Efeu - Die Kulturrundschau

Demokratisch und zugleich sexy

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19.03.2026. Die FAZ erkennt bei der Performance "This resting, patience" von Ewa Dziarnowska und Leah Marojević in Dresden, dass in der Ruhe Erotik und Kraft liegt. Vom Leben im Wohlstand können Schriftsteller heute nur noch träumen, hält die NZZ fest. Der Perlentaucher öffnet mit Lea Hartlaubs eigenwilligem Film "sr" eine "Wunderkammer des Giraffenwissens". Taz und Tagesspiegel trauern um Bettina Köster, die die Postpunk-Szene mit ihren Bands Mania D und Malaria prägte. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2026 finden Sie hier

Bühne

"This resting, patience" bei der Tanzplattform Hellerau. Foto: Spyrus Rennt

Eine "fantastische" Entdeckung macht FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster bei der Tanzplattform 2026 in Dresden mit der Performance "This resting, patience". Das Duett, das von den Tänzerinnen Ewa Dziarnowska und Leah Marojević getanzt wird, "ist wild und demokratisch und zugleich sexy. Ihre Kräfte, ihre Energien scheinen nie abzunehmen, nie zittern ihre Oberarme, selbst wenn sie manchmal schwitzen, geraten sie drei Stunden lang nie an ihr Limit. Ihr Lächeln ist professionell, und gerade dadurch wirken sie bei aller physischen Nähe so undurchschaubar. Sie sind sie selbst und zugleich eine Verkörperung all derer, die ihnen vorangegangen sind. Sie kriechen über den Boden, legen sich unter Stühle, bitten die Zuschauer aufzustehen, damit sie die Stühle neu arrangieren können - mal zu gegenüberliegenden Reihen, als wäre die Mitte dazwischen ein Laufsteg, mal zu Kreisen. Autoerotische Gesten beweisen, dass alles, was man sehr langsam macht, eine Pathosformel wird."

"Die grauen Herren der Verwaltung entscheiden, nicht die Kreativen", ärgert sich Manuel Brug in der Welt. Erst wird der Intendant der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser rausgeworfen (mehr hier), jetzt hat es den renommierten Dirigenten Andris Nelsons getroffen, der nach zwölf Amtsjahren beim Boston Symphony Orchestra gekündigt wurde. Brug sieht hier einen fehlgeleiteten Modernisierungs- und Sparwillen durch ein inkompetentes Management: "Angeblich schwindet die Akzeptanz des Publikums, und teure Renovierungen in der vielgeliebten Symphony Hall, wie auch am Sommerspielort Tanglewood stehen an. Board und Management wollen deshalb einen neuen Chefdirigenten (vermutlich weiblich), der 'die Zukunft' verkörpert, jung, divers, alert ist und möglichst exklusiv bei diesem Orchester antritt. Da brachte es auch nichts, dass Nelsons sehr viel Moderne und zeitgenössische Komponisten, Oper und Sonderprojekte dirigiert hat, von den Musikern wie vom Publikum geliebt wurde, eine vorbildliche Zusammenarbeit zwischen seinen beiden Klangkörpern in Europa und Amerika vorangetrieben hat - er scheint eben auch schon wieder old school zu sein."

Weiteres: Gerald Felber resümiert für die FAZ die Internationalen Telemann-Festtage in Magdeburg.
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Film

Mäandert akribisch: "sr" von Lea Hartlaub

"Man könnte in aller Knappheit sagen, dass Lea Hartlaubs eigenwillig faszinierender 'sr' ein Film über Giraffen ist, das wäre aber falsch, zu kurz gegriffen oder zumindest irreführend", schreibt Sebastian Markt im Perlentaucher. "Der Film erzählt vielmehr episodisch Geschichten, in denen Giraffen ein wiederkehrendes Motiv bilden. ... Es geht um koloniales Sammlungswesen und Jagdtraditionen, um neuzeitliche Gelehrte und zeitgenössische Jagdpraktiken, um mythologische und ausgestopfte Tiere. ... Es ist eine Wunderkammer des Giraffenwissens, die der Film in einen dramaturgischen Ablauf bringt. Er folgt dabei keiner linearen Chronologie, geographischen Systematik oder eindeutigen Logik der Recherche, vollzieht vielmehr eine Bewegung des akribischen Mäanderns, immer wieder eng verzahnt mit der Gewaltgeschichte der europäischen Moderne." In der taz spricht Michael Meyns von "einem filmischen Organigramm".

