Efeu - Die Kulturrundschau

Die Beschwernisse des Körpers

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2026. Die NZZ wandert auf dem schmalen Grad zwischen Aufklärung, Voyeurismus und Machtfragen, wenn es um die Darstellung von Sexarbeit in Filmen geht. Die FAZ fürchtet, dass es mit der anstehenden GEMA-Reform ungemütlich wird für E-Musik. Absolute Ekstase erleben die Kritiker beim Rosalía-Konzert in Berlin. Die FAZ vertieft sich in Anne Truitts monochrome Bilder und langweilt sich in Philippe Quesnes "Spooky Paradise". Das Berliner Theatertreffen geht los und die Welt ist schon mal überzeugt von der Eröffnungsrede des Intendanten Matthias Pees.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2026 finden Sie hier

Film

"Margot's Got Money Trouble" mit Michelle Pfeiffer und Elle Fanning

Mit ihrem Versprechen an die Performer, das Interesse ihrer Fans ohne zwischengeschalteten Industriebetrieb zu beliefern und zu monetarisieren, hat die Porno-Plattform "Onlyfans" die Branche in den letzten zehn Jahren ziemlich aufgewirbelt - auch weil dadurch immer mehr Amateure auf eigene Faust damit loslegen, sich vor der Kamera zu entkleiden. Bis sich dieses Sujet in der Mainstream-Serienproduktion niederschlägt, war daher nur eine Frage der Zeit - nun liegen erste Versuche vor. "Sexarbeit im Onlinezeitalter ist komplex", stellt dazu Denise Bucher in der NZZ am Sonntag fest. "In Serien davon zu erzählen, auch. Es ist eine Gratwanderung zwischen Normalisierung und Aufklärung einerseits, und Voyeurismus und Machtfragen andererseits." Der dritten Staffel von "Euphoria" etwa wirft Bucher vor, ihre Schauspielerin Sydney Sweeney "exzessiv" zur freien Beschau preiszugeben. In der Serie 'Margo's Got Money Troubles' mit Michelle Pfeiffer und Elle Fanning wiederum "ist die Arbeit für Onlyfans vor allem ein Treiber von schillernd kreativer Energie." Doch "man fragt sich zwangsläufig, ob diese sehr witzige und vergnügliche Serie die Online-Sexarbeit einfach nur als legitime Einkommensmöglichkeit für eine Alleinerziehende darstellt, also ein Tabu entkräftet, oder ob das schon Verharmlosung ist. Denn so vergnüglich, wie in der Serie dargestellt, ist es nicht mit dem Geldverdienen auf Onlyfans."

Weiteres: In der NZZ am Sonntag spricht Denise Bucher mit Sandra Hüller über ihre Rolle in "Rose" (unsere Kritik). Besprochen werden Ulrich Köhlers "Gavagai" (taz, unsere Kritik), James Vanderbilts "Nuremberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (NZZ am Sonntag, mehr dazu bereits hier) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Widow's Bay" (Welt).

Außerdem: In "Kurzschluss", dem Kurzfilm-Magazin von Arte, spricht unser Filmkritiker Lukas Foerster über das von ihm kuratierte Omnibus-Programm bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen.
Archiv: Film

Musik

"Es war wirklich, wirklich außergewöhnlich", schwärmt Jens Balzer auf ZeitOnline nach dem Rosalía-Konzert in Berlin. "Es ging hoch hinauf in den Himmel und dann wieder tief hinab in die Hölle; es ging um Leben und Sterben und Reinkarnation; es ging um Liebe und Hingabe und um Zorn und um Wut; man sah glühende Souveränität und kalten Beherrschungswillen, aber auch lustvolle Unterwerfung und enthemmtes Sich-überlassen an das Treiben des Beats; es ging um den Wunsch, die Beschwernisse des Körpers hinter sich zu lassen, um ganz aufzugehen in der Reinheit des Geistes; und im nächsten Moment fuhr der Geist dann wieder in den Körper zurück, um diesen in seiner ganzen Schönheit erstrahlen zu lassen." Kurz: "Rosalía ist die größte Popkünstlerin ihrer Generation. In ihrem musikalischen Talent; in ihrer Stimme; in ihrer Souveränität auf der Bühne; in der kompositorischen Kraft und Wandlungsfähigkeit ihrer Musik; in ihrer Fähigkeit, Themen zu setzen, zu reflektieren und im Konzert in völlig neuer Art zu variieren - in alldem kommt ihr derzeit niemand gleich."

