Efeu - Die Kulturrundschau

Von den Rändern her

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14.07.2020. Die FAZ will nicht mehr in die Hagia Sophia, wenn sie die Innenräume nur noch vom Rand betrachten darf. In der Welt fordert Hans Kollhoff: "Diese City-Tree-Monster müssen weg!" von seinem Walter-Benjamin-Platz. Die SZ entschleunigt mit Vaporwave. Auf Tell stärkt sich Sieglinde Geisel an den Selbstreinigungskräften eines guten Verrisses. In der taz erklären Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar vom Hybrid Space Lab, warum man historisch problematische Denkmäler nicht abreißen sollte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2020 finden Sie hier

Architektur

Bild: Dean Strelau - Hagia Sophia IUploaded by Randam, CC BY 2.0, Wikipedia


Was heißt es eigentlich, wenn die Hagia Sophia zu einer Moschee umgewidmet wird? Der Architekt Holger Kleine ist in der FAZ jedenfalls überhaupt nicht begeistert von Erdogans Plan: "Schon allein wegen der in einer Moschee zwingend auszulegenden Teppiche werden die Besucher künftig den Raum wohl nur hinter Schranken, von den Rändern her als Bild betrachten können. Sie zu besuchen wird dann so sein, als wenn die Menschheit von ihren musikalischen Opera summa, wie etwa der Matthäuspassion oder der Hammerklaviersonate, nur noch ein paar Fetzen gedämpft aus dem Nachbarraum hören darf. Auf solch schale Erlebnisse verzichten wir lieber."

Was bitte schön sollen diese "City  Trees", die seit neuestem die Sicht auf dem Walter-Benjamin-Platz in Berlin blockieren? In der Welt fasst sich Architekt Hans Kollhoff an den Kopf: Der Brunnen sprudelt nicht, die Kastanie wird schlecht gepflegt, aber auf riesige, moosbefüllte Kästen, die der Luft rein gar nichts nützten und den Gastwirten das Leben erschwerten, darauf können sich Eigentümer und Senat sofort einigen! "'Grün' als Argument für eine tiefst verängstigte Gesellschaft, die ein Feigenblatt braucht für ihre Unfähigkeit, die Probleme des Konsumkapitalismus amerikanischer Prägung an der Wurzel anzupacken. Ein Feigenblatt auch für exorbitante Profite. Dass dabei eine europäische urbane Kultur vor die Hunde geht, stört die ganz Abgebrühten nicht im geringsten, sie haben sich längst verabschiedet von dieser Kultur mit ihren intellektuellen und moralischen Gepflogenheiten - wenn sie ihrer je teilhaftig geworden sein sollten." Mehr dazu im Tagesspiegel, der allerdings nur kurz darauf eingeht, dass die Mooskästen keine nachweisbare Verbesserung der Luft bringen.

Außerdem: Sabine von Fischer besucht für die NZZ das edle neue Audemars-Piguet-Uhrenmuseum von Bjarke Ingels im im Vallée de Joux.
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Literatur

Auf Tell verteidigt Sieglinde Geisel den Verriss vor seinen Kritikern und einer Kultur der wachsweichen Empfehlungen. Dabei ist der Verriss gerade jener Moment, in dem Literaturkritik als solche Tacheles bekennen muss: "Wenn ich ein Werk verreiße, muss ich meine Kriterien überprüfen. Das setzt voraus, dass ich sie mir erst einmal bewusst mache. Deshalb gehört der Verriss zum Kerngeschäft der Literaturkritik: Er ist sozusagen eine Selbstreinigungsmaßnahme. Ohne gelegentliche Verrisse wird die Kritik schlampig, ihre Werkzeuge stumpf, ihr Blick verschwommen. ... Wenn die Literaturkritik sich den Verriss verbietet, arbeitet sie an der Abschaffung ihrer selbst."

Weitere Artikel: Für die FAZ porträtiert Sandra Kegel den Schriftsteller Peter Henning, der gerade als erster Bad Homburger Stadtschreiber angetreten ist.

Besprochen werden unter anderem George Takeis autobiografischer Comic "They Called us Enemy" (taz), Zoë Becks Thriller "Paradise City" (Tagesspiegel), Peter Suhrkamps "Über das Verhalten in Gefahr" (Berliner Zeitung), Matthias Bormuths "Die Verunglückten. Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry" (FR), Iris Hanikas "Echos Kammern" (Standard), Christian Schulteisz' "Wense" (SZ) sowie Jürgen und Adelheid Dormagens Neuübersetzung von Jean Staffords "Die Berglöwin" (FAZ).
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Stichwörter: Literaturkritik, Verrisse

Kunst

Brigitte Werneburg unterhält sich für die taz mit Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar vom Hybrid Space Lab, einem Thinktank und Design Lab für Architektur, Design und digitale Kultur, über "historisch problematische Denkmäler". Vorausgesetzt, man weiß, was das ist, plädieren die beiden dafür, so eingestufte Denkmäler nicht zu stürzen oder gar zu zerstören, sondern in einen neuen Kontext zu setzen. Als Beispiel nennen sie einen von ihnen veranstalteten Workshop im Valle de los Caidos, der franquistischen Gedenkstätte in der Nähe von Madrid: "Wir haben dabei die umgebende Landschaft analysiert und Vorschläge für Wege und Standpunkte, die den Ort in seinem ganzheitlichen historischen Kontext erschließen, entwickelt. Gleichzeitig wurden auch Konzepte für die Umwandlung der Anlage, zum Teil mithilfe temporärer Kunstprojekte, zum Forschungszentrum und zum globalen Friedenszentrum, formuliert. ... Zurzeit entwickeln wir einen Prototyp für eine 'Augmented Reality'-Anwendung, in der reale und virtuelle Welten verschmelzen, mit der Besucher die verborgenen Schichten der komplexen, kontroversen Geschichte des Monuments vor Ort erkunden können. Dies würde helfen, das zu zeigen, was Franco hier verbergen wollte, um das totalitäre Narrativ des Denkmals zu durchbrechen und es zu einem polyphonen Mahnmal umzuwandeln."