Betont intimer Rahmen: Bradley Cooper in Bradley Coopers "Is This Thing On?"

Ein Ü50-Jähriger will es in Bradley Coopers neuer Komödie "Is This Thing On?" nochmal wissen und wendet sich der Stand-Up-Comedy zu. "In allen Regiearbeiten Bradley Coopers artikuliert sich eine naive, geradezu heilige Ehrfurcht vor der Erhabenheit öffentlicher Performances", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Seine ersten beiden Filme besaßen eine Anfälligkeit für aufrichtigen Glamour, den er durch sein eigenes Schauspiel bisweilen in aufdringliche Grandiosität kippeln ließ. ... Auf solche überspannt dramatischen Gesten verzichtet 'Is This Thing On?' vollends. Seinen eher kleinen, betont intimen Rahmen durchschreitet der Film in einem zwanglosen, freien Rhythmus, der an die wundersam sentimentalen Komödiendramen eines James L. Brooks erinnert (mit denen er auch eine Vorliebe für liebevoll ausgestaltete Nebenrollen teilt)."

Weitere Artikel: Christof Siemes spricht in der Zeit mit Hape Kerkeling über das Comeback dessen Horst-Schlämmer-Figur. In der NZZ gratuliert Martin Berz der Schauspielerin Ursula Andress zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos "La Grazia" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Phil Lords und Chris Millers Science-Fiction-Film "Der Astronaut" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller (taz, SZ, mehr dazu bereits hier), Flo Opitz' ab morgen beim ZDF online stehende Dokuserie über Mesut Özil (taz), Nadja Köllings und Vanessa Nöckers Kinodoku "Ein Sommer in Italien" über die Fußball-WM 1990, bei der Deutschland Weltmeister wurde (Tsp, FAZ), Markus Schleinzers Diagonale-Eröffnungsfilm "Rose" mit Sandra Hüller (Standard), der Netflix-Film "Peaky Blinders - The Immortal Man" mit Cilian Murphy (SZ) und der auf Pro7 gezeigte Doku-Zweiteiler "On and Off the Catwalk" über Heidi Klum (NZZ).
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Musik

Gestern morgen waren es noch eher unbestätige Anzeichen auf Facebook, heute ist es gewiss: Bettina Köster, die in den frühen Achtzigern mit Bands wie Mania D und Malaria die hiesige Postpunk-Szene mitgeprägt hatte, ist im Alter von 66 Jahren gestorben." 1981 rief der britische Radio-DJ John Peel vier Tage vor der Hochzeit von Lady Diana Spencer und Prince Charles die Berlinerinnen von Mania D zu 'Queens of Noise' aus", erinnert Robert Mießner in der taz. Und Malaria "sollte Aura und Klang des Westberliner 'Geniale Dilettanten'-Mythos maßgeblich prägen. Dass von dieser Stilistik Sinnlichkeit nicht zu trennen ist, bleibt eines der Verdienste von Malaria! und mit ihnen Bettina Kösters" - nicht zuletzt wegen ihrer "souveränen Stimme". Einen weiteren Nachruf schreibt Nadine Lange im Tagesspiegel. Im Archivfundus des Dlf kann man Lorenz Schröters 2020 entstandenes Feature über Mania D noch immer nachhören.



Weiteres: Samir H. Köck plaudert für die Presse mit Voodoo Jürgen über dessen neues, im Standard besprochenes Album. Besprochen werden ein Konzert des Ensembles United Berlin unter Vladmir Jurowski in Berlin (NMZ) und Nils Keppels "Super Sonic Youth" (Standard).

