Efeu - Die Kulturrundschau

Überfordert den Verstand des zynischsten Lesers

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27.08.2024. Die Theaterkritiker knien nieder vor Isabelle Huppert, die als "Bérénice" von Romeo Castellucci bei der Ruhrtriennale die ganze Bühne geschenkt bekommt, um alle emotionalen Extreme zu zelebrieren. In der NZZ sehnt sich Clemens J. Setz nach den alten Zeiten der herrlich falschen Twitterpoesie, die Elon Musk nun auch in den Orkus geblasen hat. Die taz lauscht in Venedig den Wehklagen der Nigerianer, die Precious Okoyomon von ihren Alltagssorgen erzählen lässt. Und Monopol feiert sechzig Jahre Comic-Geschichte im Pariser Centre Pompidou.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2024 finden Sie hier

Bühne

Isabelle Huppert als "Bérénice" © Jean Michael Blasco

Preziös ist sie, diese Inszenierung, mitunter schrammt sie auch nur knapp an der "Konzepttheater-Selbstparodie" vorbei, aber das kann Alexander Menden (SZ) gut verschmerzen - bietet ihm Romeo Castellucci bei der Ruhrtriennale in Jean Racines "Bérénice" doch achtzig Minuten lang eine grandiose Isabelle Huppert. Dafür hat Castellucci das Stück zum Monolog umgebaut und alle Sprecherrollen getilgt: "Es bleibt eine isolierte Frauengestalt, die emotionale Extreme zelebriert. ... Diese Figur bleibt bei allem Wehklagen völlig undurchdringlich, ebenso marmorn wie die Alexandriner, aus denen Racines Stück gebaut ist. Egal ob sie raunt, stammelt, ob sie eine aus unerfindlichen Gründen im Bühnenhintergrund auftauchende Waschmaschine entleert oder einen Heizkörper - einziger Wärmespender in der Einsamkeit? - umarmt: Der Abend feiert vor allem die Tatsache, dass hier Isabelle Huppert, die 71-jährige Sphinx der französischen Dramatik, leibhaftig auf der Bühne erscheint." Was Castellucci will, kann auch Nachtkritiker Martin Krumbholz nur ahnen: "Es geht nicht um Seelenkunde, sondern um die Rhetorik des Gefühls und deren Steigerung in die Nähe des Wahnsinns", aber auch er kniet nieder vor Huppert in diesem "sorgsam ausgetüftelten Zeremoniell, das einige Ähnlichkeit mit einem Kult-Vorgang hat."

Bernhard Schlink hat mit "20. Juli" sein erstes Theaterstück verfasst, gefragt wird im Setting einer Abiturfeier vor dem Hintergrund des Aufstiegs einer rechtspopulistischen Partei nach der Legitimität von Gewalt im Kampf gegen Rechts. "Arg pädagogisch" findet taz-Kritiker Jens Fischer das Stück, die Inszenierung von Franz-Joseph Dieken an den Hamburger Kammerspielen kann ihn aber mit "kraftvollen Bildern" überzeugen: "'Wer zu spät schießt, den bestraft das Leben', heißt es im Stück. Muss also beispielsweise ein mit Nazi-Parolen um sich werfender AfDler wie Björn Höcke mit einer Pistole mundtot gemacht werden? Auf der Bühne ist ein sprachmächtig smarter Vertreter der jungen gebildeten Rechten Objekt des Hasses. Rudolf Peters wird die zynische AfD-Jargon-Schleuder genannt. Constantin Moll spielt ihn mit gefährlicher Souveränität und darf in knuddeliger Harmlosigkeit auch noch einen Alt-68er darstellen. Eine äußerst fragwürdige Doppelbesetzung, da sie doch eine Gleichsetzung von rechtem Auf- und linkem Ruhestand nahelegt."

Besprochen werden Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares Othello beim Lausitz-Festival (Tsp), Guillermo Calderóns Inszenierung "Vaca" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik) und der Auftakt des Zürcher Theaterspektakels, das dem NZZ-Kritiker Ueli Bernays viel zu woke daherkommt.
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Literatur

