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Efeu - Die Kulturrundschau

Klicken, Zerren, Zirpen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2020. In der SZ erzählt die Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina von den entwürdigenden Arbeitsbedingungen, unter denen osteuropäische Arbeiter beim Fleischfabrikanten Tönnies verschlissen werden. Die FAZ entflieht der Banalität der Welt in der ersten großen Karl-Lagerfeld-Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg. Der Guardian blickt mit dem Architekturhistoriker Mohamed Elshahed auf Kairos vernachlässigtes architektonisches Erbe. Die SZ kriecht mit Sir John Barbirolli in die letzten Winkel der Partitur. Und die Filmkritiker trauern um Batman-Regisseur Joel Schumacher.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 finden Sie hier

Kunst

Karl Lagerfeld: Atelier Fendi, Fendi Herbst/Winter 2011/12, Foto © Karl Lagerfeld 

Karl Lagerfeld wünschte erst nach seinem Tod eine Retrospektive - und das Kunstmuseum Moritzburg in Halle hielt sich daran, schreibt Burkhard Müller in der FAZ, der sich Lagerfelds komplettes, sich stets der "Banalität der gewöhnlichen Welt" widersetzendes, fotografisches Oeuvre der letzten drei Jahrzehnte begeistert angesehen hat: "Alles ist hier Chemie und Mechanik. Es herrscht das Raster, nicht das Pixel; und die Punkte der Rasterung, wo sie auftreten, werden wie Edelsteine behandelt. Wenn eine großformatige Strecke der Alterung des Dorian Gray nachgeht, dann wird der dekadenweise sichtbar gemachte Verfall ausschließlich durch Schminke und Beleuchtung erzielt. Verblüfft erkennt man, was Lagerfeld da zuwege bringt: Mit einem Mal bietet sich Schminke als wahrer und authentischer Ausdruck dar, als etwas im Augenblick der Aufnahme ehrlich Vorhandenes - im Gegensatz zur nachträglichen Bearbeitung mit Photoshop. Lagerfeld macht kein Hehl daraus, dass sich alles, was es hier zu sehen gibt, der Veranstaltung verdankt. Vom Realismus des Schnappschusses distanziert er sich so weit wie möglich."

Sehr zufrieden mit den Hannah-Höch-Preisen für Natascha Sadr Haghihian und Monika Baer zeigt sich im Tagesspiegel Claudia Wahjudi, die sich im Neuen Berliner Kunstverein Arbeiten der Preisträgerinnen angesehen hat. Den Hauptpreis hätten beide verdient, meint sie: Monika Baer zeigt neben kleinen Collagen vier große Gemälde: "Jedes Bild zeigt einen schräg gewachsenen Baumstamm ohne Krone. Mal klebt ein Wassertropfen aus Hartschaum auf der Leinwand, mal fliegt ein Stückchen gemalter Borke durch die in Lachs- und Blautönen betörend flirrende Luft. Wunderschön sieht das aus - und schrecklich verletzlich. Um Biologie geht es auch bei Sadr Haghighian: um die schwarz-weiß gestreifte Tigermücke, die Dengue- und Zika-Viren übertragen kann. Aus Ostasien ist sie bis Baden-Württemberg gelangt. Die Annahme, der globalisierte Güterverkehr habe ihre Ausbreitung begünstigt, spiegelt sich in der Plastik 'passing one loop into another' (2017). Auf einem Stapel industrieller Garnrollen, Sinnbild für Florenz, wo sich das Insekt extrem vermehrt haben soll, hockt eine große Textilmücke, umgeben von kleinen Flachbildschirmen mit Animationen."

Weiteres: Den beiden wohl "besten Baum-Malern der Welt" begegnet Bettina Maria Brosowksy in der taz im Hannoveraner Sprengelmuseum, das dem deutschen Maler Albert Oehlen und seinem US-Kollegen Caroll Dunham derzeit eine Doppelausstellung widmet. Im Tagesspiegel spürt Simone Reber die "heilsamen Vibes der Farbe" in der Ausstellung "Wide Open. Seelenbilder - Seelenräume" in der Berlinischen Galerie.

