Efeu - Die Kulturrundschau
Dem Klang unterirdischen Wassers lauschen
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21.03.2025. Der Prozess gegen Boualem Sansal in Algerien wurde eröffnet, die Staatsanwaltschaft fordert zehn Jahre Haft, berichtet Le Monde. Die FAZ schwelgt mit den Designs von Willy Fleckhaus im Wiener Fotomuseum WestLicht im Aufbruchsgeist der Sechziger. Schwesternschaft und Rivalität erlebt die taz mit Karin Beiers Inszenierung der Donizetti-Oper "Maria Stuarda" auf der Bühne der Hamburger Staatsoper. Die neue Schweizer Kommission für Raubkunst stößt nicht nur auf Gegenliebe, weiß die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.03.2025
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Literatur
Gestern wurde bekannt, dass der Prozess gegen Boualem Sansal in Algerien eröffnet wurde. Der Staatsanwalt, berichten die Medien, fordert zehn Jahre Haft gegen den Schriftsteller. In Le Monde schafft es Simon Roger, zumindest indirekt vom ersten Prozesstag zu berichten: "Einem ortsansässigen Journalisten zufolge, der der Verhandlung beiwohnte, erschien Boualem Sansal, 80 Jahre alt und an Prostatakrebs erkrankt - für den er im Gefängnispavillon des Universitätsklinikums Mustapha-Pacha in Algier behandelt wird -, 'in guter Verfassung, mit kurz geschnittenem Haar'. Er habe sich entschieden, sich selbst zu verteidigen, obwohl ihm von der algerischen Justiz ein Pflichtverteidiger zugewiesen worden sei. 'Ich wollte nichts gegen mein Land unternehmen, ich habe nur eine Meinung geäußert, wie jeder algerische Bürger', rechtfertigte sich der Autor auf Französisch." Sansal hat sich offenbar entschieden, ganz auf Anwälte zu verzichten, nachdem sein französischer Anwalt François Zimeray nach wie vor kein Visum für Algerien bekommen hat - Zimeray schreibt in einer Erklärung über einen "im Geheimen abgehaltenen Fantomprozess, ohne Verteidigung, der mit der Idee der Gerechtigkeit unvereinbar ist". Der Le Monde-Journalist möchte übrigens die Strafforderung des Staatsanwalts als eine "Geste der Beschwichtigung" interpretiert wissen, da noch weit schlimmere Strafen gegen Sansal verhängt werden könnten.
Am Rande des EU-Gipfels hat sich gestern Abend laut Le Point auch Emmanuel Macron zu Sansal geäußert: "Unser Wunsch ist es, dass Boualem Sansal behandelt werden kann, freigelassen wird und dorthin gehen kann, wo er hin will. Ich wünsche mir, dass wir eine schnelle Lösung für diese Situation finden, die eine Frage der Menschlichkeit und der Würde für alle Seiten ist. Das ist auch für Algerien sehr wichtig." Übrigens wusste nicht einmal Macron, dass überhaupt eine Prozesseröffnung gegen Sansal angesetzt war, sagt Noëlle Lenoir, Vorsitzende des französischen Unterstützungskomitees für Sansal in einem Radio-Interview von heute früh.
Weiteres: Das Oberlandesgericht Hamburg hat die Beschwerde des Galeristen Johann König in der Auseinandersetzung um Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" abgelehnt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Mathias Mayer legt uns in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" Ludwig Marcuses Platon-Studie "Der Philosoph und der Diktator" ans Herz. In der FAZ schreibt Patrick Bahners zum 90. Geburtstag des C.H.-Beck-Lektors Ernst-Peter Wieckenberg. Doris Kraus und Mirjam Marits stellen in der Presse neue Krimis aus Norwegen vor.
Besprochen werden Christoph Heins "Das Narrenschiff" (online nachgereicht von der FAZ), Dagmar Leupolds Lyrikband "Small Talk" (FR) und Ismail Kadares "Der Anruf" (SZ).
Am Rande des EU-Gipfels hat sich gestern Abend laut Le Point auch Emmanuel Macron zu Sansal geäußert: "Unser Wunsch ist es, dass Boualem Sansal behandelt werden kann, freigelassen wird und dorthin gehen kann, wo er hin will. Ich wünsche mir, dass wir eine schnelle Lösung für diese Situation finden, die eine Frage der Menschlichkeit und der Würde für alle Seiten ist. Das ist auch für Algerien sehr wichtig." Übrigens wusste nicht einmal Macron, dass überhaupt eine Prozesseröffnung gegen Sansal angesetzt war, sagt Noëlle Lenoir, Vorsitzende des französischen Unterstützungskomitees für Sansal in einem Radio-Interview von heute früh.
Weiteres: Das Oberlandesgericht Hamburg hat die Beschwerde des Galeristen Johann König in der Auseinandersetzung um Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" abgelehnt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Mathias Mayer legt uns in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" Ludwig Marcuses Platon-Studie "Der Philosoph und der Diktator" ans Herz. In der FAZ schreibt Patrick Bahners zum 90. Geburtstag des C.H.-Beck-Lektors Ernst-Peter Wieckenberg. Doris Kraus und Mirjam Marits stellen in der Presse neue Krimis aus Norwegen vor.
