Efeu - Die Kulturrundschau

Literarischer Edelboulevard vom feinsten

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18.01.2020. Die Welt feiert das Genre des Reverse Harem, in dem Frau sich eine Reihe Liebhaber hält. Außerdem empfiehlt sie, lieber Gide als Proust zu lesen. Die Junge Welt folgt der Pianistin Dina Ugorskaja in die Nicht-enden-Wollenden tiefen Pianissimotriller von Schuberts B-Dur-Sonate. Kunst als Dienstleistung, das praktizierten feministische Künstlerinnen mit "Maintenance Art" schon in den Siebzigern, lernt die SZ in einer Düsseldorfer Ausstellung. Dezeen bewundert die multifunktionale Unisex-Mode des finnischen Werkzeugherstellers Fiskars.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2020 finden Sie hier

Kunst

Mierle Laderman Ukeles, Touch Sanitation Performance, 1977-80


Catrin Lorch stellt in der SZ einige Pionierinnen der "Maintenance Art" vor, die dem Kunstbetrieb in den Siebzigern den Rücken kehrten und Kunst als alle Lebensbereiche umfassende Dienstleistung praktizierten. Das Düsseldorfer K21 widmet seit heute unter dem Titel "I'm not a nice girl!" eine Ausstellung, in der man auch die Fotoarbeiten von Mierle Laderman Ukeles sehen kann: "Als 'Instandhaltungskünstlerin' beschloss Ukeles damals, ihre tägliche Hausarbeit 'zu performen' ('Meine Arbeit wird mein Werk sein.'). Eine ihrer gewaltigsten Arbeiten wurde 'Touch Sanitation' (1977-80) für das sie die erste und einzige offizielle Artist-in-residence der Stadtreinigung in New York wurde. Elf Monate lang besuchte die Konzeptkünstlerin jeden einzelnen der 8500 Straßenreiniger und Müllmänner Manhattans am Arbeitsplatz, ahmte ihre Arbeitshandlungen nach und dankte ihnen mit den Worten 'Danke, dass Sie New York City am Leben erhalten'."

Weiteres: Ein in Italien aufgetauchtes Klimt-Gemälde ist echt, meldet der Standard. Besprochen wird Nora und Stefan Koldehoffs Buch "Der van Gogh-Coup" (SZ)
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Literatur

In einem Welt-Essay freut sich Ariane Sommer, dass online das Subgenre des "Reverse Harem" floriert, das von Frauen handelt, die sich ganz reuelos mehrere Liebhaber halten und sich am Ende auch nicht aus Gründen moralischer Konventionen für einen davon entscheiden müssen. Ein Subgenre, in dem diese Frauen besonders reich sind - "Reverse Billionaire"-Romane - gibt es auch schon. Um bloße Erotica handelt es sich allerdings nicht: "Eine Vielzahl dieser Romane enthält hochkomplexe Welten, Geschichten und Charaktere und setzt sich mit Themen wie sexuellem Konsens und der kritischen Analyse erotischer Machtstrukturen auseinander."

In der taz spricht Eva-Christina Meier mit dem Schriftsteller Eduardo Halfon unter anderem über dessen Verhältnis zu seinem Heimatland Guatemala, das er in einer ständigen Bewegung von Jahren im Ausland und der erneuten Heimkehr umkreist: "Ich traf auf ein Land, das ich nicht mehr kannte, eine Sprache, die ich kaum noch sprach, und mit einem Beruf, der nicht wirklich meiner war. ... Das war der Beginn einer sehr frustrierenden Periode, in der ich versuchte, mich wieder im Land einzuleben und Fuß zu fassen. Dieser Prozess dauerte fünf oder sechs Jahre. Das ging überhaupt nicht schnell. Erst mit fast dreißig Jahren habe ich dann durch Zufall für mich die Literatur entdeckt." Daher finde seine "Annäherung an Guatemala immer von außen statt."

