Es ist Krieg in der Ukraine. Was tut eigentlich die Bundesregierung, fragt die Jürgen Kaube in der
FAZ: "Olaf Scholz hat immer wieder auf
seinen Amtseid hingewiesen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Der Schaden, den er
gerade nicht abwendet, liegt im Ansehensverlust der deutschen Politik.
Friedensverhandlungen mit Putin? Aber gern, meint der
Historiker Gerd Koenen in der
Welt: "Alles muss in Zukunft auf den Verhandlungstisch: die absurde Militärkolonie
Transnistrien ebenso wie die okkupierte
Krim und wie das militarisierte '
Kaliningrad'. Auch wir haben 'Sicherheitsinteressen' und werden uns, wie die skandinavischen Länder,
nicht mehr abschrecken lassen, sie zu formulieren und zu wahren - was der einzige Zweck der Nato als eines Beistandspakts freier Länder ist. Von dieser Basis aus ließe sich dann endlich wieder eine zivile, neue Entwicklungsdynamik entfalten, die das große Projekt einer Wiederherstellung der
zerbombten Ukraine einschließt und in die auch Russland sich eingliedern könnte, wenn es ihm gelänge, sich aus der Geiselhaft seines Regimes zu befreien."
Russland ist das letzte Reich, das keine
Entkolonisierung durchgemacht hat. Jetzt rächt sich auch, dass Bill Clinton und andere bei den
Tschetschenienkriegen weggeschaut haben,
schreibt Casey Michel in
Atlantic: "Statt Regionen wie Tschetschenien als Nationen zu betrachten, die von einer Diktatur in Moskau kolonisiert wurden, sahen westliche Beamte sie einfach
als Erweiterungen des eigentlichen Russland an. Statt den Kampf der Tschetschenen als Teil des weltweiten Strebens nach Entkolonialisierung anzuerkennen, verglich der amerikanische Präsident Bill Clinton sie mit der
Konföderation und unterstützte Jelzin trotz seiner Brutalität. Clintons Position sanktionierte nicht nur die Gräueltaten, die an unschuldigen Tschetschenen verübt wurden, sondern zeigte dem damals aufstrebenden Bürokraten Putin, dass die russische Gewalt vom Westen unbehelligt bleiben würde."
Die Aufmerksamkeit für den Krieg gegen die Ukraine droht nachzulassen, und damit steigt die "Kompromiss"-Willigkeit mancher Kräfte im Westen, aber das ist eine Gefahr,
warnt Peter Pomerantsev im
Observer: "Russland wird sich auch im Inneren verändern müssen, bevor es aufhört, eine Bedrohung darzustellen. Können wir jemals auf ein Russland hoffen, das bereit ist, imperiale Ansprüche aufzugeben, in
Harmonie mit seinen Nachbarn zu leben und sogar im eigenen Land
Rechtsstaatlichkeit zu schaffen? Das scheint ein weit entfernter Traum zu sein. Alles Gerede über einen 'Regimewechsel' von außen ist töricht: Russland ist eine Großmacht, die niemand so dreist beeinflussen oder angreifen kann. Was wir jedoch tun können, ist, bei unseren Sanktionen und unserem Engagement für die Anklage von Kriegsverbrechern standhaft zu bleiben und den russischen Eliten zu zeigen, dass ihre Strafe
lang andauernd und ernstgemeint ist."
Kürzlich
gab Günther Auth, Lecturer am Geschwister-Scholl-Institut der LMU München, in der
Berliner Zeitung dem Westen quasi die Schuld am Ukrainekrieg, weil er Russlands Sicherheitsinteressen missachtet und im übrigen selbst oft genug das Völkerrecht verletzt hätte: "Es ist noch nicht so lange her, um sich an entsprechende Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit nicht erinnern zu können: etwa als sich der deutsche Verteidigungsminister zusammen mit dem BND anno
1999 bei der Präsentation des sogenannten
Hufeisenplans serbischer Milizen im Kosovo blamierte, auf die dann der
berüchtigte Nato-
Militäreinsatz gegen Serbien folgte; unvergessen auch der bühnenreife Auftritt des US-Außenministers anno 2003 im UN-Sicherheitsrat, in dem es um 'Beweise' für den Besitz und den Bau von Massenvernichtungswaffen im Irak ging, der einen langjährigen (Drohnen-)Krieg mit Hunderttausenden Toten nach sich zog". Ähnlich
argumentiert jetzt auch
Boban Dukic vom Zentrum für Demokratie Treptow-Köpenick, ebenfalls in der
Berliner Zeitung, der dem Westen ebenfalls
Doppelmoral vorwirft. Schließlich sei der Nato-Einsatz im Kosovokrieg nicht von der UNO mandatiert gewesen. Das spiele jetzt Putin in die Hände: "Der Nato-Einsatz oder die Intervention (im heutigen Serbien Aggression oder Bombardierung genannt) wurde trotz dieser formalen Rechtsverstöße gerechtfertigt durch den humanitären Charakter und das Argument, einen Genozid auf dem Kosovo zu verhindern. Auch diese Rechtfertigung ist umstritten (und wird eben auch von Putin benutzt, um seine 'Spezialoperation' zu begründen, die angeblich der Verhinderung eines
Genozids am russischen Volk im Donbass dient)."
