Efeu - Die Kulturrundschau
Auf Kante nähen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2024. Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi, die ein Konzert ohne Kopftuch gab, ist nach ihrer Verhaftung wieder frei, berichtet unter anderen die taz. Die FAZ staunt im niederländischen Wassenaar über die Keramik-Figuren von Musiker Nick Cave, der sich selbst zum Teufel macht. Yael Ronen breitet mit ihrem neuen Stück "Replay" in Berlin ein großes Geschichts-Tableau vor den Kritikern aus, die damit aber nicht ganz glücklich werden.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
16.12.2024
finden Sie hier
Musik
Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi, die es trotz der autoritären Maßgaben des Regimes von Teheran wagte, ein millionenfach angeklicktes Online-Konzert ohne Kopftuch und schulterfrei zu absolvieren, ist nach ihrer Verhaftung wieder frei, die Schergen der Mullahs behalten sich aber "angemessene Maßnahmen" gegen Ahmadi vor. Schon 2022 hat sie dem Regime die Stirn gezeigt, wofür ihre Wohnung durchsucht wurde, informiert Daniela Sepheri in der taz. "Ahmadi verkörpert den unerschütterlichen Willen einer Generation, die nicht mehr bereit ist, sich den Unterdrückungsmechanismen des Regimes zu beugen." Sie "betont immer wieder, dass ihre Kunst untrennbar mit ihrer politischen Haltung verbunden ist. ... Mit ihrem Konzert hat Ahmadi nicht nur Mut bewiesen, sich gegen ein repressives System zu stellen, sondern auch eine Vision für einen neuen Iran entworfen: ein Land, das Geschichte und Zukunft vereint, wo Freiheit, Gleichheit und Kunst gedeihen. 'Frau, Leben, Freiheit' - diese Worte, die zum Leitspruch der Protestbewegung geworden sind, werden durch Ahmadis Mut und Musik lebendig."
Katajun Amirpur fragt sich in der SZ, unter welchen Auflagen Ahmadi und ihre Musiker freigelassen wurden. "Da sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass sich Ahmadi nicht hat einschüchtern lassen, steht zu vermuten, dass man den Kreis derer, die in Mitleidenschaft gezogen werden, weiter gezogen hat. So geschehen in der Vergangenheit zum Beispiel im Falle von Maziar Bahari, seinerzeit Korrespondent von Channel 4 und Newsweek in Teheran. Als man ihn freiließ, wurde die Besitzurkunde des Hauses seiner Tante verlangt, und als er dann illegal ausreiste, wurde eben dieses Haus beschlagnahmt, die Tante wurde obdachlos. Freigelassen zu werden, bedeutet also weniger einen Akt der Gnade des Regimes als ein Umschwenken auf eine neue Taktik, um jemanden mundtot zu machen." Inzwischen soll Präsident Massud Peseschkian sein Veto gegen ein Gesetz eingelegt haben, das künftig hohe Strafen für Frauen vorsieht, die sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit zeigen, meldet der Spiegel.
Das Berghain feierte vergangenes Wochenende sein zwanzigjähriges Bestehen - Anlass für Dirk Peitz, dem legendären Berliner Nachtclub nach vielen Jahren mal wieder einen Besuch abzustatten. Früher wurden die Nächte hier "mit einer religiösen Erfahrung verglichen", schreibt er auf Zeit Online. "Das Kathedralenhafte, die schieren Ausmaße des Gebäudes legen diese Interpretation nahe. Doch sie ist im Kern falsch, jedenfalls in der beobachtbaren und selbstempfundenen Benutzerwirklichkeit: Es geht hier um das Gegenteil einer spirituellen Erweckung, nämlich um die Reduktion des Menschen zum Leib, er soll hier vergessen (oder tut es jedenfalls), was oder wer er ist oder zu sein glaubt, jenseits seiner bloßen Körperlichkeit. ... Der Zeitaspekt nun war schon immer das Wesentliche am Berghain: ein Paradox, dass in diesem Club die Zeit einem zugleich aufgehoben und total vorkommt. Die Stunden und Tage vergehen drinnen anders als draußen, die normale Zeitrechnung gilt hier nicht: Es zählt jede Sekunde der Präsenz der Körper, jetzt, jetzt, jetzt, im Tempo der Beats, deren Gleichförmigkeit wiederum auf Strecke gedacht scheint, du gehst rein und mit und vergisst die Zeit, wirst eingesogen in etwas, das keinen Namen und vor allem kein Ende hat und keinen Verlauf, es ist da."