Besprochen werden die Ausstellung "Vladimir & Estragon" mit Arbeiten von Andreas Mühe und Emmanuel Bornstein in der Werkstattgalerie Hermann Noack (taz), die virtuelle Version der Art Basel (taz), Ilana Lewitans Installation "Adam, wo bist du?" in Münchens Staatlichem Museum Ägyptischer Kunst (Welt) und die Ausstellung "Copy & Paste - Wiederholung im japanischen Bild" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

In der NZZ schreibt der an Leukämie erkrankte Ex-Verleger und Schriftsteller Michael Krüger sehr melancholisch von seinem Chemo- und Quarantäne-Alltag. Es ist die Zeit der großen Bilanz: Nochmal oder überhaupt zum ersten Mal die großen Meisterwerke lesen? "Man fragt auch nach dem Sinn solcher gelehrten Spiele." Trost und Rat spendet ihm Reinhard Lettau: "Was sind eigentlich die literarischen Kriterien für das Urteil, dass etwas 'neu' sei? Doch wohl, dass man es vorher nicht gekannt zu haben vermeint. ... Wirklich ist ja dieser Neuigkeitsfetischismus auch eine Einübung ins Vergessen, wobei die Geschichte dauernd mit einer Tinte geschrieben wird, die, kaum dass sie trocknet, verschwindet." Dlf Kultur hat Krüger vor kurzem ein großes Gespräch gegeben.

Daniel Stähr hat für 54books.de die beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt aufgefahrenen Referenzen und Bezüge der Jurorinnen und Juroren ausgewertet und ist vom Ergebnis kaum überrascht: Überall stößt man auf dieselben "eng gesteckten Vorstellungen von relevanter Literatur und Kultur und die sind eben selbst Weiß. Das ist unter anderem der Hintergrund, vor dem die Preise verhandelt werden."

Besprochen werden unter anderem Birgit Birnbachers "Ich an meiner Seite" (Berliner Zeitung), Émilie Gleasons Comic "Trubel mit Ted" (taz), Kent Harufs "Kostbare Tage" (FR), Alan Bennetts "Der souveräne Leser" (SZ), Siegfried Unselds" Reiseberichte" (FAZ) und Markus Günthers "Pietá" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Der Druck von oben geht in die Breite: "Regeln am Rand, bei hoher Geschwindigkeit" (Wir Film)

Auf Yulia Lokshinas "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" muss man sich wohl noch bis nächstes Jahr gedulden. Schade, denn gerade jetzt wäre ihr Dokumentarfilm über die Bedingungen, unter denen osteuropäische Arbeiter beim Fleischfabrikanten Tönnies verschlissen werden, der Film der Stunde, wie man aus dem Interview schließen kann, das die Filmemacherin der SZ gegeben hat: Ihr war es darum gegangen, "Abhängigkeiten und gesellschaftliche Beziehungen zu zeigen, die sonst nicht zu sehen sind", dazu gehörte auch, dass viele Arbeiter ihren Opferstatus aus Schameher kaschieren: "Das ist kein Widerspruch, macht aber die Situation komplex. Daneben gibt es natürlich viele Leute, die ohne Kenntnis des Landes und der Sprache in Stockbettenzimmer gepfercht werden und miteinander klarkommen müssen. Der Druck, der von oben kommt, wird dort dann sehr gerne in die Breite verteilt. ...  Warum solidarisieren sich diese ArbeiterInnen nicht und sagen, das machen wir nicht mehr mit? Zum einen gibt es starke soziale Hierarchien und viel internalisierten Rassismus unter den Arbeitern, die einen stehen über den anderen. Zum anderen liegt es an strukturellen Hürden, Polen, Litauer, Rumänen können sich kaum untereinander verständigen."

Queering the superhero: "Batman & Robin" von Joel Schumacher

Die Filmkritiker rufen außerdem dem Regisseur Joel Schumacher nach: In den 80ern legte er den Grundstein seiner Karriere und prägte die heute schräg anmutende Ästhetik des Jahrzehnts entscheidend mit, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Bis heute einem breiten Publikum bekannt war Schumacher aber vor allem für seine Batman-Filme in den 90ern, die sich von Tim Burtons vorangegangenen Fledermausmensch-Filmen beträchtlich unterschieden: Schumachers Superheldenfilme "gelten als Fremdkörper in der Kino-Mythologie dieser Figur: Sie waren vergleichsweise schrill, setzten eher auf extravagante Ausstattung als auf Atmosphäre. Und sie waren, jedenfalls in unübersehbaren Andeutungen, schwul." Auch Daniel Kothenschulte spricht in der FR über Schumacher als einem Filmemacher, den man nicht einfach durchwinken konnte: Er konnte "auch Mainstream-Filmen eine unverkennbare Handschrift geben: Es war der Glamour des Videoclip-Zeitalters, in dem sich Schumacher zu Hause fühlte; seine Kulissen waren oft etwas bunter und die Geschichten etwas greller. Sein Stil polarisierte, aber es war doch wenigstens ein Stil." Weitere Nachrufe in SZ und Tagesspiegel.

Besprochen wird Clint Eastwoods Mitte März von der Coronakrise verschluckter, jetzt aber wieder in einigen Kinos gezeigter Film "Der Fall Richard Jewel" (SZ, unsere Kritik hier).
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Archiv: Film

Bühne

Nach einem dreijährigen Prozess gegen den wegen angeblichem Subventionsbetrug angeklagten russischen Regisseur Kirill Serebrennikow fordert die Anklage in Moskau nun sechs Jahre Lagerhaft und eine Geldstrafe, meldet Frank Herold im Tagesspiegel, der Serebrennikows "wortgewaltiges Plädoyer für die Freiheit der Kunst" gehört hat: "Ohne ihn beim Namen zu nennen macht der Regisseur den vormaligen Kulturminister Wladimir Medinski, einen Militärhistoriker, verantwortlich, der in seinen Reden die Devise ausgegeben habe, 'Experimente' möge die Kunst doch aus eigener Tasche bezahlen. Das russische Kulturministerium, sagt Serebrennikow, sei ein 'total giftiges Kontor, das einen in einer beliebigen Situation nur verrät und bescheißt'."

In der taz blickt Sabine Leucht mit Matthias Lilienthal auf dessen nun endende fünfjährige Intendanz an den Münchner Kammerspielen zurück: "Vielleicht ist Liebe ein zu großes, zu plüschiges Wort für das Verhältnis der Münchner zum Mann aus Berlin. Doch 85 Prozent Platzauslastung sind nicht übel." Über seine Zukunftspläne verrät der Sechzigjährige: "Eine Stadt, die mir 10 Millionen Euro im Jahr gibt und eine große Halle, in der man Projekte zwischen bildender Kunst, Kino, Theater und Performance Art frei denken kann, kann sich gerne bei mir melden." Im Tagesspiegel schaut Sandra Luzina mit Christiane Theobald, stellvertretende Leiterin des Berliner Staatsballetts, in die Zukunft nach dem Lockdown: "In der Deutschen Oper und der Staatsoper werden im August jeweils verschiedene Programme gezeigt: Unter den Linden sind es Ausschnitte aus den großen Klassikern, ein Adagio aus 'Schwanensee' und der Tanz der beiden Solo-Wilis aus 'Giselle'. Einen Pas de deux dürfen derzeit nur Paare tanzen, die zusammenleben."

Besprochen wird Johannes Wulff-Woestens "Don-Carlos"-Inszenierung mit Anna Netrebko an der Dresdner Semperoper (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Wehmütig blättert Oliver Wainwright in einem toll bebilderten Guardian-Artikel in Mohamed Elshaheds Architekturführer "Cairo since 1900", der ihm vor Augen führt, wie viele Gebäude in Kairo in Folge von Präsidentschaftswechseln abgerissen, nie fertiggestellt oder nie begonnen wurden: "Die Auswahl der Gebäude zeigt eine schwindelerregende Vielfalt von Stilen, die im Laufe des Jahrhunderts großzügig verwendet wurden und von aufeinanderfolgenden politischen Führern und ihrem Wunsch, das Vorherige zu überschreiben, gefördert wurden. Da sind die verzierten neomamlukischen Gebäude der frühen 1900er Jahre (oft von europäischen Architekten entworfen, die in Kairo arbeiteten und versuchten, 'kontextuell' zu sein); die kühnen Experimente mit internationalem Modernismus und Brutalismus in den 1950er und 60er Jahren unter Präsident Nasser; die erneute Suche nach Identität in den 1970er Jahren mit der Wiederbelebung der Volkssprache, gefolgt von aufgeblasenen postmodernen Strukturen in altägyptischen Kostümen. Schließlich gibt es eine Handvoll Sci-Fi-Fantasien, die das Reißbrett nie verlassen haben."

Fast wäre Sabine von Fischer die bauliche Veränderung, die die Architekten Herzog und de Meuron am Basler Stadtcasino vorgenommen haben, gar nicht aufgefallen - so "subtil" erscheint ihr der Eingriff. Das neu gestaltete Foyer erstrahlt allerdings in "neobarocker Fülle" und auch die Änderungen an der Fassade sind auf den zweiten Blick erkennbar, schreibt sie: "Die Fassade des Stadtcasinos hat sich unglaublich nah an die Barfüsserkirche herangeschoben, vielmehr: Sie hat sich verdoppelt. Aber diese neue Eingangsseite versucht nicht, die historische Fassade in einer Rekonstruktion zu klonen. Wer noch genauer hinschaut, entdeckt die gefügten Bretter, die erst durch Farbe zu Stein werden. Die ursprüngliche Steinfassade nämlich, restauriert nach allen Regeln der Kunst, steht nun im Foyer. Das Haus hat sich ausgedehnt, verdoppelt sozusagen."

In der FAZ berichtet der Wirtschaftshistoriker Kim Christian Priemel vom geplanten Abriss des Y-Blocks im Osloer Regierungsviertel, dem fast zehnjährige Proteste und Debatten über "finanzielle und sicherheitspolitische, historische und stadtplanerische Erwägungen" vorausgingen. Einst von dem Architekten Erling Viksjo als Symbol eines modernen, "einigen, demokratischen und wohlfahrtsstaatlichen" Norwegens errichtet, überschrieb Anders Breiviks Attentat im Jahr 2011 den Erinnerungsort des Regierungsbezirks, so Priemel: "Das Symbol nationaler Einheit und eines breiten Wertekonsenses teilte sich fortan den geografischen Raum mit jenem Fanal für Bürgerkrieg und Ausdruck mörderischer Intoleranz, das der Rechtsterrorist geplant hatte."
Archiv: Architektur

Musik

Mit reger Freude versenkt sich SZ-Kritiker Helmut Mauró in die große Edition "Sir John Barbirolli - The Complete Warner Recordings": Insbesondere "die unglaubliche Bandbreite seines Repertoires" imponiert ihm: "Barbirolli dirigierte praktisch alles, aber er schlug nicht nur den Takt, sondern identifizierte sich vollkommen mit dem Werk, kroch hinein noch in den letzten Winkel der Partitur. Aber er versteckte sich nicht darin: Kaum ein Dirigent ist in seinen Aufnahmen so präsent, beinahe physisch greifbar." Vor allem eine Brahms-Aufnahme mit einem gewissen Daniel Barenboim, einem damals noch 25-jährigen Pianisten, unterstreiche eindrücklich "wie kongenial Barbirolli Solisten unterstützt": Selbst "wenn nicht jeder Doppeltriller sitzt und der Pianist nicht allzu flexibel scheint in der orchestralen Interaktion, so entsteht doch ein sehr inniges Zusammenspiel, eine klanglich-ideelle Einheit." Wir hören rein:



Außerdem: Im Standard gratuliert Daniel Ender dem Komponisten Kurt Schwertsik zum 85. Geburtstag. Besprochen werden das neue Album von Friends of Gas (Tagesspiegel), Ricardo Mutis erster Auftritt vor Publikum in Italien nach dem Corona-Shutdown (Tagesspiegel), Neil Youngs erst jetzt veröffentlichtes 70s-Album "Homegrown" (Standard), Cindys Album "I'm Cindy" (Berliner Zeitung) und neue Popveröffentlichungen, darunter Arcas "KiCk i": "Viel Klicken, Zerren und Zirpen. Die genderfluide Zukunft zuckt in Ekstase", verspricht SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert. Daraus ein Video:

Archiv: Musik