Efeu - Die Kulturrundschau

Um den Fischladen des Vaters zu dekorieren

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29.07.2020. In der NZZ huldigt Michael Krüger dem italienischen Romancier Guido Morselli, in dessen Roman "Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit" das Leben aus der Stadt verschwand. Die FAZ blickt auf die hundertjährige Geschichte der Salzburger Festspiele. Ein bisschen Auftrieb für den Sommer holt sich die SZ von Judd Apatows Filmkomödie "The King of Staten Island". Und der Guardian gruselt sich in Ai Weiweis Bombenschau im Imperial War Museum.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2020 finden Sie hier

Literatur

Sehr ausführlich zitiert der Schriftsteller Michael Krüger in der NZZ aus Guido Morsellis in den Siebzigern aus dem Nachlass erschienenen Roman "Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit", an den er sich während der letzten Corona-Monate mehrfach erinnert fühlte: Eine fiktive, wohl als Zürich erkennbare Stadt ist hier mit einem Mal menschenleer. "Die Einwohner waren nicht vor etwas geflohen, vor einem Unwetter oder einer noch größeren Naturkatastrophe, auch nicht vor einem Krieg, sie waren aber auch nicht durch eine Epidemie auf einen Schlag dahingerafft worden. Sie waren gewissermaßen grundlos verschwunden unter Zurücklassung aller Habseligkeiten. ... Ende der Menschheit, Ende der Erzählung. Es lohnt sich wahrhaftig, diesen Roman - meinetwegen nach der 'Pest' von Camus - zu lesen."

Außerdem: Christian Thomas hat sich für die FR mit dem Schriftsteller Artur Becker getroffen. Ernst Jünger bleibt dem Feuilleton auch als Untoter treu: Jetzt ist ein Brief - allerdings nicht von Jünger - in einem Archiv aufgetaucht, der unter Umständen belegt, dass Jünger sich bei einer Abendgesellschaft einmal etwas abfällig über den Nationalsozialismus geäußert haben könnte, wie Michael Martens sehr ausführlich in der FAZ berichtet.

Besprochen werden unter anderem Frank Witzels "Inniger Schiffbruch" (Jungle World), Zoe Becks Thriller "Paradise City" (Presse), Joe Saccos Comicreportage "Wir gehören dem Land" (SZ), Andreas Schäfers "Das Gartenzimmer" (taz) und Antti Tuomainens "Klein Sibirien" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Am Wochenende beginnen die Salzburger Festspiele mit stark modifiziertem Programm. In der FAZ schreibt Jürgen Kesting zu ihrer Gründung vor hundert Jahren und muss doch feststellen, dass sie nicht erst mit Herbert von Karajan zum "Hochamt der Restauration" wurden: "Max Reinhardts Idee war demokratisch, er wollte alle Schichten ansprechen. Hugo von Hofmannsthals Programmatik hingegen war konservativ. Mit 'Das Salzburger große Welttheater', uraufgeführt 1922, versuchte er, die Festspiele zum Symbol einer idealischen gesellschaftlichen Totalität zu stilisieren. Er wollte der Nation 'mit dem ganzen klassischen Besitz dienen': den Dramen der Griechen, denen von Calderón, Shakespeare, Goethe und Schiller wie der österreichischen Theater-Dichter Franz Grillparzer und Ferdinand Raimund. Ein restaurativer Gedanke: die Erinnerung an die goldene Zeit zwischen 1750 und 1850 als Programm für das 'neue Europa'. Hofmannsthal träumte noch von einer deutschen Leitkultur in einer Zeit, in welcher der amerikanische Präsident Woodrow Wilson postulierte: 'The world must be made safe for democracy.'"

Das Stuttgarter Ballett hat während seiner coronabedingten Zwangspause nichts an Charisma eingebüßt, versichert Dorion Weickmann nach dem Tanzabend "Response I" in der SZ: "Reif und nachdenklich, zart und wehmütig spannt sie die Flügel ihrer Tanzkunst auf und entfesselt ein zweistündiges Ballett-Crescendo, gekrönt von einem orkanartigen Finale."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Salzburger Festspiele

Kunst

Schön gegruselt hat sich Jonathan Jones im Guardian von Ai Weiweis Ausstellung "Geschichte der Bomben", die der nunmehr in London lebende chinesische Künstler für das Imperial War Museum entworfen hat: "Die V2, Little Boy und Fat Boy, alle sind dabei, aber auch die monströseste aller Atombomben: "Die Zarenbombe der Sowjetunion, die mächtigste atomare Waffe, die je geschaffen wurde, wurde tatsächlich einmal zur Explosion gebracht. Unter einen Flieger gehängt, denn sie passte nich hinein, wurde sie (1961) über der Barentssee abgeworfen und explodierte mit einer Kraft von 57 Megatonnen, das war 1.500 Mal mehr als die Kraft der beiden amerikanischen Atombomben zusammen, die über Japan abgeworfen waren." Ein enzyklopädisches Werk über unberechenbare Zerstörungskraft und fehlgeleiten Einfallsreichtum, meint Jones.

