Efeu - Die Kulturrundschau

Wie Wahnsinnsarien oder Todesurteile

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10.02.2026. Die Theaterkritiker sind beeindruckt von Michael Thalheimers "Salome"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne: Theater wie ein Schlag auf den Kopf, ruft die SZ. Die FAZ fällt wie Alice ins Wunderland in die fein gearbeiteten Kartonlandschaften der Künstlerin Eva Jospin, die der Grand Palais in Paris zeigt. Zeit Online lobt den Auftritt von Bad Bunny beim Super Bowl als einende politische Botschaft. Der Freitag verteidigt die Outfits der deutschen Sportler bei den Olympischen Winterspielen: Der Wille zum Modischen war zumindest da. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Salome" an der Berliner Schaubühne. Foto: Katrin Ribbe

Diesen Abend wird SZ-Kritiker Peter Laudenbach nicht so schnell vergessen: Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs Einakter "Salome" an der Berliner Schaubühne und das ist nichts für schwache Nerven: "Theater wie ein Felsbrocken, an dem man sich den Kopf einschlagen kann." Lust sei "hier von Mordlust kaum zu trennen. Thalheimer macht aus dem Stück eine hoch konzentrierte Sprechoper. Die Auftritte der Spieler sind ins Statuarische getrieben, hart und dicht wie Schleefs Text, wenn sie ihre Monologe wie Wahnsinnsarien oder Todesurteile frontal ins Publikum schießen. Alina Stiegler genügen präzise ausgezirkelte Kopfbewegungen, um ihrer Salome eisige Gefühlskälte zu geben. Sehr lustig ist, dass die Stieftochter des Herrschers Herodes hier nicht rollenklischeetypisch als somnambule Jungfrau, sondern als gelangweiltes Rich Kid auftritt."

In der FAZ ist Irene Bazinger völlig begeistert von Thalheimers "abstrakt bestechenden Tableaus des Niedergangs". "Alles ist Form, alles ist Emotion - in seiner packenden Inszenierung sind das keine Widersprüche. Der Tanz der Salome etwa ist ein luzides Konstrukt aus zeitlupenhaft konzentrierten Gesten der Angst, der Demaskierung, des Selbstmords. Dazu begleitet die chinesische Musikerin Yuebo Sun, die nun auch auf die Bühne gekommen ist, auf der Erhu, einer zweisaitigen Röhrenspießlaute. Die sinnlich fremden, klagenden, exotisch anmutenden Klänge geben dem pantomimischen Tanz die Dimension einer Wahrheit, die endlich aufgedeckt wird."

Nach 130 Jahren wurde "Die Fritjof - Saga" von Elfrida Andrée und Selma Lagerlöf zum ersten Mal am Aalto-Theater in Essen uraufgeführt. Die Oper schrieb Andrée für einen Kompositionswettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses Stockholm und gewann die spätere Literaturnobelpreisträgerin als Librettistin, lesen wir. Für FAZ-Kritiker Jan Brachmann hat sich der Besuch der Oper, die die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin Ingeborg und dem Bauernsohn Fritjof erzählt, auf jeden Fall gelohnt: "Im zweiten Akt gibt es ein großartiges Liebesduett zwischen Fritjof und Ingeborg. Und es wird in Essen mit gazellenartiger Eleganz vom Tenor Mirko Roschkowski und mit lodernd-leichter Lyrik von der Sopranistin Ann-Kathrin Niemczyk gesungen. In der girrenden Musik durchdringen einander Hans-Sachs-Schwärmerei und Venus-Berg-Hitze. Da singen zwei Menschen, die es verhängnishaft zueinander zieht, voller Glut und Gier. Und trotzdem entscheidet sich Ingeborg für den Staatsfrieden und gegen das Glück einer erotischen Erfüllung."

Besprochen wird Philipp Preuss' Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Darmstadt (taz).
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Kunst

Wie Alice ins Wunderland fällt Bettina Wohlfarth (FAZ) in die Kartonlandschaften der Künstlerin Eva Jospin (Tochter des einstigen Premieministers Lionel Jospin), die das Grand Palais in Paris in der Ausstellung "Grottesco" zeigt: "Unter ihrer Hand entstehen aus Wellpappe fantastische Reliefs imaginärer Wälder, märchenhafte Skulpturenlandschaften und architektonische Follys, für die sich die französische Künstlerin mit Gourmandise an der Gartenkunst inspiriert." Für "ihre architektonischen Skulpturen werden Kartonplatten horizontal geschichtet, bevor aus den so entstandenen Materialblöcken die Form mit ihren unzähligen Details gesägt, ausgefräst und mit dem Skalpell eingeschnitten wird. So bildet die innere Kannelierung der Wellpappe die Außenseite der Skulpturen und lässt Maserungen entstehen, die an geologische Schichtungen, an Fels oder Gestein denken lassen." 