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In der NZZ trauert der Schriftsteller Clemens J. Setz um die Twitterpoesie, die im Zuge von Musks Twitter-Übernahme ziemlich eingegangen ist. Hier wurde "die deutsche Sprache auf eine spektakuläre neue Weise verwendet, nämlich: präzise falsch". In manchen Accounts, wie etwa "Luni", schlummerten zehntausende mitunter surreal verdichtete Tweets, in denen man sich stundenlang verlieren konnte. Doch "um das Jahr 2021 war ein Großteil meiner Lieblingspoesie verschwunden - und wird auch nie mehr wiederkehren." Was "noch schmerzsteigernd hinzukommt, ist die enorme Geschwindigkeit, die gespenstische Vollständigkeit des Verschwindens. Innerhalb von ein oder zwei Jahren war praktisch alles weg. Das überfordert, wie ich glaube, selbst den Verstand des zynischsten, illusionslosesten Lesers. Immerhin hat es mehrere Jahrhunderte gedauert, bis die Welt die Werke des Empedokles oder der Sappho so weit verloren hatte, dass wir auf Erwähnungen bei faden Kommentatoren zurückgreifen mussten." Immerhin ein paar seiner Lieblinge hatte Setz in eine Datei kopiert und diese nun als Buch herausgebracht.

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Gerrit Bartels spricht im Tagesspiegel mit Eckhart Nickel über dessen neuen, schlicht "Punk" benannten Roman und was ihn daran reizte: "Es gibt eine kurze Szene im Buch, da beklagt die Erzählerin, wie schwer es ist, adäquat über Musik zu schreiben. ... Das ist für mich als pop- und musiksozialisierten Schriftsteller ein Ur-Anliegen. Dieser Aufgabe wollte ich mich stellen. Der andere Reiz war meine Musikbiografie und ihre Folgen. Wenn ich heute ein Album wie 'Entertainment' von Gang of Four höre, haut mich das genauso um wie damals beim ersten Mal auf dem Plattenspieler. Da steckt so viel positive Gewalt drin, es ist eine Wahnsinnsenergie in dieser Musik. ... Für mich sind die späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre zentral als Epoche. In dieser Zeit schien so viel Neues auf, das, wie es heißt, 'seither nicht aufhört zu beginnen'."

Außerdem: Nadine Brügger erzählt in der NZZ nach, wie die Schriftstellerin J.K. Rowling in jungen Jahren erst zur Feministin und schließlich zur Hassfigur von Trans-Aktivisten wurde. Paul Jandl schreibt in der NZZ einen De-Facto-Nachruf auf den Schriftsteller Bodo Hell, der seit zwei Wochen in den Alpen vermisst wird.

Besprochen werden unter anderem Clemens Meyers "Die Projektoren" (online nachgereicht von der Zeit), Hryhir Tjutjunnyks Erzählungsband "Drei Kuckucke und eine Verbeugung" (taz), Daniela Kriens "Mein drittes Leben" (TA), Michael Kumpfmüllers "Wir Gespenster" (Standard), Jan Monhaupts "Von Spinnen und Menschen" (FR), Anne Reineckes "Hinter den Mauern der Ozean" (FR), Zygmunt Baumans "Fragmente meines Lebens" (FAZ) und Alard von Kittlitz' "Kismet" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Precious Okoyomon: "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That". Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia

Erst zum zweiten Mal seit 2015 präsentiert sich Nigeria mit eigenem Länderpavillon auf der Biennale in Venedig, organisiert wird der Auftritt vom gerade erst in Benin-City entstandenen Museum of West African Art (MoWAA), weiß taz-Kritikerin Maxi Broecking, die hier ein sehr selbstbewusstes Land erlebt. Etwa in der Installation "Pre-Sky/ Emit Light: Yes Like That" der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon: Sie "hat für die Klanginstallation im Hof des Palazzos unterschiedlichsten Menschen auf den Straßen von Lagos dieselben zehn Fragen gestellt. Etwa 'Beschreiben Sie einen Morgen, an dem Sie ohne Angst aufgewacht sind' oder 'Was hat das Leiden Ihrer Mutter verursacht?' Sachte schallen nun in Venedig die Ängste, Albträume und alltäglichen Gewalterfahrungen in Nigeria hin zu den Biennalebesuchern, aber auch Träume und Wünsche. Viele hätten geantwortet, sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal ohne Angst aufgewacht seien, erzählt Okoyomon im taz-Gespräch während der Ausstellungseröffnung. 'Das ist eine Reibung von Energie, die sich durch die Städte zieht. Wie eine ständige Vibration, eine Urangst.'"

Nicole Claveloux: Scenario by Édith Zha. La Main verte, 1976 Panel 1. Private collection, Courtesy MEL Publisher © Cornélius, 2019
Im Monopol-Magazin ist Bernhard Schulz hingerissen: Das Centre Pompidou in Paris hat der "neunten Kunst", dem Comic, mit "La BD à tous les étages" eine gigantische Ausstellung gewidmet gezeigt werden über sechzig Jahre Comicgeschichte, nach Themen geordnet: "Freilich ist die Gewichtung je nach Land unterschiedlich. Das betrifft vor allem die japanischen Mangas, die hier für das Thema 'Angst' stehen. Wie nirgends sonst ist im vom Atombombenabwurf im Sommer 1945 traumatisierten Japan die Zukunft derart mit Horror und Untergang verbunden. Großäugige Kinder erobern zerborstene Städte, als Überlebende einer Welt 'danach'. Von den Comics zu bewegten Bildern war es in Japan nicht weit; in der Ausstellung werden daher auch Sequenzen aus Anime-Filmen gezeigt."

