Efeu - Die Kulturrundschau
Ausnahmsweise etwas lauter feiern
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2026. FR und SZ applaudieren einmal mehr Richard Linklater, der Ethan Hawke in "Blue Moon" den weltbesten Anbeter von Schönheit spielen lässt. Die taz blickt in Berlin mit der schwedischen Fotografin Klara Lidén in Gullys, Mülleimer und unter Teppiche. Der Tagesspiegel dankt dem Berliner HKW, dass es an das Schicksal der Tirailleurs erinnert. In der FAZ befürchtet die Komponistin Charlotte Seither eine Übernahme der GEMA durch die Fraktion der Unterhaltungsmusik. Außerdem hat die FAZ dank Richard Brunels Inszenierung von Brittens "Billy Budd" in Lyon wieder Hoffnung in die Zukunft der Oper.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
26.03.2026
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Film

Gerade erst lief Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (unsere Kritik) in den Kinos, da kommt mit "Blue Moon" auch schon ein weiterer neuer Film des US-Regisseurs ins Kino. Ethan Hawke spielt darin den homosexuellen, sich nach Liebe verzehrenden und dabei hocheloquenten Songdichter Lorenz Hart am Kipppunkt seiner Karriere. Dem Regisseur ist mit diesem nur an einem Abend in einer Bar in den Vierzigern spielenden Kammerstück "eine Reflexion über die größte Qualität der Hart-Lyrik" geglückt, nämlich "sich in die menschliche Sehnsucht nach Liebe einzudenken, aber sich keine Illusionen zu machen über die Seltenheit ihrer Erfüllung", schreibt ein von diesem Schauspielerfilm sehr beglückter Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie oft ist sich das alte Hollywood in disproportionalen Liebesbeziehungen ergangen; dieser Film wischt den falschen Schmalz beiseite. Was nicht heißt, dass nicht fünfzigmal das Pathos großer Songs anklingt."
Susan Vahabzadeh ist in der SZ hin und weg von Hawkes Spiel: "Er hat ungeheuer viel Text, und er spielt einen Mann, mit dem er fast keine Gemeinsamkeiten hat. Lorenz Hart ist einer, der aus lauter Eigenschaften ohne Körper besteht. Er ist klug und witzig und charmant und der weltbeste Anbeter von Schönheit. Aber anders als Hawke ist er zu klein geraten, hat eine lange, geölte Haarsträhne über seine Glatze gelegt und trägt einen schlecht sitzenden Anzug, vielleicht, damit Hawke darin etwas kleiner wirkt. Es ist egal, ob Lorenz Hart tatsächlich so wenig physisch ansprechend war. Er hat sich jedenfalls so gefühlt." Weitere Kritiken in Standard, Welt und Zeit.
Weitere Artikel: Frankreich diskutiert Xavier Giannolis Kollaborations-Drama "Les Rayons et les Ombres", berichtet Martina Meister in der Welt - auch, weil diese "große Kino-Freske" das ausschweifende Leben in der deutschen Botschaft während der Besatzung von Paris zeigt, während das Leid der franzöischen Bevölkerung ausgespart bleibt. Robert Matthies schreibt in der taz einen Nachruf auf den Hamburger Underground-Filmemacher Peter Sempel.
Besprochen werden Ratchapoom Boonbunchachokes thailändischer Debütfilm "A Useful Ghost" (taz, critic.de), Kamal Aljafadis Dokumentarfilm "With Hasan in Gaza" (FR), Ric Roman Waughs Actionfilm "Shelter" mit Jason Statham (taz), die DVD-Ausgabe von Dan Trachtenbergs SF-Horror-Actionsause "Predator: Badlands" (taz), Sven Unterwaldts "Horst Schlämmer sucht das Glück" mit Hape Kerkeling (FAZ) sowie die Netflix-Adaption von Jo Nesbøs Kriminalroman "Das fünfte Zeichen" unter dem Titel "Harry Hole" (FAZ). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die Kinostarts der Woche.
Kunst

Beate Scheder (taz) kann kaum glauben, dass mit "Kunstwerke" im KW Institute for Contemporary Art erst jetzt eine Überblicksschau zum Werk der schwedischen Künstlerin Klara Lidén zustande gekommen ist, gelinge es der Fotografin doch seit zwanzig Jahren mit Witz und Wehmut Orte zu zeigen, die wir sonst kaum wahrnehmen: "Sie steigt mit der Kamera in die Seine ab. Oder in Gullys, unter den Teppich, in einen Papierkorb oder einen Kühlschrank. Und das Umnutzen, wenn die Künstlerin urbanes Inventar in die Kunst überführt. Vom 'Un-building' spricht sie dann selbst. Mülleimer. Baustellendurchgänge für Fußgänger:innen. Straßenleuchten. Leicht manipuliert dann oft. Eine Apothekenleuchte ohne das A. Ein Bushaltestellenschild ohne Text. Billboards, die nichts mehr anzeigen. Bis man sich beim Betrachten fragt, was das eigentlich für eine merkwürdige Welt ist, die wir uns da gebaut haben. Lidén stellt sie aus, führt sie vor, baut sie um."
