Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.07.2025. In Frankreich herrscht Empörung über die ausbleibende Amnestie für Boualem Sansal. Die NZZ begibt sich mit SteveMcQueen in eine klaustrophobe Klanginstallation. Marko Perkovics Konzert in Zagreb war eines der größten, die es je in Europa gab, für die FAZ ist das wegen der dort gebrüllten Ustascha-Relativierungen beunruhigend. Henrik Ibsen ist auch nicht mehr das Wahre, wenn die "Wildente" ihrer Titelfigur quasi beraubt wird, findet die Nachtkritik. Die taz macht sich Gedanken über die schwierige Situation der Provenienzforschung.
6.500 Häftlinge kamen am algerischen Nationalfeiertag am Samstag frei. Allein Boualem Sansal und auch der Journalist Christophe Gleizes wurden der Gnade des algerischen Präsidenten nicht als würdig erachtet. In den deutschen Medien hat diese Meldung nicht für das geringste Interesse gesorgt. In Frankreich wird diese Entscheidung als eine endgültige Wende Algeriens gegen die einstige Kolonialmacht Frankreichs gelesen. Die Anerkennung des marokkanischen Anspruchs auf die Westsahara sei dabei nur vorgeschoben, denn Ländern wie Britannien und sogar Spanien habe man sie längst verziehen, schreibt Benoît Delmas in Le Point: "Aber Frankreich ist Frankreich. ... In den Medien kann man in fast allen Tageszeitungen denselben Artikel über Frankreich lesen. Diese Woche lautete das Thema: 'Warum diese Fixierung auf Sansal?' Die Artikel erklärten, dass weltweit 1.700 Franzosen inhaftiert seien und es daher absurd sei, sich mit Boualem Sansal zu beschäftigen. ... Wie der Iran, der zwei französische Forscher inhaftiert hält, schließt sich Algerien dem Club der Geiselnehmerstaaten an. Aus purer Ideologie. Unterdessen lässt die europäische Solidarität zu wünschen übrig. Ein algerisch-italienischer Gipfel steht bevor, und an Interessenten für algerische Kohlenwasserstoffe mangelt es nicht. Die Sansal-Affäre hat gerade erst begonnen."
Für Entsetzen sorgte zugleich die Meldung, dass die Außenbeauftragte der EU Kaja Kallas sich trotz mehrfachen Drängens aus Frankreich nicht zum Fall Sansal äußerte. Ein französischer Politiker, der Republikaner François-Xavier Bellamy, erzählt gar, dass er Kallas auf den Fall ansprach und sie vorgab, noch nie von Sansal gehört zu haben. Diese Ignoranz empört das Unterstützerkomitee für Sansal. Kallas' Nicht-Intervention verstoße "eindeutig gegen Artikel 2 des Assoziierungsabkommens von 2002 zwischen der Europäischen Union und Algerien, wonach 'die Achtung der demokratischen Grundsätze und der Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, die Innen- und Außenpolitik der Vertragsparteien inspiriert und ein wesentliches Element dieses Abkommens darstellt', wobei der Begriff 'wesentlicher Bestandteil' bedeutet, dass im Falle einer Verletzung dieser Grundsätze und Rechte... das betreffende Abkommen nicht angewendet werden kann."
Im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer gibt die diesjährige Bachmannpreis-GewinnerinNataschaGangl Auskunft über ihre Arbeitsweise: Sie hört ihre Texte bereits, bevor sie sie zu Papier bringt, erzählt sie. "Dieses Arbeiten hat etwas Archäologisches, es ist der Versuch, Schicht um Schicht zu begreifen, was zu hören ist. Ich arbeite mit Interviews, Field Recordings, versuche auch eine Sprache für Klänge zu finden, den Bach, den Wald, den Gatsch in Worte zu übertragen." Beim Abhören der so entstandenen Aufnahmen "bleibe ich bei einer Formulierung hängen, etwas bleibt mir im Ohr, das versuche ich dann zu befragen, zu variieren. Ich arbeite oft mit Anagrammen." Die "sind wie kleine Mikrofone, weil ein Anagramm hörbar macht, was in einem Wort an Bedeutungen mitschwingt, aufmerksam macht auf Ähnlichklänge. Eine Art,wie man Sprache aufknacken kann".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für den Standardspricht Raffael Leitner mit dem SchriftstellerIlijaTrojanow über dessen neues Buch "Ein Glas voller Zeit", eine Hommage an den Wein. Arno Widmann empfiehlt in der FRBücher für den Sommer.
