Efeu - Die Kulturrundschau
Spannung aus Wucht und Wehmut
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2025. Der Louvre ist überfallen worden, ein Teil von Napoleons Juwelen fehlt nun: Erste Einordnungen kommen von der Zeit und der Berliner Zeitung. Die Kritiker sind bei Christian Weises Inszenierung von Brechts "Arturo Ui" gespaltener Meinung: Für die FAZ kommt das Stück nicht über eine "grelle Revue" hinaus, die FR lobt das Spiel des Ensembles. Die Welt interviewt Luca Guadagnino zu seinem MeToo-Film "After the Hunt". Und alle trauern um Klaus Doldinger - wir bringen Videos.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.10.2025
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Kunst
Am Sonntagmorgen ist der Louvre überfallen worden, die Diebe haben Schmuckstücke aus Napoleons Juwelensammlung mitgenommen, melden verschiedene Medien übereinstimmend. Tobias Timm erinnert der Raub in der Zeit an den Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe 2019: "Was passiert nun mit den verschwundenen Juwelen aus dem Louvre? Die Täter könnten versuchen, sie als Pfand zu verwenden, um eine große Lösegeldsumme vom Museum oder seiner Versicherung zu erpressen. Der Fall des Grünen Gewölbes hat nämlich auch gezeigt, wie schwierig es ist, historische Juwelen zu Geld zu machen. Viele Brillanten und Diamanten haben einen einzigartigen Schliff, sind also für Experten sofort wiederzuerkennen. Für einen erfolgreichen Verkauf müssten sie unter hohem Materialverlust umgeschliffen und so unkenntlich gemacht werden. Ein Vorgehen, das den Verlust dieser historisch so wichtigen Objekte endgültig besiegeln würde."
Eine sehr hübsche Karikatur zum Einbruch: "Sie sind da lang gelaufen."
In der Berliner Zeitung macht Harald Neuber ein ungutes Muster sichtbar, in das sich der Louvre-Raub einfügt: "Was hier verloren geht, ist nichts Geringeres als das kollektive Gedächtnis Europas. Der organisierte Kunstraub hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die romantische Vorstellung vom Kunstdieb als kultiviertem Gentleman-Ganoven à la Thomas Crown ist eine Hollywood-Fantasie. Die Realität ist prosaischer und brutaler. Die Operation Pandora IX, durchgeführt von Europol und Interpol im Jahr 2024, führte zu 80 Festnahmen in 23 Ländern und zur Sicherstellung von 37.700 illegal gehandelten Kulturgütern. Die Ermittler zeichnen das Bild einer hochprofessionellen, arbeitsteilig organisierten Kriminalität: Späher, die monatelang Sicherheitslücken auskundschaften. Logistiker, die Fluchtwege und Verstecke organisieren. Hehler mit Verbindungen zu internationalen Schwarzmärkten. Und ausführende Kommandos, die mit militärischer Präzision zuschlagen. Die Täterprofile sind dabei so divers wie beunruhigend." Auch Tagesspiegel und NZZ berichten.
Weiteres: Die taz stellt die Künstlerin Kerstin Brätsch vor, die die heutige Ausgabe illustriert.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Close Enough. Perspectives by Women Photographers of Magnum" im C/O Berlin (Monopol) und "Michaelina Wautier" im Kunsthistorischen Museum Wien (FAZ).
Eine sehr hübsche Karikatur zum Einbruch: "Sie sind da lang gelaufen."
- Insφumis Toujours (@LFI_Forever) October 19, 2025
In der Berliner Zeitung macht Harald Neuber ein ungutes Muster sichtbar, in das sich der Louvre-Raub einfügt: "Was hier verloren geht, ist nichts Geringeres als das kollektive Gedächtnis Europas. Der organisierte Kunstraub hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die romantische Vorstellung vom Kunstdieb als kultiviertem Gentleman-Ganoven à la Thomas Crown ist eine Hollywood-Fantasie. Die Realität ist prosaischer und brutaler. Die Operation Pandora IX, durchgeführt von Europol und Interpol im Jahr 2024, führte zu 80 Festnahmen in 23 Ländern und zur Sicherstellung von 37.700 illegal gehandelten Kulturgütern. Die Ermittler zeichnen das Bild einer hochprofessionellen, arbeitsteilig organisierten Kriminalität: Späher, die monatelang Sicherheitslücken auskundschaften. Logistiker, die Fluchtwege und Verstecke organisieren. Hehler mit Verbindungen zu internationalen Schwarzmärkten. Und ausführende Kommandos, die mit militärischer Präzision zuschlagen. Die Täterprofile sind dabei so divers wie beunruhigend." Auch Tagesspiegel und NZZ berichten.
