Efeu - Die Kulturrundschau

Schrei-schrei, schepper-schepper, schergel-schergel

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28.01.2019. Maßlos enttäuscht von Ilya Khrzhanovskys Monsterprojekt DAU reisen die Kritiker wieder aus Paris ab: Langweilig bis peinlich, schimpft die SZ. Existenzialkitsch, lästert die FAZ. Die NZZ stemmt sich weiter gegen den Historienkitsch, den Takis Würger und Florian Henckel von Donnersmarcks salonfähig machen wollen. Der Tagesspiegel nähert sich mit Fritz Katers Heiner-Müller-Stück dem Epizentrum der Melancholie.  Der Freitag erinnert an Deutschlands beste Soulband: Superpunk.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2019 finden Sie hier

Bühne

Versuch über die menschlichen Transformation. Ilya Khrzhanovskys DAU 

Monatelang ließen sich die Feuilletons von Ilya Khrzhanovskys in Berlin abgesagtes Monsterprojekt DAU auf Trab halten. Jetzt hatte das um den Physiker Lev Landau kreisende, multimediale Totalitarismus-Spektakel in Paris Premiere, und in der SZ verortet Joseph Hanimann das Ganze zwischen "Peinlichkeit und Langeweile", die Vorträge über den Transhumanismus grenzten an Scharlatanismus: "So viel zu wollen und so wenig zu können ist auch schon fast eine Leistung. Noch enttäuschender sind die dreizehn DAU-Filme, die aus den insgesamt 700 Stunden Rohaufnahmen auf 35-Millimeter-Material entstanden sind. Sie wechseln zwischen Langeweile und Peinlichkeit. Man folgt den ungeschminkten Darstellern ohne Lichtregie und ohne nachträglich eingespielte Tonspur in ihre banalsten, intimsten, schlimmsten Momente des Alltagslebens, des Liebesakts oder der brutalen Gewalt."

FAZ-Kritiker Niklas Maak sieht in dieser Monumentalinstallation eine "Utopie der Unterwerfung" realisiert: "Was DAU mit Auftritten von Schlägern und Prostituierten als Bild der 'menschlichen Natur' mystifiziert, ist der übliche Existentialkitsch, mit dem abgründige Verhaltensweisen und Machtverhältnisse als Ausdruck des menschlichen 'Wesens' zementiert und politischer Veränderbarkeit entzogen werden. Vieles, was von DAU zu sehen ist, hat ein autoritäres Gefälle. 'Sich einlassen' heißt hier, sich den Regeln eines anderen zu unterwerfen; der DAU-Mensch sucht sein Heil bei Schamanen und Priestern in Selbstversenkung, Fremdsteuerung und alten Weisheiten."

Nach einer ersten Sichtung kann Martina Meister im Standard noch nicht sagen, ob Dau seine große Versprechen einlöst: "Ein Mix aus Sex und Quantenphysik, eine eigene, befremdende Ästhetik, dazu philosophische Sätze wie: 'Das Glück existiert nicht, es ist eine Illusion.'" In der FR hätte Harry Nutt zwar nicht das immersive Rundumerlebnis gebraucht, weiß aber zu schätzen, dass Khrzhanovsky so eindringlich auf die Lebensgeschichte des Physik-Nobelpreisträgers Lew Landau aufmerksam gemacht hat. Die französischen Zeitungen haben noch nichts online. Der Figaro kündigt allerdings ein "Fiasko" an.

Wo ist die Zigarre? Fritz Katers Heiner-Müller-Stück am Berliner Ensemble. Foto: Matthias Horn

Vielleicht ein bisschen zu offen, ein bisschen gefühlig, aber überfällig findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel Fritz Katers Stück "heiner 1-4 (engel fliegend, abgelauscht)" am Berliner Ensemble, mit dem er Heiner Müller auf die Bühne zurückholt: "Der sich vielleicht gern versteckt hätte, als die Zeitenwende kam, als die Mauer fiel, die für ihn dank seiner Reiseprivilegien kein Hindernis war, vielmehr sein persönlicher künstlerischer Schutzwall. Er war ein intellektuelles, melancholisches Epizentrum, ein höflicher Mensch. Er fehlt." Dass Schaper selbst im Stück als Riediger Schlapperer auftaucht, freut ihn natürlich: "Es ist die lustigste, albernste Szene des Stücks, eine Befreiung aus dem respektvollen Ernst dieser Hommage an Heiner Müller."