Sehr ähnlich sieht es Silvia Silko im Tagesspiegel: "Rosalía ist wie eine Antithese zum gegenwärtigen Pop-Kosmos, in dem Gleichförmigkeit und künstliche Intelligenz mehr und mehr den Ton zu bestimmen scheinen. Vielleicht ist genau das ein Funke der Hoffnung, den die Musikerin einem schenkt. Sie ist diejenige, die Genregrenzen aufbricht, Anleihen von Ballett und Operette kunstvoll, aber auch snackable aufbereitet, obwohl einem der Kopf von Algorithmen und Aufmerksamkeitsökonomie versaut wurde. Ist Rosalía die Heilsbringerin, der twerkende Jesus der Popkultur?" In der Welt resümiert Lena Karger den Abend.

Sollte die GEMA am 6. und 7. Mai auf der Mitgliederversammlung im Hinblick auf die Ausrichtung der Kulturförderung tatsächlich so reformiert werden, wie dies zuletzt auf dem Tisch lag, werden "die finanziellen Einschnitte, die auf Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der 'Ernsten Musik' zukommen, erheblich sein", räumt Johannes X. Schachtner, selbst Komponist im E-Segment und Mitglied im GEMA-Aufsichtsrat, in der FAZ unumwunden ein. Die Vorschläge einer Öffnung der Förderung für mehrere Genres und neue Fördermöglichkeiten, um die sich auch E-Musiker bemühen können, stimmen Schachtner durchaus zuversichtlich.

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Weitere Artikel: Christina Mohr spricht in der FR mit Christiane Rösinger über die Vorzüge des Älterwerdens. Benjamin Moldenhauer taucht fürs ND tief ein in die aktuelle Produktion von Mike Pattons Label Ipecac Recordings, das sich den experimentellen und obskuren Sounds drastisch-waghalsiger Musik verschrieben hat. Helene Slancar (Standard) und Samir H. Köck (Presse) resümieren den Auftakt des 21. Donaufestivals in Krems. Wenn Alt-Rock'n'Roller Peter Kraus demnächst zu seiner nunmehr achten Abschiedstournee antritt, befindet er sich mit dieser Art, es mit dem Abschied von der Bühne am Ende des Tages doch nicht so genau zu nehmen, in allerbester Gesellschaft, schreibt Linus Schöpfer in der NZZ am Sonntag.

Besprochen werden ein von Kirill Petrenko dirigiertes Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Eisenstadt (Standard), ein von Andris Nelsons dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker in Wien (Standard), ein Konzert von Tori Amos in Frankfurt (FR), ein Konzert des London Symphony Orchestra in Frankfurt (FR) und das Debütalbum der Wiener Freie Energie Band (Standard).
Archiv: Musik

Literatur

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Hannes H. Hintermeier erzählt in der FAZ von seinem Besuch der Thomas-Bernhard-Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erzählt Jan Röhnert davon, wie der Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai als kleiner Junge auf einem Rummelplatz eines ausgestopften Wals ansichtig wurde. Die FAZ druckt Ursula Krechels Rede zur Eröffnung der diesjährigen Ruhrfestspiele, in der sie über Kafkas Amerika spricht.

Besprochen werden unter anderem Robert Seethalers "Die Straße" (Standard), Vladimir Vertlibs "Der Jude der Kaiserin" (Standard), Susanne Heims Studie "Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen, 1933-1945" (NZZ) und neue Krimis, darunter Susanne Kaisers "Witch Hunt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Architektur

Nikolaus Berner fragt sich im Tagesspiegel, was die Autokraten eigentlich an klassizistischer Architektur finden.
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Kunst

Ausstellungsansicht "Pioneer of Minimal Art". Foto: Achim Kukulies.