Weiteres: Die taz stellt die Künstlerin Kerstin Brätsch vor, die die heutige Ausgabe illustriert.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Close Enough. Perspectives by Women Photographers of Magnum" im C/O Berlin (Monopol) und "Michaelina Wautier" im Kunsthistorischen Museum Wien (FAZ).
Bühne

Judith von Sternburg sieht es in der FR lockerer und lobt das gelungene Spiel des Ensembles: "Zum Ausstattungsfest, das der Frankfurter 'Arturo Ui' bietet, kommt eine darstellerische Lust, auf die bei hohem Schauwert im Theater gelegentlich verzichtet wird. Hier nicht. Dem großen Ensemble wird einiges abverlangt, mancher und manche verschwindet hinter der Maskerade. Es ist aber auch ein großes Spielen und Sich-Gehenlassen. Keinen hier kann man als Clown abtun, und das ist auch nicht einfach Robert-Wilson-Ästhetik. Es gibt eine finstere Grundierung, Unruhe und Angst liegen in der Luft."
Weiteres: Ai Weiwei hat eine Oper inszeniert, obwohl er keine Opern mag und einen Dokumentarfilm darüber drehen lassen: Maxim Derevianko führt Regie bei "Ai Weiweis Turandot" (taz).
Besprochen werden: "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von Werner Schwab, Regie führt Fritzi Wartenberg am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, Standard), "Androgynous - Portrait of a Naked Dancer" von Lola Arias am Gorki Theater (Nachtkritik, Tagesspiegel, SZ), Schillers "Die Räuber" inszeniert Jana Vetten am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), "Holstein-Milchkühe" von Satoko Ichihara am Schauspielhaus Zürich (NZZ) und das Staatstheater Cottbus bringt Gerd Natschinskis Operette "Messeschlager Gisela", inszeniert von Katja Wolff, auf die Bühne (FAZ).
Film
Mariam Schaghaghi spricht für die Welt mit Luca Guadagnino über dessen MeToo-Uni-Drama "After the Hunt", in dem sich Julia Roberts als Philosophieprofessorin immer tiefer in in einem Netz aus Lügen und Intrigen verstrickt (mehr zum Film hier, außerdem dort unsere Kritik). Für den Regisseur hat der Film auch mit der Meinungs- und Diskurskultur der Gegenwart zu tun: "Das 20. Jahrhundert ist vorbei, und mit ihm die Vorstellung, dass der moralische Kompass von Intellektuellen geprägt wird. Heute ist jede Meinung valide, auch wenn sie von der unsichtbaren Hand und einem Konsens der Mehrheiten gesteuert wird. ... Unsere Identitäten werden von der Allgegenwart des Digitalen so stark geformt, dass wir nicht bemerken, dass wir nur noch 'agiert werden' anstatt zu agieren. Mit künstlicher Intelligenz wird es noch brisanter: Wir sehen ein Video und wissen nicht mehr, ob es echt ist oder KI. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit verschwimmen und verwirren immer mehr. Noch hinterfragen wir. Aber morgen vielleicht nicht mehr."
Weiteres: "Josef Mengele war der perfekte Psychopath", sagt der Schauspieler August Diehl im SZ-Gespräch mit David Steinitz über seine Titelrolle in Kirill Serebrennikows Verfilmung von Olivier Guez' gleichnamigem Roman. Christiane Lutz und Roman Deininger reisen für die SZ nach Salzburg, um herauszufinden, warum hier kaum einer den Kitschklassiker "The Sound of Music" kennt, obwohl er der Region zahlreiche Touristen aus aller Welt beschert.
Besprochen werden Carrie Rickeys Biografie über die Autorenfilmerin Agnès Varda (FAZ) und Kelly Reichardts "The Mastermind" (Jungle World, mehr dazu bereits hier).
Weiteres: "Josef Mengele war der perfekte Psychopath", sagt der Schauspieler August Diehl im SZ-Gespräch mit David Steinitz über seine Titelrolle in Kirill Serebrennikows Verfilmung von Olivier Guez' gleichnamigem Roman. Christiane Lutz und Roman Deininger reisen für die SZ nach Salzburg, um herauszufinden, warum hier kaum einer den Kitschklassiker "The Sound of Music" kennt, obwohl er der Region zahlreiche Touristen aus aller Welt beschert.
