Efeu - Die Kulturrundschau

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20.04.2017. Schon Theodor Fontane war ein Produzent von Fake News - im Auftrag der Neuen Medien des 19. Jahrhunderts, informiert die FAZ.  Kommunikation wird designtechnisch immer mehr zum reinen Dialog, ohne störende Materie, notiert die NZZ. Die Filmkritiker hätten sich John Lee Hancocks Biopic "The Founder" noch etwas kapitalismuskritischer gewünscht.

Film



Groß besprochen wird heute vor allem John Lee Hancocks Biopic "The Founder" über die Gründung einer international bekannten Fastfood-Kette. Michael Keaton spielt darin Ray Kroc, der die Kette groß gemacht und die eigentlichen Gründer vor die Tür gesetzt hat, als echtes Aas, ist den Kritiken zu entnehmen. Der Film wende "sich gegen die nostalgische Entschärfung des amerikanischen Nachkriegskapitalismus, die in Hollywood seit einigen Jahren zu beobachten ist", schreibt dazu Felix Stephan in der Welt. Ähnlich sieht es Nicolai Bühnemann im Perlentaucher: De Film "bringt uns eine Weltsicht nahe, in der alles nur Material ist, das es zu benutzen gilt, um Kapital zu akkumulieren." Allerdings mangele es dem Film letztlich an der nötigen Schärfe, mit der etwa ein Drehbuchautor wie Aaron Sorkin diesen Stoff umgesetzt hätte, bedauert Martin Schwickert auf ZeitOnline. Dass der Film nicht den Mumm hat, dem Konzern selbst auf die Füße zu treten, findet Nina Jerzy in der NZZ sehr schade. Ebenfalls schade findet es Fabian Tietke in der taz, dass der Film "die Egomanie Michael Keatons als Ray Kroc" mitunter zu oft "durch die Narration" bändige.

Weiteres: In der taz empfiehlt Carolin Weidner die Werkschau des Festivals "Achtung Berlin", die in diesem Jahr dem DEFA-Regisseur Michael Gwisdek gewidmet ist.

Besprochen werden der auf DVD erschienene Debütfilm "Mein 20. Jahrhundert" der diesjährigen Berlinalegewinnerin Ildikó Enyedi (taz), die französische Migrantenkomödie "Ein Dorf sieht schwarz" von Julien Rambaldi (taz, Tagesspiegel, SZ), Mick Jacksons Gerichtsdrama "Verleugnung" über den Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving (NZZ), Mira Nairs "Queen of Katwe" über das Schach-Wunderkind Phiona Mutesi (FAZ), Zach Braffs Rentnerkomödie "Abgang mit Stil" (Welt) und Ben Youngers Boxerfilm "Bleed for This" über die Karriere von Vinny Pazienza (SZ).
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Kunst

Im Gespräch mit dem Freitag skizziert der Galerist Johnson Chang auf der Art Basel in Hongkong den Markt für chinesische Kunst und kündigt ein neues Projekt zusammen mit dem Haus der Kulturen der Welt an: "Dabei soll es um Mao Zedongs Revolution gehen. Ich sprach darüber mit dem Kurator und Autor Anselm Franke. Das Projekt steckt noch in der Anfangsplanung, die Realisierung wird wohl Jahre in Anspruch nehmen. Der intellektuelle Diskurs zum chinesischen Revolutionsthema wird definitiv in Berlin stattfinden, aber der Ort für die dazugehörige Ausstellung ist noch nicht entschieden. Sie wird wahrscheinlich erst in Hongkong gezeigt werden und dann hoffentlich nach Deutschland weiterwandern."

Weiteres: Im Interview mit dem Standard spricht die Künstlerin Brigitte Kowanz über ihre Arbeit für den österreichischen Pavillon in Venedig und die offenbar nicht ganz einfache Zusammenarbeit mit Erwin Wurm.

Besprochen werden das deutsch-iranische Ausstellungsprojekt "Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste" in der Bonner Bundeskunsthalle (FR) und die Ausstellung Michelangelo und Sebastiano del Piombo in der Londoner National Gallery (Tagesspiegel, FAZ),
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Bühne

In der NZZ grübelt Daniele Muscionico, wer im Sommer 2019 Intendantin Barbara Frey am Schauspielhaus Zürich ablösen könnte: Bachmann, Nübling, Schulz oder Rau? Und: Burg-Direktorin Karin Bergmann, deren Vertrag im Mai ausläuft, will nicht verlängern, meldet der Standard.