Wer heute Proust liest, tue dies in aller Regel nur aus dekorativen Gründen, von einer tatsächlichen Durchdringung der "Recherche" könne insbesondere bei den meisten hiesigen Lesern keine Rede sein, behauptet Tilman Krause in der Literarischen Welt. Woher er diese Weisheit hat, erzählt er uns nicht, stattdessen empfiehlt er zu André Gide zu greifen, ebenfalls ein schwuler Literat, der sich im Gegensatz zu Proust aber nicht hinter den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft versteckt und der Gegenwart damit viel mehr zu bieten habe: Kein Wunder, meint Krause, dass Gide für Didier Eribon ein wichtiger Stichwortgeber ist. Denn Gide ist "der Mann des offenen Visiers, der Unerschrockene, der Schriftsteller, der sich 'engagierte', aber nicht in dem bornierten politischen Sinn, den sein Leser Sartre dann propagierte, sondern als Individualist, der, nachdem er sich selbst gefunden hat, sich auch für die Belange anderer einsetzt."

Weitere Artikel: Annegret Erhard spaziert für die Welt über die Antiquariatsmesse in Stuttgart. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf Christopher Tolkien, der den literarischen Nachlass seines Vaters J.R.R. Tolkien aufbereitet hat. Außerdem bringt die Literarische Welt eine Erzählung aus Ottessa Moshfeghs neuem Band "Heimweh nach einer anderen Welt".

Besprochen werden Ginetta Kolinkas "Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe" (Dlf Kultur), Sigrid Nunez' "Der Freund" (Tagesspiegel), der Lyrikband aus der neuen Jörg-Fauser-Werkausgabe (Freitag), Andreij Platonows Romanfragment "Die glückliche Moskwa" (taz), Guy P. Marchals "Gustloff im Papierkorb" (NZZ), Leslie Jamisons "Der Gin-Trailer" (taz), Simon Hanselmanns Comic "Hexe Total in Amsterdam" (Tagesspiegel), Michi Strausfelds "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren" (Literarische Welt), Aras Örens wiederveröffentlichte "Berliner Trilogie" (SZ) und die ersten beiden Bände einer Werkausgabe des Horrorautors Arthur Machen (FAZ).
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Design

Der finnische Werkzeughersteller Fiskars hat seine erste Modekollektion herausgebracht: Streetwear, die sich auch gut fürs Arbeiten im Garten eignet, erzählt Jennifer Hahn in Dezeen. "Die 11-teilige Kollektion wurde von Maria Korkeila, Absolventin der Aalto Universität, entworfen und diesen Monat bei den Herrenmodeschauen in Florenz präsentiert. Sie bietet multifunktionale Unisex-Mode und Accessoires, darunter eine Jacke mit stechsicheren Taschen, deren Ärmel, Saum und Kapuze abnehmbar sind, um sie in eine Weste zu verwandeln, oder einen Werkzeuggürtel, der sich in eine Gürteltasche verwandeln lässt. 'Wenn man sich die Produkte von Fiskars anschaut, dann sind sie poliert, stromlinienförmig und hochfunktionell, ohne irgendein schischi', sagte Korkeila zu Dezeen. 'Manchmal sind sie sogar futuristisch, aber gleichzeitig vertraut, verwurzelt in Tradition und Geschichte. Sie sind zeitlos, progressiv und traditionell zugleich. Ich wollte diese Idee aufgreifen und in Kleidung umsetzen."
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Film

