Efeu - Die Kulturrundschau

Hier brauche er Schwarz oder da Gelb

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29.07.2021. Niemand findet das persönliche Drama im Popsong so gut wie Xavier Dolan, der mit seinem Film "Matthias & Maxime" zu alter Form aufläuft, freut sich der Tagesspiegel. Die Zeit schaudert vor dem autoritären kulturhygienischen Programm der Filme von Amazon Prime. Wann war Kunst je so kompatibel mit dem medialen Diskurs, stöhnt die Welt in der Badener Ausstellung "State and Nature". NZZ und SZ besuchen Hermann Nitsch, der in Bayreuth carte blanche für eine Performance der "Walküre" bekommmen hat. Van warnt vor dem seelenzerstörenden Klassikgeschäft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2021 finden Sie hier

Film

Zurück zur alten Energie: Xavier Dolans "Matthias & Maxime"

Mit heute 32 Jahren ist Xavier Dolan vielleicht nicht mehr das Wunderkind, als das der Franko-Kanadier bei seinem Durchbruch 2009 gefeiert wurde, und auch aus seinen letzten Filmen war die Luft dann doch eher raus, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch umso praller nun das künstlerische Comeback, das sein achter Film "Matthias & Maxime" darstellt: "Die alte Dolan-Energie ist zurück, die volatile Impulsivität, die man früher mal mit seiner Jugend erklärte - die im nachdenklich-introspektiven 'Matthias & Maxime' aber auch als Raumforderung völlig gegensätzlicher Lebenskonzepte funktioniert." Und "kein Regisseur seiner Generation versteht es so gut wie Dolan, das persönliche Drama im Popsong zu finden - ob es sich dabei um Arcade Fire oder Britney Spears handelt. Niemand verabreicht die Rückschläge im Leben mit so viel Liebe - und beweist doch seine Diskretion." Für die FAZ führt Andreas Platthaus durch den Film.

Die neuen Amazon-Richtlinien, die zwar keine besseren Arbeitsbedingungen in den eigenen Lager- und Abfertigungshallen vorsehen, aber im Film-Produktionssegment die geschlechtliche, sexuelle, herkunftsbedingte und religiöse Deckungsgleichheit der Identität von Schauspieler und Figur anmahnen (wohlweislich aber nicht die ökonomische), diese neuen Amazon-Richtlinien findet Andreas Bernard in der Zeit einigermaßen absurd: "Für die viel beschworene 'Authentizität' der Geschichten heißt das in erster Linie, dass die durch polizeiliche und medizinische Dokumente ausgewiesene Identität der Darsteller für die Glaubwürdigkeit des Erzählten bürgen soll. Man kann schon bei Denis Diderot nachlesen, dass ein solches Beharren auf dieser Übereinstimmung nicht nur unbeholfene Kunst hervorbringt, sondern auch die verschlungenen Pfade zwischen Wirklichkeit und Fiktion verkürzt und begradigt. Die Fähigkeit des Schauspielers, die unterschiedlichsten Charaktere auf der Bühne oder Leinwand zu verkörpern, sein Talent, sich in fremde Figuren hineinzuversetzen, gilt als verdächtig. An die Stelle von ästhetischen Prozessen tritt ein autoritäres kulturhygienisches Programm."

Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Tobias Kniebe der "Zur Sache, Schätzchen"-Regisseurin May Spils zum 80. Geburtstag. Besprochen werden David Schalkos auf Sky gezeigte Serie "Ich und die Anderen" mit Sophie Rois und Lars Eidinger (taz), Uberto Pasolinis "Nowhere Special" (NZZ), Prano Bailey-Bonds Kunsthorrorfilm "Censor" (taz), David Lowerys Ritterfilm "The Green Knight" (taz, FR), Disneys Abenteuerfilm "Jungle Cruise" (FR), Helena Hufnagels Komödie "Generation Beziehungsunfähig" (SZ) sowie die siebte und letzte Staffel der Amazon-Krimiserie "Bosch" (FAZ).
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Kunst

Teil des Kunstwerks "Two Shades of Green" von Neda Saeedi.


