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Efeu - Die Kulturrundschau

Ein feines Lächeln in ihrem Öl

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20.02.2019. Karl Lagerfeld ist tot. Le Monde und Libération rufen zum letzten Defilee für die Ikone des Luxus und der Moden. Den Inbegriff schlichter Eleganz erlebt die NZZ dagegen bei einem Gastspiel des No-Theaters in Paris. Die FAZ sieht den zeitgenössischen Tanz in einer eklatanten inhaltlichen Krise. Die SZ freut sich über die lustvolle Malerei der Lettin Ida Kerkovius. In der taz erinnert sich der Experimentalmusiker Günther Schickert an seine Krautrock-Zeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2019 finden Sie hier

Design

Ein Außenseiter in jeder Hinsicht: Karl Lagerfeld (Bild: Thore Siebrands, CC BY 2.0, bearb.)

Jetzt ist auch Karl Lagerfeld gestorben, im Alter von 85 Jahren. Die französischen Zeitungen bringen ausführliche Nachrufe auf den Modeschöpfer, der Chanel zum führenden Label in der Branche machte. In Libération zeichnet Marie Ottavi von Lagerfeld das Bild eines Mannes, der Konventionen sprengte, aber immer auch maßlos war, vielleicht sogar geschmacklos in seinem Kult um dem Luxus: "Karl Lagerfeld war extrem in seinem Stil und seinem Gebaren, ein Außenseiter in jeder Hinsicht, erkennbar vermögend, bekennender Verschwender und Verfechter des No Limits, er hatte ein Leben lang nur im Luxus und seinen Attributen gelebt. Die  Extravaganzen des Deutschen begründeten zum Teil seine Legende. Mit seinen giftigen Bemerkungen und polemischen Äußerungen, die mit starkem Akzent wie aus der Pistole geschossenen aus ihm herausbrachen, brachte er die Welt ebenso gegen sich auf wie er sie für sich einnahm. Seine Langlebigkeit, in der Branche auf diesem Level unvergleichlich, erlaubte ihm bis zum letzten Tag, das Haus Chanel zu führen. Lagerfeld hat der Mode seinen Stempel aufgedrückt, weniger durch einzelne ikonische Stücke, die die weibliche Garderobe revolutioniert hätte, sondern durch ein System, eine Vision, eine unerschöpfliche Kreativität und vielfältige Kooperationen, die er in alle Richtungen verfolgte , manchmal weit entfernt von der Sphäre des Luxus."

In Le Monde erzählt Carine Bizet ausführlich Lagerfelds Leben nach: "Mit Karl Lagerfeld verschwindet eine doppelte öffentliche Figur: Der elitäre Modezar und die planetare Popikone. Karl Lagerfeld, der Mann, ist schon vor langer Zeit verschwunden, sein großes Werk sind nicht seine Kollektionen, sondern die Persönlichkeiten, die er sich im Laufe der Zeit geschaffen hat." Die New York Times erklärt Lagerfelds Leistungs so: "Sein Beitrag zur Mode bestand nicht darin, wie Cristobal Balenciaga, Christian Dior und Coco Chanel eine neue Silhouette zu schaffen. Er schuf eher eine neue Art des Designes: des Gestaltwandlers. Er war eine kreative Macht, die an der Spitze einer Traditionsmarke landete und sie neu erfand, indem er die Semiotik ihrer Schnitte identifizierte und sie mit einem gesunden Maß an Respektlosigkeit und einem Funken Pop in die Gegenwart holte." Der Guardian erinnert daran, dass er sich lange, aber vergeblich gegen Jogginghosen zu stemmen versuchte: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Weitere Nachrufe unter anderem in FAZ, Standard, NZZ und taz. Der WDR hat Johannes Nichelmanns und Florian Siebecks 2018 entstandenes, großes Radiofeature über Lagerfeld online gestellt.
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Kunst

Ida Kerkovius: Sonnenuntergang am Rigaischen Strand. Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Sehr sehenswert findet Till Briegleb die Ausstellung, die das Kunsthaus Apolda der Künstlerin Ida Kerkovius widmet. Der Titel "Eine Künstlerin des Bauhauses" sei jedoch ein wenig irreführend, meint er, denn Kerkovius' freudvoller Malstil sei bereits voll ausgereift gewesen, als sie Kurse am Bauhaus belegte: "Kerkovius' Heilung der Welt mit Farbe und Form ist nicht fein im Strich. Energisch verarbeitet sie den Zeitgeist der Moderne und später der Nachkriegsmoderne, mit dicken Pinseln, Pastellstiften oder Verwischungen. Nicht das ausgearbeitete Detail zählt in diesen leidenschaftlichen Porträts einer romantischen Welt. Kerkovius verführt den Betrachter zur Sinnlichkeit. Und so gibt es kaum ein Bild ohne die Lustfarbe Rot oder beschwingte Formen mit Nähe zum Tanz. Selbst die wenigen erdfarbigeren Bilder melancholischer Stimmung sind nicht angewest von Zerstörung oder Fäulnis. Ida Kerkovius malt immer lieb, im besten Sinne einer optimistischen Weltsicht. Und ab und an findet man sogar ein feines Lächeln in ihrem Öl."