Ziemlich unübersichtlich ist die Gemengelage rund um einen Dokumentarfilm über den Hiphop-Mogul Russell Simmons, der mehrere Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt haben soll. Ben Sisario und Nicole Sperling versuchen sich in der New York Times an einem Überblick: Lange Zeit war Oprah Winfrey eine der zentralen Unterstützerinnen des Films, zog sich nun aber kurzfristig - zum Entsetzen der Frauen, die Simmons beschuldigen - von dem Film zurück. Angeblich soll Simmons hinter den Kulissen erheblichen Druck ausgeübt haben. Zugleich wurde der Film auch von der Regisseurin Ava DuVernay, die die vielbeachtete Netflix-Serie "When They See Us" über eine Gruppe fälschlich der Vergewaltigung bezichtigter schwarzer Jungs gedreht hat, harsch kritisiert. Mit Winfreys Rückzug "würden schwarze Frauen zum Schweigen gebracht', sagt die Aktivistin und Filmemacherin Dream Hampton, 'der Opferstatus schwarzer Männer in der Strafjustiz übersteigt alles andere Leid.'"

Mit tausenden Neumitgliedern - viele davon weiblich und nicht weiß - hat die Academy in den letzten Jahren auf die Kritik zu reagieren versucht, hier würde ein Klüngel alter weißer Männer die Oscars unter ihresgleichen verteilen. Gebracht hat das wohl nur wenig, auch die Neuzugänge stimmen in der Nominierungsphase dieses Jahres offenbar mehrheitlich für Tarantino und Scorsese, schreibt David Steinitz in der SZ. Der sieht den Nachbesserungsbedarf ohnehin weniger am Ende der Auswertungskette, sondern "bei den Produktionsentscheidungen. Hier stehen nicht nur die klassischen Hollywood-Studios in der Pflicht, sondern mehr denn je auch die neuen Player" wie Netflix oder Amazon.

Weitere Artikel: Im Kracauer-Stipendiaten Blog des Filmdiensts schreibt Matthias Dell über das online zugängliche Filmarchiv von Progress-Film, das eigentlich der Vermarktung des DDR-Filmerbes dienen soll, sich aber auch von Privatmenschen "wie Netflix durchforsten" lässt. Regisseur Sam Mendes spricht im Filmdienst über seinen neuen, für zahlreiche Oscars nominierten Kriegsfilm "1917" (mehr dazu bereits hier und dort). Ebenfalls im Filmdienst unterhält sich Wolfgang Hamdorf mit Elia Suleiman über dessen neuen Film "Vom Gießen des Zitronenbaums" (hier unsere Kritik). Verena Lueken (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) gratulieren Tippi Hedren zum 90. Geburtstag. Auf der FAZ-Seite "Literarisches Leben" erinnert sich der Schriftsteller Patrick Roth daran, wie er 1972 in Paris erstmals "La dolce vita" - ein wahrer "Bewusstwerdungsrausch" - von Federico Fellini sah, der am 20. Januar hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden die zweite Staffel der Netflix-Serie "Sex Education", die für ZeitOnline-Kritikerin Marietta Steinhart eine feministische Neuinterpretation des Achtziger-Klassikers "Der Frühstücksclub" darstellt, und Dror Zahavis "Crescendo" (Welt).
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Bühne

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" am Berliner Ensemble ("prätentiöse Psychonummern und lasche Jokes - es bleibt beim Ausschnitt aus dem Durchschnitt", klagt Simon Strauß in der FAZ, "literarischer Edelboulevard vom feinsten. Größere Aufregung ist hier nicht unbedingt zu befürchten", meint ein enttäuschter Peter Laudenbach in der SZ), Susanne Kennedys Tanztheater "Ultraworld" an der Volksbühne Berlin (cargo, Berliner Zeitung), ein "Fidelio" am Opernhaus Zürich (NZZ), eine Inszenierung der "Traumdeutung" durch das Regieduo Dead Centre im Wiener Akademietheater (Standard) und Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Brechts "Leben des Galilei" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
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Musik

