Efeu - Die Kulturrundschau

Werkstatt der Intimität

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06.07.2019. Critic.de feiert die Pionierinnen des Film Noir, allen voran die großartige Ida Lupino. In der SZ drückt Filmregisseur Jan-Ole Gerster das kleine Wiener Männchen auf seiner Schulter. Die FAZ besichtigt angeregt negative Räume im ZKM Karlsruhe. In der taz erklärt der Schriftsteller Antonio Ortuño, warum Action die mexikanische Realität nicht erfassen kann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2019 finden Sie hier

Film

Lukas Foerster empfiehlt auf critic.de die Berliner Filmreihe "Pionierinnen des Film Noir", die Filme von Edith Calmar, Bodil Ipsen, Ida Lupino, Muriel Box und Wendy Toye zeigt. Eine spezifisch weibliche Ästhetik des düsteren Genres werde zwar im besten Sinne nicht ersichtlich - dafür ist die Reihe international zum Glück viel zu weitschweifend. Aber "schon die Vielfalt bei den Herkunftsländern der Filmemacherinnen zeigt, dass sich Film Noir im Reihentitel nicht nur auf den recht engen Kanon des klaustrophobisch-derangierten Hollywoodkriminalfilms der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre bezieht, sondern vielmehr diverse Spielarten eines düsteren, psychologisch komplexen Genrekinos umfasst, das in dieser Epoche in der Tat weltweit reüssierte." Als "beklemmendes Meisterwerk" empfiehlt Foerster insbesondere Ida Lupinos "Outrage" von 1950:



Vor sieben Jahren begeisterte Jan-Ole Gerster weite Teile der deutschen Filmöffentlichkeit mit seinem "Oh Boy", jetzt feierte sein neuer Film "Lara" Weltpremiere auf dem Filmfest München - doch zwischen beiden Filmen klafft eine beträchtliche Lücke. Woran lag's? An Michael Haneke, klärt Alex Rühle in der SZ nach einem Treffen mit Gester auf: Erst habe der Jungregisseur Komplexe gehabt, ob Haneke wohl seinen Film hassen würde, dann kam eines Tages tatsächlich eine Mail des Österreichers, der allerdings voll des Lobes war. "Leider hatte das dann aber zur Folge, dass Gerster von dem Tag an beim Drehbuchschreiben permanent so ein kleines Wiener Männchen auf der Schulter saß, das sagte: 'I gfrei mi auf eanan nextn Füm.' Gerster kriegt das Wienerische ziemlich gut hin, der Satz, grundfreundlich gemeint, bekommt plötzlich was Diabolisches, oder zumindest spöttisch Abwartendes. Gerster sagt das Ganze natürlich ohne anklagenden Ton. Eher belustigt."

Weitere Artikel: Cargo dokumentiert Cecilia Valentis Einführung zur Berliner Filmreihe "Das Lied ist nicht aus: Die Weimarer Tonfilmoperette und die Folgen". Besprochen werden Michael Apteds "63 Up" (Cargo), Nikolaus Geyrhalters Essayfilm "Erde" (Filmdienst, Freitag), ein Buch über die tschechische Neue Welle der 60er (Filmdienst), die Serie "Big Little Lies 2" mit Meryl Streep (Freitag) und der neue "Spiderman"-Film (FAZ).
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Design

Besprochen wird Sandra Rendgens und Julius Wiedemanns Bildband "History of Information Graphics" (Literarische Welt).
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Kunst

Refik Anadol, Infinity Room, 2015. ZKM. Foto: Felix Grünschloß
Negativer Raum, das kann der leere Raum zwischen zwei riesigen Eisenplatten von Richard Serra sein oder der nicht vorhandene Körper unter dem Mantel von Rodins Balzac-Statue, ein Mobile von Calder oder der Schatten eines abwesenden Kunstwerks, erkennt die höchst angeregte FAZ-Kritikerin Ursula Scheer in der Ausstellung "Negativer Raum. Skulptur und Installation im 20./21. Jahrhundert" im ZKM Karlsruhe: "So lernt man: Ein Raum kann konstruktivistisch beherrscht werden, von Spiegeln vorgetäuscht, als Schallraum erschaffen oder schlicht in seiner Leere ausgestellt. Die Schau führt vor Augen, was zu den Charakteristika der Skulptur des 20. und frühen 21. Jahrhunderts gehört: dass sie offen, mobil, durchlöchert bis zur Immaterialität ist und radikal abstrakt. Das gilt auch noch in den virtuellen Räumen, die sich mit VR-Brillen erkunden lassen, und in den Datenräumen, die unsere Lebensspuren bergen."


