Efeu - Die Kulturrundschau
Eindeutig dunkles Wissen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2026. In der SZ erzählt Judith Hermann, wie sie sich auf die Spuren ihres Nazi-Großvaters in Polen begab und mit leeren Händen zurückkam. Der Guardian bestaunt in London das makabre Werk der kolumbianischen Künstlerin Beatriz Gonzalez, die die blutigen Verbrechen ihrer Heimat auf Bettlaken bannte. Die FAZ gratuliert Lloyd Riggins, der die Ballettkompanie in Hamburg ins 21. Jahrhundert führt. Und die Zeitungen huldigen Franz Xaver Kroetz zum Achtzigsten, auch wenn der nichts davon wissen will.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
25.02.2026
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Literatur

"In den vergangenen Jahren hat es mich erstaunlich wenig belastet, etwas über ihn gewusst, oder besser: etwas über seine Jahre während des Zweiten Weltkrieges geahnt zu haben", sagt Hermann im Tagesspiegel-Gespräch. Die Reise nach Polen unternahm sie mit dem Mitscherlich-Klassiker "Die Unfähigkeit zu trauern" im Gepäck - und versucht anhand dessen das Schweigen ihrer Mutter zu ergründen: "Ich nehme an, dass die Familie meines Vaters die stärkere gewesen ist. Meine Mutter hatte es jedenfalls leicht, sich zurückzuziehen, die anderen haben alle unentwegt gesprochen und Theater gespielt. Das Schweigen meiner Mutter ist tatsächlich eigentlich niemandem aufgefallen." Ihr Vater "hat die Familie nach dem Krieg früh verlassen, und er ist gestorben, als sie 21 Jahre alt gewesen ist. Sie hatte ein gewissermaßen unversprachlichtes, zugleich eindeutig dunkles Wissen über ihn." NZZ und FR bringen Besprechungen.
Weitere Artikel: Marc Reichwein erinnert in der Welt an den Schriftsteller Erich Loest, der dieser Tage hundert Jahre alt geworden wäre. Rico Bandle liest für die NZZ den jetzt wieder aufgetauchten Maturaaufsatz von Max Frisch, in dem dieser noch sehr konservative Werte vertrat. Lars von Törne hört sich für den Tagesspiegel in der Branche um, ob der Manga-Boom, der in den letzten fünf Jahren zahlreichen Verlagen einen wahren Geldsegen verschafft hat, gerade schon wieder abebbt.
Besprochen werden unter anderem Garry Dishers Kriminalroman "Zuflucht" (FR), Bernhard Schlinks Essay "Gerechtigkeit" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Owen Rees' "Eine unerzählte Geschichte der Antike" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Film
Besprochen werden Jim Jarmuschs beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneter Film "Father Mother Sister Brother" (taz), Baz Luhrmanns mit neuem Archivmaterial aufbereiteter Konzertfilm "Epic: Elvis Presley in Concert" (Welt), Alina Gorlovas, Yelizaveta Smiths und Simon Mozgovyis vorerst nur in Österreich startende Ukraine-Doku "Militantropos" (Standard), Josh Safdies Tischtennisdrama "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet (FAZ, Tsp) und eine Miniserien-Adaption vom "Herr der Fliegen" (NZZ).
