Efeu - Die Kulturrundschau
Mit wärmender Liebesklangkraft
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2026. Karin Bergmann wird neue Intendantin der Salzburger Festspiele - eine Posse, meint die Welt: ihr Vorgänger wurde gefeuert, weil er sich für sie stark machte. Die FAZ bejubelt derweil die fluffigen Klänge einer Rameau-Barockoper, die in Genf aufgeführt wird. Weit mehr als nur Postkartenbilder liefert "Pompeji: Unter den Wolken", ein per Streaming verfügbarer politischer Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi, freut sich die taz.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.04.2026
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Film

Weiteres: Das Team von critic.de - darunter auch viele Perlentaucher-Filmkritiker - resümiert den 23. Hofbauerkongress, der in Nürnberg Raritäten insbesondere des abseitigen deutschen Nachkriegsfilms präsentierte: Für Tilman Schumacher etwa ist es damit das "aufregendste Filmfestival, das ich kenne", schließlich bietet es "stets eine Weitung des eigenen Kinohorizonts". Während Aaron Horvaths und Michael Jelenics "The Super Mario Galaxy Movie" für "eine nostalgische Total-Infantilisierung" und totale Kommerzialisierung im Animationsfilm steht, handelt es sich bei Ugo Bienvenus und Gilles Cazauxs zeitgleich anlaufenden, französischen Arthouse-Animationsfilm "Arco" um ein "kreativ eigenwilliges Kunstwerk", das "stilistisch mit seinen liebevoll handgezeichneten Bildern und seinem unaufdringlichen pädagogischen Impetus nahe beim japanischen Studio Ghibli" liegt, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ.
Besprochen werden Olivier Assayas' Putin-Film "Der Magier im Kreml" nach dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli (Standard, SZ, FAZ, mehr dazu bereits hier), die ARD-Serie "Vanished" (taz), die Netflix-Doku "Chess Mates" über die beiden Schachmeister Magnus Carlsen und Hans Niemann (Welt) und Eric Besnards "Les Misérables"-Adaption (Welt).
Bühne

Ein Loblied auf die Barockoper singt Manuel Brug in der heutigen Welt. Anlass sind zwei ausgesprochen starke Inszenierungen in der Schweiz. Das Opernhaus Zürich zeigt die Leclair-Oper "Scylla et Glaucus", die durch ihre "grandiose Vielfalt der Nuancen wie Kolorierungen" überzeugt. Fast noch besser scheint Brug Edward Clugs Inszenierung der Rameau-Oper "Castor et Pollux" am Grand Théâtre de Genève zu gefallen. Dem rumänischen Choreografen Edward Clug gelingt eine "sparsam imaginative, poetisch-dunkle Inszenierung". Musikalisch stimmt erst recht alles: "Der Argentinier Leonardo García Alarcón am Pult seiner farbsatten Cappella Mediterranea erweist sich als rasant-relevanter Rameau-Recke. Dessen Barockklänge fluffen so plastisch-rund wie weich-vollstimmig auf, erfüllen den Saal mit wärmender Liebesklangkraft."
Die neue Intendantin der Salzburger Festspiele heißt Karin Bergmann. Eine Posse ist diese Besetzung, meint ebenfalls Manuel Brug in der Welt: Dem vorigen Intendanten Markus Hinterhäuser war eben deshalb gekündigt worden, weil er öffentlich erklärt hatte, Bergmann als Schauspielleiterin installieren zu wollen. Brug meldet Zweifel daran an, ob diese Kündigung rechtsmäßig war. Und fragt sich nun, "ob Hinterhäuser nicht durch diese Personalrochade sogar noch im Vorteil ist? Denn nicht nur folgt das Kuratorium jetzt seinem fachlich richtigen Besetzungsvorschlag für das Schauspiel (denn dessen Leiterin wird Bergmann zudem), man lässt die 1953 geborene Deutsche aus offenbarem Mangel an Alternativen auch gleich noch die Festspieltreppe hinauf fallen. Was dann doch etwas dürftig rüberkommt." Der Standard bringt gleich zwei Kommentare zur Berufung Bergmanns, von Michael Wurmitzer und von Ronald Pohl, der sich sicher ist: "Bergman, eine humorvolle, blitzgescheite Intellektuelle des Theaters und Mutter Courage mit Pfiff, zieht den Thespiskarren grundsolide. Und zwar jeden."
