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12.06.2025. Die Feuilletons trauern um den früheren Beach Boy Brian Wilson: Er war John Lennon, Paul McCartney und George Martin in Personalunion, schreibt die NZZ. Die SZ erlebt eine fulminante Mendelssohn-Inszenierung von Andreas Homoki in Zürich, in der ein grantiger Prophet "Elias" auf das Volk schimpft. Die Zeit steht in der saudischen Wüste am Grund eines gigantischen Stausees in Planung und erinnert daran, dass das Projekt "Neom" nicht nur Geld, sondern auch Leben kostet.
"Er war nicht für diese Zeiten gemacht", seufzt Jens Balzer auf Zeit Online: Der frühere BeachBoyBrianWilson ist im Alter von 82 Jahren gestorben - und damit eine der tragischsten Figuren im Pop: Ausgestattet mit einem sagenhaften Gespür für eingängige Popsongs, die einem den kalifornischen Strand noch in den grauesten europäischen Winter zaubern, entfremdete er sich bald vom Pop-Business, vergrub sich in ambitionierteste Projekte wie das Album "Smile", an dem er Jahrzehnte feilte, ohne es je wirklich befriedigend zu einem Abschluss zu bringen, und litt zudem unter erheblichen psychischen Problemen. "Die Erfolgsformel der frühen Beach Boys ist einfach", schreibt Klaus Walter in der SZ. "Good Time Rock'n'Roll mit Chuck-Berry-Riffs und Harmoniegesang bei überschaubarer Themenvielfalt: Mädchen und Mobilität, zu Lande wie zu Wasser, die Essenzen des Surf Sounds." Doch "bei all dem Surf & Fun komponiert Brian Wilson schon bald Lieder, die auch eine gewisse Wehmut in sich tragen. ... Es gehört zur Ironie des kalifornischen Albtraums, dass einige der steinerweichendsten Songs der Beach Boys als Zeugnisse einer schweren psychischen und physischen Krise verstanden werden müssen."
"Glücklich war Brian", schreibt Michael Pilz in der Welt, "wenn er allein in seiner Kammer am Klavier saß, bei geschlossenen Jalousien. Ihn ängstigten die Sonne und das Meer, die Wellen und die Menschen. Er schrieb Songs wie 'Surfin'', 'Surfin' U.S.A.' und 'Surfer Girl', stand aber nur ein Mal, in einer Samstagabendfernsehshow, auf einem auf der Bühne liegenden Surfbrett und ruderte mit den Armen in der Luft. Auf Bandfotos trägt er das Brett unter dem Arm wie eine Notenmappe. Licht- und wasserscheu erfand er seinen inneren Strand in der Musik, das Paradies im Pop. InMono." Bereits 1963 entstand "In My Room", der Song, in dem Wilson seine paradoxe Lage erstmals auszudrücken versuchte:
"Die Beach Boys konnten Brian Wilsons klangliche Entwürfe bald nicht mehr allein realisieren", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "Das beweist insbesondere das Album 'Pet Sounds', das 1966 erschien. Brian Wilson hatte hier alle Möglichkeiten moderner Studiotechnik ausgenutzt und den Band-Sound radikal erweitert. ... Damit färbte und schichtete er den schillernden Sound ähnlich wie zuvor die einzelnen Gesangsstimmen. ... Es gab nun keinen anderen Pop-Musiker, der Song, Sound, Arrangement und Produktion künstlerisch so frei und souverän bestimmte wie Brian Wilson. Im Vergleich zu den konkurrenzierenden Beatles fungierte er bei den Beach Boys sozusagen als John Lennon, Paul McCartney und George Martin in einer Person." Weitere Nachrufe schreiben Jan Wiele (FAZ), Gerrit Bartels (Tsp) und Thomas Kramar (Presse),
Weiteres: Jolinde Hüchtker freut sich in der Zeit, dass die aufstrebende Rapperin Doechii bei der Verleihung der BET Awards gewagt hat, was in der US-Musikszene derzeit irritierenderweise kaum einer wagt: Trumpöffentlichzukritisieren. Juan Martin Koch (NMZ) und Fridtjof Küchemann (FAZ) resümieren die Regensburger Tage Alter Musik. Maja Görtz denkt in der taz darüber nach, wie jungeRapperinnen das Schimpfwort "Fotze" feministisch umdeuten. Besprochen wird Little Simz' Album "Lotus" (FAZ.net).
Szene aus "Elias" am Opernhaus Zürich. Egbert Tholl freut sich über eine "brillante" Abschiedsinszenierung von Andreas Homoki am Zürcher Opernhaus: Nach dreizehn Jahren als Intendant ist Mendelssohns Oratorium "Elias" eine "bemerkenswert bescheidene Wahl", findet Tholl, die Inszenierung gelingt um so besser: Christian "Gerhahers Prophet ist grantig, schlecht gelaunt, oft zornig. Er verhöhnt das dumme Volk, vor allem aber grübelt er über sich, hadert auch mit Gott, mit seiner ihm von diesem zugedachten Rolle. Jedes einzelne Wort, das Gerhaher singt, ist ein Ereignis von Schönheit und Klarheit, oft endet er die Phrasen offen, hält den Ton oben, als setze er ein Fragezeichen (...) Das Bühnenbild sieht aus, als hätte es der Schweizer Architekt Peter Zumthor und nicht Hartmut Meyer gebaut, eine Trommel von harter, skulpturaler Wucht. Die an sich unaufgeregten Kostüme von Mechthild Seipel sind eine Sensation: Jeder Solist findet seine Entsprechung, seine Gruppe im Volk. Die Präzision ist fast abstrakt, öffnet den Gedankenraum Richtung Verführbarkeit des Volks, Klimakrise, religiöser Wahn."
