Efeu - Die Kulturrundschau

Das Eigene unserer Zeit

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02.02.2026. Thomas Melles "König Lear" in Kassel irritiert die Kritiker mit dämonischer Groteske - und lässt sie etwas ratlos zurück. Die Nachtkritik fragt sich in der Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks und Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise", ob Trump als Riesenbaby noch zeitgemäße Kritik ist. Die Zeit schwärmt in weihevollen Worten von Christian Thielemann in der Elbphilharmonie. John Armleder kann nicht nur selbst Kunst schaffen, sondern auch hervorragend kuratieren, lobt die FAZ in Genf. Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle möchte mit ihrem Festival nicht nur Boomer ansprechen, verkündet sie im Tagesspiegel-Interview.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2026 finden Sie hier

Bühne

"König Lear" in Kassel. Foto: Sylwester Pawliczek.


Thomas Melles Version von "König Lear" am Staatstheater Kassel zeigt Jürgen Kaube in der FAZ, wie eine Pulp-Fiction-eske Variante der Tragödie um den alten König und seine Töchter aussehen kann, die die Reichsteilung nicht überleben. Lars-Ole Walburg führt Regie, Kaube ist nicht restlos überzeugt, aber doch unterhalten: "Jede Zeit müsse ihren eigenen 'Lear' erfinden, heißt es im Programmheft. Durchaus. Doch was ist das Eigene unserer Zeit nun? Es dürfte nicht genügen, Formeln wie 'polarisierte Gesellschaft', 'Ungleichheit', 'alternative Wahrheiten' oder 'Zeitenwende' aufzurufen, um sie irgendwie mit Textstellen Shakespeares zu verbinden. ... Auf der Bühne sehen wir ein absurdes Puppenspiel, eine toxische Familienaufstellung und einen sich durch die Handlung fressenden Hass. Komisch wirkt das, weil die Schauspieler ständig lästern, höhnen, Witze machen und jede Gelegenheit ergreifen, das Publikum von ihrer Niedertracht und Verzweiflung abzulenken. Das gelingt unterhaltsam und lässt uns dadurch ratlos zurück."
 
Nachtkritiker Simon Gottwald kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: "Es bleibt bei der Dämonie: Vom Apokalyptischen der Vorlage ist trotz all des Mordens und Folterns wenig zu spüren, und das trotz der Bezüge auf Populismus und Fanatismus. Lars-Ole Walburgs Inszenierung fordert heraus und trifft in der Vermengung von Dämonischem und Wahnsinn häufig eher die grotesken als die tragischen Töne. Und doch erhält sie gerade dadurch eine ganz eigene Kontur."

"Freude am Grauen" sieht Nachtkritiker Falk Schreiber in der Oper "Monster's Paradise". Tobias Kratzer inszeniert die Musik von Olga Neuwirth und das Libretto von Elfriede Jelinek an der Staatsoper Hamburg. Trotz starker Bilder ist Schreiber von dieser Auseinandersetzung mit Trump nicht restlos überzeugt: "Das faszinierte Entsetzen über die ausgestellte Dummheit und die vollkommene Empathielosigkeit Donald Trumps galt eigentlich eher für die erste Amtszeit des US-Präsidenten. Jelinek und Neuwirth (und mit ihnen Kratzer) sehen Trump als Wiedergänger von Alfred Jarrys 'König Ubu', und ein Stück weit gehen sie dabei der Strategie des Trumpismus auf den Leim: Seit Trumps Wiederwahl nämlich wird diese Grobheit als Inszenierung deutlich, das Kindische, das Erratische dienen vor allem dazu, den autoritären Staatsumbau der USA zu überdecken. 'Monsters Paradise' aber zeigt weiterhin einen Kindskopf, der von einem Seeungeheuer verspeist wird - Leuten wie Vizepräsident JD Vance oder Politikberater Stephen Miller dürfte das in den Kram passen."

Weitere Artikel: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ vom Hannoveraner Tanzfestival "Real Dance". Arno Widmann lädt in der FR dazu ein, Francesca Caccini kennenzulernen, die vor 400 Jahren die erste Frau war, die Opern komponierte.