Weitere Artikel: Shoko Kuroe blickt für Backstage Classical auf den Fall François-Xavier Roth. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker und Filmkomponisten Martial Solal, der seinerzeit auch Godards "Außer Atem" vertonte: "Es war die Geburt des European Cool."
Besprochen werden Snoop Doggs neues Album "Missionary" (NZZ), ein Mahler-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Klaus Mäkelä (Standard) und ein vom Berliner Zafraan Ensemble herausgegebenes musikalisches Kartenspiel (Tsp).
Literatur
Dass Boualem Sansal von den algerischen Behörden gefangen gehalten wird, findet Sabine Kebir im Freitag zwar nicht so gut. Tadeln will sie ihn aber dennoch: "Wenn Schriftsteller keine Historiker sind, sollten sie sich auch nicht als solche betätigen oder gar instrumentalisieren lassen." Statt Sansal zu verhaften, "wäre es leicht gewesen, ein öffentliches Podium zu organisieren, wo er in der Diskussion mit anderen Intellektuellen von der schrägsten seiner Thesen vielleicht sogar abgerückt wäre." Was daran "schräg" ist, hat sie beim Historiker Benjamin Stora gelesen.
Weitere Artikel: Für den Standard wandert Gerhard Zeillinger mit dem Autor Julian Schuttinger durch Wien. Hilmar Klute stöbert für die SZ durch den Buchladen Capitol Hill Books in Washington D.C.
Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (Standard, online nachgereicht von der FAZ, SZ), Olga Tokarczuks "E. E." (NZZ), Roman Ehrlichs "Videotime" (online nachgereicht von der FAZ), Jo Lendles "Die Himmelsrichtungen" (Presse), Hubert Fichtes und Peter Michel Ladiges' Briefband "In Gedanken unterhalte ich mich die ganze Zeit mit Dir" (FAZ), Franz Hohlers "Begegnungen mit Elias Canetti, Friedrich Dürrenmatt, Klaus Wagenbach u. v. a." (NZZ), Theresia Töglhofers "Tatendrang" (Standard), Alban Nikolai Herbsts "Briefe nach Triest" (Welt) und neue Hörbücher, darunter Jürgen Hentschs SWR-Lesung von "Doktor Shiwago" aus den späten Neunzigern (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Friederike Mayröckers "1 Gedicht das ist so 1 Atemzug":
"1 Gedicht das ist so 1 Atemzug : 1 Vögelchen auf der
Spitze des Baumes : kein Gewicht auf der Brust des
Dichters ..."
Weitere Artikel: Für den Standard wandert Gerhard Zeillinger mit dem Autor Julian Schuttinger durch Wien. Hilmar Klute stöbert für die SZ durch den Buchladen Capitol Hill Books in Washington D.C.
Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (Standard, online nachgereicht von der FAZ, SZ), Olga Tokarczuks "E. E." (NZZ), Roman Ehrlichs "Videotime" (online nachgereicht von der FAZ), Jo Lendles "Die Himmelsrichtungen" (Presse), Hubert Fichtes und Peter Michel Ladiges' Briefband "In Gedanken unterhalte ich mich die ganze Zeit mit Dir" (FAZ), Franz Hohlers "Begegnungen mit Elias Canetti, Friedrich Dürrenmatt, Klaus Wagenbach u. v. a." (NZZ), Theresia Töglhofers "Tatendrang" (Standard), Alban Nikolai Herbsts "Briefe nach Triest" (Welt) und neue Hörbücher, darunter Jürgen Hentschs SWR-Lesung von "Doktor Shiwago" aus den späten Neunzigern (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Friederike Mayröckers "1 Gedicht das ist so 1 Atemzug":
"1 Gedicht das ist so 1 Atemzug : 1 Vögelchen auf der
Spitze des Baumes : kein Gewicht auf der Brust des
Dichters ..."