Besprochen werden unter anderem Kim Hyesoons Lyrikband "Autobiographie des Todes" (NZZ), GeorgDiez' "Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart" (NZZ), neue Krimis, darunter Les Edgertons "Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping" (FAZ), sowie PacoRocas und RodrigoTerrasas Comic "Der Abgrund des Vergessens" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Hannoveraner Provenienzforscherin Annette Baumann hat ihre Recherchen zur umstrittenen Sammlung Doebbeke im Sprengel Museum veröffentlicht. Taz-Kritikerin Nadine Conti ist nicht ganz zufrieden, insbesondere weil die Vorwürfe, die Stefan Koldehoff im Deutschlandfunk-Podcast "Tatort Kunst" erhebt, nämlich mangelnde Kooperationsbereitschaft, kaum entkräftet werden: Als "die von vielen erwartete Frage nach dem Podcast kam, bürstete Museumsdirektor Reinhard Spieler sie mit drei Sätzen ab: Man hätte an diesem Podcast vieles zu kritisieren, wolle das hier aber jetzt nicht tun und auf gar keinen Fall würde man sich Restitutionen verweigern. Punkt. Aus. (…) Der unsouveräne Umgang mit Kritik ist auch deshalb schade, weil diese Geschichte nun erst recht Baumanns Arbeit überschattet. Dabei hat die Provenienzforscherin ja durchaus einen Punkt, wenn sie (…) sagt, dass sich der Erwartungsdruck in der Öffentlichkeit oft beißt mit den Bedingungen in der Provenienzforschung", die mit "gewaltigen Lücken in der Überlieferung" und Geldmangel zu kämpfen habe.
Steve McQueen: Bass. Bild: Pati Grabowicz. NZZ-Kritikerin Maria Becker begibt sich "in eine verstörende Klanghöhle" beim Besuch von Steve McQueens Installation "Bass" im Schaulager Basel: In einem raumgreifenden Zusammenspiel aus Basstönen und Farblichtern widmet sich der Künstler der "middle passage", der Zeit also, in der Teile Europas durch Sklavenhandel reich wurden: "Zum Kalkül der Händler gehörte nicht nur die Nutzung der Sklaven als Ware, sondern auch der Verlust der Menschenwürde. Durch die Dunkelheit in den engen Räumen des Schiffsbauchs verloren die verschleppten Afrikaner ihr Zeitgefühl. Die ehemals freien Menschen wurden auf ihr Schicksal als Sklaven vorbereitet. Leid, Elend und Desorientierung waren Programm. McQueen hat die 'Middle Passage' einige Jahre als Idee mit sich herumgetragen. Es fasziniert ihn die Frage, wie diese Erfahrung der Raumlosigkeit durch ein bestimmtes Klangspektrum erzeugt werden kann. Sein Werk 'Bass' bringt sie in eine abstrakte und radikal reduzierte Form. Von der Beklemmung bleibt allein die Wahrnehmung des Orientierungsverlusts."
Weiteres: Monopolberichtet von der Trauerfeier für Günther Uecker.
Weitere Artikel: Die Mailänder Scala will ihren Dresscode von nun an strikter durchsetzen und Menschen in Flipflops vor die Tür setzen, ist dem Standard zu entnehmen.
Besprochen werden Stas Zhyrkovs Inszenierung des "König Lear - Der letzte Gang" von Pavlo Arie nach Shakespeare am Theater Heidelberg (nachtkritik), Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Tine Rahel Völckers "Gesänge vom Überleben" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik), Robert Ickes Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni", beim Opernfestival in Aix (FAZ) und ChristianStückls Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" beim Passionstheater Oberammergau (FAZ).
Das Dahinschleichen der Zeit: "Der Fleck" von Willy Hans (Grandfilm) Kamil Moll, der auch als Kritiker für den Perlentaucher tätig ist, spricht im Filmdienst mit WillyHans über dessen Spielfilm "Der Fleck". Darin erzählt der Langfilmdebütant unter anderem mit Mitteln des Experimentalfilmers von einem Teenager, der die Schule schwänzt, um lieber mit Freunden einen Tag am Fluss zu verbringen. "Die Grundprämisse beim Schreiben war, mich an dieses Alter zurückzuerinnern und an solche Tage, die eigentlich selten waren, aber eine wahnsinnige Magie entfaltet haben", sagt der Filmemacher. "Man erwartet nichts", doch "auf einmal entwickelt sich ein solcher Tag aus einem Dahinschleichen der Zeit in etwas Aufregendes und Wertvolles. In etwas, das dann eine Art von Erinnerung erzeugt. Darin liegt eine Grundarchitektur des Erlebens jugendlicher Zeit: Alles ist absichtslos, nirgendwo gibt es eine Art von Bestimmung. Die Zeit rinnt dahin - und auf einmal entsteht aus diesem Nichts eine Bedeutung."
Jörg Seewald resümiert in der SZ die Debatten vom Filmfest München. Zum einen ging es dabei darum, dass sich die Münchner Kinolandschaft vom Corona-Knick, anders als etwa Berlin, einfach nicht erholen will. Zum anderen stellte ChristianPetzold grundsätzliche Fragen zum Ethos des Filmemachens in Deutschland: "Er sang ein Loblied auf dieProvinz. ... Denn die aus Petzolds Sicht kreativsten Köpfe kämen eben nicht aus Metropolen wie Berlin, sondern aus der Provinz." Dort entstehen in Petzolds Worten "'die Wünsche und Sehnsüchte. Die werden nach Berlin getragen. Diese Stadt lebt von den Wünschen und Sehnsüchten, die andere Leute mitbringen. Sie sind das Material und die Energie.'" Leider sei die Provinz in Deutschland so hässlich, es stelle sich daher "die Frage: 'Kann man die Provinz wieder so filmen, dass sie einen Zauber hat?' Letztlich gehe es auch darum in seinem neuen Film 'Miroirs No. 3': 'Kann man es schaffen, einen Kuss auf einem Rasengitterstein genauso schön wie im Jardin du Luxembourg zu inszenieren?'"
