Efeu - Die Kulturrundschau

Venedig aus Seifensplittern

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22.07.2019. Die Jungle World hört afrikanische und europäische Musiker im "Africa Express". In der NZZ erklärt der der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto, warum "Identität" für ihn ein nutzloser Begriff ist. In lensculture umwickelt die finnische Künstlerin Anna Reivilä ihre land art. Die NYRB lernt in einer New Yorker Ausstellung, welchen Einfluss antike Tanzdarstellungen auf die Ballets Russes hatten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2019 finden Sie hier

Musik

In der Jungle World stellt Jens Uthoff das einst von Damon Albarn angeschobene Projekt Africa Express vor, für das sich Musiker aus den klassischen Industrie- und den afrikanischen Nationen zusammengetan haben - ein Gegenentwurf zu paternalistischen "Live 8"-Projekten, sagt Albarn. Kolonialismusvorwürfe, die sich bei näherem Hinsehen rasch zerstäuben, gab es dennoch, erklärt Uthoff. Zumal auf dem neuen Album "Egoli" auch ästhetisch die afrikanischen Musiker den Ton angeben - etwa Moonchild Sanelly: "In Südafrika ist Moonchild Sanelly für ihre zum Teil auf Xhosa, einer der elf Sprachen Südafrikas, gesungenen Tracks zwischen Gqom, Kwaito und HipHop bekannt. Für Aufsehen sorgt die Künstlerin, die ein eigenes Modelabel betreibt, weil sie Frauen in Südafrika ermuntert, ihre Sexualität frei auszuleben. ... Clubmusik, Pop und traditionelle afrikanische Klänge fließen wie selbstverständlich ineinander und bilden eine Einheit.  Somit zeigt das Album auch, wie sehr sich westlicher Pop und sogenannte Weltmusik einander angenähert haben." Das Projekt hat das Album auf Youtube gestellt:



Weiteres: Javier Cáceres berichtet in der SZ von seiner Begegnung mit dem brasilianischen Musiker Gilberto Gil. "1969 war wohl das letzte große Jahr der ersten R-'n'-R- und Popgeneration", schreibt Michael Freund als Fazit in seinem Standard-Essay über 50 Jahre Woodstock. Für die WamS hat sich Martin Scholz anlässlich des Woodstock-Jubiläums mit Graham Nash zum Plausch getroffen. Für die NMZ flaniert Leonie Reineke durch Longyearbyen, wo seit kurzem das Arctic Chamber Music Festival stattfindet, dessen Programm mit großen Komponistennamen und etwas nordischer Folklore gerade allerdings eher noch etwas klischiert wirke. The Quietus bringt einen Auszug aus David Crowleys Buch "Ultra Sounds. The Sonic Art of Polish Radio Experimental Studio".

Besprochen werden das neue Flaming-Lips-Album "King's Mouth" (Pitchfork) und Xavier Naidoos neues, von Provokationen diesmal erstaunlich freies Album "Hin und weg" (ein zwar "hübsch souliges", aber auch "stinklangweiliges Schlager-R&B-Album", schreibt Jan Kedves in der SZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Gisela Trahms über den Song "Sultans of Swing" der Dire Straits:

Archiv: Musik

Film

In der SZ plaudert Jon Favreau über seine Neuverfilmung des "König der Löwen". Im ZeitMagazin träumt Nikolai Kinski.

Besprochen werden Cyril Schäublins kapitalismuskritischer Film "Dene wos guet geit" (Freitag, unsere Kritik hier), Luc Bessons "Anna" (Standard), die Netflix-Serie "When They See Us" (NZZ), die Ausstellung "Deutsche Filmarchitektur 1918-1933" im Museum für Architekturzeichnung in Berlin (FAZ) und Robert D. Krzykowskis auf Heimmedien veröffentlichter Film "The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot", der laut SZ-Kritiker Nicolas Freund zwar "heftigst mit dem Trash flirtet", aber zugleich auch "eine Allegorie auf die USA und ihre Interventionen in der ganzen Welt" bietet.
Archiv: Film
Stichwörter: Netflix, Trash

Kunst

Bond #22 © Anna Reivilä


Die finnische Künstlerin Anna Reivilä macht nicht nur land art, sie fotografiert sie auch und die Fotos sind ihr so wichtig wie die land art selbst, erklärt sie im Interview mit lensculture. Für die Reihe "Bond" hat sie ihre Installationen mit einer japanischen Knüpftechnik umwickelt und verknotet: "Mir gefiel die Idee, die Seile in der Landschaft stärker hervorzuheben. Der offensichtliche visuelle Grund dafür ist, dass die Landschaft ziemlich dunkel ist, und wenn das Seil hell ist, ist der Kontrast stärker. Aber es erzeugt auch eine kraftvollere Achse, die zu der Dynamik, dem Licht, dem Raum und dem Volumen beiträgt, die ich erschaffe. Ich liebe auch diese Idee, dass wir bei einem Schwarz-Weiß-Foto sofort wissen, was es ist, genauso wie beim Film. In gewisser Weise bringt es den Betrachter in die Welt der Fotografie selbst, und das gefällt mir, weil es das, was ich fotografiere, zu einem Nicht-Ort macht, weil wir das Motiv eigentlich nie mit eigenen Augen in Schwarz-Weiß sehen können. Dies ist nur durch die Fotografie möglich. Auf diese Weise isoliert sie die Arbeit von ihrem Ursprung und dem Ort, an dem sie genommen wurde."