Besprochen werden Carrie Rickeys Biografie über die Autorenfilmerin Agnès Varda (FAZ) und Kelly Reichardts "The Mastermind" (Jungle World, mehr dazu bereits hier).
Literatur

Besprochen werden Ronya Othmanns "Rückkehr nach Syrien. Eine Reise durch ein ungewisses Land" (FAZ), Ulrike Draesners Epos "penelopes sch()iff" (Standard), Bernhard Hecklers "Die beste Idee der Welt" (taz), Oleksandr Irwanez' "Hexenhimmel Berlin" (taz), Richard Evans' Biografie über den britischen Journalisten George Ward Price, der in seiner Heimat die Hofberichterstattung über Hitler besorgte (NZZ), und neue Hörbücher, darunter eine CD-Box mit elf Hörspielen nach E.T.A. Hoffmann (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Joachim Sartorius über John Ashberys "Auf der North Farm":
"Irgendwo reist irgendwer rasend auf dich zu,
reist Tag und Nacht mit unfassbarer Geschwindigkeit,
durch Schneestürme und Wüstenhitze ..."
Musik
Der Jazzmusiker und Komponist Klaus Doldinger ist tot. Ihm gelang "eine der auch international bedeutendsten Karrieren der deutschen Musikgeschichte", schreibt Torsten Groß auf Zeit Online. In der breiten Öffentlichkeit kennt man Doldinger vor allem als Komponist der "Tatort"-Melodie. Dabei "war das Saxofon Doldingers eigentliche Stimme. ... Ausufernde Jams, Improvisationen wurden zum Markenzeichen seiner später grenzüberschreitenden Fusion-Band Passport, kaum ein Stück wurde zweimal gleich gespielt. Unvergessen die Aufführung des Passport-Stücks Uranus in der TV-Sendung Beat Club. Sieben Minuten entfesselte Energie, in übereinander montierten Aufnahmen scheint Doldinger gleichzeitig Tenor- und Sopransaxofon sowie Synthesizer zu spielen. Sein geliebtes Sopransax jagte Doldinger bei solchen Gelegenheiten durch alle möglichen Effekte, bis es beinahe klang wie eine E-Gitarre."
"Sein Ton auf dem Tenor- und Sopransaxofon war unverkennbar, ein Strahlen voller Kraft und einer untergründigen Wehmut, die seine Sehnsucht nach der großen Welt bis in sein hohes Alter transportierte", seufzt Andrian Kreye in der SZ - und kommt ebenfalls auf Passport zu sprechen: "Keyboardschichten schufen einen Kosmos der Klänge und Harmonien, über die Klaus Doldinger mit seinem Saxofon die Fanfarenlinien seiner Themen und Improvisationen legte. Da fanden sein Gespür für Melodien, die man sofort mitsummen konnte, seine fingerfertige Lässigkeit und die musikalischen Erinnerungen an seine Weltreisen zusammen. ... Das war eine Form des Jazz, die ganze Hallen und Stadien bis in die Grundfesten erschüttern konnte. Diese Spannung aus Wucht und Wehmut bei Doldinger traf das Gefühl einer Zeit, als die Welt noch so groß und erstmals so offen erschien."
"Doldinger hatte alles drauf", schreibt Stefan Hentz in der NZZ. "Unter Pseudonym und getarnt mit einer bizarren Wuschelperücke, zog er dem neuen deutschen Rock musikalisch ein Rückgrat ein und profilierte sich als Mann für alle Fälle. Zugleich nutzte er die offenen Kanäle in die stürmisch wachsende Musikindustrie, um auch als Jazzmusiker präsent zu bleiben - sei es mit gefälligem Bossa Nova, sei es als Herold eines zupackenden Jazz 'made in Germany', den er mit seinem Quartett präsentierte. In der Vielfalt seiner musikalischen Interessen entwickelte Doldinger eine Vorliebe für rockige Sounds, für die Kraftentfaltung der Verstärker und Verzerrer und die Bewegungsenergie knalliger Grooves, die ihm sehr zupass kommen sollte, als ihm bald auch ambitioniertere Kompositionsaufträge für Film- und Fernsehproduktionen zuflogen." Wer als Kind in den Achtzigern ins Kino ging, wird diese Melodie noch im Ohr haben:
Weitere Nachrufe schreiben Josef Engels (Welt), Wolfgang Sandner (FAZ) und Hans-Jürgen Linke (FR).