Besprochen werden eine vierstündige Bühnenfassung von Virginie Despentes' Vernon-Subutex-Saga am Zürcher Theater Neumarkt ("Nach der bestandenen Zeit ist der Kopf so leicht und klar, als hätte man eine Nachtwanderung erlebt", versichert Daniele Muscionico in der NZZ), Operpremieren von Berlioz' "Les Troyens"  und Scarlattis "Il primo omicidio" in Paris (FAZ), Bellinis "La Sonnambula" an der Deutschen Oper (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), die Uraufführung von Thomas Köcks Stück "Atlas" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik) und Volker Löschs AfD-Groteske "Das blaue Wunder"  am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik, Berliner Zeitung)
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Literatur

Die "Stella"-Debatte und Christoph Heins mit einiger Verspätung nachgereichte Abrechnung mit Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" (mehr dazu hier): Es herrscht Redebedarf, was Kitsch betrifft, stellt Paul Jandl in der NZZ fest. Ein beliebtes Argument der Apologeten lautet, "dass der schwere Stoff für ein breites Publikum aufbereitet ist. Ist er das wirklich? Die mundgerechte Schlichtheit verändert auch den Stoff. Es ist eine Nonchalance der Wahrheit gegenüber, die sich mit dem Kitsch besonders gut verträgt. Dem geht es ja auch nicht um Wahrheit. ... Wirklich explosiv ist der Kitsch, wenn in ihm das Ethische ästhetisch verbrämt werden soll. Im schlimmsten Fall landet man dann bei der Nazi-Monumentalästhetik. Das, worum es beim Historienkitsch à la Takis Würger geht, ist natürlich vergleichsweise lächerlich. Es ist die Verharmlosung des gar nicht Harmlosen." Im Presse-Kommentar kommt Karl Gaulhofer derweil zu dem Schluss, dass Christoph Hein seinen Einfluss auf "Das Leben der Anderen" etwas zu großzügig bemesse.

Beim Neujahrsempfang des Hanser Verlages war Takis Würger nicht anwesend, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel und bewundert die Smartness, mit der Verlagschefs Jo Lendlo über den "Stella-Trouble" parlierte: "Einigermaßen diplomatisch, nicht unsouverän, nicht im Bußgewand. Er sprach von Diskussionen, die es innerhalb des Verlages wegen der 'Stella'-Werbekampagne gegeben habe; er dankte der Kritik für ihren Einsatz und ihren Furor, den er auch den anderen Büchern des Hauses wünschte; und er erzählte, er habe mit einem Autor darüber diskutiert, ob es nicht auch Aufgabe eines Verlages sei, eine moralische Anstalt zu sein. Der Autor fand das nicht, Lendle meint: schon, ja. Nun denn, was immer nun von dieser Anekdote zu halten ist."

Um die Lyrik steht es schlecht, sie finde in der Öffentlichkeit - trotz gut gefüllter Poetry-Slams, den Chartserfolgen des sprachlich gewitzten Deutschrap und, wie wir gerne am Rande anmerken wollen, einer gut gefüllten Lyrik-Kolumne beim Perlentaucher - lediglich als "schüchternes Flüstern" statt, attestiert Matthias Fechner von der DFG-Forschungsgruppe "Lyrik in Transition" in der FAZ. Statt Lyrik an den Schulen, wie es derzeit erfolgt, schrittweise abzuwickeln, sollte man sie lieber "aus der lähmenden Umklammerung schulischer Abschlussprüfungen befreien."

Weitere Artikel: Für das ZeitMagazin hat Ilka Piepgras die Schriftstellerin Hanya Yanagihara in New York besucht: "Schönheit ist ein Wort, das im Gespräch mit Yanagihara oft fällt, es ist ein Schlüsselbegriff in ihrer Welt." Michael Braun schreibt in der NZZ über die Zeitschrift Sinn und Form, die vor 70 Jahren im sowjetischen Sektor Berlins gegründet wurde. Frank Schäfer erinnert in der taz an den Schriftsteller Johann Karl Wezel, der vor 200 Jahren gestorben ist. Willi Winkler schreibt in der SZ zum Tod des Germanisten Wolfgang Frühwald.

