Efeu - Die Kulturrundschau

Ein missglückter Palatschinken

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13.03.2017. Die NZZ huldigt dem olfaktorischen Konzeptkünstler Serge Lutens. Die FR lernt, dass es bei Egon Schieles "Mädchen mit grünen Strümpfen" definitiv nicht um Sex geht. Hellsichtigen Wahn erleben Standard und taz in Joachim Meyerhoffs Bühnenversion von Thomas Melles Manie-Bericht "Die Welt im Rücken". Außerdem wird die taz natürlich high vom reinen Sound der Experimentalkomponistin Catherine Christer Hennix.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2017 finden Sie hier

Kunst


Egon Schiele: Mädchen mit grünen Strümpfen. Foto: Peter Infeld Privatstiftung

Herrlich das Gespräch, das Arno Widmann für die FR mit Klaus Albrecht Schröder, dem Direktor der Wiener Albertina, über Egon Schiele führt, vor allem über das Bild "Das Mädchen mit den grünen Strümpfen", in dem Widmann eine Frau erkennt, die von hinten genommen wird. Nein, nein, widerspricht Schröder, das sei der Blick einer sexistischen Fantasie, das Mädchen gewinne im Fallen Halt an jemandem, der vor ihr steht: "Es geht definitiv nicht um Sex. Das Bild und also auch die Zeichnung dazu verdanken sich antisexuellen Motiven. Sehen Sie sich doch einmal dieses Gesäß an: In seiner radikalen Flächigkeit erinnert es doch sehr an einen missglückten Palatschinken. Hier geht es um das Verlorensein des Menschen."

Susanne Koeberle stellt uns in der NZZ das Schweizer Künstlerduo Baltensperger und Siepert vor, dessen Arbeiten sie nicht Konzeptkunst nennen kann, eher schon Soziologie. Zum Beispiel das Projekt "About Negotation": "Ein Paar aus der chinesischen Provinz sucht Arbeit. Denn es hofft auf eine bessere Zukunft für seine Familie. Es packt sein ganzes Hab und Gut in eine Tasche, verlässt sein Heimatdorf und macht sich auf in eine der großen Städte des Riesenlandes. Dort angekommen, treffen die beiden Wanderarbeiter am Bahnhof auf zwei Fremde, die ihnen ein ungewöhnliches Angebot machen. 'Wir kaufen euch alles ab, was ihr bei euch habt, und geben euch dafür so viel, wie ihr in einem ganzen Monat verdienen könnt.' Diese Summe übertrifft den effektiven Wert der Waren bei weitem. Mithilfe einer Dolmetscherin wird verhandelt, am Schluss bieten die beiden einen Betrag, der drei Monatslöhnen entspricht."

Im Welt-Interview mit Agata Waleczek spricht die amerikanische Künstlerin und Philosophien Adrian Piper über ihre Aktion "The Probable Trust Registry" (mehr hier), die nach der Biennale in Venedig gerade im Hamburger Bahnhof in Berlin läuft und den Besucher zu ethischem Handeln verpflichten will, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen: "Traditionell wird dieses Problem in der Spieltheorie nur als Koordinationsdilemma unter Akteuren betrachtet, als wäre es rein strategisch. Aber das übersieht die Frage, inwieweit man selbst dazu bereit wäre, eine stabile und gerechte Gesellschaft an sich zu wählen. TPTR schlägt eine Lösung für dieses Problem vor: Man macht sich zu einem Menschen, der nie die Wahl trifft, Eigeninteresse vor Stabilität und Gerechtigkeit in der Umgebung zu stellen. Der Prozess fängt mit dem Individuum an." In der SZ schreibt Jörg Häntzschel über Piper.

Besprochen wird eine Ausstellung der Landschaftsbilder Otto Ubbelohdes im Oberhessischen Museum in Gießen (FAZ)
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Musik

Für die taz porträtiert Steffen Greiner die Ambient-Experimentalkomponistin Catherine Christer Hennix, die mit ihren Klangwänden auf ein natürliches "High" bei den Zuhörern zielt. Sie suche den "reinen Sound" ohne musikalische Verweise, sagt sie: "'Man verliert die Erwartung. In diesem Geisteszustand öffnet sich der Klang. Das Bewusstsein ändert sein Gesicht. Man wird sich anderer Dinge bewusst. Eine Melodie ist nach fünf Minuten zu Ende, das Rauschen nie.' ... Ihr Grundklang ist der Tetrachord von Wasserstoff. Wie jedes Element besitzt Wasserstoff ein spezifisches Schwingen von Proton und Elektron, das harmonisch ist. Da Wasserstoff das häufigste Element des Universums ist, ist jenes Schwingen das Grundrauschen aller Welten. 'Wasserstoff ist auch das erste Element, das sich gebildet hat. Diese Klänge gibt es seit 13,8 Milliarden Jahren.'" Hier eine Aufnahme aus den Siebzigern:



In der SZ schreibt Jan Kedves über den Popstar Ed Sheeran, der derzeit alle Chartsrekorde bricht, was ihm mit einer Pop-Persona gelingt, die buchstäblich reinstes Mittelmaß ist: Er "muss kein Held sein, um ein Superstar zu sein, er darf genau das sein, was jeder junge weiße Mann in der westlichen Welt heute auch sein darf - von der Liebe mal überfordert oder eifersüchtig oder auch mal ein bisschen gemein, aber nicht zu sehr. Sexobjekt, Sohn, Großvater in spe, Enkel in Trauer, all das ist Ed Sheeran auf 'Divide' auch, und natürlich der ganz normale Kumpel von um die Ecke. Dass all diese Rollen autobiografisch fundiert sind, daran besteht kein Zweifel."

Besprochen werden Jonwaynes "Rap Album Two" (Jungle World), Hendrik Otrembas "Über uns der Schaum" (Spex), Midori Takadas "Through the Looking Glass" (Pitchfork), eine neue CD von Laura Marling (Berliner Zeitung), ein Elgar- und Tschaikowsky-Abend der Berliner Philharmoniker unter Zubin Mehta (Tagesspiegel), ein Konzert des Zürcher Kammerorchesters (NZZ), ein Konzert von Teodor Currentzis' Ensemble mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja (Standard), eine Aufführung von Schuberts "Winterreise" mit Christian Gerhaher und Daniel Barenboim im neuen Pierre-Boulez-Saal (Tagesspiegel), ein Konzert von John McLaughlin und der Band 4th Dimension im Pierre-Boulez-Saal (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Phillip Boas Voodoo Club (Tagesspiegel).
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