"Tirailleurs" wurden die für die französische Armee oft unter Zwang rekrutierten schwarzen Soldaten aus den Kolonien genannt, weiß Nicola Kuhn (Tsp) - und erst langsam beginnt man sich in Frankreich, aber auch in Deutschland für sie zu interessieren, wie aktuell die Ausstellung "Vom Kanonenfutter zur Avantgarde" im Berliner HKW zeigt. Und: "Kanonenfutter sind afrikanische Soldaten geblieben, wie eine Recherche des Dresdner Videokünstlers Mario Pfeifer eindrucksvoll demonstriert. Er traf zwei Rekruten aus Kamerun, die für die russische Armee angeworben wurden, um in der Ukraine zu kämpfen. Bei der Unterzeichnung ihres Vertrags wussten die beiden Männer davon nichts und hofften stattdessen wie 150 Jahre zuvor ihre Landsleute auf gute Bezahlung, wie sie anonymisiert in Pfeifers Film erzählen. Außerdem stellten ihnen die Anwerber Aufenthaltsgenehmigungen, Ausbildungsplätze für die Kinder und Jobs für die Ehefrauen in Aussicht. Nichts stimmte davon. Nachdem sie desertieren konnten, leben sie heute traumatisiert fern der Familie."
Besprochen werden außerdem eine sechzig Jahre umfassende "Leistungsschau" zum Fotorealismus im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (FAZ) und die Constantin-Brancusi-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Zeit, mehr hier).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Ulrich Woelks "Hellere Tage" (NZZ), Dana von Suffrins "Toxibaby" (FR), Ben Lerners "Transkription" (Zeit), Christoph Peters' autobiografischer Roman "Entzug" (FAZ) und Jacqueline Harpmans "Ich, die ich Männer nicht kannte" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Jan Brachmann (FAZ) ist hin und weg: Richard Brunels Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Billy Budd" an der Oper Lyon gehört zum "Vorbildlichsten, was man derzeit in Europa sehen kann", meint er. Warum? Weil das Stück um den Matrosen Billy, der wegen Mordes an einem Sadisten zum Tode verurteilt wird, zwar "fromm und queer" zugleich ist, aber statt auf Identitätspolitik auf Ästhetik setzt. Und auch die Schauspieler brillieren. Etwa Sean Michael Plumb als stotternder Billy Budd: "Wie er den Captain Vere umarmt und ihm sagt, er würde sein Leben für ihn geben, das hat die stürmische Arglosigkeit von Kindern mit Down-Syndrom, mit der sie Anhänglichkeit zeigen…. Natürlich ist das ein Stück über Sadismus als Kompensation für unausgelebte Homosexualität", so Brachmann. Am Ende nehme Vere "kniend die Leiche Billys in den Arm. Es ist eine männliche Pietà, die Brunel ans Ende seiner Inszenierung setzt, eine Beweinungsszene, durch die der Regisseur zugleich den christlichen Sinnhorizont - den Widerstreit von Gesetz und Gnade sowie die Verkennung der Präsenz Gottes in einer Welt der Herzenshärte - aufscheinen lässt."
Besprochen werden außerdem Kirill Serebrennikows "Nurejew"-Inszenierung am Berliner Staatsballett (Zeit, mehr hier) und die "Parsifal"-Inszenierung des niederländischen Regisseurs Florian Visser, der die Wagner-Oper vierzig Jahre nach Theo Adams Märchenfassung erstmals wieder auf die Bühne der Dresdner Semperoper bringt (Welt).
Musik
Die Komponistin Charlotte Seither steht in der FAZ einem neuen Antrag zur Strukturreform der GEMA sehr skeptisch gegenüber. Sie fürchtet eine einseitige Übernahme der GEMA durch die Fraktion der Unterhaltungsmusik - nicht nur, was Tantiemen, sondern auch was Stimmrechte betrifft. "E-Komponierende müssen mit der Reform von einem Einkommensverlust von 70 Prozent und mehr ausgehen. Während das Einkommen also drastisch sinkt, wird die Zugangsschwelle zur Ordentlichen Mitgliedschaft gerade nicht abgesenkt - man kann dies nur als gezielten politischen Willen deuten." Denn dafür "muss ein E-Komponist nach der Reform das 9,15-Fache (!) des durchschnittlichen E-Einkommens aufbringen - ein faktisches Knock-out. ... Mit ihrer neuen Gremienarchitektur zeigt die GEMA, dass sie ihr politisches Machtzentrum immer enger im 'Gleich unter Gleichen' aufteilt. Die politische Entscheidungsmacht wird also gerade nicht auf viele, bunte, unabhängige Köpfe verteilt: Wer mit der Reform also nicht nur einen Vielfaltsflyer, sondern auch eine Vielfaltsdemokratie im politischen Maschinenraum der Macht erwartet hat, wird enttäuscht."