Besprochen werden Nora Abdel-Maksouds Komödie "Wokey Wokey" an den Münchner Kammerspielen (Welt - "Die Konstruktion wirkt etwas sehr simpel"), eine "Walküre" an der Oper Köln (FAZ - "eine packende Einheit"), ein "Parsifal" an der Prager Staatsoper (nmz - "stimmlich erstklassige Solistenriege") und ein Musiktheaterabend mit Werken von Benjamin Britten und Marko Nikodijević an der Opéra national de Nancy-Lorraine (nmz - "hochästhetische Performance... lässt aber letztlich kalt").
Literatur

In der FAZ kommt Nikolai Ott auf den Fall von Mia Ballards "Shy Girl" zu sprechen: Nachdem der Horrorroman zunächst im Eigenverlag veröffentlicht und via Goodreads und TikTok ein großer Erfolg wurde, hat die Hachette Book Group sich das Buch vertraglich gesichert - nur um von einer Veröffentlichung dann doch wieder abzusehen, nachdem auf Reddit und Youtube Vorwürfe laut wurden, denen zufolge das Buch über weite Strecken per KI verfasst worden sei. Kurios findet Ott daran nicht nur, dass der Roman durch einander ähnelnde Communities erst hochgejubelt und dann zu Fall gebracht wurde, sondern auch, "dass es eine KI braucht, um die Nutzung von KI festzustellen. ... So groß die Skepsis gegenüber Internet-Newcomern seitens der Verlage fortan sein dürfte, so frappierend ist die Tatsache, dass dieser 'KI-Slop' ein derart großes Publikum gefunden hat. Die Erzählung (...) hat die Horror-Gemeinde trotz - oder gerade wegen? - des KI-Schreibstils überzeugt. Die Lust am Text, sie gilt scheinbar auch jenen künstlich generierten Mittelmaß-Werken, die mittlerweile Amazon fluten."
Außerdem: "Ich bin in einem Zustand der völligen Lethargie und Lähmung", sagt Navid Kermani im NZZ-Porträt von Leonie C. Wagner mit Blick auf die momentane Lage des Iran. Besprochen werden unter anderem Navid Kermanis "Sommer 24" (NZZ), Octavia E. Butlers "Verbunden" (FR), Henning Ahrens' "Inventur eines Dinosauriers" (FR), Niels Schröders Comic "Blindes Vertrauen. Otto Weidt, ein 'Gerechter unter den Völkern'" (taz) und neue Sachbücher, darunter Peter Sloterdijks "Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst
Thomas Zipp ist tot. Der 1966 geborene Künstler, der vor allem mit aufwändigen installativen Arbeiten von sich reden machte und außerdem seit 2008 an der Berliner Universität der Künste lehrte, starb überraschend an den Folgen einer Aneurysmablutung. monopol bringt einen Nachruf von Daniel Völzke: "Die Ideen in den Raum bringen - so könnte man die Zipp-Methode beschreiben. Der Künstler baute als Student Modelle für Architekturbüros, und auch seine Werke und Ausstellungen waren Modelle, Verdinglichung einer freien, assoziativen und tatsächlich optimistischen Art zu Denken und Schlüsse zu ziehen. Schaufenster-, Reanimations- und andere Puppen spielten dabei immer wieder eine Rolle; sie standen für den Faktor Mensch in den Entwürfen." In der BlZ erinnert Ingeborg Ruthe an Zipp.
