Efeu - Die Kulturrundschau
Für ein paar Bier
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29.08.2025. Sabeha Sansal, eine der beiden Töchter von Boualem Sansal, erhebt im Figaro schwere Vorwürfe gegen Emmanuel Macron und die französische Regierung. Die FAZ amüsiert sich über die Abscheu der Kollegen bei der Vorführung von Yorgos Lanthismos' "Bugonia" in Venedig. Hyperallergic entfernt sich in London mit den surrealistisch-satirischen Bildern von Edward Burra mit hoher Geschwindigkeit von Konventionen. taz und Tagesspiegel applaudieren einmal mehr dem Gefängnistheater aufBruch, das Brechts "Mann ist Mann" auf die Bühne bringt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.08.2025
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Literatur
Sabeha Sansal, eine der beiden Töchter von Boualem Sansal, die in Prag lebt, erhebt in einem Figaro-Interview schwere Vorwürfe gegen Emmanuel Macron und die französische Regierung. Ein Brief, den sie mit ihrer Schwester an Macron geschreiben hatte, blieb bis heute ohne Antwort, erzählt sie: "Kein Wort, kein Zeichen, nicht einmal eine Empfangsbestätigung." Die französische Diplomatie hat es offenbar bisher noch nicht mal vermocht, einen regelmäßigen Kontakt zwischen dem in Algerien inhaftieren Autor und seiner Familie etablieren zu helfen: "Seit seiner Verhaftung hatten wir keinen direkten Kontakt zu meinem Vater. Kein Anruf, kein Brief, nicht einmal ein Zeichen, das uns über seinen Gesundheitszustand oder seine Haftbedingungen beruhigen könnte. Alles, was wir wissen, erfahren wir über indirekte, bruchstückhafte und oft ungewisse Kanäle." Sabeha Sansal setzt ihre Hoffnungen auf eine europäische und internationale Kampagne zur Befreiung des wegen einer Meinungsäußerung verurteilten Schriftstellers: "Es bedarf einer groß angelegten internationalen Mobilisierung, um das algerische Regime dazu zu zwingen, die Marter unseres Vaters zu beenden und ihn freizulassen, bevor es zu spät ist!" Die EU, so Sansal, solle dabei auch das Assoziierungsabkommen mit Algerien in die Waagschale werfen.
Außerdem: Christine Knödler empfiehlt in der SZ Freibadromane. Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Die Besessenheit" (NZZ), Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (FR), Verena Keßlers "Gym" (Freitag), Max Goldts "Aber?" (NZZ), Sarah Kuratles "Chimäre" (Standard), Nancy Mitfords "Englische Liebschaften" (FR), Michael Sommers und Stefan von der Lahrs Sachbuch "Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram" (NZZ) und Albert Ostermaiers "Die Liebe geht weiter" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem: Christine Knödler empfiehlt in der SZ Freibadromane. Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Die Besessenheit" (NZZ), Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (FR), Verena Keßlers "Gym" (Freitag), Max Goldts "Aber?" (NZZ), Sarah Kuratles "Chimäre" (Standard), Nancy Mitfords "Englische Liebschaften" (FR), Michael Sommers und Stefan von der Lahrs Sachbuch "Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram" (NZZ) und Albert Ostermaiers "Die Liebe geht weiter" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Mit der im New York der späten Neunziger angesiedelten Krimikomödie "Caught Stealing" (unsere Kritik und hier die vom Standard) nimmt sich Darren Aronofsky von seinen Extremsituations-Stoffen mal eine Auszeit. Im Zeit-Online-Gespräch mit Daniel Moersener schwärmt der Regisseur nicht nur von den Nischen und Freiheiten, die sich in New York vor dem 11. September noch boten, sondern auch von einem Kino der resilienten Verlierer, das zu verschwinden droht: "Es ist ja leider so, dass diese Figuren immer seltener werden im Kino. Alles voller Halbgötter. Wenn sich dein Protagonist im Film prügeln soll, dann wird verlangt, dass er plötzlich eine geheime Superkraft entdeckt, dazu ein Kung-Fu-Experte ist und obendrein eine Waffe aus dem Hut zaubert, herrje. Dabei kann Kino so wunderbar sein, wenn man mit echten Menschen auf der Leinwand durch echte Schlamassel gehen darf. (...) Für dieses Kino müssen wir kämpfen."