Am Freitagabend begannen die Donaueschinger Musiktage. Dass der SWR sich hier sehr im Abglanz der Kultur feiert, während er die Hochkultur in seinen Programmen immer weiter abdrängt, stößt Alexander Strauch auf Backstage Classical durchaus auf. Auch rächt sich, dass der SWR stur an François-Xavier Roth festhielt, der seit geraumer Zeit höchst umstritten ist. Prompt begleiteten ihn die Buhrufe beim Weg auf die Bühne. Musikalisch war der Abend zwar solide, "doch eben das Fragezeichen über seiner Personalie war überdeutlich. ... Buhrufe für Leroux und Roth, Bravorufe der Getreuen - ein Ritual. Ein Abend zwischen Loyalität und Lähmung, Feier und Fassade. So also begann Donaueschingen 2025: Der SWR feierte sich selbst, Roth kämpfte mit seinem Schatten, und die Musik versuchte, sich dazwischen einen Raum zu schaffen. Ein Auftakt, der alles enthielt - nur keinen Aufbruch von Festival und Chefdirigent."
Weiteres: Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des KISS-Gitarristen Ace Frehley. Besprochen wird Lukas Gecks und Maria Kanitz' Buch "Lauter Hass" über Antisemitismus im Pop (taz).
"Sein Ton auf dem Tenor- und Sopransaxofon war unverkennbar, ein Strahlen voller Kraft und einer untergründigen Wehmut, die seine Sehnsucht nach der großen Welt bis in sein hohes Alter transportierte", seufzt Andrian Kreye in der SZ - und kommt ebenfalls auf Passport zu sprechen: "Keyboardschichten schufen einen Kosmos der Klänge und Harmonien, über die Klaus Doldinger mit seinem Saxofon die Fanfarenlinien seiner Themen und Improvisationen legte. Da fanden sein Gespür für Melodien, die man sofort mitsummen konnte, seine fingerfertige Lässigkeit und die musikalischen Erinnerungen an seine Weltreisen zusammen. ... Das war eine Form des Jazz, die ganze Hallen und Stadien bis in die Grundfesten erschüttern konnte. Diese Spannung aus Wucht und Wehmut bei Doldinger traf das Gefühl einer Zeit, als die Welt noch so groß und erstmals so offen erschien."
"Doldinger hatte alles drauf", schreibt Stefan Hentz in der NZZ. "Unter Pseudonym und getarnt mit einer bizarren Wuschelperücke, zog er dem neuen deutschen Rock musikalisch ein Rückgrat ein und profilierte sich als Mann für alle Fälle. Zugleich nutzte er die offenen Kanäle in die stürmisch wachsende Musikindustrie, um auch als Jazzmusiker präsent zu bleiben - sei es mit gefälligem Bossa Nova, sei es als Herold eines zupackenden Jazz 'made in Germany', den er mit seinem Quartett präsentierte. In der Vielfalt seiner musikalischen Interessen entwickelte Doldinger eine Vorliebe für rockige Sounds, für die Kraftentfaltung der Verstärker und Verzerrer und die Bewegungsenergie knalliger Grooves, die ihm sehr zupass kommen sollte, als ihm bald auch ambitioniertere Kompositionsaufträge für Film- und Fernsehproduktionen zuflogen." Wer als Kind in den Achtzigern ins Kino ging, wird diese Melodie noch im Ohr haben:
Weitere Nachrufe schreiben Josef Engels (Welt), Wolfgang Sandner (FAZ) und Hans-Jürgen Linke (FR).
Am Freitagabend begannen die Donaueschinger Musiktage. Dass der SWR sich hier sehr im Abglanz der Kultur feiert, während er die Hochkultur in seinen Programmen immer weiter abdrängt, stößt Alexander Strauch auf Backstage Classical durchaus auf. Auch rächt sich, dass der SWR stur an François-Xavier Roth festhielt, der seit geraumer Zeit höchst umstritten ist. Prompt begleiteten ihn die Buhrufe beim Weg auf die Bühne. Musikalisch war der Abend zwar solide, "doch eben das Fragezeichen über seiner Personalie war überdeutlich. ... Buhrufe für Leroux und Roth, Bravorufe der Getreuen - ein Ritual. Ein Abend zwischen Loyalität und Lähmung, Feier und Fassade. So also begann Donaueschingen 2025: Der SWR feierte sich selbst, Roth kämpfte mit seinem Schatten, und die Musik versuchte, sich dazwischen einen Raum zu schaffen. Ein Auftakt, der alles enthielt - nur keinen Aufbruch von Festival und Chefdirigent."
Weiteres: Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des KISS-Gitarristen Ace Frehley. Besprochen wird Lukas Gecks und Maria Kanitz' Buch "Lauter Hass" über Antisemitismus im Pop (taz).
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