Besprochen werden Nuran David Calis' "Hamlet"-Inszenierung am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik), Sam Max' "Pidor und der Wolf" am Schauspiel Dortmund, Inszenierung von Jessica Weisskirchen (Nachtkritik), Emre Akals "Es sagt, es liebt uns" am Nationaltheater Mannheim, Regie führt Dennis Duszczak (Nachtkritik), Erich Wolfgang Korngolds "Violanta", inszeniert von Daniel Hermann an der Deutschen Oper Berlin (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Marlen Haushofers "Wir töten Stella" am Schauspielhaus Graz (Standard), "Irgendetwas ist passiert" von Fabian und Anne Hinrichs an der Berliner Volksbühne (taz, Nachtkritik, Spiegel Online), "Fake Jews" von Noam Brusilovsky am Deutschen Theater (taz, NZZ), "Wir Krisendarstellerinnen: Lookalike in anger!" als Kooperation zwischen andcompany&Co. und dem Theater Thikwa im Hebbel am Ufer (taz)und Barrie Koskys Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin (FAZ, Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne

Musik

Christian Thielemann dirigiert auch ohne Taktstock, Pult und Partituren. So beobachtet von ZeitOnline-Kritiker Florian Zinnecker am Samstagabend beim Brahms-Konzert mit der Berliner Staatskapelle in der Elbphilharmonie (hier das Programmheft als PDF). "Was hier passiert, ist schon psychologisch nicht zu verachten: Ein Mensch ordnet das Chaos der Welt mit bloßen Händen, nicht mit physikalischer, sondern rein metaphysischer Kraft, und macht daraus Rhythmus, Harmonie und Schönheit, sodass sich alle danach ganz aufgeräumt fühlen. Auch das machen alle Dirigenten, klar. Nur sind bei Thielemann sogar die Teppichfransen besonders schön gekämmt.  ... Und man hört und sieht, dass Thielemann selbst dieses Requiem als keineswegs vergeistigte, sondern als höchst körperliche Veranstaltung, ja: begreift. Er scheint die Töne aus der Luft zu pflücken, manche löst er sorgsam heraus, einige reißt er mit Gewalt an sich. Einen Kontrabasseinsatz greift er sich mit der gestreckten Linken, einen anderen wirft er in Richtung tiefes Blech."

Weitere Artikel: Nadine Lange resümiert im Tagesspiegel die Grammy-Awards, bei denen mit Bad Bunnys "Debí Tirar Más Fotos" erstmals ein spanischsprachiges Album als das beste des Jahres ausgezeichnet wurde und die ganz im Zeichen der Proteste gegen ICE standen. In der taz freut sich Tim Caspar Boehme über die (wenn auch postume) Grammy-Auszeichnung für Fela Kuti fürs Lebenswerk. Im Entsetzen über Nicki Minajs Trump-Bekenntnis verrät sich mal wieder das Missverständnis, "Rapper und Rapperinnen seien in ihrer rüpeligen Unangepasstheit grundsätzlich Rebellen, die die Umstände ändern oder gar stürzen wollten", schreibt Jakob Biazza in der SZ. Italien feiert mit einer Ausstellung und einem Biopic den vor fünf Jahren gestorbenen Cantatore Franco Battiato, berichtet Marc Zollinger in der NZZ. Michael Stallknecht erinnert in der NZZ an die Karriere des Kastraten Giovanni Battista Velluti. In der Welt ärgert sich Julian Thellen, dass Harry Styles zwar gerne in Berlin lebt, feiert und den Marathon läuft, hier auf seiner angekündigten großen Tournee aber kein Konzert geben will. 

Besprochen werden ein Mozart-Konzert der Wiener Philharmoniker mit Daniel Ottensamer unter Robin Ticciati (Standard), Melanes Konzert in Frankfurt (FR) sowie Kali Malones und Drew McDowalls Drone-Album "Magnetism" (Jungle World).

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Kunst

Stefan Trinks feiert in der FAZ den Schweizer Künstler John Armleder, der vom MAH in Genf carte blanche für die Ausstellung "Observatoires" bekommen hat. Auf 3500 Quadratmetern zeigt er provokativ, was er kann: "Ein genialer Wurf gelingt Armleder im 'Saal der Tiere', wo er drei Welten und Zeitebenen kunstvoll miteinander vermengt. Auf einem Catwalk in der Mitte des handtuchschmalen Raums defilieren Dutzende wertvoller Tierskulpturen wie altägyptische Bastets auf erhöhtem Podest neben schon lange im Depot verstaubenden ausgestopften Wesen. Was den Engländern ihr heiliger Pferdemaler George Stubbs ist und den Deutschen Gabriel von Max mit seinen Affenporträts, ist den Schweizern Jacques-Laurent Agasse, wie der ebenfalls vertretene Jean-Étienne Liotard im Genf des 18. Jahrhunderts geboren und durch seine einfühlsamen Tierporträts rasch populär geworden."

