Efeu - Die Kulturrundschau
Hoffentlich meldet sich keiner
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26.02.2025. Der Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen eskaliert: Der SZ wurden giftige Emails zugespielt, die im Museum kursieren. Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" wird vorerst nicht verboten - gut so, findet die taz. Die FAZ staunt in einer Düsseldorfer Ausstellung über die Subtilität, mit der Bracha Lichtenberg Ettinger die Schrecken der Shoah sichtbar macht. Britische Musiker protestieren gegen KI, berichtet die SZ, mit einem Album auf dem nur Stille zu hören ist. Die Welt erinnert an den Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einen Paradiesvogel im Reich der Mehlwürmer und Grottenolme.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
26.02.2025
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Kunst

Quelle: Haus am Waldsee
In der SZ glaubt Peter Richter bereits die Ausstellung des Jahres ausfindig gemacht zu haben. Gewidmet ist sie dem 1995 im Alter von nur 35 Jahren verstorbenen Ull Hohn. Richter begeistert sich unter anderem für den großzügigen Farbauftrag, der viele Arbeiten Hohns prägt, die nun im Berliner Haus am Waldsee ausgestellt werden: "The Joy of Squeegeeing, Spaß am Rakeln. Was formal ohnehin immer reizvoll ist, trifft sich bei ihm oft mit Landschaftsmalereien, die teilweise direkt aus den Bildern der Hudson River School entnommen sind, sodass die Bilder hier nun einerseits aussehen wie reumütig vom zweifelnden Maler wieder ausgewischt. Und andererseits wie durch die schlierigen Scheiben eines am Hudson River entlangrasenden Amtrak-Zugs fotografiert. Oft ist die darübergewischte Farbe extra so gelblich, als wäre es der Zahnbelag der Zeit, der chemische Ausfall von Nostalgie auf vergilbendem Fotopapier."
Für die FAZ bespricht Georg Imdahl eine Ausstellung, die das Düsseldorfer K21 Bracha Lichtenberg Ettinger widmet, einer Künstlerin, die sich in ihren Ölgemälden mit Bilddokumenten der Judenverfolgung im Dritten Reich und des nationalsozialistischen Massenmordes auseinander setzt. Auf Schockwirkung setzt sie freilich keineswegs: "Nichts liegt Lichtenberg Ettinger in ihren durchgehend kleinen, meist unspektakulär quadratischen Formaten ferner als der Gestus einer genialischen, gar heroischen Malerei. Tritt man nahe an ihre Bilder heran, erkennt man oft nicht mehr als flüssige Schemen und vage Umrisse. Von Ferne betrachtet zeigen sich umso deutlicher geisterhafte Grimassen, hohle Augen und geöffnete Münder von Totenköpfen, hier und da eine schwebende, isolierte Brust."
Im Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen verschärft sich der Ton. Der SZ war ein Datenbank-Auszug mit 200 als Raubkunst klassifizierten Werken zugespielt worden, die größtenteils nicht nur nicht restituiert worden sind; in den meisten Fallen hatte das Museum nicht einmal Schritte unternommen, um die Erben zu kontaktieren (unsere Resümees). Jörg Häntzschel gibt, wieder in der SZ, ein Update: Bayerns Kulturminister Markus Blume verschickt eine abwiegelnde Pressemitteilung, die gleichzeitig Fehler einräumt und die Staatsgemäldesammlungen in Schutz nimmt. Immerhin soll es mehr Geld für die Provenienzforschung geben. Der Generaldirektor der Sammlungen, Bernhard Maaz, erhebt intern Vorwürfe gegen Mitarbeiter, die Informationen an die Presse weitergeben. Die SZ, deren Quelle offenbar noch nicht versiegt ist, zitiert aus seiner Email, sowie aus der Antwortmail eines anonymen Mitarbeiters, der Maaz schwere Vorwürfe macht: "Dass Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser Situation, durch die die Pinakotheken und das Ministerium weltweit massiven Schaden nehmen (...) wissentlich die Unwahrheit sagen ist bemerkenswert". Restitutionsanwalt Hannes Hartung traut dem Museum in Restitutionsfragen inzwischen nicht mehr über den Weg: "Wenn die Staatsgemäldesammlungen Raubkunst haben, sagen sie einfach: Schön, hoffentlich meldet sich keiner."