Kunst

Erst vor wenigen Wochen ist die kolumbianische Künstlerin Beatriz Gonzalez im Alter von 93 Jahren verstorben. Umso dankbarer ist Adrian Searle im Guardian, dass er in der Londoner Barbican Gallery das Werk der Malerin, die die Konflikte und Korruption in ihrer Heimat, etwa Folter, Narkoterrorismus oder die Kämpfe zwischen linken und rechten Guerillagruppen in Gemälden, Postkarten und anderen Objekten verarbeitete, bestaunen darf. Auch wenn sie oft geradezu makaber sind: "1985 griff González zwei Drucke aus dem Jahr 1969 wieder auf, die auf Fotos einer unbekannten Sexarbeiterin, die tot auf einer Matratze gefunden worden war, und einer Leiche eines älteren Mannes, Catalino Diaz Izquierdo, basierten. Sie malte die Bilder der Leichen und der Blutlachen auf billige gemusterte Bettdecken neu: Der alte Mann liegt schrecklich verdreht auf einem sich wiederholenden Muster von Rehen, die an einem Bach innehalten, während die unbekannte Frau auf eine Bettdecke gemalt ist, die mit Blumen übersät ist, ähnlich wie die gemusterte Matratze, auf der ihre ermordete Leiche gefunden wurde. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich um ruhige Bilder handelt und dass ihre Motive schlafen. Dann sieht man den verzerrten Mund, die unnatürliche Haltung und all das Blut."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel staunt Nicola Kuhn, wie tolerant Museumsdirektoren in der Regel auf Aktionen wie die heimliche Aufhängung des Porträts vom Ex-Prinzen Andrew im Louvre reagieren. Hermann Parzinger, ehemals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist zum Kurator des Hauptstadtkulturfonds ernannt worden, meldet ebenfalls der Tagesspiegel. Georg Imdahl resümiert auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ eine Berliner Tagung mit dem Titel "De-/Re-/Kontaminierungen im Kunstfeld nach 1945", bei der es unter anderem darum ging, Kunst- und Zeitgeschichte näher zusammenzubringen.
Bühne

So kann eine Ballettkompanie im 21. Jahrhundert aussehen, staunt Wiebke Hüster (FAZ), die die Uraufführung des vierteiligen Ballettabends "Fast Forward", ausgewählt vom künstlerischen Leiter des Hamburger Balletts Lloyd Riggins, gesehen hat. Am beeindruckendsten findet Hüster "Angelin Preljocajs 'Annonciation' von 1995, ein Duett für zwei barfüßige Frauen in kurzen Kleidern, Maria und der Engel der Verkündigung. Hier sieht man zwar auch die Schwächen des französischen zeitgenössischen Tanzes der Neunzigerjahre, seinen Eklektizismus und seine unglückliche Liebe zu elektronischer Überschreibung in Kompositionen. ... Aber die Choreographie ist in ihrer klaren Anlehnung an Merce Cunningham phantastisch und abstrakt und schafft es zugleich, das Irreale, das Außerweltliche, das Religiöse der Verkündigung in den Tanz der beiden sehr irdischen Körper zu legen. Man kann es zunächst kaum glauben, aber Charlotte Kragh als Engel und Selina Appenzeller als Maria gelingt das Wunder, dass man einen Jean-Luc-Godard-Moment im Theater erlebt."
80 sei für FXK "keine Zahl, kein Ereignis, zu dem er Stellung beziehen möchte", bekommt Christine Dössel (SZ) als Antwort von einem ominösen Büro, als sie darum bat, ein Geburtstagsinterview mit Franz Xaver Kroetz zum Achtzigsten führen zu dürfen. Immerhin: "Der private Kroetz schickt dann mit einem Extragruß noch eine Beschimpfung der Zahl 80 hinterher ('flach und fett') und schreibt: '77 fand ich sexy!'" Dössel nimmt's nicht krumm, schaut noch am Residenztheater vorbei, wo derzeit "Geschichten vom Brandner Kaspar" in der Inszenierung von Philipp Stölzl gegeben werden und gratuliert im Aufmacher des Feuilletons: "Sich gemein gemacht mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft und das Rampenlicht des schönen Scheins gesucht hat Kroetz nie, dazu ist er viel zu sehr bayerischer Dickschädel, ein 'notorischer Querschläger', wie er sich selbst nennt, zur Tobsucht neigend und zum Eigenbrötlertum. Sperrig, widerständig. Vor allem ist er mit Leib und Seele ein Dichter, einer, der ohne Schreiben nicht leben kann."
"Mit dem Kroetz ist nicht gut Kirschen essen, besser Kirschen spucken oder Kirschgeist schlucken", schreibt der Schriftsteller Albert Ostermaier in der FAZ: "Kroetz kam von ganz unten, war aber schnell ganz oben, wenn es um die Relevanz von Gegenwartsdramatik ging, ungeheuer oben, auf der gleichen Wolke wie Brecht, für uns Nachkommende, die er naturgemäß verachtete."
Weitere Artikel: Die Freie Universität Berlin richtet am Institut für Theaterwissenschaft erstmals eine René-Pollesch-Gastprofessur ein, meldet die nachtkritik: Die erste Professur wird die in Tel Aviv geborene Regisseurin Sivan Ben Yishai halten. In der Welt zeichnet Manuel Brug den Fall um Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele nach. (Mehr hier).