Martin Gerner porträtiert in der FR die palästinensische Künstlerin Safaa Odah, die mit ihrer Familie aus Rafah fliehen musste und nun in einer Notunterkunft lebt: "In Safaas Zeichnungen ist der Krieg zwar permanent spürbar. Doch fehlt es an einem klar sichtbaren Feindbild. Hier und da sind zwar Bewaffnete zu sehen, aber ihre Identität steht nicht im Vordergrund, scheint fast anonymisiert. Vielmehr zeichnet sie über die eigene Existenz und Not und über die ihrer Mitmenschen." Sie, wie auch ihr Künstler-Kollege Mohammad Saba'aneh sehen sich ständiger Repression von allen Seiten ausgesetzt:"'Ich wurde inhaftiert wegen meiner Zeichnungen', erzählt er. 'Sie wurden beschlagnahmt. Erst von Israel, später auch von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Ich wurde auch von islamistischen Gruppen wie der Hamas oder anderen palästinensischen Gruppen auf eine schwarze Liste gesetzt.'"
Die Feuilletons trauern weiter um Günther Uecker: Florian Illies schildert in der Zeit einen letzten Besuch bei Uecker, dessen Nagelbilder "in unbekannte Sphären von Ästhetik und Materialität" führten und erinnert an ein Schlüsselerlebnis in Ueckers Kindheit: "Als der Vater als Soldat in den Krieg ziehen musste, da übernahm der Junge den Hof, zog den Pflug durch die Äcker und die Kartoffeln aus der Erde. Und als die Russen kamen, weil sie den Hof plündern wollten und seine Mutter und seine Schwester schänden, da hämmerte er alle Fenster des Hauses von innen in wilder Panik mit Holzbrettern zu, eins nach dem anderen. So schützte er sie. So wurde das Vernageln für ihn zu einer Form des Widerstands, der Hammer zu einem Freund." Weitere Nachrufe schreiben Ingeborg Ruthe (FR), Stefan Trinks in der FAZ.
Besprochen wird die Medienkunst-Ausstellung "Johan Grimonprez. All Memory is Theft" im ZKM Karlsruhe (taz).
Es ist ein wenig still geworden um das megalomanische Projekt "Neom" in Saudi-Arabien (unsere Resümees). Aber der Bau hat begonnen, weiß Lea Frehse in der Zeit, und macht sich zu einem Besuch der Baustellen in die saudische Wüste auf. Ein Vorarbeiter führt sie herum, obwohl er das nicht darf, und zeigt ihr den Ort, wo ein gigantischer Stausee enstehen soll, "irre 2,8 Kilometer lang. Den Plänen nach wird er an einer Staumauer enden, die nach vorn strebt wie ein Schiffsbug. Gläsern soll sie werden, sodass Besucher den Fischen zusehen können (...) In Saudi-Arabien wird so viel Luxus errichtet - wer soll das alles mieten oder kaufen? Der Vorarbeiter hat seine Theorie: Überall werden die Sommer heißer, es gibt mehr Kriege. 'Und wenn alles den Bach runtergeht, dann ziehen die Reichen der Welt sich an Orte wie diesen zurück.'" Frehse erinnert auch daran, dass im Jahr 2020 fünf Aktivisten hingerichtet wurden, die gegen den Bau von "Neom" protestierten.
Klaus Englert besucht für die FAZ die von den Architekten Elena Orte und Guillermo Sevillano neu erbaute Biblioteca Gabriel García Márquez in Barcelona und ist begeistert - so viel Licht, Holz und Grün: "Wer die Bibliothek über den Carmen-Balcells-Platz betritt, wird eingenommen sein von der lebendigen Wirkung des Atriums, das die Architekten als 'Spirale der Begegnungen' entwarfen: Ein an Piranesis Carceri orientierter Treppenverlauf gibt dem Besucher Einblick in ganz unterschiedlich gestaltete Geschosse; die Bibliothek entfaltet sich im Innern wie ein aufgeschlagenes Buch. Überhaupt lässt sich fast von jedem beliebigen Standort im Atrium die gesamte Bibliothek überblicken (...). In dieser Bücheroase sind die Wände mit warmen Holzpaneelen verkleidet, und der Boden besteht aus Parkett. Durch eine geschosshohe Fensterfront richtet sich der Blick auf die nahen Baumreihen."