Weiteres: Hakim Bishara berichtet auf Hyperallergic, dass Spaniens Guardia Civil in einem Fischladen in Alicante bei einer Routine-Gesundheitskontrolle zwölf römische Amphoren "von großem historischen Wert" entdeckt hat: "Örtlichen Zeitungen zufolge erklärte der Sohn des Fischverkäufers, dass er die Stücke beim Fischen gefunden hatte und sie mitgebracht hätte, um den Fischladen des Vaters zu dekorieren. Gegen beide wird jetzt ermittelt." Ebenda meldet Valentina di Liscia, dass auch die Latinos in den USA ihr eigenes Museum bekommen sollen. Rose-Maria Gropp gratuliert in der FAZ der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer zum Siebzigsten, die ihre Wahrheiten auf LED-Kettten oder BMWs in die Welt brachte: "Money creates taste."
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Ai Weiwei, Atombombe

Film

Heilsame Eskapaden: Judd Apatows "The King of Staten Island"

"Toter Vater, Kindheitstrauma, 9/11" sind die Zutaten, aus denen Judd Apatow seinen neuen Film "The King of Staten Island" bäckt, erklärt David Steinitz in der SZ - und wenn es einen Filmemacher gibt, der daraus eine wunderbare Dramödie baut, dann eben Apatow, der die amerikanische Komödie der letzten zwanzig Jahre maßgeblich geprägt hat und nun den "schönsten Kinofilm dieses merkwürdigen Corona-Sommers" vorlegt: Die "Eskapaden seines Protagonisten, den neuen Lover seiner Mutter loszuwerden und sie und sein Kinderzimmer zu verteidigen, sind von einer heiteren Traurigkeit, wie sie nur kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch entstehen kann." Apatow betrachtet hier einmal nicht die Mittelschicht, sondern die Arbeiterklasse, schreibt dagegen Andrey Arnold in der Presse: Sein "Glaube an den amerikanischen Traum und seine Skepsis gegenüber gesellschaftskritischen Ansätzen äußern sich früh im Film. Doch während sein Selbsthilfeprinzip im Wohlstandskontext adäquat erschien, wirkt es hier eher befremdlich."

Im Tagesspiegel-Gespräch spricht Produzent Martin Moszkowicz über die Rettungsfallschirme der Kulturpolitik für die Filmbranche. Dass das Publikum in absehbarer Zeit die Kinosäle flutet, glaubt er nicht. "Wir gehen für die nächsten zwei, drei Jahre von einem Rückgang auf 40 bis 60 Prozent der Kasseneinnahmen gegenüber der Vor-Corona-Zeit aus. Die Scheu ist verständlicherweise vor allem beim älteren Publikum da. Die Teenager sind etwas sorgloser, man sieht das am Party-Verhalten. Deshalb starten wir jetzt vor allem Filme für ein jüngeres Publikum."

Weitere Artikel: In der NZZ gratuliert Lory Roebuck Christopher Nolan zum fünfzigsten Geburtstag, den der Regisseur morgen feiert. Besprochen werden Gerburg Rohde-Dahls heute Abend im Ersten gezeigter Dokumentarfilm "Die Aufseherin - Der Fall Johanna Langefeld" (taz), Roberto Minervinis Dokumentarfilm "What You Gonna Do When the World's on Fire?" (taz, mehr dazu bereits hier) und Gero von Boehms Dokumentarfilm "Helmut Newton: The Bad and the Beautiful" (Standard).
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Musik

Den Hals gestrichen voll hat Standard-Kritiker Ljubiša Tošić jener Schlummermusik der Marke Ludovico Einaudi, die mit dem Begriff Neoklassik aufgewertet wird: "Kaminfeuersounds mit musikalischem Einmaleins umgesetzt, werden als absolute Musik präsentiert. Banales kommt tiefsinnig daher. Der musikalische Groschenroman posiert als Meisterwerk."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer stellt in der SZ ein Projekt des Auswärtigen Amtes vor, das ein Hiphop-Festival in Mali fördert. Theodora Mavropoulos (taz), Birgit Walter (Berliner Zeitung) und Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) gratulieren dem griechischen Liedermacher Mikis Theodorakis zum 95. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem das neue Album von Taylor Swift (Freitag, Presse, mehr dazu bereits hier), eine CD des Amerikanisten Christian Hänggi, der sich mit der US-Band Visit von der Musik in Thomas Pynchons Romanen inspirieren hat lassen (NZZ), die Klanginstallation "Eleven Songs" im Berliner Berghain (taz), das neue Album der Band Fontaines DC (Berliner Zeitung) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Alanis Morissette (SZ).
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