Regine Müller resümiert in VAN die Berliner MaerzMusik, die sich im vierten Jahr der Leitung von Kamila Metwaly im Vergleich zu den Jahrgängen ihres Vorgängers Berno Odo Polzer sehr verändert habe - weg von der "Seminaritis", die die FAZ dem Festival einst bescheinigt hat, wieder zurück zur Musik. Zum Auftakt gab es Georg Friedrich Haas' "11.000 Saiten" - zwar keine Premiere, aber "Haas' hochkomplexe Komposition entfaltet erneut ihre sogartige, überwältigende Wirkung, das dem in der Mitte sitzenden Publikum eine auch physisch extreme Erfahrung bietet und ein Klangerlebnis, das mit minimalen Verstimmungen ganz analog ein irisierend leuchtendes Oberton-Spektrum öffnet. '11.000 Saiten' entwickelt sich ganz offensichtlich zu einem Schlüsselwerk dieser Zeit. ... Haas, den man schon als den Bruckner des 21. Jahrhunderts tituliert hat, betont, dass sein Fokus auf die Wahrnehmung gerichtet sei, - 'dass also Musik von Menschen für Menschen gemacht wird - ist für mich der springende Punkt'."
Weiteres: Im VAN-Kommentar freut sich Merle Krafeld zwar, dass immer mehr Häuser im Klassikbetrieb klimaeffizienter werden, allein, es bekommt kaum jemand mit: "Die Klassikwelt, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse sonst auch gerne mal verschläft oder absichtlich ignoriert, sollte sich in diesem Fall vielleicht ausnahmsweise etwas lauter feiern." Julian Weber berichtet in der taz vom Babel-Festival in Marseille. Marcus Stäbler trauert in der NZZ um das Hagen-Quartett, das sich nach seinem letzten Konzert am 28. März auflösen wird und dessen "Wagemut und feinnervige Sensibilität" wohl "schwer zu ersetzen sein wird". In der Jungle World schreibt Vojin Saša Vukadinović zum Tod von Bettina Köster. In VAN berichtet Susanne Westenfelder von ihrem Unbehagen beim Blick auf die Pläne zur Umarbeitung des Evangelischen Gesangsbuchs: Sie drohen "weiter auszuhöhlen, was die protestantische Kirchenmusik einst zu einem einzigartigen kulturellen Projekt machte". Christian Schachinger schreibt im Standard einen Nachruf auf den Pop-Komponisten Chip Taylor.
Besprochen werden neue Alben von Voodoo Jürgens (SZ) und Tyler Ballgame (FR).
Regine Müller resümiert in VAN die Berliner MaerzMusik, die sich im vierten Jahr der Leitung von Kamila Metwaly im Vergleich zu den Jahrgängen ihres Vorgängers Berno Odo Polzer sehr verändert habe - weg von der "Seminaritis", die die FAZ dem Festival einst bescheinigt hat, wieder zurück zur Musik. Zum Auftakt gab es Georg Friedrich Haas' "11.000 Saiten" - zwar keine Premiere, aber "Haas' hochkomplexe Komposition entfaltet erneut ihre sogartige, überwältigende Wirkung, das dem in der Mitte sitzenden Publikum eine auch physisch extreme Erfahrung bietet und ein Klangerlebnis, das mit minimalen Verstimmungen ganz analog ein irisierend leuchtendes Oberton-Spektrum öffnet. '11.000 Saiten' entwickelt sich ganz offensichtlich zu einem Schlüsselwerk dieser Zeit. ... Haas, den man schon als den Bruckner des 21. Jahrhunderts tituliert hat, betont, dass sein Fokus auf die Wahrnehmung gerichtet sei, - 'dass also Musik von Menschen für Menschen gemacht wird - ist für mich der springende Punkt'."
Weiteres: Im VAN-Kommentar freut sich Merle Krafeld zwar, dass immer mehr Häuser im Klassikbetrieb klimaeffizienter werden, allein, es bekommt kaum jemand mit: "Die Klassikwelt, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse sonst auch gerne mal verschläft oder absichtlich ignoriert, sollte sich in diesem Fall vielleicht ausnahmsweise etwas lauter feiern." Julian Weber berichtet in der taz vom Babel-Festival in Marseille. Marcus Stäbler trauert in der NZZ um das Hagen-Quartett, das sich nach seinem letzten Konzert am 28. März auflösen wird und dessen "Wagemut und feinnervige Sensibilität" wohl "schwer zu ersetzen sein wird". In der Jungle World schreibt Vojin Saša Vukadinović zum Tod von Bettina Köster. In VAN berichtet Susanne Westenfelder von ihrem Unbehagen beim Blick auf die Pläne zur Umarbeitung des Evangelischen Gesangsbuchs: Sie drohen "weiter auszuhöhlen, was die protestantische Kirchenmusik einst zu einem einzigartigen kulturellen Projekt machte". Christian Schachinger schreibt im Standard einen Nachruf auf den Pop-Komponisten Chip Taylor.
Besprochen werden neue Alben von Voodoo Jürgens (SZ) und Tyler Ballgame (FR).
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