Außerdem: Annegret Erhard besucht für die Welt das PoMo Trondheim, ein Kunstmuseum in privater Trägerschaft. In der Berliner Zeitung stellt Ida Luise Krenzlin das fünf Jahre umfassende Festprogramm zum 200-jährigen Jubiläum der Berliner Museumsinsel vor. Silke Hohmann unterhält sich auf monopol mit der Städel-Direktorin Barbara Clausen. Außerdem stellt monopol eine Liste der bereits feststehenden Künstler und Künstlerinnen zusammen, die auf der kommenden Kunstbiennale Länderpavillons bespielen.
Besprochen werden die Schau "An die Arbeit! Vom Schaffen und Schuften der Frauen" im Kupferstichkabinett der Berliner Gemäldegalerie (Tagesspiegel) und Leonard Freeds Fotoausstellung "Deutsche Juden heute" im Berliner Jüdischen Museum (taz).
Literatur

Richard Kämmerlings antwortet auf unsere Kritikerumfrage nach den fünf prägendsten deutschsprachigen Büchern der letzten 25 Jahre - und liefert einen ganzen Kanon der Gegenwartsliteratur als Bonusmaterial dazu. Für die Umfrage im engeren Sinne nennt er Bücher von Brigitte Kronauer, Ernst-Wilhelm Händler, Martin Kluger, Clemens J. Setz und Antje Rávik Strubel. Seine "Kriterien für diesen Kanon sind zweierlei: Es geht um Werke, die zentrale Fragen des zeitgenössischen Bewusstseins spiegeln und dabei für ihre Themen und Inhalte formal gelungene Lösungen finden. Um Literatur, die als Medium von Welterkenntnis funktioniert, indem sie in ihrer Sprache oder in der Erzählstruktur, besondere, innovative, ganz spezifisch literarische Perspektiven auf die Wirklichkeit entwickelt." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.Tilman Krause erinnert in der Welt an den Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, der vor zehn Jahren den Freitod wählte (unser Resümee). Einer wie er, dieser "Feuilletonist schlechthin", fehlt heute, findet Krause: Raddatz war "der farbigste, schrillste, amüsanteste Paradiesvogel in einem Zoo, der überwiegend von blassen Mehlwürmern und sinistren Grottenolmen bevölkert wird. ... Sich noch einmal in die Texte zur Literatur von Raddatz zu vertiefen, bedeutet daher, die Maßstäbe wieder aufzurichten. Bedeutet, in einer Zeit, die im Netz tagtäglich die Selbstermächtigung der Unberatenen erlebt, daran zu erinnern, dass Kulturjournalismus etwas mit Kompetenz und Kenntnissen zu tun hat." Raddatz' "Essays lebten von einer Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens in den Blick nahm."
Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Nadine A. Brügger den Schweizer Politiker Gerhard Pfister, der eben seinen Einstand als Kritiker beim "SRF-Literaturclub" hatte. Besprochen werden unter anderem Zach Williams' "Es werden schöne Tage kommen" (Standard, unsere Kritik), Garry Dishers Krimi "Desolation Hill" (FR), Katharina Greves an den Cartoonklassiker "Vater und Sohn" angelehnter Online-Comic "Meine Geschichten von Mutter und Tochter" (Tsp), Heinz Liepmans "Das Vaterland" (Tsp), Hannes Köhlers "Zehn Bilder einer Liebe" (FAZ) und Takis Würgers "Für Polina" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur
Angeregt blättert taz-Autor Nikolaus Bernau in einem Buch der Architekturforschenden Kataryna Malaia und Philipp Meuser zum Massenwohnungsbau in der Ukraine. Die gesamte Geschichte moderner Wohnungsbauprojekte wird von den Autoren behandelt, auch aktuelle Kriegsschäden kommen vor. Nicht zuletzt jedoch wird "die großartige Formen- und Farbenlust deutlich, die auch die ukrainisch-sozialistische Architektur prägte - Moskau gab nur das grobe Regelwerk vor, die Planung und Ausführung geschah in den Sowjetrepubliken selbst. Es werden auch fundamentale Unterschiede zum Massenwohnungsbau Deutschlands klar, West- wie Ostdeutschlands: Toiletten erhalten eigene Räume, tief im Gebäudeinneren verborgene, faktisch fensterlose Funktionsküchen konnten ukrainische Baukombinate wohl nie durchsetzen. Ukrainer:innen wollen offenbar zusammensitzen und dabei gemeinsam nach draußen, auf ihre Stadt, sehen können."