Berthe Morisot, Femme à sa toilette, 1877
Die impressionistische Malerin Berthe Morisot wurde praktisch von Beginn an von Kollegen wie Manet, Degas, Renoir, Monet als ebenbürtig anerkannt, meint Joseph Hanimann, der für die SZ die große Schau zu Morisot im Pariser Musée d'Orsay besucht hat. Sie musste in der Ausstellung also nicht etabliert werden. Hier geht es mehr um die Bedeutung ihrer - meist weiblichen - Figuren, so der Kritiker, der länger vor den Bildern stehen bleibt mit Frauen, die Toilette machen: "Vorgeführt wird da, etwa im zartblauen Knistern der Erwartung von 'Femme à sa toilette' aus den Jahren 1875 bis 1880, weniger eine weibliche Psychologie oder ein gesellschaftliches Profil als eine Werkstatt der Intimität. Vom abgestreiften Oberteil oder verrutschten Nachthemd über der nackten Haut geht in diesen Bildern ein Reiz vor-erotischer Geschäftigkeit aus. Stehen die Frauen dann aber mit ihrem vollendeten Putz im Theaterfoyer oder im Salon, wirkt ihr Blick seltsam nach innen gekehrt, als wären sie nur noch Statistinnen des mondänen Ereignisses."

Im Interview mit Monopol erklärt die Künstlerin Renata Kaminska, warum ihrer Ausstellung zu Rosa Luxemburg in Polen so viel Widerstände entgegengesetzt werden. Und in Deutschland? "In Deutschland habe ich erfahren, dass Rosa Luxemburg deutsch ist, und dass es deutsches Gedankengut ist. Dass sie polnisch ist, wussten die Personen, die mit mir sprachen, darunter Personen die der Partei Die Linke angehören, zum Beispiel nicht. Rosa Luxemburg hat in vier Sprachen geschrieben, und in keiner einzigen Sprache ist alles, was sie geschrieben hat, übersetzt. Die ganze Ablehnung des Kommunismus und ihre Briefstreits, die sie mit Stalin und Lenin geführt hat, das war alles auf Russisch und ist auf Deutsch nicht vorhanden."

Weitere Artikel: Im Dlf Kultur würdigt Berit Hempel in einem Essay den vor sechzig Jahren gestorbenen Maler George Grosz. Und Almuth Spiegler erzählt in der Presse vom geplanten neuen Museum der umstrittenen Milliardärin Heidi Horten.

Besprochen werden eine Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe zur Fotoszene der Achtziger, die in der von Wolfgang Schulz herausgegebenen Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst publizierte (monopol), die Ausstellung "Klasse Damen!", die an den Zugang von Künstlerinnen zur Berliner Kunstakademie vor 100 Jahren erinnert, auf Schloss Biesdorf in Berlin-Marzahn (taz) und eine Ausstellung zur Geschichte der Food Photography im C/O Berlin (FAZ).
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Bühne

Besprochen werden Joern Hinkels Inszenierung von Kafkas "Prozess" bei den Bad Hersfelder Festspielen (nachtkritik) sowie Gian Carlo Menottis Tragödie "The Medium" und Bruno Madernas Oper "Satyricon" im Bockenheimer Depot in Frankfurt (nmz).
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Literatur

Für die taz hat Eva-Christina Meier mit dem mexikanischen Schriftsteller Antonio Ortuño gesprochen, dessen Roman "Die Verschwundenen" sich zunächst wie ein Krimi anlässt - es geht um die Folgen der Geldwäsche eines skrupellosen Bauunternehmers -, sich aber nicht aufs Genre reduzieren lassen will. An Spannungsstrategie ist Ortuño zwar interessiert, aber er "lokalisiert die Handlung auch in der mexikanischen Realität - der Erfahrung, mit der existierenden Hypergewalt zu leben. Durch die Zahl der Toten, der Verschwundenen und der Opfer von Verbrechen ist das Niveau der Gewalt in Mexiko fast mit einem Krieg zu vergleichen. ... Literarisch ist es für mich wichtig, dass die Gewalt nicht wie in einem Actionfilm zu einer Inszenierung gerät - mit Autos, Schüssen, mit Helden, Opfern und ein paar Schurken. Das wäre viel zu einfach. In dieser Form finden die Dinge in Mexiko nicht statt. Deshalb war die kontinuierliche Erinnerung an die Geschichte der Personen, der Stadt und der Gesellschaft wichtig, um zu verstehen, warum etwas passiert."