Georg Imdahl freut sich in der FAZ, dass die zeitlose Kunst von Anne Truitt durch die Retrospektive "Pioneer of Minimal Art" im K20 in Düsseldorf nun auch in Europa bekannter werden dürfte. Es gibt in ihren reduzierten Formen viel zu sehen: "Was sie seit den Sechzigern an Abstraktion mit Acryl auf Papier brachte, häufig in feinen koloristischen Nuancen und ungewöhnlichen Farbtönen wie Violett oder Orange, belohnt den Blick ebenso wie die strahlend weißen Monochromien auf Leinwand - Letztere taugten sogar einmal zu einem kleinen Kunstskandal in der Provinz, als jene 'White Paintings' 1975 in einer Schau des Baltimore Museum of Art von bornierten Journalisten verhöhnt wurden. Truitt setzte dem die Empfehlung entgegen, von Kunst lernen zu wollen, auch von jener, die man nicht versteht; nach wie vor ein probater Ratschlag."

Weiteres: Monopol listet auf, wer auf der Biennale Venedig welches Land vertritt. Philipp Meier ärgert sich in der NZZ, dass bei der Biennale bezüglich der vertretenen Länder mit zweierlei Maß gemessen wird. Die taz stromert über das Berliner Gallery Weekend. In der Welt schreibt Mara Delius den Nachruf auf Georg Baselitz.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Truitt, Anne, K20 Düsseldorf

Bühne

"Spooky Paradise". Foto: Martin Argyroglo.


Leider gar nicht gruselig, sondern "falsch traurig" findet Simon Strauß in der FAZ Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne, denn die Inszenierung kann sich nicht dazu entschließen, entweder etwas zu erzählen oder sich zumindest ganz dem Wahnsinn hinzugeben, alles ist Optik ohne Tiefgang: "Kein Vorgang, der eine irgendwie geartete Handlung voranbringt, alles ist Zeichen, nichts ist Ziel. Das wirkt schnell ermüdend und langweilig, auch wenn die vielen Requisiten und Kostüme (Tabea Braun) das Auge immer wieder kurz erfreuen. Aber der Zuschauer lebt eben nicht vom visuellen Brot allein, er möchte hin und wieder schon auch etwas ernsthaft Sinnliches zu beißen bekommen. Und wenn ihm das so nachdrücklich verwehrt wird wie hier, dann überkommt ihn mitunter der Hungerzorn."

Jakob Hayner hat sich für die Welt den Auftakt des Berliner Theatertreffens angeschaut, bei dem der Intendant Matthias Pees mit seiner angenehm unaufgeregten Rede für ihn "den richtigen Ton" trifft: "Kulturaktivistischer Übermut tut selten gut, warnt er und fragt zugleich, wo eigentlich heute die konservative Kulturpolitik sei, wenn man sie dringend braucht. Dem versammelten Theaterbetrieb empfiehlt Pees ein paar Lektionen in Antihybris oder Sophrosyne, wie es in der Antike hieß. Also Besonnenheit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, gesunder Menschenverstand. 'Geben Sie Gelassenheit!', ruft Pees. Feiern die 'stoischen Gangarten', wie das neueste Buch von Helmut Lethen heißt, in Zeiten erhöhter Erregbarkeit ein großes Comeback? Es ist zumindest ein kluger Rat, sich trotz allem erst einmal nicht kirre machen zu lassen."
 
Weiteres: Das Radikal-Jung-Festival in München kann Ella Rendtorff in der taz nicht begeistern. Marco Goecke darf sich am Theater Basel reumütig rehabilitieren, berichtet Martina Wohlthat für die NZZ.

Besprochen werden: Jette Steckels "Mephisto", das das Ensemble der Münchner Kammerspiele auf dem Berliner Theatertreffen aufführt (Nachtkritik), Christoph Marthaler inszeniert Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea" am Königlichen Theater Kopenhagen (FAZ), Tiago Rodrigues inszeniert Wagners "Tristan und Isolde" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR).
Archiv: Bühne