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen Erwin Olaf im Rijksmuseum in Amsterdam (taz) und eine Ausstellung der Malerin Louise Rösler in der Berliner Galerie Parterre (taz).
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Reivilä, Anna, Land Art

Architektur

Daniel Zylbersztajn besucht für die taz den temporären Pavillon der Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park, der diesmal von dem japanischen Architekten Junya Ishigami entworfen wurde: ein 541 Quadratmeter überwölbendes Schieferdach. In Kairo warten zwei gigantische Museen seit Jahren darauf, endlich eröffnet zu werden, berichtet Susanna Petrin in der NZZ. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Architekten César Pelli, im Guardian schreibt Steve Rose.

Besprochen wird die Ausstellung "Deutsche Filmarchitektur 1918-1933" in der Tchoban Foundation in Berlin (FAZ).
Archiv: Architektur

Literatur

Mit einem Begriff wie "Identität" kann der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto nicht viel anfangen, verrät er im NZZ-Interview: "Wir sind so vieles gleichzeitig. Ich bin ein Afrikaner, der aus Europa kommt. Ich bin ein Schriftsteller in einer Region, in der das Mündliche dominiert. Ich bin Atheist in einem tiefreligiösen Land, ein Wissenschaftler unter Menschen, die nach anderen Antworten suchen. Identität ist tatsächlich mein Thema, doch ich weiß: Wer Identität sucht, sucht nach einem Trugbild. ... Wer von Afrika spricht, teilt den Kontinent gern in anglophon, frankophon, lusophon. Ganz so, als könne man Afrika durch etwas definieren, das außerhalb liegt. Ich habe in meiner Muttersprache meine eigene Sprache gefunden. Und die entstand durch den Austausch zwischen den Kulturen Moçambiques."

Weiteres: Im "Freitext"-Blog auf ZeitOnline erinnert sich der Schriftsteller Manfred Rebhandl an seine Reise nach Irland in den 80ern. Besprochen werden Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (Tagesspiegel, SZ), Gabriele Tergits Familiensaga "Effingers" (Standard), Nicolas Mathieus "Wie später ihre Kinder" (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Dashka Slaters "Bus 57" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Kristina Maidt-Zinke über Thomas Kunsts: "Ich bau in meinem Waschbecken Venedig":

"Ich bau in meinem Waschbecken Venedig
Aus Seifensplittern nach und Streichholzstangen
..."
Archiv: Literatur

Bühne

Léon Bakst, Costume Design for Tamara Karsavina as Chloé, for Daphnis et Chloé (detail), ca. 1912. Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT. Image: Allen Phillips/Wadsworth Atheneum
Alexandra Enders sah für das Blog der NYRB eine New Yorker Ausstellung über den Einfluss antiker Tanzdarstellungen auf die Künstler von Diaghilews Ballets Russes, der berühmtesten Tanzkompanie des frühen 20. Jahrhunderts: "1912 gab Diaghilev seinem Schützling und zeitweisem Liebhaber Nijinsky die Möglichkeit, ein Ballett zu choreografieren, während der überarbeitete Michel Fokine im Urlaub war. Nijinsky entwickelte ein Ballett des sexuellen Erwachens, 'L'Après-midi d'un faune', das auf dem gleichnamigen Gedicht Stéphane Mallarmés basiert und von Claude Debussy vertont wurde. Nijinsky, so die Geschichte, sollte [den Künstler Leon] Bakst in den griechischen Galerien des Louvre treffen, wurde aber von den ägyptischen Reliefs abgelenkt. Vielleicht hilft uns das zu verstehen, warum in seiner Choreografie kantige, präzise und dramatische Bewegungen mit flachen, skulpturalen Posen abwechseln. Es deutet darauf hin, dass ein antiker Fries zum Leben erwacht, oder sogar der herky-jerky des frühen Films. Alles an diesem Ballett - das hautenge Kostüm des Fauns, seine tierische Sexualität, seine seltsamen Schritte und vor allem seine kulminierenden sexuellen Gesten - war schockierend und neu für das Publikum.""

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel resümiert Eberhard Spreng das Theaterfestival in Avignon, dem er eine "gewaltige Leerstelle" bescheinigt: "Geradezu realitätsflüchtig hat sich das Festival zu der in den letzten Monaten nicht nur von den Gelbwesten laut und deutlich gestellten sozialen Frage verhalten. Da war einfach nichts im Programm, das die spontanen Proteste in den Reflexionsraum der Kunst weitergedacht hätte. Das gilt auch für das Off-Festival." Alexandra Albrecht berichtet in der FAZ vom Tanzfestival Movimentos in Wolfsburg. In der FAZ-Reihe "Spielplan-Änderung" stellt Alexander Kosenina Ifflands Drama "Verbrechen aus Ehrsucht" vor.

Besprochen werden Domenico Cimarosas' Barockoper "Gli Orazi e i Curiazi" in der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tagesspiegel), Cervantes' "Don Quijote" und Verdis "Rigoletto" bei den Bregenzer Festspielen (taz, NZZ, Standard, SZ) und der Salzburger "Jedermann" (Standard, Presse).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Ballets Russes, Louvre