Efeu - Die Kulturrundschau

Probebohrungen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2020. Im Interview mit lens culture überlegt die polnische Künstlerin Karolina Wojtas, wie man am besten seinen kleinen Bruder umbringt. Hyperallergic stellt den Künstler Leo Amino vor. Wenn Otto in einem Film das Wort "Neger" benutzt, dann sollte man sich auf eine diskursive Praxis der Dialektik der Aufklärung gefasst machen, warnt die FAZ. So gesehen müsste die Übersetzung von Joshua Cohens Roman "Witz" ein Albtraum sein. Denn darin geht es um den größten Zivilisationsbruch der Moderne, erzählt Übersetzer Ulrich Blumenbach in der NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Karolina Wojtas, Untitled, from the series "We can't live without each other" © Karolina Wojtas


Die polnische Künstlerin Karolina Wojtas setzt sich immer wieder mit einer Erziehung in Polen auseinander, die Konformität über alles stellt, selbst an den Kunstschulen, erzählt Cat Lachowskyj, die sich für lensculture mit der Künstlerin unterhält. Auch aus diesem Grund wandte sich Wojtas früh der Fotografie zu, wo sie die größte Freiheit hatte. Das zeigt zum Beispiel die Serie "We Can't Live Without Each Other", in der sich Wojtas mit der Tatsache auseinandersetzt, dass sie ihren kleinen Bruder lange Zeit so hasste, dass sie ihn am liebsten umgebracht hätte: "Ausgehend von meinen Erinnerungen begann ich, seltsame und beängstigende Folterszenarien zu entwerfen. Ich fand eine Unmenge von Postings im Internet, die von Kindern verfasst wurden, die Rat suchten, wie sie ihre Brüder und Schwestern erschrecken oder ihnen Schaden zufügen können. Geschwisterbeziehungen sind so seltsam - sie sind die engsten Familienmitglieder, aber manchmal auch die schlimmsten Feinde, die sich um die Liebe der Eltern streiten. Aber um niemanden zu erschrecken: alle diese Bilder wurden inszeniert. Und ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu meinem Bruder!"

Leo Amino, "Composition #25" (1952) © the Estate of Leo Amino, courtesy the Estate of Leo Amino and David Zwirner


Bei Hyperallergic stellt John Yau den kaum bekannten japanisch-amerikanischen Künstler Leo Amino vor, dessen Arbeiten die Galerie David Zwirner in New York gerade ausstellt. "Amino hing nie in der Cedar Bar ab oder im Club, noch wurde er Mitglied der American Abstract Artists - den drei geselligen Zusammenkünften für moderne Künstler in New York in den 40er und 50er Jahren. Er schien keinen Wunsch zu haben, Teil einer Gruppe zu werden. Dennoch war er nicht daran interessiert, sich als japanischer Künstler zu identifizieren, wie es seiner Meinung nach Noguchi und der Maler Yasuo Kuniyoshi getan hatten. Es ist klar, dass Amino weder daran interessiert war, die Identität zum Schlüssel seiner Kunst zu machen, noch daran, sich einzufügen, weil er wahrscheinlich wusste, dass er das nie könnte; man könnte sagen, dass seine Kunst diese Erkenntnis widerspiegelt."

Außerdem: Gregory Eddi Jones denkt mit Brea Souders' Fotoserie "Vistas" für lensculture darüber nach, wie das Internet unsere Art zu reisen und unseren Blick auf Landschaften verändert hat. Marlen Hobrack besucht für Monopol den Designer Karl Clauss Dietel in Chemnitz. Philipp Hindahl unterhält sich für Monopol mit Sean Raspet und Lucy Chinen über Nonfood aus Algen. Wenn man schon beginnt, Museen zu entkolonisieren, könnte man in Britannien am besten gleich mit der Parthenon Galerie im Britischen Museum beginnen, meint Sam Jacob in der Art Review. Sein Vorschlag: die Skulpturen und Friese nach Griechenland zurückgeben und den Raum leer lassen, in dem man dann darüber meditieren kann, was falsch lief. Dani Terbu besucht für ihr Blog Fridays at the museum die wiedereröffnete Kunsthalle Wien.
Archiv: Kunst