NS-Kunst
ist im Aufschwung, stellt Geertjan de Vugt für die SZ besorgt fest: Er besucht einen Galeristen, der anonym bleiben will (im Text wird er Marius genannt) und in seiner German Art Gallery "irgendwo in Benelux" Werke von nationalsozialistischen Künstlern an interessierte Sammler verkauft. Ein Problem sieht "Marius" darin nicht: "Ist es Zufall, dass NS-Kunst gerade jetzt aus den Depots geholt wird?" überlegt der Kritiker: "Vielleicht hat diese Kunst auch deshalb wieder Resonanz, weil sie etwas bietet, das die Gegenwartskunst verweigert: eindeutige Lesbarkeit, heroische Körper, klare Botschaften. Während zeitgenössische Kunst oft fragmentiert, ironisch oder konzeptuell ist, verspricht NS-Kunst scheinbare Klarheit. In einer unübersichtlichen Welt mag das für manche verlockend sein. Marius selbst scheint diese Verbindung nicht zu sehen. Oder nicht sehen zu wollen. 'Ich habe nichts mit links oder rechts zu tun', sagt er. Doch seine Entscheidung, auf Trumps Plattform Truth Social zu werben, spricht eine andere Sprache."

Besprochen werden die Ausstellung "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Palazzo Reale in Mailand (NZZ), die Ausstellungen "Becoming Paula - London Berlin Worpswede Paris" im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens" im Albertinum in Dresden, "Paula Becker - Paula Modersohn Becker: Die Landschaften" im Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude und "Impuls Paula" im Museen Barkenhof in Worpswede (taz).
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Film

Den Putinisten ein Graus: Tscheburaschka bei der Morgenhygiene

Ausgerechnet Tscheburaschka sorgt in Russland für schlechte Stimmung in der Obrigkeit: Mit den Animationsfilmen des niedlich unbeholfenen Affenbärchens sind viele Kindergenerationen in der Sowjetunion und in Russland aufgewachsen, auch der neueste Streich hat die Kinokassen zum Klingeln gebracht - für Putin und Co. wird die Figur aber zunehmend zum Ärgernis, berichtet Anna Narinskaya in der FAZ. Als Konkurrenzprodukt zu den chinesischen Labubu-Püppchen etwa hat die Duma Tscheburaschka abgelehnt, mit der Begründung, "er sei wahrscheinlich Jude." Im ersten Film kam Tscheburaschka nämlich noch in einer Orangenkiste in die Sowjetunion, was damals mit Israel assoziiert wurde. Und "tatsächlich spiegelt die Figur die Erfahrungen der jüdischen Intelligenz in der späten Sowjetunion". Deshalb nennt "Alexander Dugin, der Chefideologe des Putinismus, ... Tscheburaschka einen 'wurzellosen Kosmopoliten' (er verwendet denselben Ausdruck, der während Stalins antisemitischer Kampagnen verwandt wurde)." Und "der Schauspieler Dmitri Pewzow erklärte, Tscheburaschka verderbe die Kinder. Als Kinder verderbend soll wohl gelten, dass der neue Erfolgsfilm frei von Militarismus ist."

Außerdem: Theresa Hannig berichtet in der FAZ, dass viele deutsche Synchronsprecher seit Anfang des Jahres Netflix boykottieren, nachdem ihnen der Streamer Knebelvorträge vorgelegt hatte, nach denen sie es ihm gestatten müssten, dass anhand ihrer Stimmen eine KI trainiert wird. Anastasia Zejneli hat für die taz in Berlin-Kreuzberg eine Release-Party zur Veröffentlichung der HBO-Serie "Heated Rivalry" besucht.

Besprochen werden Hasan Hadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (taz, Standard), Martin Nguyens Porträtfilm "Renate" über die Schriftstellerin Renate Welsh (Standard), die Amazon-Serie "Wake" über eine Virus-Pandemie in Schweden (Welt) und Emerald Fennells "Wuthering Heights" ("Es gibt sehr viele Sexszenen", verspricht David Steinitz in der SZ).
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Musik

Jens Balzer muss auf ZeitOnline Jürgen Kaube in der FAZ (unser Resümee von gestern) in allem widersprechen: Bad Bunnys Auftritt beim Superbowl war in Gänze "eine politische Botschaft, ebenso fröhlich und tanzbar wie auch subtil" sowie "vom Stolz der Diaspora erfüllt, vom Stolz der Menschen, die ihre Heimat verlassen, um anderswo neue Arten der Heimat zu bauen. Ihre Kultur ist eine Kultur der unablässigen Neuverbindung und Neuerfindung. In rasendem Tempo spielte sich Bad Bunny ... durch all seine Prägungen und Inspirationen, durch sein Werk, unablässig wechselte er die musikalischen Farben, vom neuesten Reggaeton mit seinen magnetischen elektronischen Beats ging er zurück zu traditionellen mittel- und südamerikanischen Stilen wie Salsa und Bomba, er spielte mit Nuevayol eine kurze Hommage an die diasporische Szene, die in den 1970er-Jahren die musikalische Kultur von New York prägte. ... 'God Bless America', rief er am Ende, aber gemeint war nicht allein das Nordamerika der USA, es waren die beiden Amerikas, es war das ganze Amerika."

Inga Barthels erklärt im Tagesspiegel einige Anspielungen: Die Zuckerrohrplantagen, die über weite Strecken die Kulisse prägten, sind ein "Verweis auf die jahrhundertelange Kolonialisierung Puerto Ricos". In einem Teil des Medleys prangert Bad Bunny sexuelle Übergriffe im Reggaeton an. Ricky Martin sang in seinem Gastauftritt dagegen an, dass Puerto Rico ein US-Bundesstaat werden solle. Auch funkensprühende Strommasten waren zu sehen, "ein Verweis auf die vielen Stromausfälle und die Untätigkeit der lokalen Regierung in Puerto Rico. ...  Er beendete die Show, indem er eine Botschaft auf den Jumbotron projizierte: 'Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe.' Wie könnte man dieser Message widersprechen?"

Außerdem: Barbara Oertel berichtet in der taz von Diskussionen in der Ukraine, ob die seit vielen Jahren in Deutschland lebende Sängerin Viktoria Korniikowa die Ukraine beim Eurovision Song Contest vertreten darf. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Pianisten Tamás Vásáry. Hier spielt er die Mondscheinsonate Beethovens:



Besprochen werden ein Berliner Auftritt des Jazzpianisten Alfa Mist (taz), ein Konzert des Bariton Julian Prégardien mit Musikerin des Ensemble Modern (FR), ein von Thomas Guggeis dirigiertes Konzert des Geigers Elias David Moncado in Frankfurt (FR) und Jojis Album "Piss in the Wind" (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Bad Bunny, Super Bowl

Literatur

Larissa Kunert stellt in der FAZ das literarische Schaffen von Alexander Estis vor. Einen Roman hat er bislang nicht vorgelegt und er hat dies wohl auch nicht vor, wenn man einer satirischen "Miniatur" in der Zeitschrift Sinn und Form glauben kann, in dem er das romanlose Leben eines Schriftstellers als große Tugend darstellt. Stattdessen "verfasst er Miniaturen, Glossen, Aphorismen, bündige Parabeln - oft in satirischem Ton, oft ausnehmend absurd, wobei Komik und Tragik nah beieinanderliegen." Seine Kurztexte "erinnern ... in ihrer sorgfältig komponierten Absurdität ein wenig an die Kafkas Kurzgeschichten. Allerdings ist Estis' Sprache facettenreicher, man stößt hier auf viele Wörter und Wendungen, die nichts mit der funktionalen Kühle Kafkas zu tun haben. Mitunter wirkt das wie verstaubt oder hochgestochen." Doch "vor allem zeigt sich darin eine uneingeschränkte Lust an der Sprache, daran, die subtilsten Unterschiede in Klang, Konnotation und Bedeutung immer wieder aufs Neue auszuloten."

Weitere Artikel: Heike Hellebrand denkt auf 54books über die anhaltende Popularität von Spionageromanen nach. Besprochen werden Robert Menasses Novelle "Die Lebensentscheidung" (NZZ), Barbara Honigmanns "Mischka" (SZ) und Sebastian Schmidts "Powerschaum" (FAZ). Dazu mehr in unserer Bücherschau.

Außerdem jetzt online: Unser Bücherbrief des Monats mit den besten Büchern im Februar.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Estis, Alexander

Design

Die Aufregung über das Outfit der deutschen Sportler bei den Olympischen Winterspielen, die sich beim Auflaufen der Teams in Poncho und Anglerhut der Marke Adidas zeigten, hält Laura Ewert im Freitag für viel zu übertrieben. Gewiss, "verglichen mit den Outfits für Haiti von Stella Jean, die in Farbe und Form Spaß und Stolz gleichzeitig verstrahlten, wirken die deutschen Kostüme ein bisschen bedrückend funktional. Aber selbst die Modenation Italien, ausgestattet von EA7, der Sportlinie von Emporio Armani, lief in langweiligen weißen Anzügen auf. Schweden in Uniqlo? Zum Einschlafen. Österreich? So lustvoll wie die 'Designs' von Victory für Deichmann. ... Die Outfits der deutschen Athleten wollen zumindest modisch etwas. Wie gut das gelungen ist, steht auf einem anderen Stück Stoff. Ärgerlich eindimensional gedacht ist hier eher die Farbgestaltung, die sich an Schwarz-Rot-Gold orientiert, und die Musterung, die ernsthaft Fragmente des Bundesadlers aufnimmt."
Archiv: Design