Besprochen werden Christoph Heins "Das Narrenschiff" (online nachgereicht von der FAZ), Dagmar Leupolds Lyrikband "Small Talk" (FR) und Ismail Kadares "Der Anruf" (SZ).
Design

"Wir waren schon mal weiter", seufzt Hannes Hintermeier in der FAZ nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum WestLicht über das einst von Willy Fleckhaus als Art Director gestaltete und ziemlich legendäre Sixties-Magazin twen. "Weiße Schrift auf schwarzem Grund, halbe Seiten sind leerer Weiß- oder Schwarzraum, Bilder über Doppelseiten: Fleckhaus hat eine 'visuelle Grammatik' im Sinn, so" der Fotohistoriker "Hans-Michael Koetzle, will aufklären mit Bildern. Er verordnet twen eine radikale Optik, denkt das Heft als dreidimensionales Gesamtkunstwerk, schert sich nicht um Originalformate. Fotos sind für ihn Rohmaterial. Er beschneidet, stellt frei, kontert und rastert nach Belieben. ... Auch wenn man dezidiert kein Fotomagazin sein wollte, wurden die Seiten stets vom Bild her gedacht, der Text hatte sich der Optik unterzuordnen. ... Keine Jugendzeitschrift im engeren Sinn, richtet sich twen an eine Leserschaft, die sich mit dem Aufbruchsgeist der Sechziger identifiziert. Es geht um Themen wie Außerparlamentarische Opposition, Homosexualität, Abtreibung, Rassismus, Gleichberechtigung, und immer wieder um Sex."
Bühne

Weiteres: Simon Strauss erinnert in der FAZ an Peter Brook, den "wichtigsten Erneuerer des zeitgenössischen europäischen Theaters", er wäre heute hundert Jahre alt geworden. Möglicherweise schrumpft die Schauspielsparte bei den Salzburger Festspielen zusammen, entnimmt Margarete Affenzeller im Standard der Kuratoriumssitzung von Montag. Marco Frei unterhält sich für die NZZ mit dem Komponisten Beat Furrer, dessen Oper "Das große Feuer" an diesem Sonntag in Zürich uraufgeführt wird.
Besprochen werden: Meg Stuarts "Glitch Witch" am Wiener Tanzquartier (Standard) und Melanie Schmidts "Schräge Vögel" am Nationaltheater Mannheim, das Texte von Aristophanes und Carsten Jeß kombiniert (Nachtkritik).
Kunst

Nun hat auch die Schweiz eine Kommission für Raubkunst, vermeldet Philipp Meier in der NZZ: "Damit die Kommission künftig tätig werden und die Herkunft eines potenziell historisch belasteten Kunstwerks oder Kulturguts überhaupt untersuchen kann, wird grundsätzlich die Zustimmung beider Parteien vorausgesetzt. Nur in einer Ausnahme kann sie auch einseitig angerufen werden: Das betrifft Kunst- und Kulturgüter im Kontext des Nationalsozialismus, die sich in staatlich finanzierten Museen und Sammlungen befinden." Glücklich seien mit dem Kompromiss aber nicht alle, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund habe Bedenken: "Dass nur in Ausnahmefällen eine einseitige Anrufung möglich sei, erschwere faire und gerechte Lösungen."
Weiteres: Patricia Grzonka besucht für Monopol die Spark Art Fair. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Jack Whitten: The Messenger" im New Yorker MoMA (Monopol).
Film
Valerie Dirk spricht für den Standard mit Tom Tykwer über dessen neuen, in der FAZ besprochenen Film "Das Licht" (unser Resümee). In epdFilm empfiehlt Gerhard Midding ein mit historischen 35mm-Filmkopien bestrittenes Italowestern-Wochenende im Berliner Zeughauskino. Besonders "Tepepa" mit Tomás Milián und Orson Welles legt er uns ans Herz - der "fürwahr furiose Western" steht für alle Nicht-Berliner auch legal auf Youtube:
Besprochen werden Barry Levinsons Mafiathriller "The Alto Knights" mit Robert de Niro in einer Doppelrolle (Tsp, BLZ, SZ), Gia Coppolas "The Last Showgirl" mit Pamela Anderson (Welt, SZ, unser Resümee), Céline Sallettes Biopic "Niki" über die Künstlerin Niki de Saint Phalle (taz, SZ) Marc Webbs Realfilm-Remake von Disneys Zeichentrickfilmklassiker "Schneewittchen" (NZZ, SZ), Wei Shujuns chinesischer Thriller "Only The River Flows", der in Deutschland schon seit knapp einem Monat läuft (NZZ), die Netflix-Serie "Adolescence", die gerade weltweit die Charts stürmt (Welt), die Netflix-Serienadaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Romanklassiker "Der Leopard" (NZZ) und Shonda Rhimes' auf Netflix gezeigte Krimikomödie "The Residence" (FAZ).