Kunst

Collection museum Voorlinden, photos: Courtesy the Artist and Xavier Hufkens, Brussels
Wenn Nick Cave sagt, er habe sich eigentlich schon immer mehr als Bildender Künstler denn als Musiker gefühlt, ist das nicht nur leeres Gerede, versichert Stefan Trinks in der FAZ. Davon kann man sich in Museum Voorlinden im niederländischen Wassenaar überzeugen. Hier wird Caves Keramik-Figuren-Zyklus "The Devil - A Life" gezeigt, für die er sich an den vierzehn Kreuzwegstationen der Passion Christi sowie an mittelalterlichen Antichrist-Zyklen orientiert hat - sich aber eigentlich selbst darstellt: "Zu Beginn ist der Teufel ein ganz normaler Mensch, doch bleibt von der anfänglichen Unschuld nach Eintritt in den Krieg nicht viel übrig. Der endgültige Bruch in der Vita dieses Satans von nebenan ist der Tod des ersten Sohnes, den Cave eine 'Devastation' nennt, eine Verheerung. Die überwiegend in durchscheinendem Weiß glasierte und nur zart farbig gefasste Keramik 'Devil kills his first child' soll man auf ihn selbst beziehen. Verstörender noch: Indem Cave das Werk nicht '... kills his first son' nennt, kann man in den Titel auch hineinlesen, dass es nur das erste getötete Kind in einer längeren Reihe sein wird. Tatsächlich fehlen Cave heute zwei Kinder, weil er in Momenten nicht hingeschaut habe, in denen die Söhne ihn gebraucht hätten, wie er sagt."
Besprochen wird eine Ausstellung der "Beach Portraits"-Serie der niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra im Frankfurter Städel-Museum (FR).
Film
In der SZ verabschiedet sich der Schauspieler Daniel Brühl von dem eben verstorbenen Regisseur Wolfgang Becker. Weitere Nachrufe auf Becker schreiben Cosima Lutz (Welt), Georg Diez (Zeit Online) und Maria Wiesner (FAZ). Jörg Seewald spricht für die FAZ mit dem Schauspieler Marcus Mittermeier.
Besprochen werden Robert Zemeckis' "Here" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier und dort), die Netflix-Serienadaption von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (taz, mehr dazu bereits hier), Kenji Kamiyamas Animationsfilm "Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (Standard), die auf Amazon gezeigte Krimikomödien-Serie "The Sticky" (Presse), die im ZDF gezeigte Sportdoku-Serie "The Wagner Brothers" (FAZ), Sönke Wortmanns Komödie "Der Spitzname" (Tsp) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (Welt).
Besprochen werden Robert Zemeckis' "Here" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier und dort), die Netflix-Serienadaption von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (taz, mehr dazu bereits hier), Kenji Kamiyamas Animationsfilm "Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (Standard), die auf Amazon gezeigte Krimikomödien-Serie "The Sticky" (Presse), die im ZDF gezeigte Sportdoku-Serie "The Wagner Brothers" (FAZ), Sönke Wortmanns Komödie "Der Spitzname" (Tsp) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (Welt).
Bühne

Nachtkritiker Janis El-Bira tut sich etwas schwer mit Yael Ronens neuem Stück "Replay" an der Berliner Schaubühne. Einerseits profitiert auch diese Geschichte über eine Familie in der DDR, die durch die Republikflucht der Mutter ins Unglück gestürzt wird, von Ronens "unnachahmlich präzisen Screwball-Verfinsterungen aus knappen Szenen und kaustischen Dialogen. Kaum eine andere Dramatikerin heute kann die wörtliche Rede so auf Kante nähen, Sätze so panzerbrechend anspitzen." Das tolle Ensemble tröstet den Kritiker außerdem ein wenig darüber hinweg, dass das Stück "von einer so hochglanzpolierten Oberflächlichkeit ist, dass es passend gewesen wäre, der längst durchgelutschte Begriff des Netflix-Theaters wäre erst für ihn erfunden worden. Die These von der ewigen Wiederkehr der Geschichte(n) zwingt Ronens Inszenierung mitsamt Projektionen von Kreisen, Spiralen und anderem Symbolgedöns in Magda Willis schöner Rauminstallation derart besessen auf die gerade Bahn, dass man sie fast schon wieder glauben möchte."