Am Lido nimmt das Filmfestival Venedig derweil Fahrt auf. Gezeigt wurde etwa "Bugonia", eine neue Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Yorgos Lanthimos und der Schauspielerin Emma Stone. Durchaus amüsiert beobachtet FAZ-Kritiker Dietmar Dath, dass diese mit Gewaltexzessen durchsetzte "Monstrosität" von einem Film - ein Remake einer koreanischen Groteske aus den frühen Nullern - einige seiner Kollegen "wie betäubt vor Abscheu" aus dem Saal entließ. Aber: Stone spielt hier "fesselnder und mitreißender als je zuvor." Als Managerin "spricht sie fließend die manipulativen Businessdialekte 'Verständnis', 'Vielfalt' und 'Verhandlungsbereitschaft'. (...) Dieser Zungenschlag, aber auch das aufgekratzte Konterhecheln des Verrückten, ein gemeinsames Abendessen und andere Benimmforschungs-Versuchselemente sind grausiger als die großzügig in den Film gematschten Gewaltausbrüche - zumal die Entführte körperbauhalber, und weil sie sich so graziös wehrt, Instinkte beim Publikum auslöst. (...) Man will sie erst beschützen und ist dann entsetzt, als man erkennt, wie wenig sie das nötig hat." Am Ende des Films bleibt es übrigens Marlene Dietrich überlassen, "in einem unterlegten Song, pessimistisch in die Zukunft der Menschheit zu blicken", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Und in der Tat: Es ist wieder an der Zeit, 'Sag mir, wo die Blumen sind' zu singen".

Werner Herzog ist mit über achtzig immer noch "einer der jüngsten Filmemacher der Welt", von ihm "können sich die ganzen Jungen mehr als eine Scheibe abschneiden", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. In Venedig bekam der Filmemacher den Goldenen Ehrenlöwen fürs Lebenswerk. Außerdem lief sein neuer Film "Ghost Elephants" über einen Elefantenjäger in Afrika, der seit Jahren so hartnäckig wie glücklos eine mythenumrankte Elefantenspezies ausfindig zu machen versucht. Der Film ist jedoch "ein Herzog nah an der Selbstparodie", schreibt Jan Küveler in der Welt: "voller Verehrung für heilige Narren, Naturwunder und salbungsvoller Beobachtungen, als Voice-over eingesprochen in Herzogs kosmischem Bariton. Er hätte sich in Angola vielleicht einfach nur auf eine Lichtung stellen müssen und losreden. Die Elefanten wären dann schon von alleine gekommen, angelockt von diesem unnachahmlichen Sirenengesang."
Mehr vom Lido: Noah Baumbachs neuer Film "Jay Kelly" hat tazler Tim Caspar Boehme mit seiner Geschichte über einen von George Clooney gespielten Schauspieler, der Lebensentscheidungen überdenkt, nur bedingt überzeugt: Der Film ist eine "Nummernrevue mit dekorativer Kulisse" aber "je weiter die Handlung sich entwickelt, desto schleppender gerät der Film." Bert Rebhandl schreibt im Standard über Kim Novak, die in Venedig mit einem Löwen geehrt wird. Und critic.de liefert wieder einen Kritikerspiegel.
Weitere Artikel: Kamil Moll (FD) und Rüdiger Suchsland (Artechock) sprechen mit Mascha Schilinski über deren Film "In die Sonne schauen" (hier unsere Kritik, mehr auf Artechock). Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmplakatgestalter Joe Caroff. Besprochen werden François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Artechock, SZ), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" (Artechock), die Netflix-Erfolgsserie "Hostage" (Freitag, Tsp), der auf Netflix gezeigte Cosy-Krimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (Welt), eine ARD-Doku-Serie über Daniel Küblböck (NZZ), der Netflix-Überflieger-Hit "KPop Demon Hunters" (Standard).
Bühne