Im Ernst? Kräuselwellen im Bach und daneben Vögel, die in Hochspannungsmasten festhängen? "So hat man doch den binären Code auf Anhieb verstanden", stöhnt in der Welt Hans-Joachim Müller beim Gedanken an die von Çağla Ilk und Misal Adnan Yildiz kuratierte Ausstellung "State and Nature" in der Kunsthalle Baden-Baden: "Nichts ist ausgelassen, an alle Empfindlichkeiten gedacht, an die Migrationswege des syrischen Blumenhändlers, an die verwilderten Pfade zwischen Orient und Okzident, an die gute Göttin Sahmaran, die die türkischen Frauen vor dem AKP-Patriarchat schützen soll. Nichts fehlt, Klima, Großkapital, Minderheitenrechte, Exil, Kolonialismus. Denn die grünen Monsterchen, die Neda Saeedi in Glas-Bubbles gegossen hat, seien Zitate aus Videogames, in denen es doch immer um Vernichtung der anderen gehe - mithin als ganz klarer antikolonialistischer Debattenbeitrag zu verstehen. Was mag nur geschehen sein, dass Kunst so restlos kompatibel erscheint mit dem medial bewirtschafteten Diskursniveau."

Weiteres: Im Tagesspiegel liest Henry Kaaps "Lorenzo Lotto malt Andrea Odoni". In der Welt porträtiert Marcus Woeller den 85-jährigen Pierre Rosenberg, langjähriger Leiter des Louvre und großer Sammler von Tierfiguren aus Muranoglas. Besprochen wird die Gruppenausstellung "Wilde Kindheit" im Lentos Linz (Standard)
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Bühne

Michael Stallknecht hat für die NZZ Hermann Nitsch im niederösterreichisen Prinzendorf besucht. Der Aktionskünstler hatte von Katharina Wagner eine carte blanche für eine Performance der "Walküre" in Bayreuth bekommmen. Das passt ja auch ganz gut, findet Stallknecht, ist Nitsch doch wie Wagner ein "Gesamtkunstwerker", wie er im Keller des Nitsch-Schlosses lernt: "Die riesigen Leinwände werden auf den Boden gelegt, dann schütten Nitsch und seine Mitarbeiter in weitem Bogen die Farben darüber. Ähnlich grob, wie er in seinen Partituren die 'Noten' verteilt, ohne ihnen in der Regel eine Tonhöhe zuzuordnen. Sogar Sinfonien, Klavierkonzerte und Kammermusik hat er auf diese Weise entworfen. Es sind Klangmassierungen, in denen die Instrumentengruppen sich zu breiten Clustern überlagern, auch von Laien gut zu bewältigen, was durchaus intendiert ist. 'Lärmmusik' nennt Nitsch sie selbst, geboren aus dem Schrei, aus dem Akt, in das Rohr einer Trompete oder Posaune hineinzublasen und den Ton zu nehmen, wie er halt herauskommt. Das Rohe interessiert Nitsch mehr als das zivilisatorisch Überformte, sein Werk will, in welcher Form auch immer, zurück zu den Ursprüngen, zu den Müttern, wo Leben und Tod einander die Hand reichen und gegeneinander austauschbar werden."

Auch Alexandra Föderl-Schmid ist für die SZ nach Prinzendorf gepilgert, wo Nitsch ihr erzählt, "er habe beim Hören der Musik unbedingt das Gefühl, hier brauche er Schwarz oder da Gelb. Rot, jene Farbe, mit der Nitsch am häufigsten assoziiert wird, die er 'nicht als die schönste, aber als die intensivste' bezeichnet, kommt natürlich auch vor ... 'Ich höre die Farbtöne.'"