Nicola Kuhn äußert im Tagesspiegel die Hoffnung, dass ostdeutsche Museen ihre Bemühungen in Sachen Provenienzforschung intensivieren. Anlass ist eine entsprechende, vorbildliche Dokumentation, die das Museum Schloss Bernburg erstellt hat. Die Publikation zeigt auf, dass nicht wenige Exponate aus der eigenen Sammlung zu DDR-Zeiten wohlhabenden Bürgern abgepresst wurden - indem den ursprünglichen Besitzern aufgrund vermeintlicher Steuerschulden mit Haft gedroht wurde: "Dieses Druckmittel wurde von den DDR-Behörden immer wieder angewandt, insbesondere bei Sammlern, um sich deren Besitz zu sichern. Hatten sie dann als Ausgleich die kostbarsten Stücke hergegeben oder gleich die Flucht in Richtung Westen ergriffen, trat der staatliche Kunsthandel auf den Plan, um die Bilder und Antiquitäten an Händler in den Westen zu verkaufen und Devisen zu generieren." Was sich nicht hinreichend teuer verkaufen ließ, wanderte, so scheint es, in die lokalen Sammlungen.
Claude Cueni erläutert in der NZZ, was es mit der Statue "Fearless Girl" auf sich hat, um die in New York seit einigen Jahren ein Hype entstanden ist. Die Vermögensverwaltungsfirma State Street Global Advisors (SSGA) hatte das Werk als PR-Maßnahme bei der Künstlerin Kristen Visbal in Auftrag gegeben. Zunächst sollte sie nur kurzzeitig vor der New Yorker Börse installiert werden. Weil sie bei Passanten ausgesprochen gut ankam und als Symbol weiblicher Widerstandskraft gelesen wurde, fand die Stadt New York eine Möglichkeit, sie dauerhaft im öffentlichen Raum zu installieren. Eine Erfolgsgeschichte? Nicht ganz: "Kristen Visbal beanspruchte derweil die künstlerischen Rechte an ihrer Figur und begann, kleine Kopien in Bronze zu giessen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Ihre Auftraggeberin, SSGA, sah darin einen Vertragsbruch, da Visbal nicht über die Marken- und Nutzungsrechte verfügte. Ausgerechnet SSGA, die ursprünglich mit der Figur einen feministischen Aktienfonds beworben hatte, wollte auf keinen Fall, dass Kristen Visbal ihre Auftragsarbeit für eine feministische Agenda losgelöst vom Unternehmen verfolgte. Die Firmenanwälte sahen darin nicht nur einen Vertragsbruch, sondern auch eine Markenrechtsverletzung." Visbal hat den Rechtsstreit inzwischen entnervt aufgegeben.
Außerdem: Juliane Herz spricht auf monopol mit dem Künstler Peyman Rahimi über den Iran-Krieg.
Besprochen werden die Schau "Oscar Murillo - Kollektive Osmose" im Kunsthaus Das Minsk, Potsdam (FAZ), Arno Schidlowskis Fotoausstellung "Der Sonne Mond" in der Alfred Erhardt Stiftung, Berlin (Tagesspiegel), Rutherford Changs Schau "Hundreds and Thousands" im UCCA Center for Contemporary Art, Peking (monopol), die Ausstellung "What's going on!" im Berliner Mies van der Rohe Haus (BlZ), die Schau "Haar - Macht - Lust" in der Kunsthalle München (Welt) - und, Sachen gibt's, eine Schau mit Bildern des DJs Parov Stelar im Büro des österreichischen Wirtschaftsministers Wolfgang Hattmannsdorfer (Standard).