Der israelische AutorBenjaminBalint erzählt in der Zeit, wie die für den 8. Oktober 2023 angesetzten Dreharbeiten zum Dokumentarfilm "Kafkas letzter Prozess", der nun in Deutschland läuft, von den Massakern der Hamas und dem anschließenden Gazakrieg beinahe durchkreuzt wurden. Der Film war noch nicht einmal fertiggestellt, da formierte sich bereits der hässliche Boykott gegen alles, was aus Israel kommt: "Dieser Kulturboykott und das daraus resultierende Gefühl der Isolation bei israelischen Künstlern geht weit über die Filmbranche hinaus. Literarische Veranstaltungen sind zu politischen Schlachten geworden. ... Früher wurden Israels linke Schriftsteller im Ausland mehr gefeiert als zu Hause. Heute rufen Schriftsteller im Ausland offen zum Boykott israelischer Bücher und Autoren auf. ... Kein Wunder, dass viele Israelis mit Unbehagen auf einige selbst ernannte Unterstützer der Opfer in Gaza reagieren. Wir empfinden dieses Mitleid immer dann als Heuchelei, wenn es sich nicht auch auf die Opfer des 7. Oktober erstreckt."
Weitere Artikel: Marian Wilhelm verschafft im Standard anlässlich der Verleihung des ÖsterreichischenFilmpreises einen Überblick über das Filmschaffen in der Alpenrepublik. Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel Filme aus der zweiten Ausgabe des Berliner FestivalsDokumentale.
Besprochen werden TylerPerrysNetflix-Film "Straw" über eine Figur, die laut Perlentaucher Lukas Foerster "Amerika, die Welt, wir alle brauchen: eine Superheldin der Menschlichkeit", RobertGuédiguians "Das Fest geht weiter!" (taz, FAZ), AliceDiops aktuell in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbaren Dokumentarfilm "Nous" (Perlentaucher), Arthur Francks "Der Helsinki Effekt" (taz), SigurjónKjartanssons "Der letzte Takt" (FR, SZ), Disneys Realfilm-Remake des Animationsfilms "Drachenzähmen leicht gemacht" (FR, Standard), die Arte-Kurzfilmserie "El'Sardines" (taz), GeraldIgorHauzenbergers und GabrielaSchilds vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "On the Border" (Standard), Manuel Stettners Dokumentarfilm "QRT: Zeichen, Zombie, Teqno - Ein Nekrolog" über den in den Neunzigern an einer Heroin-Überdosis verstorbenen Kulturtheoretiker KonradinLeiner (FAZ)und eine ZDF-Doku über Gaddafi (FAZ).
David Hugendick wünscht sich in der Zeit, dass die Gegenwartsliteratur von ihrer Lust an der Apokalypse auch mal wieder etwas wegkommt. "Es schockiert nicht mehr, es ängstelt nur. Aber vielleicht sind die Geschmacksnerven auch allmählich taub geworden. Die trendigen Todeszonen und dekorativen Apokalypsenszenarien der Literatur stehen ja inzwischen in unweigerlicher Nachbarschaft zu medialen Angstlustproduktionen. ... Womöglich können die Romane den Erzeugnissen allgemeiner Gegenwartshypochondrie gar keinen produktiven Schrecken mehr hinzufügen, wenn inzwischen in jedem kleinen Schattenwurf der Zeitläufte eine düstere Vorahnung entdeckt wird und man überall eh mit dem Schlimmsten rechnet. ... Man ist ja bestens versorgt. Und vielleicht hat die Wirklichkeit manche ihrer kulturellen Reflexionen auch schon überholt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Felix Stephan hält in der SZ weniger als wenig von dem kürzlich im Dlf geäußerten Vorschlag, mit einem eigens zugeschnittenen literarischen Angebot junge Männer von Nicht-Lesern zu Lesern und damit zu empathiebefähigten Menschen zu machen: "Der wiederkehrende Gedanke, dass Literatur erstens in der Lage und zweitens in der Pflicht sei, die Bevölkerung je nach Lage zu Härte oder Empfindsamkeit zu erziehen, gehört in Demokratiekrisen offenkundig zu den zuverlässigsten Anzeichen fortgeschrittener Ratlosigkeit." Im Zeit-Gespräch denkt Elisabeth von Thadden mit Robert Macfarlane über das Wesen von Flüssen nach, worüber der Nature-Writer gerade auch einen Essay veröffentlicht hat. Der Journalist LorenzHemickerspricht in der FR über seine nun auch als Buch vorliegenden Recherchen darüber, dass sein Großvater im Zweiten Weltkrieg an einem Massaker in Osteuropa beteiligt war.
Besprochen werden unter anderem SebastianHaffners "Abschied" (online nachgereicht von der Welt), WiktorRemisows "Permafrost" (NZZ), DmitrijKapitelmans "Russische Spezialitäten" (NZZ), HansUlrichGumbrechts Essay "Leben der Stimme" (NZZ), WaltraudSeidlhofers Lyrikband "stille flaneure" (FR), JacquesTardis Comic "Du rififi à Ménilmontant!" (FAZ.net), EmmanuelCarrères Biografie des SF-AutorsPhilipK. Dick (FAZ) und StephenKings "Kein Zurück" (SZ, Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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