Besprochen werden Barry Levinsons Mafiathriller "The Alto Knights" mit Robert de Niro in einer Doppelrolle (Tsp, BLZ, SZ), Gia Coppolas "The Last Showgirl" mit Pamela Anderson (Welt, SZ, unser Resümee), Céline Sallettes Biopic "Niki" über die Künstlerin Niki de Saint Phalle (taz, SZ) Marc Webbs Realfilm-Remake von Disneys Zeichentrickfilmklassiker "Schneewittchen" (NZZ, SZ), Wei Shujuns chinesischer Thriller "Only The River Flows", der in Deutschland schon seit knapp einem Monat läuft (NZZ), die Netflix-Serie "Adolescence", die gerade weltweit die Charts stürmt (Welt), die Netflix-Serienadaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Romanklassiker "Der Leopard" (NZZ) und Shonda Rhimes' auf Netflix gezeigte Krimikomödie "The Residence" (FAZ).
Musik
Maxi Broecking staunt in der taz: Der britische Komponist und Klangkunst-Kurator Robin McGinley hat gemeinsam mit dem Stockholmer The Great Learning Orchestra (TGLO) Yoko Onos Performance-Anweisungen "Grapefruit" mit Material aus den 50ern und 60ern umgesetzt und aufgenommen - und dies zum allerersten Mal überhaupt, "da sie vor allem imaginäre Klänge beschreiben, die sich assoziativ in Musik und Geräuschen äußern können. Etwa: Wie klingt das Atmen eines Raumes oder das Zählen von Sternen? ... Das 'Water Piece' mit der Anweisung, dem Klang unterirdischen Wassers zu lauschen, wurde in der Therme von Cefalù unweit von Palermo aufgenommen. Über mehrere Minuten ist das Geräusch unterirdisch sprudelnden Wassers zu hören. Für 'City Piece', von Ono im Winter 1961 geschrieben, soll ein leerer Kinderwagen durch eine Stadt geschoben werden. ... Onos Spielanweisungen spiegeln ihre eigene Verlorenheit und Aggression wider, die sie selbst immer wieder in Interviews thematisierte. Die Klangperformances auf dem Album lösen sich davon und untersuchen ihre Spielanweisungen als sonische Experimente."
Wir hören ins "Water Piece" rein, Menschen mit schwacher Blase seien gewarnt:
Stefan Zweifel erinnert sich in der NZZ wehmütig an die Nächte in den ersten Technojahren um 1990 in Zürich: Sie "waren eine Grenzerfahrung. In ihnen geschah etwas, das die Vernunft überstieg und sie aussetzen ließ im Moment der Ekstase, in dem man aus seinem Ich hinaustritt in eine fremde Welt des Ungehörten. Damals dachte man: Gott ist ein DJ. DJ Dionysos."
Weitere Artikel: Ljubiša Tošić (Standard) und Theresa Steininger (Presse) blicken vorab auf die Saison 2025/26 des Wiener Musikvereins. In der SZ gratuliert Max Fellmann Roger Hodgson von Supertramp zum 75. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Bob Dylans aus einer Beschäftigung mit Brecht hervorgegangenes Lied "When the Ship Comes In" von 1963:
Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters mit Víkingur Ólafsson in Frankfurt (FR), ein Aufritt von Zaho de Sagazan in Köln (FR), Ariel Oehls neues Album "Lieben wir" ("Manchmal trieft es, manchmal trifft es", seufzt Karl Fluch im Standard) und "Heavy", ein Album von Ty Segalls Projekt Freckle (tazlerin Du Pham fühlt sich mitunter so, als würde sie "durch einen 70er-Jahre-Filter inmitten einer Wüstenlandschaft in einem Kinderbecken planschen").
Wir hören ins "Water Piece" rein, Menschen mit schwacher Blase seien gewarnt:
Stefan Zweifel erinnert sich in der NZZ wehmütig an die Nächte in den ersten Technojahren um 1990 in Zürich: Sie "waren eine Grenzerfahrung. In ihnen geschah etwas, das die Vernunft überstieg und sie aussetzen ließ im Moment der Ekstase, in dem man aus seinem Ich hinaustritt in eine fremde Welt des Ungehörten. Damals dachte man: Gott ist ein DJ. DJ Dionysos."
Weitere Artikel: Ljubiša Tošić (Standard) und Theresa Steininger (Presse) blicken vorab auf die Saison 2025/26 des Wiener Musikvereins. In der SZ gratuliert Max Fellmann Roger Hodgson von Supertramp zum 75. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Bob Dylans aus einer Beschäftigung mit Brecht hervorgegangenes Lied "When the Ship Comes In" von 1963:
Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters mit Víkingur Ólafsson in Frankfurt (FR), ein Aufritt von Zaho de Sagazan in Köln (FR), Ariel Oehls neues Album "Lieben wir" ("Manchmal trieft es, manchmal trifft es", seufzt Karl Fluch im Standard) und "Heavy", ein Album von Ty Segalls Projekt Freckle (tazlerin Du Pham fühlt sich mitunter so, als würde sie "durch einen 70er-Jahre-Filter inmitten einer Wüstenlandschaft in einem Kinderbecken planschen").
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