Einst wurden die Bilder des 1878 geborenen expressionistischen Malers Karl Hofer zum Marktwert der Werke von Liebermann oder Klee gehandelt, auch nach dem Zweiten Weltkrieg machte er noch Karriere: ab 1945 leitete der die Akademie der bildenden Künste in Berlin, erinnert Uta Appel Tallone in der NZZ. Zugleich war Hofer ein Verehrer Hitlers. Ein unverstellter Blick auf sein Werk ist der Kritikerin in der Ausstellung "Figuren, Stillleben, Landschaften" im Museo Castello San Materno in Ascona denn auch nicht möglich, auch wenn die Schau versucht "objektiv" zu sein. Gewiss, Hofer konnte malen. "Und doch: Der Blick der nackten, auf dem Bett liegenden Frau ist ohne Tiefe und kalt, seelenlos. Als das Bild entstand, hatte Hofer kurz vorher die Scheidung von seiner jüdischen Frau erwirkt - seine Karriere stand auf dem Spiel."

Weitere Artikel: Zu Kants 300. Geburtstag hat Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, das Künstlerpaar Peter Greenaway und Saskia Boddeke eingeladen, in der Orangerie in Potsdams Neuem Garten eine immersive Ausstellung zu gestalten, das Ergebnis mit dem Titel "Walking with Kant" ist nicht immer kitschfrei, aber doch überraschend, meint Lena Schneider im Tagesspiegel, die Kant hier in einer gigantischen Videoinstallation begegnet. In der FAZ erinnert Bernd Eilert an den 1978 ermordeten Künstler Marcel Bascoulard, der als Chronist seiner Heimatstadtb Bourges galt.

Besprochen werden die Ausstellung "Scent and the Art of the Pre-Raphaelites" in der Kunstgalerie des Barber Institute of Fine Arts in Birmingham (BlZ) und die Ausstellung "Choose your Player" im Zeppelin Museum in Friedrichshafen (Tsp).
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Film

Titus Blome freut sich auf Zeit Online über das 25-jährige Bestehen der Fantasy-Anime-Serie "One Piece". Besprochen wird Tilman Singers in den Alpen spielender Horrorfilm "Cuckoo" (Tsp).
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Stichwörter: Horrorfilm, Anime

Musik

Christian Wildhagen berichtet in der NZZ von Entdeckungen beim Lucerne Festival. Die Tschechische Philharmonie und ihr Dirigent Jakub Hrůša etwa nahmen sich selten Gespieltes von Dvořák vor: "Die Konzertouvertüren 'In der Natur', 'Karneval' und 'Othello' ... haben durchaus ihren Platz in den Programmen, vor allem als muntere Warmspielstücke. Dass Dvořák sie jedoch als thematisch zusammenhängende Trias konzipierte und gemeinsam unter dem Titel 'Natur - Leben - Liebe' aufgeführt sehen wollte, ist nahezu unbekannt. Hrůša verbindet die etwa gleich langen Werke nun tatsächlich zu einer rund vierzigminütigen Programmsinfonie mit packenden dramatischen Zügen: Es ist eine Trilogie der Leidenschaften, deren Spanne vom träumerischen Naturerleben des Beginns bis zur Eifersuchtsraserei des Schlusses reicht. Die Plastizität, mit der Hrůša und das Orchester die ständig wechselnden Charaktere entwickeln, immer in klanglicher Feinzeichnung, nie mit der musikantisch groben Kelle, fördert hier wirklich ein vernachlässigtes Meisterwerk zutage."

Weiteres: Ji-Hun Kim wirft für den Freitag einen Blick auf das Verhältnis zwischen Popmusik und US-Politik im Wahlkampfmodus. Julian Weber und Beate Scheder fassen in der taz das als Zwischenspiel des alle zwei Jahre stattfindenden Berlin-Atonal-Festivals eingerichtete Openless-Wochenende.  Marc Zitzmann berichtet in der FAZ vom Festival "Ravel en pays basque". Besprochen wird ein Dvorák-Konzert der Cellistin Anastasia Kobekina beim Rheingau Musik Festival (FR).
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