Weiteres: Maria Wiesner erinnert in der FAZ an StevenSpielbergs ersten "Jurassic Park". Besprochen werden MartinaPluras Teeniekomödie "Mädchen, Mädchen" (critic.de), RebeccaLenkiewiczs "Hot Milk" (taz) und JamesGriffiths' Tragikomödie "The Ballad of Wallis Island" mit CareyMulligan (SZ).
Beate Scheder, Ulrich Gutmair und Hilka Dirks werfen in der taz Schlaglichter auf die Berliner FashionWeek. "Der größte Konsens der Fashion-Week: Die Neunziger sind zurück", stellt Dirks dabei fest. "Ja, immer noch und nein, ohne gebrochene Pointe. Am konsequentesten zelebriert vom Genre-Grenzgänger Harry Nuriev mit seiner Edelstahl-CD-Installation im 032c red cube auf der Kantstraße. Bis Dienstag können sich Besucher in vom Künstler kuratierte Alben reinhören. Die werden nicht auf Kopfhörern, sondern im Laden gespielt: von Jeff Mills über Mark Ernestus' Ndagga Rhythm Force bis PJ Harvey kann sich bedient werden an allem, was ein bei WOM sozialisiertes Herz nur so höher schlagen lassen könnte. Passend dazu launchten 032c und Nuriev eine Capsule-Collection in Kollaboration mit Telekom Elektronic Beats. Ist das Kunst, Design, Mode, Merch oder nur Content? Wir wissen es auch nicht. Was fest steht: Anachronismus war nie so cool."
Zwar ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich bei dem Konzert des kroatischen Musikers MarkoPerković in Zagreb anwesend waren. Doch legt man selbst die vorsichtigste Schätzung an, war es immer noch "eines der größten in der europäischen Geschichte", schreibt Michael Martens in der FAZ mit allerdings großem Unbehagen. "Seit Dekaden ist es Perkovićs Geschäftsmodell, seinen Ruf als heimatliebender Patriot außer zum Geldverdienen auch dafür zu nutzen, das kroatischeUstascha-Regime zu rehabilitieren. Das war unter dem 'Poglavnik' (Führer) Ante Pavelić von 1941 bis 1945 Hitlers Juniorpartner auf dem Balkan. ... Eine der zentralen Parolen der Ustascha lautete 'Za dom - spremni', zu Deutsch: 'Für die Heimat - bereit'. Es ist gleichsam die kroatische Version des 'Heil Hitler'. Perkovićs bis heute berühmtestes Lied, 'Das Bataillon von Čavoglave', beginnt mit genau diesem Ausruf. Auf dem Zagreber Konzert wurde er im Duett zwischen Künstler und Publikum aufgeführt. Auf Perkovićs Vorgabe 'Für die Heimat' hallte es vieltausendfach zurück: 'Bereit!'"
Weitere Artikel: Dietmar Dath ergründet in der FAZ nach dem Besuch des Frankfurter Konzerts des Rappers KendrickLamar dessen musikalische Wortschmiede-Kunst. Martin Niewendick porträtiert in der taz den Alt-Punk WolfgangWendland von der auf Prolligkeiten jedweder Art spezialisierten Band DieKassierer. Besprochen werden das Comeback-Konzert von Oasis in Cardiff (TA), ein Wiener Auftritt von Morrissey (Standard) und das große Metalfestival in Birmingham, bei dessem krönenden Abschluss BlackSabbath in Originalbesetzung ihr nun wirklich glaubhaft allerletztes Konzert gegeben haben (Zeit Online).
Der Auftritt endete mit dem unsterblichen Klassiker "Paranoid" - OzzyOsbourne absolvierte das Konzert wegen seiner Parkinsonerkrankung im Sitzen auf einem Thron:
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Wolfram Lotz: Träume in Europa Du sitzt im Taxi in Amsterdam, aber seltsamerweise musst du selbst fahren, während der Taxifahrer daneben sitzt. Ein Bekannter aus dem Internet umarmt dich zu Hause, du fühlst…
Klaus Rennert: Richter, Gericht, Gerichtsbarkeit Mit der Judikative, der rechtsprechenden Gewalt kommen viele Bürger nur sporadisch in Berührung: In der Schule im Zusammenhang mit der Gewaltenteilungslehre von Montesquieu,…
Saki: Nie eine langweilige Zeile Aus dem Englischen von Werner Schmitzund Claus Sprick. Eine Frau, die mit einer Hauslehrerin verwechselt wird und den Irrtum erst nach mehreren Tagen Unterricht aufklärt,…
Claudia Gatzka (Hg.), Sonja Levsen (Hg.): Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien "im…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier