Efeu - Die Kulturrundschau
Süß- und Salzwasser klingen so unterschiedlich
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24.03.2025. Die SZ begegnet im Folkwang Museum der zutiefst widersprüchlichen Alma Mahler, die von Oskar Kokoschka in Hunderte Bilder gebannt wurde. In Barry Levinsons Mafia-Epos "The Alto Knights" darf Robert de Niro gleich zwei Mafiabosse spielen - originell ist keiner von beiden, seufzt die FAZ, die SZ bekommt indes nicht genug von De Niros Schauspielkunst. Die Nachtkritik fühlt sich mit Tom Kühnels Dresdner Adaption von Hans Falladas Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" fatal an die Gegenwart erinnert.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.03.2025
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Film

Hollywood-Klassizist Barry Levinson erweckt mit seinem in den Fünzigern angesiedelten "The Alto Knights" (nach einem Drehbuch des "Casino"-Autors Nicholas Pileggi) das große New Yorker Mafia-Epos wieder zum Leben. Stilecht hat er sich dafür Robert de Niro vor die Kamera geholt, der zudem in einer Doppelrolle gleich beide verfeindete Mafiabosse in diesem Film spielt. Bert Rebhandl bekommt in seiner Kritik (online nachgereicht von der FAZ) dennoch Bauchschmerzen: "Levinson fährt noch einmal all das auf, was man erwarten darf: chromblitzende Limousinen, schwere Anzüge, markige Visagen, elegante Gangsterbräute". Er "schwelgt noch einmal so richtig in Eindrücken von einem New York, das es vielleicht nie gab." Doch "wirkt das alles nun auch schon so, als wäre es nur mehr Zitat. In Martin Scorseses 'Casino' war noch jede Faser der Anzüge, die De Niro trug, von Bedeutung. Nun aber wirkt alles schon ein wenig so, als wäre es ein Grabtuch, und was darunter rumort, ist keine wirkliche Spannung mehr, sondern Unklarheit, woran man sich halten sollte. Kann ein Genre auch dement werden, bevor es stirbt?"
SZ-Kritiker Fritz Göttler kann sich am doppelten De Niro derweil kaum sattsehen: Er hat "wie besessen Nuancen erarbeitet, um Frank und Vito voneinander abzugrenzen, das Bürgerliche vom Ordinären - der Haaransatz, die Brille, der Gehstock. Was beide Figuren verbindet, ist der vertraute nörgelige De-Niro-Sound, wenn er zu erklären anfängt, und eine geringschätzige Verbissenheit, eine grummelnde Grimmigkeit, eine stirnrunzelige Bösartigkeit, erschreckend unberechenbar. Er wächst in diesem Film endgültig, über die individuelle Figur hinaus, der Mafia-Archetyp des Hollywoodkinos."

Georg Seeßlen ärgert sich in seinem sehr großen Jungle-World-Essay über die auf Netflix gezeigte Serien-Neuverfilmung von Giuseppe Tomasi de Lampedusas Roman "Der Leopard", der von Visconti einst kongenial und episch auf die Leinwand gebracht wurde. Demgegenüber fällt dieses Industrieprodukt erheblich ab - nicht nur, aber auch, weil es sich (anders als Visconti) gar nicht erst daran versucht, eine Position zum Italien der Gegenwart einzunehmen, sondern sich stattdessen als "Nationalepos" empfiehlt, so Seeßlen: "Vom Verfall, der in Viscontis Film überall spürbar ist, bleiben nur Dekors: die Behauptung einer gewissen 'Morbidität' oder Melancholie. ... Es ist schon eine negative Meisterleistung, den Stoff ausgerechnet in diesen Jahren der globalen ebenso wie der nationalen Krisen so fundamental zu entpolitisieren. ... Man wird nun nicht gleich 'Der Leopard' als melonistische Propaganda ansehen müssen, aber die Zähmung dieses widerspenstigen Stoffs entspricht doch einem neuen kulturpolitischen Mainstream: Förderung von prestigeträchtigen Großprojekten, Kürzungen bei unabhängigen und eigenwilligen Szenen. ... Das Geld, das man in 'Der Leopard' sieht, fehlt woanders."