Nicola Kuhn äußert im Tagesspiegel die Hoffnung, dass ostdeutsche Museen ihre Bemühungen in Sachen Provenienzforschung intensivieren. Anlass ist eine entsprechende, vorbildliche Dokumentation, die das Museum Schloss Bernburg erstellt hat. Die Publikation zeigt auf, dass nicht wenige Exponate aus der eigenen Sammlung zu DDR-Zeiten wohlhabenden Bürgern abgepresst wurden - indem den ursprünglichen Besitzern aufgrund vermeintlicher Steuerschulden mit Haft gedroht wurde: "Dieses Druckmittel wurde von den DDR-Behörden immer wieder angewandt, insbesondere bei Sammlern, um sich deren Besitz zu sichern. Hatten sie dann als Ausgleich die kostbarsten Stücke hergegeben oder gleich die Flucht in Richtung Westen ergriffen, trat der staatliche Kunsthandel auf den Plan, um die Bilder und Antiquitäten an Händler in den Westen zu verkaufen und Devisen zu generieren." Was sich nicht hinreichend teuer verkaufen ließ, wanderte, so scheint es, in die lokalen Sammlungen.
Claude Cueni erläutert in der NZZ, was es mit der Statue "Fearless Girl" auf sich hat, um die in New York seit einigen Jahren ein Hype entstanden ist. Die Vermögensverwaltungsfirma State Street Global Advisors (SSGA) hatte das Werk als PR-Maßnahme bei der Künstlerin Kristen Visbal in Auftrag gegeben. Zunächst sollte sie nur kurzzeitig vor der New Yorker Börse installiert werden. Weil sie bei Passanten ausgesprochen gut ankam und als Symbol weiblicher Widerstandskraft gelesen wurde, fand die Stadt New York eine Möglichkeit, sie dauerhaft im öffentlichen Raum zu installieren. Eine Erfolgsgeschichte? Nicht ganz: "Kristen Visbal beanspruchte derweil die künstlerischen Rechte an ihrer Figur und begann, kleine Kopien in Bronze zu giessen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Ihre Auftraggeberin, SSGA, sah darin einen Vertragsbruch, da Visbal nicht über die Marken- und Nutzungsrechte verfügte. Ausgerechnet SSGA, die ursprünglich mit der Figur einen feministischen Aktienfonds beworben hatte, wollte auf keinen Fall, dass Kristen Visbal ihre Auftragsarbeit für eine feministische Agenda losgelöst vom Unternehmen verfolgte. Die Firmenanwälte sahen darin nicht nur einen Vertragsbruch, sondern auch eine Markenrechtsverletzung." Visbal hat den Rechtsstreit inzwischen entnervt aufgegeben.
Außerdem: Juliane Herz spricht auf monopol mit dem Künstler Peyman Rahimi über den Iran-Krieg.
Besprochen werden die Schau "Oscar Murillo - Kollektive Osmose" im Kunsthaus Das Minsk, Potsdam (FAZ), Arno Schidlowskis Fotoausstellung "Der Sonne Mond" in der Alfred Erhardt Stiftung, Berlin (Tagesspiegel), Rutherford Changs Schau "Hundreds and Thousands" im UCCA Center for Contemporary Art, Peking (monopol), die Ausstellung "What's going on!" im Berliner Mies van der Rohe Haus (BlZ), die Schau "Haar - Macht - Lust" in der Kunsthalle München (Welt) - und, Sachen gibt's, eine Schau mit Bildern des DJs Parov Stelar im Büro des österreichischen Wirtschaftsministers Wolfgang Hattmannsdorfer (Standard).
Musik
In Großbritannen hat das Innenministerium entschieden, dass ein Auftritt von Kanye West den öffentlichen Frieden im Land gefährden würde und dem lange Jahre als Genie gefeierten, in den letzten Jahren aber auch wegen antisemitischer Exzesse sehr umstrittenen Rapper die Einreise untersagt, wie die Agenturen melden. Vor kurzem (und erstaunlich kurzfristig vor der Veröffentlichung eines neuen Albums) hatte West noch um Abbitte gebeten, "ob aus moralischen oder finanziellen Gründen, das ist im Spätkapitalismus ja nie so genau zu sagen", schreibt dazu Joachim Hentschel in der SZ. Besprochen wird Stones Album "Autonomy" (über weite Strecken "ein fast einfallsloses, zuweilen unausgegorenes Gebratze", stöhnt Olaf Velte in der FR).
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