Bühne

Mit Franziska Sörensen © Tom Neumeier Leather
Ziemlich angetan zeigt sich Jan Brachmann in der FAZ davon, wie Torsten Rasch Reiner Kunzes DDR-Abrechnung "Die wunderbaren Jahre" am Staatstheater Regensburg zur Aufführung bringt. Ausgesprochen minimalistisch ist die Operninszenierung geraten. Lediglich eine Sprecherin, einen Bass, eine Sopranistin und eine Mezzosopranistin wirken mit: "Sie spielen alles: Kinder, Eltern, Lehrer, Polizisten, jugendliche Dissidenten. Die Bühne von Walter Schütze kommt mit Requisiten aus: Flugblättern, einem Besen, einem riesengroßen Stahlstuhl, einer Marionette der berühmten tschechischen Puppe Spejbl, dem Prospekt einer Mittelgebirgslandschaft hinter der Stahlschiebetür - die Aussicht durch Stacheldraht verhängt, aus dem zwischendurch eine Dornenkrone gewirkt wird." Außerdem erfreut sich Brachmann an der "Musik seelischen Aufruhrs und gefährdeter Zärtlichkeit, die bei Franz Schreker und Alexander Zemlinsky, beim spättonalen Schönberg und frühen Alban Berg anknüpft, Musik wundgerissener Grübelei und Begierde."
Auf nmz ist Juan Martin Koch ziemlich mitgenommen, aber überzeugt: "In der erschütterndsten Szene reicht eine Mutter beim Gefängnisbesuch einen Kuchen für ihren Sohn durch eine Luke nach hinten. Was sie zurückbekommt, ist die Urne mit dessen sterblichen Überresten. Er habe sich in seiner Zelle erhängt, heißt es. Doch der Titel, der auch hier zu Beginn der Szene eingeblendet wird, verrät, worum es wirklich geht: 'Schießbefehl'. Der anschließende Epilog wird - wie von Dramaturg Ronny Scholz im Vorgespräch treffend charakterisiert - zum instrumentalen Requiem für die Mauertoten, deren Sterbedaten projiziert werden."
Außerdem: Katrin Ullmann porträtiert die Theaterregisseurin Luise Voigt auf nachtkritik. Ronald Pohl blickt im Standard auf das Programm des diesjährigen Neustädter Wortwiege-Fests, das dem Theater und der Literatur gewidmet ist.
Besprochen werden "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" von Lena Brasch am Gorki Theater Berlin (NZZ, "spielt klug mit all diesen Widersprüchen, die den Menschen und Dichter Thomas Brasch ausmachten"), eine Revue mit Berlin-Liedern am Berliner Renaissance-Theater (FAZ, "bisschen Musical, bisschen Bauchpinselei, bisschen Klischee-Bulettenschlacht"), Laura Wehlings Inszenierung von "König Ubu" am Hamburger Klabauter Theater (taz, "Freude am Experiment und am Spiel mit der Absurdität") und Gisle Kverndokks Musiktheaterstück "Briefe an Ruth" an der Wiener Kammeroper (Standard, "elegische Balladen, muntere Jazznummern und auch Zuspitzungen dissonanter Art").