Weiteres: Kerstin Holm besucht für die FAZ das wiedereröffnete Moskauer Garage-Museum für Zeitgenössische Kunst. Besprochen werden die Ausstellung "Neuspréch" im Bremer Zentrum für Künstlerpublikationen an der Weserburg (taz) und eine Ausstellung über "Die Demokratie und ihre Adler" im Werkbundarchiv in Berlin (taz).
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Bühne

Besprochen wird die "Open Ceremony" der Münchner Kammerspiele im Olympiastadion (NZZ).
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Film

Derzeit sprechen alle mit Burhan Qurbani, dem Regisseur von "Berlin Alexanderplatz", der Döblins Vorlage in die deutsche Gegenwart und in die Realität schwarzer Geflüchteter legt (unsere Kritik). Durchaus ein bildungsbürgerliches trojanisches Pferd, räumt der Filmemacher in der Berliner Zeitung ein: "Ich wohne seit über zehn Jahren an der Hasenheide. Das ist halt dieser gutbürgerliche Park. Es gibt das Freilichtkino, den Streichelzoo, Spielplätze. Und dazwischen ist diese Community von vor allem schwarzen Männern, die Drogen dealen. Mich hat es immer aufgeregt, dass für die Menschen, die da draufgucken, die Gleichung gilt, schwarz = Drogendealer. Dann dachte ich, okay, ich muss einfach einen Film darüber machen und diesen Leuten ein Gesicht geben. ... Nur: Wenn ich einfach ein Sozialdrama versuche bei dem Thema, wird das ganz schnell in der Versenkung verschwinden. Aber nicht, wenn man einen Roman verfilmt, der zu diesem bildungsbürgerlichen Kanon gehört." Ein weiteres Gespräch bringt der Filmdienst.

Außerdem: Oliver Nöding führt als Auftakt einer critic.de-Textreihe über das Genre des "Direct to Video"-Actionfilms durch die Wunderwelt der auf Videothekenware spezialisierten Firma PM Entertainment, die sich mit ihrem letzten Film, "Recoil" von 1998, ein Filetstück gönnte: Der Film "schlägt seine vergleichsweise zahnlose Konkurrenz aus Hollywood in Sachen mutwilliger Automobilzerstörung und fahrlässiger Gefährdung von Stuntmen um Längen." Im online nachgereichten FAS-Gespräch spricht Marjane Satrapi über ihr Marie-Curie-Biopic (mehr dazu bereits hier). David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Kelly Preston.
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Musik

Volker Bernhard blickt in der SZ auf die rasant begonnenen, rasant zu Ende gegangenen Zehnerjahre zurück und auf deren rein in Digitalien aufblühende Mikro-Genres und Subkulturen. Darunter: Vaporwave, das beherzt und von überquellenden Filesharing-Archiven gestützt in die Welt obsoleter Midi-Sounds, Achtziger-Texturen und Retro-Gloss-Kitsch griff, um im entschleunigten Modus deren unheimliche Kehrseite nach oben zu kehren (hier ein stilprägendes Beispiel): "Die Ästhetik des Subgenres - Videos und Memes - thematisiert Einsamkeit, Depression und Überforderung inmitten einer als leer empfundenen Warenästhetik, die die digitale Dauerbeschallung liefert. Vaporwave konnte also als Versuch gelesen werden, sich mittels Remixkultur den überbordenden Zeichenwust im digitalen Raum spielerisch anzueignen und dadurch zu bewältigen - als Kritik an kommerzialisierter Musikverwertung, als ironisches Spiel mit Allerweltsgedudel und neuen Produktions- und Vertriebswegen."

Weitere Artikel: Für das Afar-Magazin hat sich Katherine LaGrave in der Country-Szene Tokios umgesehen. David Stubbs singt für The Quietus ein Loblied auf den Genuss, Kraftwerk-Platten nicht in der englischsprachigen internationalen, sondern in deutschen Originalversion zu hören: "Auf Englisch dürfte der Text zu 'Autobahn' damals eher verkrampft und banal gewirkt haben statt nach heiterer Neo-Bauhaus-Funktionalität zu klingen." Auf Pitchfork erklärt Philip Sherburne, wie man seine Vinylschätze am besten digitalisiert. Im ZeitMagazin träumt Jehnny Beth. In der FAZ spricht Felix Schmidt mit dem Komponisten Jörg Widmann.

Besprochen werden neue Alben von Markus Stockhausen (FR), John Craigie (FR), und The Streets (Jungle World) sowie neue Afropop-Veröffentlichungen, darunter "Acoustic" von Oumou Sangaré (SZ), und Daniel Barenboims Online-Festival "Distance/Intimacy" (SZ). Die Konzerte sind noch eine Weile online abrufbar, hier der Auftakt:

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