Weitere Artikel: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Gilles Lellouche über dessen Gangster-Liebesfilm "Beating Hearts". Andreas Scheiner resümiert in der NZZ die Verleihung des Schweizer Filmpreises. Georg Seeßlen schreibt auf Zeit Online zum Tod des Schauspielers Rolf Schimpf, der viele Jahre den "Alten" im ZDF gespielt hat. Auf FAZ.net gratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin Lena Olin zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Lars Henrik Gass' Buch "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" (FD), die ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex" (Welt) und die auf Arte gezeigte Mini-Serie "Unschuldig - Mr. Bates gegen die Post" (taz).
Kunst

Ein würdiges Denkmal für eine "Heldin der Kunst" sieht FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth in der gleichnamigen Ausstellung über die Barockmalerin Artemisia Gentileschi im Musée Jacquemart-André in Paris. Unter den Werken "sind wichtige Leihgaben: etwa die wunderbare, allzu menschlich verschlafen stillende 'Maria mit Kind' aus der Galleria Spada in Rom oder eine umwerfende, auf Kupferplatte gemalte Danaë aus dem amerikanischen Saint Louis. Beide bestätigen die besondere Empathie und erotische Schönheit, mit der Artemisia gerade den weiblichen Körper erfasst. In zahlreichen Figuren, das heben die Kuratoren der Ausstellung (...) hervor, stellt Artemisia sich selbst dar. Ihre noblen Auftraggeber verlangten geradezu danach, so Michelangelo Buonarroti der Jüngere, für den sie sich in einer 'Allegorie der Neigung' auf eine Wolke setzte, während ihr Florentiner Mäzen Cosimo II von Gentileschi ein 'Selbstporträt als Lautenspielerin' besaß."
Die Bildwerdung einer turbulenten Beziehung und einer zutiefst "widersprüchlichen und hochproblematischen" Frau kann SZ-Kritiker Alexander Menden in der Ausstellung "Frau in Blau: Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Museum Folkwang Essen beobachten. Rund 450 Zeichnungen fertigte der Maler ab 1912 von seiner Muse an, für die er eine an Obsession grenzende Leidenschaft hegte: "Die Essener Schau, kuratiert von Direktor Peter Gorschlüter und Anna Brohm, bietet einige zentrale Arbeiten aus dieser Zeit, darunter ein vier Meter breites Fresko, das Kokoschka über den Kamin in Alma Mahlers neuem Haus in Breitenstein am Semmering malte, und das sie als eine Art rettenden Engel zeigt, der ihm den Weg aus der Hölle weist. Almas Tochter Anna fragte ihn damals, ob er denn gar nichts anderes malen könne als ihre Mutter." Die Schau betont auch einen Aspekt, der in der Vergangenheit grob vernachlässigt wurde, so Menden, nämlich Alma Mahlers "tief verwurzelten" Antisemitismus.
Bühne

"Ein Sitten- und Unsittengemälde der späten Weimarer Republik" zeichnete Hans Fallada in seinem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben", den Tom Kühnel nun für das Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht hat, erklärt nachtkritiker Michael Bartsch und staunt, wie frappierend die Parallelen mit der Gegenwart sind. Die "Landvolk-Proteste" von 1929 lassen ihn an die Bauerproteste letztes Jahr denken, aber die Inszenierung führe auch "eindringlich" vor, "wie Filz, Egoismus und Amoral generell Radikalisierungen begünstigen": "Die angedeutete politische Kulisse lässt KPD und NSDAP als gleich schlimme Gefahren erscheinen. In dieser Agonie der Werte wird der Ruf nach einer irgendwie gearteten Staatsräson lauter, nach einer stabileren, womöglich eisernen Ordnung. Bestürzend, wohin das führt: Auf dem Tisch der Bürgermeisterin steht neben dem SPD-Aufsteller plötzlich die Hakenkreuz-Tischflagge." Nicht gerade optimistisch, aber dafür kann sich Bartsch an einem "durchweg hochklassigen" Ensemble erfreuen: "Es knistert ununterbrochen. Grandios infam, wie uns diese arroganten, lächerlichen bis insuffizienten Typen so vertraut vorkommen."