Der Sommer und New York - eine literarische Liebesbeziehung, erklärt Sarah Pines in der Literarischen Welt. Denn "New York wird im Sommer zum existenziellen Ort: des matten oder irren Treibens, man lebt in einem Zustand inneren Versandens. Die Hitze macht kühn, lässt Geschichten einmaliger Begegnungen entstehen, führt in Existenzkrisen und zu ungewohntem Sex. Er liebe New Yorker Sommernachmittage, sagt der Erzähler in 'The Great Gatsby'. Wenn alle weg sind, im Anderswo der Ferien, sei die Stadt sinnlich. ... Es gibt keine oder kaum Gärten, in denen man schwimmen kann, auf flamingofarbenen Luftmatratzen wie Gangster oder Filmstars herumlümmeln, dazu Margaritas trinken und den Poolboy anhimmeln. 'Lolita', 'Huckleberry Finn', 'Der talentierte Mr. Ripley', 'Der große Gatsby', die Romane von William Faulkner: Im Sommer entwickeln sich Geschichten, die im Winter nicht möglich wären." In der NZZ schreibt Pines außerdem über Capri.

Weitere Artikel: Deutschland ist - von Hitler von bis in die Gegenwart der großen Thriller-Epen eines Naoki Urasawa - immer wieder Gegenstand japanischer Comics, erklärt Stefan Pannor in einem Streifzug für den Tagesspiegel. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erzählt Marc Reichweich, wie Hans Fallada unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs in seiner Rolle als behelfsmäßiger Bürgermeister einen Tobsuchtsanfall erlitten hat. In der FAZ erinnert Kai Kauffmann an Johann Jacob Bodmer.

Die NZZ feiert Gottfried Keller, der am 19. Juli vor 200 Jahren geboren wurde: Philipp Theisohn rät dazu, Kellers dichterisches Werk neu zu entdecken. Insbesondere sein "Pankraz der Schmoller" ist die Lektüre wert, schreibt Sibylle Lewitscharoff. Und Adolf Muschg schreibt darüber, wie Keller zur Gründung der ETH beinahe nach Zürich geholt worden wäre.

Besprochen werden Friedrich Anis "All die unbewohnten Zimmer" (Dlf Kultur), Simon Werles Neuübersetzung von Charles Baudelaires "Le Spleen de Paris" (Literarische Welt), Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (Literarische Welt), Anna Enquists "Denn es will Abend werden" (Dlf Kultur), Ann Cottens Erzählband "Lyophilia" (ZeitOnline), Saša Stanišićs "Herkunft" (Jungle World), Melissa Scrivner Loves Krimi "Lola" (taz), John Banvilles "Spaziergänge durch Dublin" (NZZ), Jane Gardams "Bell und Harry" (SZ) und Umberto Ecos Vortragssammlung "Auf den Schultern von Riesen" (FAZ).
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Musik

Für den Tagesspiegel plaudert Udo Badelt mit Alexander Bernstein über dessen Vater Leonard. The Quietus spricht mit dem Musiker Bobby Krlic vom Elektroprojekt The Häxan Cloak über dessen Arbeit am Soundtrack für den Film "Midsommar". Juliane Streich (taz) und Ulrike Nimz (SZ) waren beim antirassistischen Musikfestival "Kosmos" in Chemnitz. Malte Hemmerich berichtet in der FAZ vom Klavierfestival Ruhr.

Besprochen werden Joan As Police Womans Album "Joanthology" (taz), ein Auftritt von Kiss (NZZ), ein Heinrich-Bieber-Konzert des Rias Kammerchors (Tagesspiegel) und die Wiederveröffentlichung von Mort Garsons Synthesizeralbum "Mother Earth's Plantasia" aus dem Jahr 1976, das seinerzeit versprach, Pflanzen zum Wachsen zu bringen (Pitchfork). Für den Selbstversuch mit Ihren grünen Freunden:

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Stichwörter: Chemnitz