Film
In der Nacht vom Sonntag auf Montag werden die Oscars verliehen. Andreas Scheiner wundert sich in der NZZ, dass sich bislang niemand daran zu stoßen scheint, dass mit Yura Borisov in der Kategorie "bester Nebendarsteller" (für den Film "Anora", hier unsere Kritik) erstmals seit dem Ende der Sowjetunion ein Russe für einen Oscar nominiert ist. 2020 hatte er in einem russischen Propagandafilm mitgespielt, gibt sich ansonsten aber bedeckt, was seine politischen Ansichten betrifft. "Zwar sind etwa in Vanity Fair, der Los Angeles Times und dem Interview Magazine unlängst Gespräche mit dem Oscar-Kandidaten erschienen. Doch in keinem wird Politik auch nur angeschnitten. Allem Anschein nach haben sich die Medien gegenüber dem Management des Schauspielers verpflichtet, keine verfänglichen Fragen zu stellen. ... Bei russischen Stars aus der klassischen Musik wie Anna Netrebko und Teodor Currentzis, die sich nicht eindeutig zum russischen Krieg in der Ukraine verhalten haben, wurden noch strengere Massstäbe angelegt."
Weiteres: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Leonie Benesch, die in Petra Volpes "Heldin" eine Krankenpflegerin spielt. Besprochen werden James Mangolds Bob-Dylan-Film "A Complete Unknown" (taz), der neue Teil der "Bridget Jones"-Reihe mit Renée Zellweger (FAZ, Tsp, Presse, FD), Bernhard Wengers "Pfau - bin ich echt?" (FAZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Presse), die bei Apple gezeigte Krankenhausserie "Krank Berlin" (taz), die Disney-Serie "Skeleton Crew" aus dem "Star Wars"-Universum (FAZ) und Patrick McGilligans Biografie über Woody Allen (Welt).
Weiteres: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Leonie Benesch, die in Petra Volpes "Heldin" eine Krankenpflegerin spielt. Besprochen werden James Mangolds Bob-Dylan-Film "A Complete Unknown" (taz), der neue Teil der "Bridget Jones"-Reihe mit Renée Zellweger (FAZ, Tsp, Presse, FD), Bernhard Wengers "Pfau - bin ich echt?" (FAZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Presse), die bei Apple gezeigte Krankenhausserie "Krank Berlin" (taz), die Disney-Serie "Skeleton Crew" aus dem "Star Wars"-Universum (FAZ) und Patrick McGilligans Biografie über Woody Allen (Welt).
Musik
Tausend britische Musiker, darunter sehr namhafte wie Kate Bush und die Pet Shop Boys, protestieren mit dem gemeinsamen Konzeptalbum "Is This What We Want" dagegen, dass ihre Regierung weitreichende Liberalisierungen für generative KI ermöglichen will - zu hören ist auf dem Album entsprechend: nichts, bzw. der Raumklang von leeren Studios. "Auf dem zugehörigen Video fährt die Kamera durch ein - bis auf einen mittig platzierten Flügel - leeres Aufnahmestudio, klappernde Geräusche im Hintergrund lassen vermuten, dass auch in den übrigen Räumen gerade ausgeräumt wird", schreibt Helmut Mauró in der SZ. "Dass man die Verwendung von KI grundsätzlich verhindern kann, glaubt indes niemand mehr. Sie ist längst in diversen Aufnahme-Tools verbreitet, und auch mit dem kompletten Ersatz des musizierenden Künstlers durch animierte Bühnenfiguren hat man sich abgefunden. ... Was kann ein stummer Protest von Musikern schon ausrichten?"
Außerdem: Klaus Walter porträtiert in der FR den Musiker Jörn Elling Wuttke. André Boße schreibt auf Zeit Online zum Tod von Roberta Flack (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden ein von Andris Poga dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Samuel Hasselhorn (FR), ein Berliner Konzert von Bibiza (Tsp), Chers Memoiren (online nachgereicht von der Welt) und das neue Album von Tate McRae (Standard).
Außerdem: Klaus Walter porträtiert in der FR den Musiker Jörn Elling Wuttke. André Boße schreibt auf Zeit Online zum Tod von Roberta Flack (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden ein von Andris Poga dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Samuel Hasselhorn (FR), ein Berliner Konzert von Bibiza (Tsp), Chers Memoiren (online nachgereicht von der Welt) und das neue Album von Tate McRae (Standard).
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