Weiteres: Carolin Würfel interviewt die Künstlerin Marie Jeschke für die Zeit. Besprochen wird die Marina Abramovic-Retrospektive in der Wiener Albertina Modern (FAZ) und die Installation "Pierre Huyghe: Liminals" in der Halle am Berghain (NZZ).
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Architektur

Besprochen werden die Ausstellungen "Democratic Design" und "What if: A Change of Perspective" im Aedes Architekturforum Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

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Matthias Heine empfiehlt in der Welt Marjane Satrapis Comicklassiker "Persepolis", um die Revolten im Iran in den letzten Jahren besser zu verstehen. Mit Margaret Atwoods Science-Fiction-Klassiker "Der Report der Magd" lässt sich nachvollziehen, wie in den USA mit ICE dystopische Verhältnisse normalisiert werden sollen, schreibt Barbara Peveling auf 54books. Uli Kreikebaum porträtiert in der FR Christoph Poschenrieder, der im Alter von 61 Jahren angekündigt hat, nach fünfzehn Jahren als Schriftsteller künftig lieber Straßenbahnen in München zu fahren statt weiterhin Bücher zu schreiben.

Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (Standard), der Band "Wir müssen wahre Sätze finden" mit Gesprächen mit Ingeborg Bachmann (Standard), Martina Hefters Gedichtband "Es könnte auch schön werden" (taz) und neue Kriminalromane, darunter Robert Bracks "Die nackte Haut" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
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Film

"Die Berlinale darf kein in der Zeit festgefrorenes Festival werden, das sich nur an die ältere Mittel- und Oberschicht richtet", sagt Festivalintendantin Tricia Tuttle im Tagesspiegel-Gespräch - und sieht gute Chancen darin, dass etwa auf der Plattform Letterboxd eine neue Generation von Cinephilen heranwächst, und auch Social Media verfolgt sie mit regem Interesse. "Ich bin überzeugt, dass man, wenn man junge Menschen erreichen will, eben dorthin gehen muss, wo sie sind. ... Die positiven Auswirkungen, die TikTok auf Musik- und Buchverkäufe hat, sind gut dokumentiert, und das erhoffen wir uns natürlich auch für die Berlinale und das Kino generell." Ein gutes Beispiel ist für sie die Musikerin Charli XCX: Die postet "einmal im Monat, welche Filme sie gesehen hat, und das sind sehr interessante Listen mit Filmen von Ingmar Bergman bis M. Night Shyamalan. Damit erreicht sie extrem viele Menschen." Eher nebenbei erteilt sie auch BDS-Kampagnen eine Absage: "Die Berlinale wird unter meiner Leitung jedenfalls niemals ein Land oder Menschen aufgrund ihrer Nationalität boykottieren."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der iranische Drehbuchautor Mehdi Mahmoudian verhaftet wurde. Mahmoudian hat am Drehbuch für Jafar Panahis oscarnominierten Film "Ein einfacher Unfall" (unsere Kritik) mitgewirkt. Josef Nagel wirft im Filmdienst einen Blick voraus auf kommende Film-Ausstellungen. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Catherine O'Hara.

Besprochen werden Carrie Rickeys Biografie über die französische Autorenfilmerin Agnès Varda (taz), Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (NZZ), Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" (Standard) sowie Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snail" (FAZ, unsere Kritik).
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Design

Steven Arnold. Foto: Gisle Johnson / Triennale


In Mailand beginnen in wenigen Tagen die Olympischen Winterspiele. Flankiert wird das Sportereignis unter anderem durch die von Konstantin Grcic mitkuratierte Ausstellung "White Out", die den wechselseitigen Einfluss von Wintersport und Design untersucht, wie Karen Krüger in der FAS schreibt. "Der Rundgang beginnt beim menschlichen Körper: der Haut, die Schutzkleidung vor der Kälte und anderen extremen Bedingungen am Berg benötigt. Man steht vor Vitrinen, in denen die Wettkampfkleidung berühmter Olympioniken ausgestellt ist: die Rüstung des schwedischen Eishockeytorwarts Erik Salomonsson, bei der alles darauf ausgelegt ist, den Körper gegen Stürze, Eishockeyschläger oder den heranschießenden Puck zu schützen. Der silberne Prada-Ganzkörperanzug von Skispringer Ryoyu Kobayashi, bei dem die Nähte mit Blick auf die Aerodynamik auf ein Minimum reduziert wurden. Dass jeder Athlet einzigartig erscheinen will, zeigt die Rennbekleidung der italienischen Riesenslalomweltmeisterin Federica Brignone: Helm und Handschuhe wurden von Designer André Marty mit einem Tigerkopf versehen, als Symbol für Brignones Entschlossenheit."
Archiv: Design