Hört Guillaume Lekeu, ruft uns Axel Rüth in der Welt entgegen. Der hierzulande wenig gespielte, zudem noch früh verstorbene, aber immerhin in seinem Komplettwerk auf CD erschlossene belgische Komponist gilt als einer der ersten, "die das eigentlich im Sinfonischen beheimatete Prinzip der Programmmusik auf die Kammermusik übertragen haben, welche von Haus aus eher zur absoluten Musik tendiert. Vergleicht man etwa Lekeus späte Stücke mit den Programmmusiken Schönbergs in seinen Zwanzigern, so wirken die Kompositionen des jungen Belgiers (...) nicht weniger modern als die 'Verklärte Nacht' des späteren Avantgardisten aus Österreich - was einmal mehr die quälende Frage aufwirft, wozu ein älterer Lekeu wohl noch in der Lage gewesen wäre." Was Rüth insbesondere an diesem Stück festmacht:



Die im vergangenen Jahr gestorbene Pianistin Dina Ugorskaja hat für den Bayerischen Rundfunk eine meisterliche Aufnahme von Schuberts B-Dur-Sonate eingespielt, schwärmt Berthold Seliger in einem Essay für die Junge Welt. "Allein schon, wie sie den einzigartigen Beginn der Sonate spielt, hat man so noch nicht gehört. Das erste Thema ist eine dieser ungeheuren Schubertschen Melodien mit den berühmten 'himmlischen Längen', eine einfache, lyrische Melodie hebt da zögernd an, wandert auf nur fünf nebeneinanderliegenden Tönen beseelt und in einem Pianissimo wie aus weiter Ferne von B-Dur nach F-Dur - wo dann dieser bedrohliche, von Ugorskaja förmlich ins Nicht-enden-Wollende gedehnte tiefe Pianissimotriller auf Ges und As folgt. ...  Allein diese ersten 26 Takte zeugen von Schuberts herausragender Meisterschaft, aber eben auch von der großen Kunst seiner Interpretin, dieses Suchen, das Innehalten, das Insichgehen und neuerliche Ansetzen betörend umzusetzen."

Für die Seite Drei der SZ ist Hannes Vollmuth nach Halberstadt gereist, wo sich derzeit, beziehungsweise noch immer und bis auf weiteres noch bis ins Jahr 2640 John Cages Komposition "As SLow aS Possible" in Aufführung befindet: "Wer die Welt gerade am Abgrund sieht, in Flammen (buchstäblich), aus den Fugen, an irgendeinem Ende, wird womöglich irritiert sein. Die Menschen planen in Halberstadt mit der Zukunft. Aktuell laufen Vorbereitungen für den 5. September. Nach sieben Jahren sollen zwei neue Töne dazukommen. Ein gis und ein e."

Weiteres: Techno ist auch schon ziemlich in die Jahre gekommen, meint Laura Ewert in der taz, nachdem Dr. Motte an der Schwelle zum Rentenalter vor kurzem in Berlin verkündet hat, die Loveparade wieder aufleben lassen zu wollen - und überhaupt werkele Techno ziemlich kommod mit den eigenen Lebenslügen herum. Die Popmusik findet als wenig klimaneutrale Kunstform kein sonderlich gutes Verhältnis zum Protest gegen den Klimawandel, stellt im Standard Karl Fluch fest und schließt damit an Beobachtungen von Steffen Greiner (Kaput Mag) und Julia Lorenz in der taz (unser Resümee) an. Der Berliner Auftritt von Placido Domingo, gegen den zuletzt einige MeToo-Vorwürfe laut wurden, wurde auf der Straße von Protesten begleitet, im Hause selbst aber frenetisch gefeiert, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. In der SZ schwärmt Jan Kedves von seiner Begegnung mit den Pet Shop Boys, die mittlerweile - und das beim U-Bahnfahren weitgehend unerkannt - in Berlin leben und ihr neues Album der Stadt gewidmet haben. Im Lyricsvideo eines neuen Stücks feiern sie die Berliner U-Bahn schon mal als "Dreamland":



Besprochen werden neue Alben von Algiers (Spex), OOIOO (taz), Georgia (NZZ) und Eminem (Presse) sowie ein Konzert von Jonas Kaufmann (Tagesspiegel).
Archiv: Musik