Szene aus "Yerma". Foto: Thomas Aurin 


Regisseur Simon Stone hat Federico García Lorcas Stück "Yerma" für die Berliner Schaubühne aus dem bäuerlichen Andalusien der 30er Jahre in den Prenzlauer Berg versetzt, wo der weibliche Teil eines hippen Pärchens sich ein Kind wünscht. Das beginnt als Boulevardkomödie und endet mit einem "Köpper mitten hinein in das Pathos-Becken", schreibt Stephanie Drees in der nachtkritik. Die Inszenierung gelingt - "mit viel zeitgeistigem Theorie-Unterbau" -  vor allem dank Caroline Peters als Yerma, lobt sie: "Simon Stone reduziert vor allem in einem Sinne: Trotz der klugen Besinnung auf das Schauspieler:innen-Theater, auf die Kunstfertigkeit des gesamten Ensembles, liegt seine Leistung vornehmlich darin, einfach richtig viel Platz für Caroline Peters zu schaffen. Die zeigt in dieser Rolle tatsächlich alles, was sie kann. Man muss es so klar sagen: Wenige könnten diese emotionalen Prozesse, diese Art von Wahnsinns-Talfahrt so spielen, dass sie glaubhaft wirken, die inneren Konflikte dieser Frau von augenzwinkernder Selbstbespiegelung bis hin zum obsessiven Wahnsinn spielerisch ineinander führen."

"Der Schrecken des Alltags, wenn er zur Hölle der Selbstansprüche wird, fährt einem doch in die Glieder", bekennt auch Simon Strauß in der FAZ. Bei Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper zündet die Inszenierung trotz einer großartigen Caroline Peters nicht: "Es liegt an Simon Stones Hang zur Übertreibung - man betrachtet die beschleunigten Momentaufnahmen als kalte Versuchsanordnung. Es geht diesen privilegierten Leuten eigentlich gut, und sie machen sich das Leben zur Hölle. An die Stelle menschenverachtender Traditionen tritt der Zwang zur Selbstoptimierung. (...) Im Grunde ist das ein arg konservativer Befund." In der SZ winkt Peter Laudenbach ab: Weshalb Yerma "unbedingt schwanger werden will, weshalb sie, weil das nicht gelingt, in eine verzweifelt selbstzerstörerische Obsession rast, bleibt das Rätsel des Regiekonzepts." taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller schließlich fehlt der historische Hintergrund der Vorlage: "Es entsteht keine Spannung zwischen den historischen Schichten. Das ist etwas enttäuschend."

Weiteres: In der SZ berichtet Christiane Lutz von Protesten gegen Kürzungen bei den Münchner Kammerspielen. In der FAZ Besprochen werden weiter die Wiederaufnahme von Tobias Kratzers "Tannhäuser"-Inszenierung in Bayreuth (nmz) und Krzysztof Warlikowskis Inszenierung der "Elektra" in Salzburg (Standard, SZ, FAZ), Arrigo Boitos Oper "Nerone" bei den Bregenzer Festspielen (Welt), Wagners "Fliegender Holländer" in Bayreuth (Van), Mozarts "Don Giovanni" in Salzburg und Wagners "Fliegender Holländer" in Bayreuth (Zeit), der "Jedermann" und "Richard III." in Salzburg (Zeit) sowie die Ausstellung "Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik" im Georg Kolbe Museum in Berlin (FAZ).
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Literatur

In der Dante-Reihe der FAZ weiß Hannes Hintermeier, dass Dante von Papstrücktritten wenig hielt. Außerdem denkt Jan-Heiner Tück denkt in der NZZ über Dantes Interpretation des Odysseus nach.