Film



Auf Social Media wird die oben eingebundene Szene schon länger diskutiert, jetzt hebt Patrick Bahners die Debatte ins Feuilleton: Eine satirisch ziemlich derbe, gemeinsam mit Günther Kaufmann performte Gag-Episode aus Otto Waalkes' erstem Kinofilm von 1985 steht im Rassismusverdacht. Otto dreht darin den (Schwarzen) Kaufmann einer unbedarften Bürgerdame als Sklaven an, zuvor fällt in einem Dialog-Hin-und Her mehrfach das N-Wort. Alles ein großes Missverständnis, meint Bahners in der FAZ, der zumal im Build-Up des Gags die wortgetreue Nachstellung eines "Herr Haubold"-Cartoons von Robert Gernhardt erkennt, der auch am Otto-Drehbuch maßgeblich mitgeschrieben hat: Zu beobachten ist in "diskursiver Praxis die Dialektik der Aufklärung. Herr Haubold, den sein Name als einen recht ungeschlachten Zeitgenossen ausweist, mithin als deutschen Normalbürger gemäß den Konventionen der Satire, glaubt etwas Evidentes auszusprechen, indem er seinen Nachbarn am Wirtshaustisch als 'Neger' apostrophiert. Dass unter dieser Prämisse die Anrede überflüssig wäre, ist der erste komische Zug in der heiteren Untersuchung einer kommunikativen Pathologie. ... Der absichtsvoll schlicht gestaltete, im formgesetzlichen Sinne volkstümliche Witz geht auf Kosten des Mannes, der die Menschen nach Farben sortiert."

Eine kleine filmhistorische Obskurität hat Simon Reynolds in seinem Nebenblog ausgebuddelt: Ein Exemplar eines Auroratone-Films, wie sie der Erfinder Cecil Stokes in den 40ern erstellt hat. Kombiniert werden dafür das Wachstum von Kristallen, polarisiertes Licht und Time-Lapse-Farbfilmfotografie mit der Musik von Bing Crosby. Toll:



Außerdem: Für die NZZ porträtiert Sarah Pines die Schauspielerin Laëtitia Eïdo. Besprochen werden Trey Edward Shults' "Waves" (Freitag, mehr dazu bereits hier) sowie Eric Friedlers und Campinos Doku über Wim Wenders (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Literatur

Der Übersetzer Ulrich Blumenbach berichtet in der NZZ von seinem derzeitigen Großprojekt, einer Übertragung von Joshua Cohens Quasi-Holocaust-Roman "Witz" ins Deutsche. Das Buch handelt davon, wie ab 1999 nahezu alle Juden auf rätselhafte Weise ums Leben kommen - und sprachlich ist es eine enorme Herausforderung, denn "der Zivilisationsbruch findet seine Entsprechung in der Brüchigkeit der Sprache, die an der herkömmlichen Aufgabe des Erzählens scheitert, die darzustellende Welt plastisch vor Augen zu führen. ... Wörter und Sätze, Figuren, Bilder und Szenen werden in 'Witz' mit enzyklopädischen Anspielungen angereichert (und tendenziell überfrachtet), was mich als Übersetzer dazu anhält, immer neue Wissensgebiete zu erkunden. Ich habe in den letzten Jahren Probebohrungen in jüdischer und jiddischer Literatur unternommen (von Scholem Alejchem bis zu Imre Kertész und von Isaac Bashevis Singer bis zu Thomas Meyer), in politischer Philosophie (Hannah Arendt und Hans Blumenberg), Religionsgeschichte (Gershom Scholem), Realgeschichte ('Enzyklopädie des Holocaust') und Jiddisch-Wörterbüchern. Nötig wurden außerdem alltagskulturelle Orientierungen bis hin zu jüdischen Kochbüchern und koscheren Supermarktprodukten."

Krise am Literaturarchiv Marbach - oder doch nicht? Was den politischen und finanziellen Rückhalt des Hauses betrifft, ist die Lage unter der neuen, zuletzt seitens der Belegschaft sehr angegriffenen Direktorin Sandra Richter eigentlich bestens, schreibt Marc Reichwein in der Literarischen Welt. Auch der Vorwurf, die Direktorin sei selten anwesend, greife nicht - dass eine Direktorin im Auftrag des Hauses viel reist, sei Teil des Jobs. Den kürzlich in der FAZ veröffentlichten Hintergrundbericht zur Lage am Haus (unser Resümee) wertet Reichwein als übel wollende Kampagne, um an Richters Stuhl zu sägen, "nach dem Motto: Wer dem Lufthansa-Magazin Interviews gebe, könne keine seriöse Germanistin sein. Wer digital humanities betreibe, praktiziere 'Positivismus für Arme'. ... Dre Unmut gegen Sandra Richter will das DLA in einer Krise sehen, die sich aus einer Binnenperspektive des Betriebsrats darstellen mag, im Standing der Institution jedoch mitnichten erkennbar ist."