Besprochen werden außerdem Fritzi Haberlandts und Meike Drostes Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen Vieren" in den Berliner Sophiensälen (FAZ, mehr hier) sowie Sarah Kurzes Adaption von Miranda Julys Roman "Der erste fiese Typ" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (FAZ) und Piet Baumgartners Inszenierung "Schwuler Lehrer" am Zürcher Theater am Neumarkt (nachtkritik).
Architektur
In der SZ kommentiert Gerhard Matzig die Causa Tom Pritzker (unsere Resümees): "Dieses schäbige Drama wird dem Sinn des Preises, der ohnehin schon längst in der Kritik steht als Inbegriff überkommener Strukturen und einer intransparenten Freundeszirkel-Kultur, nicht gerecht. Zu schweigen von der Frage, wer als Architektin oder Architekt in diesem Jahr den Preis noch entgegennehmen will - ohne die eigene Integrität zu gefährden."
Besprochen wird die Ausstellung "Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe. Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren" in der Berliner James-Simon-Galerie (taz).
Besprochen wird die Ausstellung "Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe. Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren" in der Berliner James-Simon-Galerie (taz).
Musik
In den vier Jahren seit Putins Einmarsch in die Ukraine hat sich auch die Rolle der Kulturberichterstattung geändert, resümiert Axel Brüggemann auf BackstageClassical: Das Schöne und Gute zu besingen, reicht nicht mehr - auch das Wahre muss zu seinem Recht kommen. Zu "Beginn der russischen Großoffensive ließ sich beobachten, dass die kulturpolitische Verantwortung an vielen Institutionen erst noch wachsen musste. Recherchen wurden anfänglich massiv und mit ganz unterschiedlichen Mitteln bekämpft. Die Redaktion von BackstageClassical bekam Anrufe von Schweizer Troubleshooting-Managern, die uns am Telefon massiv unter Druck gesetzt haben, und immer wieder wurde auch juristisch gegen unsere Recherchen vorgegangen." Zu Beginn "wurde uns vorgeworfen, dass ein moralischer Kompass in Zeiten des Krieges 'billig' sei. Doch dem war nicht so: Viele Recherchen waren zunächst nicht opportun und mussten mit großem finanziellen und zeitlichem Aufwand verteidigt werden." Sie "waren wichtig, um auch die Verstrickung westlicher Kulturmanager mit russischen Geldern und Institutionen offenzulegen."
Weiteres: Claudia Brücken blickt im FR-Gespräch mit Max Dax zurück auf die Geschichte ihrer Band Propaganda und die Musikszene, die sich im Düsseldorf der Achtziger rund um den Ratinger Hof gruppiert hatte. Max Nyffeler spricht für die FAZ mit dem nahezu erblindeten Komponisten York Höller, der morgen in Berlin mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichnet wird. Klassische Musiker können ihre kostbaren Instrumente zumindest bei der Lufthansa künftig im Handgepäck mit sich führen, meldet Helmut Mauró in der SZ.
Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter eine neue EP von U2 (Standard), und Jan Bangs gemeinsam mit dem Ensemble Modern umgesetztes Album "With These Hands" (FR).
Weiteres: Claudia Brücken blickt im FR-Gespräch mit Max Dax zurück auf die Geschichte ihrer Band Propaganda und die Musikszene, die sich im Düsseldorf der Achtziger rund um den Ratinger Hof gruppiert hatte. Max Nyffeler spricht für die FAZ mit dem nahezu erblindeten Komponisten York Höller, der morgen in Berlin mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichnet wird. Klassische Musiker können ihre kostbaren Instrumente zumindest bei der Lufthansa künftig im Handgepäck mit sich führen, meldet Helmut Mauró in der SZ.
Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter eine neue EP von U2 (Standard), und Jan Bangs gemeinsam mit dem Ensemble Modern umgesetztes Album "With These Hands" (FR).
Design
In der Welt empfiehlt Gesine Borcherdt die Dieter-Rams-Ausstellung im Deutschen Design Museum in Berlin. Birgit Schardt erzählt in der FAZ von ihrem Besuch in der Marie-Antoinette-Ausstellung im Victoria & Albert in London.
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