Auch Christine Wahl ist im Tagesspiegel nicht ganz überzeugt. Die Idee des großen "Geschichts-Tableaus", das Ronen hier anhand einer Familiengeschichte zeichnen wollte, geht nicht ganz auf: "Lässige Pointen und die Begabung zur Selbstironie gehören auch in 'Replay' zum guten Ton. Aber im Gegensatz zu den treffsicher böshumorigen und gerade deshalb in letzter Instanz so philanthropischen Schlagabtäuschen, die man von Ronens früherem Stückpersonal kennt, scheint der 'Replay'-Cast von einem vergleichsweise feierlichen Willen zur großen neuen Erzählung ergriffen - für die Personal wie Phänomene allerdings viel zu grobkörnig an der Oberfläche bleiben." "Handwerklich mehr als gekonnt" findet Peter Laudenbach in der SZ die Aufführung, beklagt aber dennoch "etwas simple Erklärungsmuster" und "Einfühlungstheater". Sophia Zessnik bespricht das Stück für die taz. In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler.
In Nürnberg wird der umstrittene Bau des Theaterinterims im Torso der Nazi-Kongresshalle, der stolze 300 Millionen Euro kosten soll, entschlossen vorangetrieben, berichtet Matthias Alexander in der FAZ: "Gegner des Vorhabens hatten davor gewarnt, dass die Theaternutzung in dem vergleichsweise kleinen grünen Kubus dem Riesenbau der Architekten Franz und Ludwig Ruff die mahnende Wirkung auf die Nachgeborenen nehmen könne. Auch war zu hören, dass die Kunst wieder einmal für den Exorzismus des Ungeistes missbraucht werde. Genau dieses Argument lässt sich allerdings auch für die neue Nutzung verwenden, schließlich ist die Austreibung des Bösen in allen vergleichbaren Fällen gelungen. Die Beweggründe der politisch Verantwortlichen waren wohl vor allem pragmatischer Natur: Der Unterhalt der denkmalgeschützten Ruine verschlingt ohnehin Unsummen, Tendenz steigend, und Atelierräume werden dringend benötigt."
Außerdem: Michael Ernst blickt in der FAZ mit Sorge auf die Theater in Görlitz, Halle und Rudolstadt, die mit der Finanzierung wichtiger Sanierungsarbeiten zu kämpfen haben. Besprochen werden Nuran David Calis' Theaterprojekt "Leaks. Von Mölln bis Hanau" an den Frankfurter Kammerspielen (FR, nachtkritik), Iris Limbarths Inszenierung von Alan Menkens Musical "Der kleine Horrorladen" an der Komödie Frankfurt (FR), Marcelo Evelins Tanzstück "Uirapuru" im Frankfurter Mousonturm (FR), Helgard Haugs Theaterprojekt "Ever Given" mit der Gruppe "Rimini Protokoll" am Volkstheater Wien (taz), das Stück "Die Tüten aus der Verwaltung" von der Musiktheatergruppe glanz&krawall am inklusiven Theater Thikwa in Berlin (taz), René Polleschs letztes Stück "Der Schnittchenkauf" an der Volksbühne Berlin (taz), Mateja Koležniks Inszenierung von Nikolai Gogols "Der Revisor" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Michael Lemathes Inszenierung von Michel Marc Bourchards Stück "Die Nacht, als Laurier erwachte" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Luise Voigts Inszenierung von Björn SC Deigners Brecht-Fortschreibung "Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei" am Residenztheater München (nachtkritik), Jossi Wielers Inszenierung von Sophokles' Stück "Die Frauen von Trachis (Trachinai)" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), David Böschs Inszenierung von Alexander Zemlinskys Oper "Kreidekreis" an der Oper Düsseldorf (FAZ), Thomas Köcks Inszenierung von "Proteus 2481" an den Münchner Kammerspielen (SZ) und die von Edith Clever realisierte szenischen Lesung "Ein Strauß für Botho" am Renaissance-Theater in Berlin (Welt).
Design
Dass das Pantone Color Institute seine bräunlich-schlackige Farbe des Jahres "Mocha Mousse" (mehr dazu bereits hier) als Ausdruck einer globalen Befindlichkeit annonciert, findet Franka Klaproth (online nachgereicht von der FAS) irritierend: "Wenn man liest, wie das Institut die Wahl der Farbe begründet, sieht es so aus, als ob es die politische Konnotation der Farbe nicht mitgedacht hat. Sie soll, heißt es da, den kollektiven Wunsch nach 'Verbindung, Komfort und Harmonie' ausdrücken. In einer zerrütteten Welt, die gerade mit aller Deutlichkeit zeigt, dass diese Dinge nicht einfach von selbst entstehen, ist die Idee, sich zurückzulehnen und mental Kaffeepause zu machen, eher ein Zeichen von gedanklicher Bequemlichkeit."
Kommentieren