Besprochen werden außerdem Katharina Wagners Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Gran Teatre del Liceu in Barcelona (Eleonore Büning feiert in der NZZ Wagners Comeback als Opernregisseurin), Oliver Frljićs Inszenierung von "Frankenstein" nach dem Roman von Mary Shelley am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Julia Wisserts Adaption von Necati Öziris Roman "Vatermal" am Theater Dortmund (nachtkritik), Aureliusz Śmigiels Inszenierung von Yael Ronens und Shlomi Shabans Stück "Bucket List" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Mirjam Loibls Stück "Das Floß der Medusa" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Peer M. Ripbergers Inszenierung von seinem Stück "Die Sparmaßnahme" am Zimmertheater Tübingen (nachtkritik), Adam Linders und Ethan Brauns Konzertchoreographie "Tournament" auf dem Hamburger Kampnagel (FAZ), Karin Henkels Adaption von Tove Ditlevsens Roman "Die Abweichlerin" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Hölderlin. HYPERION" in der Naxoshalle in Frankfurt (FR), Jan Friedrichs Inszenierung von "Das Ende von Eddy" nach Édouard Louis am Staatstheater Mainz (FR), Stas Zhyrkovs Inszenierung von Maryna Smilianets Stück "Willkommen am Ende der Welt" am Schauspiel Stuttgart (taz), Bülent Özdils Adaption von Andrei Tarkowskis Spielfilm "Der Spiegel" des Deutschen Staatstheaters Temeswar (taz) und Christoph Diems Inszenierung "Nosferatu" nach dem Film Friedrich Murnaus am Staatstheater Braunschweig "(taz).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus" (Standard), Karl Ove Knausgårds "Die Schule der Nacht" (Standard), Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" (FR), Martin Mosebachs "Der Richtige" (Standard), die ursprünglich in den Siebzigern von Edith Anderson herausgegebene, jetzt neue aufgelegte "Blitz aus heiterm Himmel" (Jungle World), Andreas Maiers "Der Teufel" (Standard), Aria Abers "Good Girl" (Freitag), Lisa-Viktoria Niederbergers Essay "Dunkelheit" (Standard), Bernhard Robbens Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Tobias Wagners "Death in Brachstedt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dieter M. Gräf über Thomas Klings "geschrebertes idyll. für mike feser":
"seit acht gekokelt ('lüftchn wi
ausm ei gepellt'); zur erdbeerbowle
kommen kellergeister, brigitte-
leckerbissn reingezogn ..."
Musik
Maxi Broecking porträtiert in der taz die Klangkünstlerin Susie Ibarra, deren neue Arbeit bei der Berliner MaerzMusik uraufgeführt wird. Das Werk enthält "sechs Kundimans, traditionelle philippinische Liebeslieder, die unterschiedlichen Landschaftsräumen gewidmet sind. ... 'Es sind Liebeslieder für Orte und Landschaften, in denen ich gelebt oder Zeit verbracht habe. Wie an einem heiligen Gletschersee im Himalaja in Sikkim, im Norden Indiens. Eines ist auch den großen, wandernden Buchenwäldern, wie es sie hier in Mitteleuropa gibt, gewidmet', sagt Ibarra. ... In ihrem 2024 veröffentlichten Buch 'Rhythm of Nature' beschreibt Susie Ibarra ihre Klangforschung, wie Aufnahmen von Gletscherwasser und Tropfsteinhöhlen oder Aufzeichnungen von Baumfrequenzen: 'Ich spreche über die Fraktale der Bäume, über ihre Frequenzenberechnung und ihren Rhythmuszyklus.' Sie berechnet auch die Bewegung von Meereswellen: 'Süß- und Salzwasser klingen so unterschiedlich, als würde man verschiedene Lieder hören.'"
Weitere Artikel: Niko Kappel findet es in der SZ einigermaßen unsinnig, dass der Sänger Zartmann sein Konzert im Berliner Metropol aus politischen Gründen abgesagt hat: Zwar stimmt es, dass das Gebäude einem AfD-Großspender gehört, doch betreibt der den Laden gar nicht, sondern vermietet das Haus lediglich. Christian Schachinger blickt für den Standard zurück auf 40 Jahre Modern Talking ("Deutscher Soul als Instant-Noodle-Gericht").
Besprochen werden Selena Gomez' und Benny Blancos Album "I Said I Love You First" (Standard) und Bernard MacMahons von der Band selbst produzierte Kino-Doku "Becoming Led Zeppelin", die laut NZZ-Kritiker Frank Schäfer entsprechend "die mindestens unappetitlichen, bisweilen auch justiziablen Exzesse der Musiker und ihren schon damals kaum erträglichen Sexismus unter den Teppich kehrt".
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