Philip Röhr
erinnert in seiner Antwort auf Auth daran, dass das
Gewaltverbot der UN kein Selbstzweck ist, sondern einzig dem
Schutz des Lebens dient: Hätte die Nato im Kosovokrieg nicht eingegriffen, wären die Kosovo-Albaner von serbischen Milizen ermordet worden wie zuvor die bosnischen Muslime. "Es gibt
keinen höheren moralischen Grund, der den russischen Angriff rechtfertigen könnte. Man mag alle Kriege per se verurteilen, das Völkerrecht hochhalten und Verstöße dagegen kritisieren. Da der Grundsatz gleiches Recht für alle gilt, immer und auch insbesondere im Falle dessen, dass westliche Staaten dagegen verstoßen. Der Anspruch an eine Demokratie und einen Rechtsstaat muss der höchste sein. Aber gibt man nicht alle Vorstellungen von Recht und Unrecht auf, wenn man die
Gewalt des Verbrechers auf eine moralische Ebene mit der Gewalt desjenigen hievt, der sich dem
Verbrecher entgegenstellt und somit letztendlich Leben rettet?"
In der
FR lernt Arno Widmann aus dem Krieg in der Ukraine, dass
Carl Schmitt doch recht hatte: "Es gibt Situationen, da hängt alles davon ab, zwischen
Freund und Feind zu unterscheiden. Mordbanden, die Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, umbringen, sind keine armen irregeleiteten Idioten - das sind sie vielleicht auch -, sondern Feinde unserer Gesellschaft. ... So wichtig es ist, zwischen Freund und Feind unterscheiden zu können, so wichtig ist es, im Feind einen möglichen Freund zu sehen. Dazu muss man ihm aber entgegentreten und ihn daran
hindern können,
Bomben zu werfen. Das Verhältnis von Krieg und Frieden sehen wir seit dem 24. Februar 2022 anders. Wer den Frieden will, muss ihm den Weg bereiten, und dazu gehört, sich vorzubereiten auf den Krieg."
Auf
Zeit online nimmt Robert Misik die
österreichische Neutralitätspolitik aufs Korn. Die war mal wer. Aber inzwischen hat sie "eine Schlagseite Richtung
Selbstinfantilisierung. Wir sind klein und halten uns deswegen raus, erzählen uns aber gerne, das wäre moralisch lobenswerte Friedenspolitik. Dabei verstecken wir uns nur hinter dem Baum und hoffen, dass uns keiner sieht und der Unbill der Welt deswegen an uns vorbeirauscht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde die Neutralität als 'aktive Neutralitätspolitik' noch internationalistisch ausgelegt, aber in den vergangenen dreißig Jahren wurde sie mehr zu einer Spielart des
Mir-
san-
mir-
Provinzialismus."
Der
Schriftsteller Boris Akunin hat Russland 2014 verlassen. "Das war der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab. Es wurde klar, dass Putin die Weichen für eine
lebenslange Herrschaft gestellt hatte. Nach der
Annexion der Krim konnte er nicht mehr friedlich abtreten", erklärt er im
Interview mit der
FR. Und zu Deutschlands zögerlicher Haltung im Ukrainekrieg meint er: "ich glaube, dass alles, was ein
baldiges Ende des Krieges fördert, gut ist; alles, was ihn verlängert, schlecht. Solange Putin glaubt, er könne militärisch siegen, wird er kämpfen. Fragen Sie sich: Bringt der Kurs der Bundesregierung den Krieg zu Ende oder verlangsamt er ihn?"
Die russische
Kulturjournalistin Irina Rastorgujewa wendet sich in der
FAZ gegen
Boykotte russischer Kultur oder russischer Autoren oder Musiker: "Kultur ist aber eine
Sphäre des Dialogs, nicht des Monologs. Es ist besser, sich auf Polemik einzulassen, zu kommunizieren und nicht gegeneinander, sondern gegen Totalitarismus und militärische Aggression zu kämpfen. Später können wir klären, wer welche Art von Kultur hat."
Der russische
Theaterregisseur Kirill Serebrennikov schreibt zum Thema in der
Moscow Times: "Kultur in Russland wird immer
dem Staat zum Trotz gemacht, gegen ihn. Manchmal wird sie mit dem Geld des Staates gemacht, aber selbst dann wird sie nicht im Namen des Staates und nicht für den Staat gemacht. In Russland töten und spalten der Staat und die Politik. Sie zerstören Familien. Sie zerstören Leben. Die Kultur rettet und sammelt das, was in den Menschen noch menschlich ist. Es hat viele Staaten in Russland gegeben, und sie waren
alle kannibalisch." Die Autorin Juliane Fürst
antwortet bei Twitter auf Serebrennikovs Artikel: "Starke Bilder und schmerzhafte Träume. Und doch macht er wütend.
Jeder ist ein Opfer. Putins Horrorstaat
widerfährt den Menschen nur. Es gibt keine Täter oder Helfer oder Helfershelfer."
============ Feminismus ist seit dem Zerfall Jugoslawiens auf dem Balkan wieder ein Schimpfwort geworden,
schreibt die in Barcelona lebende bosnische
Schriftstellerin Lana Bastašić in der
NZZ. Das ging mit der
Rückkehr des Nationalismus quasi automatisch einher: "Der Körper der Frau wurde zum Eigentum der Nation. Die Antiabtreibungsbewegung wuchs schnell, besonders im heutigen
Kroatien. Denn die Mission, das Territorium wieder zu bevölkern und eine
ethnisch reine Nation zu schaffen, wurde zum wichtigsten Zweck des weiblichen Körpers. Gleichzeitig werden in Montenegro noch immer gezielte Abtreibungen vorgenommen:
Mädchen gelten als minderwertig, manche Familien ziehen es darum vor, sie abzutreiben."