Besprochen werden unter anderem Oscar Lévys und Frederik Peeters Comic "Sandburg", der dem Filmemacher M. Night Shyamalan als Vorlage seines aktuellen Horrorfilms "Old" diente (Tagesspiegel), Sigrid Nunez' "Was fehlt dir" (Tagesspiegel), Alida Bremers "Träume und Kulissen" (FR), Miriam Mandelkows Neuübersetzung von James Baldwins "Ein anderes Land" (SZ) und der neunte Band der Werkausgabe Jean Genet mit Essays und Interviews (FAZ).
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Stichwörter: Odysseus

Musik

Bereits im Dezember wurde der Komponist Hans-Jürgen von Bose, langjähriger Professor der Münchner Musikhochschule, vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung der Schwester eines Studenten freigesprochen. In einer großen Recherche in der Welt meldet Thilo Komma-Pöllath erhebliche Zweifel an einer unabhängigen juristischen Aufarbeitung an: Immer wieder sei das Strafverfahren beeinflusst und verzögert worden, zudem seien zwei unterschiedliche, beglaubigte Anklageschriften im Umlauf. In der Akte liest er von Sex mit StudentInnen, Pornos, Drogen und Nötigung. Niemand an Musikschule oder Ministerium wollte dem Treiben Einhalt gebieten, zu eng war Bose mit Bayerns Kultusminister Hannes Zehetmaier verbandelt. Das Gericht war zwar schließlich "unstrittig" zu der Erkenntnis" gekommen, dass der Geschlechtsverkehr dreimal gegen den Willen des Opfers stattgefunden hatte, war jedoch nicht von der "Widerstandsunfähigkeit der Frau" überzeugt. Für den Anwalt Roland Weber, der in Revision gegangen ist, ein Skandal, denn das Verfahren zog sich von 2014 bis 2020 hin, wurde immer wieder verschleppt: "Seine Revision begründet Nebenklageanwalt Roland Weber damit, dass die Verzerrungen der Zeugin im Bose-Verfahren unerheblich seien, weil sie mit dem eigentlichen Tatgeschehen nichts zu tun gehabt haben, der Missbrauch nachweislich stattgefunden habe. 'Dieser Fall ist superexemplarisch', erklärt Weber. 'Die jahrelange Untätigkeit des Gerichts wird dem Opfer vorgeworfen, ihre Erinnerung wäre nach all der Zeit verzerrt. Damit kann kein Missbrauch mehr verurteilt werden. Für den Rechtsstaat ist es ein Armutszeugnis, wenn Opfer vor Gericht noch einmal zum Opfer gemacht werden.'"

Dass das Musikgeschäft erheblich am Seelenkleid der Künstler rüttelt, ist bekannt. Doch "in der Klassik bleiben wir clean, zumindest nach außen", schreibt Dominika Hirschler in VAN. Dabei ist es im Betrieb "ein offenes Geheimnis, dass die nicht nachlassenden Anforderungen einer professionellen Musiklaufbahn zehren. Extreme Stresssituationen werden mit Betablockern 'bewältigt', Burnout und Bühnenangst, Hörschäden und Tinnitus, physische wie psychische Verschleißerscheinungen sind keine seltenen Begleiter. Protagonisten aus der ersten Reihe, die sich öffentlich zu Depressionen, einer Angsterkrankung oder Zwangsstörungen bekennen, sind selten. ... Zu Recht befürchten Musiker:innen, abgestempelt, ausgegrenzt, im schlimmsten Falle ausgetauscht zu werden. Nur ganz wenige Stars sind so erfolgreich, unverwechselbar, geliebt, gefragt und unersetzlich, dass ihnen nach der Krise ein Comeback vergönnt ist."

Weitere Artikel: Arno Lücker rettet in VAN mit Klangbeispielen die Zwölftonmusik. Außerdem widmet sich Lücker in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen Josefina Benedetti. Kristoffer Cornils porträtiert für VAN die Klangkünstlerin Elsa M'Bala. Hier eine Performance:



Außerdem: Die in Gründung befindliche Deutsche Akademie für Popmusik soll auch künstlerische Auszeichnungen verteilen, meldet Christian Schröder im Tagesspiegel. Nicolas Freund schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Slipknot-Drummer Joey Jordison. Besprochen wird das neue Spellling-Album "The Turning Wheel" (taz). Wir hören rein:

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