Besprochen werden unter anderem Kristen Roupenians Erzählband "Cat Person" (Tagesspiegel), Kenah Cusanits "Babel" (Zeit), Josephine Rowes "Ein liebendes, treues Tier" (Presse), Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht?" (Standard), Amir Hassan Cheheltans "Der standhafte Papagei" (Standard), Armin Thurnhers "Fähre nach Manhattan" (Standard), Alexandra Föderl-Schmids und Konrad Rufus Müllers "Unfassbare Wunder" (Standard), T.C. Boyles "Das Licht" (SZ) und neue Kinderbücher, darunter Einar Turkowskis "Aus dem Schatten trat ein Fuchs" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt  Jan Volker Röhnert über Arthur Rimbauds "Vokale":

"A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau - Vokale,
eines Tages bring ich es aus Euch zur Welt:
..."
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Film

Mahershala Ali als Ermitler in "True Detective" (Bild: Warrick Page/HBO)

Claudia Schwartz schwärmt in der NZZ von Nic Pizzolattos dritter "True Detective"-Staffel, die das Formtief der zweiten Staffel vergessen macht und qualitativ wieder an die erste anschließt: "Das Publikum kann beim Storytelling zusehen, es geht um Tatsache und Fake. Es ist die Staffel zur Trump-Ära. Was überschreibt die Wahrheit, welche Lügen, welche Missverständnisse?"

Weitere Artikel: Im Gespräch mit der Berliner Zeitung zeigt sich Dieter Kosslick vor seinem letzten Jahr als Leiter der Berlinale sehr zufrieden mit seinen Leistungen. Online nachgereicht bringt die Welt einige Anekdoten aus Carolin Würfels Buch über Ingrid Wieners Berliner Restaurant "Exil", wo sich die Filmstars früher die Klinke in die Hand gegeben haben. Therese Mausbach schreibt im Tagesspiegel über die Werkschau Maria Schell im Berliner Zeughauskino.

Besprochen werden James Glickenhauss' auf DVD veröffentlichter "Exterminator" (critic.de) sowie weitere Heimmedienveröffentlichungen, darunter Walter Hills Komödie "Zum Teufel mit den Kohlen" (SZ).
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Kunst

Kerstin Schweighöfer blickt im Standard auf die Ausstellungen voraus, mit denen die Niederlande in diesem Jahr Rembrandts 350. Todestag feiern werden.

Besprochen werden eine Schau des obskuren französischen Symbolisten Fernand Khnopff im Petit Palais in Paris (SZ) und die Ausstellung der Konzeptkünstlerin und Bildhauerin Karin Sander, mit der das Berliner Haus am Waldsee wiedereröffnet (taz).
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Stichwörter: Rijn, Rembrandt van

Musik

Deutschlands beste Soulband hieß Superpunk und tingelte von 1996 bis 2012 durch die Keller dieses Landes, wo sich ein bierschwenkendes Publikum als ewige Revoluzzer feierte, erinnert sich ein schwärmender Marc Peschke im Freitag anlässlich der Veröffentlichung einer Box mit dem Gesamtwerk der Hamburger Band. "Beim Wiederhören dieser pumpenden Jungsmusik ist man angenehm wenig überrascht: Alles klingt wie immer, alles klingt gleich geil, alles schallt 'Schrei-schrei, schepper-schepper, schergel-schergel!'. Nach Durchhören verfestigen sich zwei Weisheiten: Man muss Soulpunk nicht immer neu erfinden. Es ist gerade super, wenn sich die Songs ähneln. Die andere ist fast genauso wichtig: Man kann eine ehrliche Band nicht auf die Knie zwingen." Wir erinnern uns an dieses Stück mit den schönen Zeilen "Ich habe keinen Hass auf die Reichen / Ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen":



Weitere Artikel: Jakob Maurer staunt in der SZ über den Enthusiasmus, mit dem auch deutsche Fans der koreanischen Popband BTS in die Kinos tingeln, wenn dort einmalig ein Konzertfilm ihrer Lieblinge aufgeführt wird. Für die taz porträtiert Stephanie Grimm den musikalischen Weltenbummler Daniel Haaksman. Sabine Winkler hat sich für die Welt mit Alice Merton getroffen. Julian Weber berichtet für die taz von den ersten Club-Transmediale-Veranstaltungen in Berlin. Tilman Baumgärtel gratuliert dem Festival in der Berliner Zeitung zur 20. Ausgabe. Gregeor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Jazz- und Filmkomponisten Michel Legrand.

Besprochen werden ein Jens-Friebe-Konzert (taz) und Jan Böhmermanns Berliner Auftritt mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (Tagesspiegel).
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