie durch lauter Schlüssellöcher hindurch sehen wir verschiedensten Existenzformen beim Wohnen zu. In satirischer, manchmal surrealer Überspitzung gelingt es, normale Mieter und deren Kompromisse beim Wohnen angesichts hoher Mieten darzustellen, neben designverliebten Snobs und raffgierigen Investoren, die sich Häuser krallen, aus denen Goldmünzen prasseln. Neumodische Phänomene wie das 'Smart Home' dürfen nicht fehlen. Müllers verspielte, von feinem, hintersinnigem Humor geprägten bunten Lebensausschnitte versprühen gute Laune."

Außerdem: In der FAZ-Reihe über Dante denkt Winfried Wehle über Dantes Verhältnis zur Einbildungskraft nach. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem Verleger Klaus G. Saur zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Lothar Müllers Buch über Adrien Proust (Tagesspiegel), ein Arte-Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Colette (NZZ), Sigrid Nunez' "Was fehlt dir?" (SZ) und Daniela Kriens "Der Brand" (FAZ).
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Architektur

In der SZ erklärt Claudia Henzler, warum die Sanierung der Stuttgarter Oper so teuer wird: gut eine Milliarde Euro teuer, um genau zu sein. Das Gute daran: Die Grünen haben sich entschieden, von Anfang an zu sagen, wie teuer das Ganze am Ende wirklich wird. Der Bund der Steuerzahler findet es trotzdem zu viel: "Doch eigentlich sind auf Stadt- und Landesebene alle Argumente noch einmal durchdiskutiert worden, seit die Milliarde im Raum steht ... Das Für und Wider abgewogen haben auch fünfzig Bürger, die per Los ermittelt wurden. Nach mehreren Sitzungen sprachen sie sich im Dezember für das Modernisierungskonzept aus. Tenor der Empfehlung: Die Staatstheater müssen so ausgestattet werden, dass sie ihre Exzellenz auch in den kommenden fünfzig Jahren halten können."

Santiago Calatrava ist ein großer Architekt, aber dem Zeitgeist entspricht er mit seinen wagemutigen, verschwenderischen Bauten nicht mehr, bedauert Matthias Alexander, der dem Architekten in der FAZ zum Siebzigsten gratuliert: "Symmetrie, seit jeher ein Zeichen von Affirmation, kommt bei Calatrava vorwiegend in gebrochener Form vor. Seine Gebäude, die zumeist Stätten der Begegnung und der Bewegung sind, strahlen zudem eine existenzielle Spannung aus: Ihr helles Erscheinungsbild und ihre lebensbejahende Dynamik vermitteln Optimismus, doch die offenliegende Konstruktion, die oft genug an Skelette erinnert, ist in ihrer zur Schau gestellten kühnen Zerbrechlichkeit immer auch ein Memento mori."

Sabine von Fischer unterhält sich für die NZZ mit Calatrava über Architektur und Skulptur, seine Anfänge in Zürich und den Bahnhof für Ground Zero.
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Musik

SZ-Popkolumnistin wirft einen Blick auf das neue Video von Lil Nas X, der sich darin nackt ein schwules Paradies im Knast imaginiert (treue Perlentaucher-Leser sahen das Video schon gestern). Flankiert wird das Ganze von einer Spendenaktion, mit der der Künstler "Aufmerksamkeit für 'die unverhältnismäßigen Auswirkungen von Bargeldkautionen auf schwarze Amerikaner' erzeugen will. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden 50 000 Dollar gespendet. Aber der Fundraiser soll wohl auch rechtfertigen, dass Lil Nas X sein fiktives Gefängnis als eine schwule Utopie darstellt - in einem Land, in dem das Strafvollzugssystem strukturelle Gewalt gegen Schwarze ausübt. Aber gerade da setzt er an. Das Video verschiebt die althergebrachten Koordinaten des Mainstream-Hiphop. Und Lil Nas X beweist, dass Popmusik 2021 in Amerika besser als je funktioniert, um gesellschaftliche Auseinandersetzungen als Heldenschlachten zu stilisieren. Was einst unaussprechbar und vor allem ruftödlich war - Homosexualität - schallt in seinem Video endlich von allen Dächern."



Nenas quergedachte Konzertansagen sind zweifellos unverantwortlich (unser Resümee), "aber ein Konzert, in dem die Fans innerhalb eines von Getränkekisten abgegrenzten Areals angewurzelt stehen, ist eben kein Popkonzert", kommentiert Elena Witzeck in der FAZ. "Wieso Getestete und Geimpfte sich nicht wieder frei bei einem Open-Air-Konzert bewegen können sollen wie Touristen auf einer dieser Tage gut gefüllten Flanierpassage wie in St. Peter-Ording oder im Fußballstadion, ist eine berechtigte Frage. Um die Diskussion über Doppelstandards wird man in den nächsten Wochen und Monaten nicht herumkommen." Sowohl bei Nena als auch bei Helge Schneider dürfte sich beim Konzertabbruch wohl einiges vom mehr als berechtigten Frust, der sich bei Künstlern die letzten 18 Monate aufgestaut hat, entladen haben, vermutet Joachim Hentschel in der SZ. Doch "der situationistische Hauch von Eskalation und altmodischem Aufruhr, den Schneider und Nena ihrem Protest so möglicherweise geben wollten, schwächt das Anliegen der Künstlerschaft am Ende eher, als dass es ihm Öffentlichkeit gibt. Weil es die durch und durch valide Klage über die Zukunft der Kultur in etwas verwandelt, das vom Zuschauerstrandkorb ganz hinten links aus eher wie ein spontanes Jucken im großen Künstlerzeh aussieht."

Weitere Artikel: Robert Mießner porträtiert in der taz den Jazzer Sven-Åke Johansson und den Maler Albert Oehlen. In New York blüht das Musikleben langsam wieder auf, berichtet Ute Büsing im Tagesspiegel. Marco Frei (NZZ), Gerald Felber (FAZ) und Manuel Brug (Welt) gratulieren dem Dirigenten Riccardo Muti zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das Debütalbum von Greentea Peng (FR), Emma-Jean Thackrays "Yellow" (Pitchfork) und das Album "Spiral" von Darkside (Tagesspiegel). Wir hören rein:

Archiv: Musik