Efeu - Die Kulturrundschau

Ein stummer Gast, eine lauernde Angst

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2019. Der Tagesspiegel besichtigt feministische Kunst in Berlin, die nicht mal mehr süßes Babyrosa scheuen muss. Die SZ hört mit Jimmie Allen und Kane Brown, dass Country wieder schwarz wird. Die taz preist die deutsch-amerikanische Lyrikerin Lisel Müller. In ihren Nachrufen auf den Schriftsteller Edgar Hilsenrath erinnern sich die Feuilletons auch etwas betreten daran, wie lange Hilsenrath für seine Holocaust-von der deutschen Kritik Romane geschmäht wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2019 finden Sie hier

Kunst

Yael Bartana: Stalag - The Photographer (I), 2015, Kunstraum Kreuzberg

Unter dem Titel  "Pissing in a River, Watching It Rise" von Patti Smith haben die beiden Künstlerinnen Andrea Pichl und Stefanie Kloss feministische Kunst im Kunstraum Kreuzberg zusammengetragen, und im Tagesspiegel hält es Birgit Rieger für möglich, noch nie "eine so illustre Auswahl" gesehen zu haben: "Angst vor weiblichen Stereotypen hat man in dieser Ausstellung nicht. Die Wände sind im Farbton 'Cool Down Pink', gestrichen, einem süßen Babyrosa, das laut psychologischen Untersuchungen hilft, Aggressionen abzubauen." In der taz ergänzt Claudia Funke zum Titel, der natürlich von einem Patti-Smith-Song stammt: "Der Song pendelt in Text und Ausdruck zwischen Verlust, Sehnsucht, Schmerz und Verletzlichkeit und mündet, sich musikalisch steigernd, in Auflehnung gegen Abhängigkeit, in Widerstand, Selbstermächtigung und Selbstbestimmung."

Weiteres: Im Standard verfolgt Olga Kronsteiner die wechselvolle Beliebtheit von Erwin Wurms Wandpullis in der österreichischen Politik. In der SZ knabbert Bernd Graff noch an der Tatsache, dass Christie's vor zwei Monaten das erste von einem Algorithmus zusammengefügte Bild für 400.000 Dollar versteigerte. Monopol gibt einen nüzlichen Überblick über die Veranstaltungen und Ausstellungen zum Bauhaus-Jubiläum in diesem Jahr.

Besprochen werden die Schau der Bildhauerin Emy Roeder "Das Kosmische allen Seins" im Kulturspeicher in Würzburg (FAZ), Thomas Hirschhorns Anti-Ausstellung "Never Give Up The Spot" in der Villa Stuck in München (FAZ), eine Ausstellung der sowjetischen Kriegsfotografin Olga Lander im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst(Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst

Literatur

Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath ist tot. Sein großes Thema, erklärt Michael Braun in der NZZ, bestand darin, statt der großen Stimmen der offiziellen Geschichtsschreibung die "kleinen Quasselstimmen jedes einzelnen Juden" zur Sprache zu bringen: "Hilsenrath arbeitete sich an diesem Erinnerungsauftrag ab mit einer Energie, die in der deutschen Nachkriegsliteratur ihresgleichen sucht." Gedankt hat es ihm der Betrieb nicht, ganz im Gegenteil: "Die Rezensenten-Elite mochte ihn nicht", schreibt Marko Martin in der Welt. Hilsenraths Fehler: Als Shoah-Überlebender nicht so über die Shoah schreiben, wie sich die deutsche Kritik das gerne gewünscht hätte - was fast alle Nachrufe am bösen Zeit-Verriss von 1978 festmachen, in dem Fritz J. Raddatz Hilsenraths Roman "Nacht" abwatschte. Was sich in dem Buch zeigt, so Marko Martin weiter: "Leid veredelt nicht, Konzentrationslager und Gettos provozieren nicht das Gute irgendeines Opferkollektivs, sondern sind tatsächlich die Hölle auf Erden, institutionalisierte Rückkehr ins Wölfische. Mit welcher Sprachkraft Hilsenrath davon erzählte! Visuell und reflexiv, karg und gleichzeitig suggestiv, realistisch grotesk, mit einer Dialogtechnik, welche die Handlung vorantrieb und gleichzeitig infrage stellte."

Während Hilsenrath im Ausland bereits als Bestseller galt, gingen die hiesigen Verlage noch auf Abstand, erzählt Philipp Lichterbeck im Tagesspiegel. "Diese Ablehnung kränkte Hilsenrath tief. ... Er ist in Deutschland nie in die Riege der Großen aufgenommen worden. 'Die Deutschen wollen uns Juden vorschreiben, wie wir zu schreiben haben', meinte er leicht verbittert." Auch sein zweiter Roman, "Der Nazi & der Friseur", wurde zur späten Veröffentlichung in Deutschland in den Boden gestampft, erinnert Jörg Sundermeier in der taz, für den Hilsenrath in einer Tradition mit Hemigway und Remarque steht. In "Der Nazi & der Friseur" erzählt Hilsenrath von einem "begeisterten Nazi, der sich nach dem Krieg als jüdischer Friseur ausgab und sogar nach Israel auswanderte, Hilsenrath hatte von einem ähnlichen Fall in der Zeitung gelesen. Was in den USA als brillante Satire begriffen wurde, las man hier als Angriff auf alle Deutschen - und zugleich erkannte man dem Überlebenden nicht zu, nüchtern realistisch oder satirisch über den Holocaust schreiben zu dürfen. Selbst das Leiden der Juden war noch deutsche Chefsache." Weitere Nachrufe in FAZ und FR.