Weitere Artikel: Für ziemlich daneben gegriffen hält die Philologin Melanie Möller in der Literarischen Welt Maxim Billers kürzlich veröffentlichte Polemik gegen Karl Heinz Bohrer, die Biller mit einem Griff "in die Trickkiste" hinbiegen musste: "Was hatte Bohrer eigentlich über ihn zu Papier gebacht, das Biller so verdross?" In der NZZ erinnert der Schriftsteller Iso Camartin an den sizilianischen Nobelpreisträger Luigi Pirandello, der seinerzeit seine in Stockholm erhaltene "Medaille einschmelzen ließ - um damit Mussolinis Eroberungskrieg in Abessinien zu unterstützen." Ronald Pohl staunt im Standard darüber, wie treffsicher Walter Benjamin einst in seiner Besprechung von Brechts "Dreigroschenroman" in kurzen Passagen den Faschismus analysiert. Laura Sophia Jung spricht in der Literarischen Welt mit Rosie Price über deren Debütroman "Der rote Faden", in dem die Autorin über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schreibt. Die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt berichtet in der Literarischen Welt von ihren ersten Schlendereien durch die wiedererwachenden italienischen Metropolen.

Besprochen werden unter anderem Alban Nikolai Herbsts Erzählungsband "Wanderer" (Intellectures), Maryse Condés Autobiografie (taz), Thomas Kapielskis "Kotmörtel" (taz), die neue Werkausgabe von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften", in die man auch online Einblick nehmen kann (Literarische Welt), Lily Bretts Kolumnenband "Alt sind nur die anderen" (Dlf Kultur) und Marc Degens' Reiseberichte "Toronto" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe haben eine Reihe von Mitarbeiterinnen den Generalintendanten Peter Spuhler des Machtmissbrauchs bezichtigt (mehr dazu in der nachtkritik). Schauspieldirektorin Anna Bergmann spricht im Interview mit der FAZ von "Kontrollzwang und cholerischem Verhalten". Das liegt ihrer Ansicht nach aber nicht nur an Spuhler, sondern ganz generell am Amt des übermächtigen Generalintendanten, der für alle Sparten verantwortlich ist. Sie ist daher bereit mit Spuhler weiter zusammenzuarbeiten, wenn einige Änderungen durchgesetzt werden: "Hier in Karlsruhe geht es erst einmal darum, dass die Spartenleiterinnen mehr Verantwortung übernehmen. Bisher mussten wir jede Entscheidung mit Peter Spuhler absprechen, von künstlerischer Freiheit konnte da oft keine Rede sein. Erstens muss also die Führungsspitze Macht abgeben. Zweitens haben wir als Schauspiel von Anfang an gemeinsam mit unserem Ensemble über Möglichkeiten der Teilhabe nachgedacht. Einzelne, vom Ensemble gewählte Vertreter könnten sich an Leitungsaufgaben wie Spielplangestaltung, Disposition, der Besetzung vakanter Stellen und der Auswahl von Regie-Teams beteiligen."

Weiteres: in 54books resümiert eine sichtlich angetane Anne Fritsch Matthias Lilienthals Intendanz der Münchner Kammerspiele. Besprochen wird Kornél Mundruczós Tanztheaterabend "Die sieben Todsünden & Motherland" nach Brecht/Weill und Kata Wéber am Theater Freiburg (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Für die SZ porträtiert Joachim Hentschel Jarvis Cocker, der nach seinen Jahren bei Pulp und einer langen Pause von der Musik gerade ein Comeback-Album veröffentlicht hat. Christian Werthschulte hat für die taz mit der R&B-Sängerin Jessy Lanza über deren Album "All the Time" gesprochen. Nadja Dilger hat sich für die Berliner Zeitung mit der Newcomerin Sofia Portanet getroffen. Wie der kürzlich verstorbene Ennio Morricone Italien der Rockmusik erschlossen hat, erklärt Uli Krug in der Jungle World. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Barbara Giese über Gustav Mahler. Viel Freude hat SZ-Jazzexperte Andrian Kreye an einer Videoreihe über die qualitativ hochwertigen Wiederveröffentlichungen von Blue Note:



Besprochen werden neue Alben von The Chicks (ZeitOnline), Thao & The Get Down Stay Down (FR) und den Pretenders (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik
Stichwörter: Mahler, Gustav