Archiv: Musik

Literatur

Von einem Leben in bescheidenem Wohlstand, geschweige denn von einer Villa am Bodensee, wie Martin Walser sie einst sein eigen nannte, oder dem Luxus, wie er für einen Max Frisch selbstverständlich war, können heutige Schriftsteller kaum mehr träumen, stellt Paul Jandl in der NZZ fest: "Fast mythisch muten heute jene Jahrzehnte an, in denen sich das Bücherschreiben selbst für feuilletongängige und komplexe Autoren ganz umstandslos materialisierte." Eine Studie bestätigt ihm das: Allein zwischen 2020 und 2023 ist das Durchschnitts-Brutto für Schriftsteller um fünf Prozent gesunken. Schreiben allein reicht da oft nicht mehr: "Wer als Autor heute meint, das Schreiben von guter Literatur sei Performance genug, tritt zu den branchenüblichen Honoraren mit seinen Büchern auf. Ungefähr 1000 Euro zahlen die Literaturhäuser. Das ist nicht viel, wenn man nur alle paar Jahre ein neues Buch hat."

Weitere Artikel: Anselm Bühling erinnert zum zehnjährigen Bestehen von Tell an die Anfänge des Online-Literaturmagazins. Nina Apin porträtiert in der taz die Comiczeichnerin Rinah Lang. Jeannette Otto spricht für die Zeit mit der Schriftstellerin Amani Padda, die mit "Bevor der Himmel reißt" einen Jugendroman über rassistische Ausgrenzung und Übergriffe geschrieben hat. Katrin Hörnlein porträtiert in der Zeit den Kinderbuchautor Will Gmehling und den Illustrator Jens Rassmus, deren "Der Sternsee" von der Jury des Luchs-Preises zum besten Kinderbuch des Jahres gewählt wurde. Nikolai Ott berichtet in der FAZ von einer Veranstaltung im Roman-Herzog-Institut in München zur Aktualität von Thomas Manns "Zauberberg".

Besprochen werden unter anderem Siri Hustvedts Erinnerungsbuch "Ghost Stories" (NZZ), der von Lina Muzur herausgegebene Band "Frauenprobleme. 33 neue Nachrichten" (Freitag), Tomer Gardis "Liefern" (Intellectures), Ewald Wassiljewitsch Iljenkows Essay "Kosmologie des Geistes" (FAZ) und Norbert Gstreins "Im ersten Licht" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Installationsansicht von "When the Water Turns to Wind" im Portikus Frankfurt. Foto: Wolfgang Günzel

Nachdenklich kommt Theresa Weise (taz) aus der Ausstellung "When the Water Turns to Wind" im Portikus in Frankfurt. Dort werden Videoarbeiten der usbekischen Künstlerin Saodat Ismailova gezeigt, in denen sie sich mit dem Aralsee auseinandersetzt. Einst einer der größten Seen der Erde, ist er heute zu neunzig Prozent ausgetrocknet, weil seine Zuflüsse durch die sowjetische und russische Baumwollindustrie umgeleitet wurden, erinnert die Kritikerin, die sich von Ismailova wie in einem schwankenden Boot über den Aralsee geleitet fühlt: "Mal mit einer subtilen, mal mit einer ohrenbetäubenden Geräuschkulisse hört man Vogelgezwitscher, Windpfeifen oder Radio. Ismailova wechselt die Anordnung und Blickrichtung der Kamerafahrt von rechts nach links, von oben nach unten und vice versa. (...) Ismailova gelingt es, dem oft abstrakt verhandelten Thema des Klimawandels eine spürbare emotionale Dimension zu verleihen. Ihre Bilder sind poetisch, die Natur erscheint darauf als berauschend schön. Wenn etwa auf der Projektion an der Decke ein Sonnenuntergang über dem glitzerndem Wasser des Aralsees auftaucht, der Horizont pfirsichfarben."

Besprochen werden außerdem die große Leonora Carrington-Ausstellung im Musée du Luxembourg in Paris (Welt) und die Ausstellung "Picasso. Raíces Bíblicas" in der Kathedrale von Burgos (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Aralsee, Usbekistan, Klimawandel