Benno Schirrmeister erinnert in der taz mit feuriger Passion an die Lyrikerin Lisel Müller, die demnächst ihren 95. Geburtstag feiert, alle wichtigen Preise gewonnen hat, in Deutschland aber sträflich unbekannt ist, weil sie 1939 vor den Nazis fliehen musste. "Ihre Lyrik ist durch und durch amerikanisch. ... Die meisten Gedichte von Lisel Mueller handeln nicht von Flucht, nicht offen vom Leben in Diktatur und Terror. Die Erfahrung scheint dennoch immer mitzuschwingen, angedeutet, unausgesprochen, ein stummer Gast, eine lauernde Angst; vielleicht speist sie, als eine unterirdische Quelle, 'her seemingly effortless gift for metaphor', auf das Jenny Mueller, selbst Dichterin und Dozentin für Creative Writing, in einem Essay über ihre Mutter hinweist, 'diese scheinbar mühelose Gabe der Metapher.'"

Weitere Artikel: Mit regem Interesse lässt sich SZ-Autor Alex Rühle von Judith Schalansky in die Schönheiten und Herausforderung der Buchgestaltung einweihen. Für die FR wirft Stefan Brändle einen ersten Blick in Michel Houellebecqs neuen Roman "Serotonin": Während die französische Kritik Houellebecqs "traurigsten", mitunter sogar seinen "besten" Roman vorliegen sieht, beschleicht Brändle ein Verdacht: "Dem Autor scheint die Lust am Provozieren zu vergehen." Zum 100. Geburtstag, den der Schriftsteller J.D. Salinger gestern gefeiert hätte, verteidigt Jan Küveler in der Welt dessen Figur Holden Caulfield vor Sexismus- und Homophobie-Vorwürfen. Seinen Auftritt hat Caulfield im "Fänger der Roggen", den Judith von Sternburg für die FR wiedergelesen hat. In der FAS gratuliert Tobias Rüther dem Autor, mehr zum Salinger-Geburtstag bereits in diesem Efeu.

Besprochen werden unter anderem Vladimir Sorokins "Manaraga" (Tagesspiegel) und Edoardo Albinatis "Die katholische Schule" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Besprochen werden Dennis Hoppers "The Last Movie" von 1971, der als digitale Rekonstruktion wieder in die Kinos kommt (SZ, mehr dazu bereits hier), Hirokazu Kore-Edas Cannes-Gewinner "Shoplifters" (Standard, unsere Kritik hier) und die Netflix-Serie "Aufräumen mit Marie Kondo" (ZeitOnline).
Anzeige
Archiv: Film
Stichwörter: Netflix

Architektur

Besprochen werden die Ausstellung "L'art du chantier" über die Baustelle als technisches, politisches und ästhetisches Großphänomen in der Pariser Cité de l'Architecture et du Patrimoine (SZ) und eine Schau spanischer Architekten in der Berliner Galerie Aedes (Tagesspiegel).
Archiv: Architektur

Musik

Im November 2018 haben sich mit Jimmie Allen und Kane Brown erstmals schwarze Musiker an die Spitze der amerikanischen Countrycharts gespielt, freut sich Jonathan Fischer in der SZ. Dabei liegen die Wurzeln von Country ja tatsächlich in der schwarzen Musik: "Nicht nur stammt das Banjo ursprünglich aus Westafrika. Frühe Country-Sänger wie Hank Williams, Jimmie Rodgers und Bill Monroe hatten ihr Handwerk bei schwarzen Bluesmännern gelernt, viele Evergreens der Carter Family hatte Country-Urvater A. P. Carter seinem afroamerikanischen Begleiter Lesley Riddle abgelauscht. 'Von allen ethnischen Gruppen', schreibt Bill C. Malone im Standardwerk 'Country Music USA', 'hatte keine eine bedeutendere Rolle gespielt, dem Countrymusiker Songmaterial und Stile zu liefern, als die aus Afrika verschleppten Sklaven.'" Doch "die Erfolgsgeschichte des Genres war immer auch eine Geschichte der Segregation. Country ermöglichte weißen Südstaatlern, sich eine gehörige Prise schwarze Musik zu genehmigen, ohne ihre Distanz aufzugeben. Die Industrie hatte in den Fünfzigerjahren beschlossen, Genres über ihre ethnische Zuordnung zu vermarkten." Im Rolling Stone erfahren wir derweil, dass Kane Brown in den USA mitunter auch als 'country's Justin Bieber" bezeichnet wird - was einen angesichts der Musik nicht völlig überrascht:



Weitere Artikel: Christiane Tewinkel meldet in der FAZ, dass vor wenigen Wochen die Digitalversion der Enzyklopädie "Die Musik in Geschichte und Gegenwart" (wenn auch hinter einer Paywall) online gegangen ist. Ein Grund zur Freude für Tewinkel, denn "die 'MGG' stellt nach wie vor die erste Adresse für Leser dar, die an sorgfältig dargestelltem Wissen über Musik interessiert sind."

Besprochen wird das von Christian Thielemann dirigierte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker (Standard). Das Logbuch Suhrkamp präsentiert die 63. Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":

Archiv: Musik