Besprochen werden die von Lorenz Nufer inszenierte Uraufführung von Renata Burckhardts Stück über Flüchtlingshelfer "Träges Herz" in der Kaserne Basel (nachtkritik), Giacomo Meyerbeers Oper "Le prophète" am Aalto-Theater in Essen (Westfälische Rundschau, Online Musik Magazin, SZ) und die Strauss-Oper "Frau ohne Schatten" mit Kent Nagano am Pult an der Hamburger Staatsoper (NZZ, NDR, BR, FAZ, Zeit)
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Archiv: Bühne

Literatur

Mit journalistischen Plagiaten und Fake-Interviews hat hat Tom Kummer vor einigen Jahren für Kontroversen gesorgt. Jetzt hat Tobias Kniebe in der SZ herausgefunden, dass Kummer sich auch für seinen Debütroman "Nina & Tom" im Werk von Kollegen bedient hat. Zum Skandal will das jedoch nicht recht taugen, wie sich an Tobias Sedlmaiers heutigem NZZ-Kommentar ablesen lässt: Kummer habe diese "Technik mittlerweile in kindhafte Fischer-Technik verwandelt. ... Einer moralischen Beurteilung enthebt sich das Verfahren ohnehin, da sich der Autor die habituelle Montage zum Markenzeichen gemacht hat. Literarisch hingegen ist die Methode vollkommen unergiebig, wenn das Spiel zwischen Eigen- und Fremdtext nicht transparent wird. Allenfalls dient das Buch so einer munteren Trophäenjagd."

Eine Art geistigen Vordenker hat Kummer im übrigen in Theodor Fontane, wie sich dem heute in der FAZ veröffentlichten Gespräch mit der Germanistin Petra McGillen entnehmen lässt. Unter dem Eindruck von "Fake News" liest sie Fontane neu, denn der hatte in seinem Brotjob als Journalist mitunter auch mächtig im Stil heutiger "Fake News" geflunkert und passagenweise abgeschrieben. So hatte er in einem Bericht über das Feuer in der Londoner Tooley Street 1861 einfach Passagen aus verschiedenen Zeitungen zusammenkopiert. "Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen."

Weiteres: Für die taz unterhält sich Philipp Fritz mit dem Schriftsteller Josef Haslinger über die von ihm mitherausgegebene Anthologie "Zuflucht in Deutschland - Texte verfolgter Autoren". Auf ZeitOnline stellt Michael Brake die Comicreihe um den Superhelden Captain Berlin vor, den sich der Underground-Filmemacher Jörg Buttgereit ausgedacht hat.Hermann Rudolph gratuliert dem Germanisten Conrad Wiedemann im Tagesspiegel zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden neue Romane über Hitler und Stalin von Julian Barnes und Bernd Schröder (FR), Adrian McKintys Krimi "Rain Dogs" (Freitag), Katie Kitamuras "Trennung" (FAZ) und Claudio Magris' "Verfahren eingestellt" (SZ).
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Design

Die jüngste Smartphone-Generation hebt sich im Design durch ein nahezu randloses Display von den Vorgängern ab. Fotografiert man damit, fühlt man sich so "als halte man ein Stück Glas in die Luft", schreibt Oliver Herwig dazu in der NZZ. Für ihn spitzt sich darin ein Trend zu, der sich seit geraumer Zeit entwickelt: Design soll die Produkte zum Verschwinden bringen, deren Funktionen sollen unmittelbar und ohne materiellen Widerstand zuhanden sein. "Seit Erfindung des Schreibgriffels gibt es offenbar nur eine Richtung: Kommunikation entledigt sich ihrer physischen Grenzen. Auch das Smartphone verwandelt sich langsam in eine platonische Idee: reiner Dialog, reine Teilhabe, reine Übertragung - ohne störende Materie. Augenblicklich wischen wir zwar noch auf etwas Glas, aber auch das könnte bald verschwinden - zugunsten einer Steuerung über Gesten oder Sprache. ... Unser Verhältnis zu den Dingen des Alltags wird sich damit ändern."
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Musik

Besprochen werden das neue Album "Damn" von Kendrick Lamar (NZZ, Freitag) und Mark Lanegans "Gargoyle" (Standard).
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