Nachdem Patrick Wildermann (Tagesspiegel) Peter Atanassows Inszenierung des Brecht-Stückes "Mann ist Mann" über den für die britische Armee zwangsrekrutierten Lastenträger Galy Gay im Gefängnistheater aufBruch gesehen hat, wird ihm noch einmal bewusst, wie tragisch es wäre, wenn das Projekt den Budgetkürzungen zum Opfer fiele. Denn das Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten sowie der Schauspielerin Juliette Roussenac spielt einfach richtig stark, findet er: "Moses zum Beispiel (viele aufBruch-Spieler treten aus nachvollziehbaren Gründen nur mit Vornamen in Erscheinung) ist als Galy Gay eine tolle Besetzung: Ein Mann ohne Eigenschaften und Prinzipien, über den es einmal heißt, er sei 'für eine Zigarre bereit, den Namen seines Vaters zu vergessen.' Erst recht ist er willens, für ein paar Bier die Lücke zu schließen, die der Ausfall des versoffenen Soldaten Jeraiha Jip in der Maschinengewehr-Abteilung der Armee gerissen hat."
"Das Gefangenentheater aufBruch beweist mal wieder seine ganz besondere Bedeutung im Berliner Theaterbetrieb", bestätigt auch Tom Mustroph in der taz: "Die Technik des chorischen Sprechens erreicht dank jahrelanger Praxis eine fulminante Qualität. Und aus den einstigen Schauspiel-Laien entwickeln sich immer mehr Charakterdarsteller, die auch die eine oder andere etabliertere Bühne zieren würden. Positiv ist zudem, dass dank neuer Förderer die drastischen Kürzungen von Zuwendungen durch den Berliner Justizsenat (von 202.000 runter auf 60.000 Euro!) zumindest so aufgefangen werden konnten, dass eine Weiterarbeit in den Gefängnissen wie auch mit Entlassenen außerhalb der Gefängnismauern möglich ist. Allerdings werden in Zukunft nur noch drei statt wie bisher vier Produktionen pro Jahr realisiert werden können, sagte Co-Leiterin Sibylle Arndt der taz."
Weitere Artikel: In der Welt resümiert Jakob Hayner das Kunstfest Weimar, bei der er mit "Das Land, das ich liebte" der russischen Journalistin Jelena Kostjutschenko einen klaren Höhepunkt ausmacht. Ebenfalls in der Welt erzählt uns Manuel Brug, wie er auf Einladung der Veroneser Intendantin Cecilia Gasdia als Statist in Franco Zeffirellis 30 Jahre alter "Carmen"-Inszenierung auf der Bühne des Opernfestivals stehen durfte. Dass Florentina Holzingers Spektakel "Sancta" von Theater heute zur Aufführung des Jahres gewählt wurde, ist für Rüdiger Schaper im Tagesspiegel ebenso wenig eine Überraschung wie das gekürte "Ärgernis des Jahres": die Berliner Sparpolitik. In der SZ porträtiert Helmut Mauró den Operntenor Piotr Beczala, der dieses Jahr als Lohengrin in Bayreuth auf der Bühne stand. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der slowenischen Mezzosopranistin Bernarda Fink zum Siebzigsten. Bei VAN blickt Holger Noltze in die Geschichte der Salome-Interpretationen. Kevin Ng überlegt, wie der als "KI-Erlebnis" angekündigte "Ring" bei den Bayreuther Festspielen 2026 aussehen könnte. Monika Mertl lässt sich ebenfalls bei VAN von Christopher Loy die Faszination der Zarzuela erklären. Und Graziella Contratto bekennt ihre Leidenschaft für den amerikanischen Baritenor Michael Spyres, der als Walther von Stolzing in der Bayreuther Neuproduktion der Meistersinger von Nürnberg auftrat.
Kunst

Der britische Maler Edward Burra war ein ziemlicher Kauz, der oft einfach verschwand, ohne sich zu verabschieden, weiß Michael Glover bei Hyperallergic: Den "Schock der Fremdheit" wollte er in Paris, Spanien, USA und Mexiko erleben. Seine surrealistisch-satirischen Bilder, aktuell in der Tate Britain zu sehen, spiegeln seine Wildheit und die Wildheit der 1920er wider, so Glover: "Burras Gemälde entfernen sich, genau wie er selbst, mit hoher Geschwindigkeit von Konventionen und Anstand. Die meisten sind voller Figuren - man kann fast den süßen Schweiß riechen. Man spürt fast die berauschende Aufregung all dieser Drehungen und Wendungen, dieser verrückten Ausweichmanöver, des Drängens und Ziehens. Die Gliedmaßen der Figuren neigen oft dazu, sich pneumatisch zu biegen, als wären sie nichts als aufblasbare Figuren. Die Finger werden gestreckt und gummiert. Die Gesichtszüge werden zu unmenschlichen, maskenhaften Formen gepresst. Ihre Gesichter sind so stark geschminkt, dass es schwer zu sagen ist, wo die Fantasie all dieser Posen und Gesten beginnt und wo sie endet."

So unaufgeregt und "dezent" wie auf den Bildern der Fotografin Mathilde Tijen Hansen, die in der Ausstellung "Gute Aussichten. Junge Deutsche Fotografie" in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt werden, hat Laura Ewert (Monopol) die Sonnenallee in Berlin-Neukölln selten erlebt. Zu sehen sind "die offenen Wunden an den Fassaden. Findlinge an Straßenkreuzungen, Baustellen. Eine Moschee. Die verbogenen Fahrradständer. Mädchen mit Hund. Junge Frau mit Tattoos und Männerarm über der Schulter. (…) Ebenso dezent steckt in diesen Bildern all die politische Aufladung der Straße. Der oft kritisierte Ausbau der gerade eröffneten Stadtautobahn, die Debatten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, Gewalt, eine Vereinnahmung der neuen Rechten, der Kampf um öffentlichen Raum und Wohnungen, Verdrängung. Alle drängenden Probleme dieser Zeit sind auf und mit dieser Straße verhandelbar."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel überlegt Jana Gäng, wie und ob der für die Sanierung des Pergamonmuseums errichtete Interimsbau gegenüber dem Bode-Museum genutzt werden kann.
Besprochen werden die Ausstellung "Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin" im Günter-Grass-Haus in Lübeck (taz) und die Ausstellung "Trevor Yeung. Underwater Haze" in der Kestner Gesellschaft Hannover (Monopol).
Musik
Maxi Broecking porträtiert für die taz die in New York lebende Saxofonistin Ingrid Laubrock, die eben mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde. Aldona Gustas besucht für VAN den Komponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis. Clemens Haustein gratuliert in der FAZ dem Geiger Itzhak Perlman zum 80. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Jan Brachmann der Sängerin Bernarda Fink zum 70. Geburtstag. Besprochen wird The Beths' Album "Straight Line Was a Lie" (FR).
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