Weiteres: In der FAZ feiert Andreas Platthaus die große Samurai-Schau in der Münchner Kunsthalle, wohlwissend, dass die Pracht des japanischen Rittertums auch seiner Gewalttätigkeit entsprang. Birgit Reiger berichtet im Tagesspiegel von der Kochi-Muziri-Biennale im indischen Kerala.
Archiv: Kunst

Bühne

Aufführung des Nō-Theaterstückes "Kirokuda - Kiyotsune" in Paris. Foto: Man Nomura


Völlig hingerissen ist in der NZZ Michael Stallknecht von der schlichten Eleganz des Nō-Theaters, das in Paris eines seiner seltenen Gastspiele gab (die meist über achtzigährigen Darsteller reisen nur sehr ungern). Dabei gehe es strikt antiillusionistisch zu: "Die langsamen Bewegungen sind ebenfalls stilisiert wie der typische Gleitschritt der Darsteller, der gerade den Geistern etwas Körperloses gibt. Emotionale Entäußerungen werden nur angedeutet, der Ausbruch von Tränen beispielsweise durch die langsam vor das Gesicht geführte Hand. Faszinierend wirkt an den Abenden in Paris besonders die Fähigkeit der Darsteller, quasi auf offener Bühne zu verschwinden, ihre Präsenz also derart zurückzunehmen, dass sie kaum mehr den Blick des Zuschauers anziehen. Ebenso wie umgekehrt der Geist des Kiyotsune und seine Frau in minutenlanger Stille eine Spannung zueinander aufbauen, die sich nahezu physisch vermittelt."

Schön, dass der zeitgenössische Tanz solch eine Verbreitung gefunden hat, meint Wiebke Hüster in der FAZ, aber das wirklich enorm gestiegene technische Niveau könne nicht über eine andere Leerstelle hinwegtäuschen, wie Hüster in einigen Betrachtungen zur Lage der Sparte feststellt. Wo bitte sind Intellektualität, Ironie, Bitterkeit? "Ob man nach Amsterdam, London, Paris oder nach Duisburg schaut: Nicht von der Hand zu weisen ist überall eine eklatante inhaltliche Krise des zeitgenössischen Choreographierens in welchem Idiom auch immer. Konsequente, durchgehend starke neue Werke, in denen man von einem Thema sprechen kann, von einer Dramaturgie, von Figuren, von überzeugenden Relationen zwischen den Akteuren, zwischen den Körpern und dem Bühnenraum, zwischen den Bewegungen und der Musik, sind unerhört selten. Choreographen wie William Forsythe oder Anne Teresa de Keersmaeker geben sich damit zufrieden, ihre Stimme erklingen zu lassen, von dem rebellischen, radikalen Gestus, den ihre Arbeit einmal hatte, keine Spur mehr."

Weiteres: SZ-Autor Alexander Menden erkennt bei den Proben der Bremer Shakespeare Company, dass ihr Königsdrama "Angela I." in Wahrheit ein Stück über Demokratie sei. Für den Standard porträtiert Helmut Ploebst den österreichischen Choreografen Chris Haring.

Besprochen werden Mozarts "Zauberflöte" an der Staatsoper Berlin ("ein absolut geist- und ideenloses Desaster", stöhnt Peter Uehling in einem instruktiven, sehr grundsätzlichen Text der Berliner Zeitung, FAZ), ein Abend in Erinnerung an Anna Politkowskaja im Mainzer Staatstheater (FR), Händels Oper "Serse" bei den Karlsruher Festspielen (FR) und eine Multimedia-Inszeneriung von E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf" am Theater Aalen (Nachtkritik).

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Literatur

Hin und weg ist Tom Schulz in der NZZ von Guy Helminger, ein Schriftsteller, wie ihn sich die deutsche Literatur nur wünschen kann, da er Schluss macht mit papierner Fragment-Literatur, sondern beherzt in die Vollen greift. Endlich mal einer, "der Sprache als körperliches Werkzeug begreift, als Geräusch und Gesang, als einen Akt der Wahrhaftigkeit dessen, was wir als Individuen veräußern können. Mag der Begriff vom täglichen Wortwerk, von der unbändigen Arbeit an der Sprache, für einige altmodisch klingen, mit diesem Dichter wird er lebendig und handgreiflich. 'Schreiben ist kein Akt, der am Tisch beginnt. Ich schreibe immer, egal, ob ich in der Bahn sitze oder in der Kneipe stehe', sagte Helminger in seinen Poetikvorlesungen an der Universität Duisburg-Essen."

Weitere Artikel: Auf Tell-Review gibt Frank Heibert Einblick in seine Arbeit als Übersetzer von Marie Darrieussecqs Roman "Unser Leben in den Wäldern". Jochen Kienbaum erzählt im Logbuch Suhrkamp wie er zum Arno-Schmidt-Leser wurde.

Besprochen werden unter anderem Min Jin Lees "Ein einfaches Leben" (NZZ), die kritische Ausgabe von Walter Benjamins "Berliner Chronik/ Berliner Kindheit um neunzehnhundert" (Tagesspiegel) und Gerald Murnanes "Grenzbezirke" (FAZ).
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Film

Dass beim Berlinale-Kritikerliebling "So Long, My Son" ein chinesischer Superstar in einer Nebenrolle durchs Filmbild stapft, haben nur wenige mitbekommen. Emilia Ye gibt in der FAZ Nachhilfe: Es handelt sich um den ziemlich staatskonform auftretenden Teeniestar Wang Yuan, der in China die Massen zum Kreischen bringt, hier aber überraschend in einem stillen Drama über die Folgen der Kulturrevolution und der Ein-Kind-Politik besetzt wurde. Als Konformist steht Wang Yuan eher quer zu Geschichte popkultureller Idole der letzten Jahre, erklärt Ye: "Die Entscheidung, Wang Yuan mitwirken zu lassen, war vielleicht ein Kompromiss mit den Erfordernissen des Markts sowie mit denen der Zensur. Immerhin werden Wang Yuans junge Fans so mit etwas konfrontiert, das ganz anders ist als die fröhliche Leichtigkeit, die sie von seinen Auftritten sonst gewohnt sind."

Weiteres: SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh beobachtet, wie sich im Zeitalter immer leichteren Fact-Checkings die Wirklichkeit den Blick aufs Kino verändert: Früher machte man sich bei Gewaltdarstellungen Sorgen, ob psychisch labile Leute diese nicht nachstellen würden, heute kann man schon froh sein, wenn Donald Trump einen Thriller wie "Sicario 2" nicht für eine Reportage aus Mexiko hält.

Besprochen werden Jonas Åkerlunds "Lords of Chaos" über die norwegische Black-Metal-Szene der frühen 90er (ZeitOnline), Karoline Herfurths "Sweethearts" mit Hannah Herzsprung (SZ) und Adam McKays Satire "Vice" mit Christian Bale als Dick Cheney (FAZ).

Außerdem kürt Pitchfork die 50 besten Filmsoundtracks. Sowas von verdient auf Platz Eins:

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Musik

Der Berliner Experimentalmusiker Günther Schickert zählt eher zu den obskuren Künstlern aus der historischen Krautrock-Zeit. Seit einiger Zeit bahnt sich ein Comeback an, das jetzt in eine Kollaboration mit Andreas Spechtl gemündet ist, der derzeit so ziemlich mit jedem zusammenzuarbeiten scheint. Andreas Hartmann hat den Krautrock-Musiker in seinem Wildwuchs-Atelier für die taz besucht und kann auch seinem neuen Album einiges abgewinnen: "Das Album ist kein Nostalgietrip geworden. Schickerts Echo-Gitarre wird von eher derben Sounds und Spechtls Drumming umspielt, das Ganze geht schon fast in Richtung Industrial. Ideen habe er vor den Aufnahmen eigentlich gar keine gehabt, so Schickert. Die Dinge entwickelten sich bei ihm erst im Moment des Spielens und Tüftelns." Wir hören rein:



SZ-Popkolumnist Max Fellmann mag zumindest nach dem ersten Stück kaum glauben, dass das neue Weezer-Album tatsächlich von Weezer eingespielt wurde: "ein bollernder Funk-Loop, darüber Soul-Chöre, spanische Satzfetzen, Mariachi-Trompeten. Klingt eher wie Beck nach zu viel Capri-Sonne." Also so:



Besprochen werden das neue Xiu-Xiu-Album "Girl with Basket of Fruit (taz), Jozef van Wissems und Jim Jarmuschs Album "An Attempt to Draw Aside the Veil" (Pitchfork), ein Brahms-Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), ein Beethoven-Abend mit der Kammerakademie Potsdam (Tagesspiegel) und ein von Kirill Petrenko dirigiertes Beethoven-Konzert in München (SZ).
Archiv: Musik