Efeu - Die Kulturrundschau

Der Schmerz des Kollektivs

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23.07.2020. Selbst die Haute Couture zeigt ihre Schauen jetzt digital, berichtet die NZZ und schwelgt in Stoffen. Die SZ bewundert Nick Caves Gucci-Hosen. 54books sucht die Zärtlichkeit in der europäischen Kulturgeschichte. Gary Garrels, langjähriger Kurator des SFMOMA, muss seinen Posten räumen, ebenso Martin Parr als Kurator des Bristol Photo Festivals - beide erwiesen sich im Rassismusdiskurs als nicht ganz sattelfest.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2020 finden Sie hier

Design

Selbst die Haute Couture zeigt ihre Schauen jetzt digital, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ, und damit auch einem Massenpublikum zugänglich. Einige werden dabei ausgesprochen kreativ: "Azzarro Couture präsentierte ein Musikvideo der belgischen Musikerin Sylvie Kreusch, die schon mit den Modefirmen Prada und Ann Demeulemeester in ähnlichen Projekten zusammengearbeitet hatte. Andere Couturiers gehen auf die Pandemie ein, wie Rahul Mishra und Yuima Nakazato: Der Inder unterlegte seinen Clip mit einem eigenen auf Covid-19 bezogenen Kommentar und präsentierte einige Modelle mit Atemschutz. Der Japaner Yuima Nakazato suchte im Lockdown das Gespräch mit seinen Kunden und hatte eine großartige Idee dazu. Er bat 25 von ihnen, ihm ein weißes Hemd zu schicken und ihm die dazu gehörige Geschichte zu erzählen: Er retournierte die Stücke danach vollkommen verändert, inspiriert von den Geschichten und Wünschen seiner Kunden."

Hier Matteo Garrones Film zur Dior-Kollektion:

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Stichwörter: Haute Couture

Kunst

Gary Garrels, langjähriger Kurator des SFMOMA, musste seinen Posten aufgeben, weil er in einer Pressekonferenz etwas Falsches sagte. Carol Pogash schildert den Vorfall in der New York Times: Bei einer Zoom-Konferenz mit den Mitarbeitern, bei der es hauptsächlich um Sicherheitsfragen ging, wurde Garrels nach einem Interview gefragt, in dem er erklärt hatte, dass er weiter Werke von POC-Künstlern ankaufen werde und dann hinzugefügt hatte: "Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden auf jeden Fall auch weiterhin weiße Künstler sammeln." Bei dem Mitarbeiter-Treffen darauf angesprochen, "erklärte Garrels, seine Kommentare seien 'ein wenig schief gewesen'. Anschließend erläuterte er die Bemühungen um eine 'breite Diversifizierung der Sammlung'. 'Wir haben uns sehr darauf konzentriert', fuhr er fort, 'Frauen, schwarze Künstler, First Nation, Native, L.G.B.T.T.Q., Latino und so weiter zu sammeln.' Er fügte hinzu: 'Ich glaube ganz sicher nicht an irgendeine Art von Diskriminierung. Und es gibt viele weiße Künstler, viele Männer, die wunderbare, wunderbare Werke schaffen.' Als ein Mitarbeiter andeutete, dass Mr. Garrels' Kommentar gleichbedeutend damit sei, dass er sagte: 'Alle Leben sind wichtig', antwortete Mr. Garrels: 'Tut mir Leid, ich stimme nicht zu. Ich denke, umgekehrte Diskriminierung - -' Was er danach sagte, wurde von Keuchen übertönt und jemand sagte: 'Das hat er nicht gesagt!' Fünf Tage später trat Herr Garrels, 63, Senior-Kurator für Malerei und Skulptur, zurück."

Gehen musste auch der Fotograf Martin Parr als Direktor des Bristol Photo Festivals, berichtet Stephen Morris im Guardian. Parr hatte 2017 für eine Neuauflage eines 1969 erstmals erschienenen Bandes des italienischen Fotografen Gian Butturini ein Vorwort geschrieben, ohne zu bemerken, dass in dem Buch ein Foto einer schwarzen Frau auf der anderen Seite dem eines Gorillas in einem Käfig gegenüberstand. "Parr hat sich dafür entschuldigt, dass er die Gegenüberstellung nicht aufgegriffen hat, und sagte am Dienstag, es sei für alle das Beste, seine Rolle beim Festival aufzugeben. Er sagte, er werde das Honorar für das Vorwort für wohltätige Zwecke spenden und habe darum gebeten, dass die Restauflage aus dem Verkauf genommen und vernichtet wird. Parr sagte: 'Es ist mir zutiefst peinlich, dass ich in meinem Vorwort zum Nachdruck des Buches eine rassistische Gegenüberstellung von Bildern übersehen habe. Während meiner gesamten langen Karriere habe ich unterrepräsentierte und aufstrebende Fotografen unterstützt.'"

Und: Vasif Kortun trat von seinem Posten als Chefkurator des Neubaus des Mimar-Sinan-Museums für Malerei und Skulptur in Istanbul zurück. Der Grund: Präsident Erdoğan rückt wichtige Exponate für das Museum nicht aus seinem Palast heraus, berichtet Ingo Arend in der taz. Besprochen werden die Ausstellung "Vida Americana: Mexican Muralists Remake American Art" im Whitney Museum (NYRB), die Ausstellung "James Tissot. Die moderne Zweideutigkeit" im Musée d'Orsay in Paris (FAZ).
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Bühne

Besprochen wird eine "Dreigroschenoper" am Gärtnerplatztheater in München (nmz).
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Musik

Ein Hauch von Verwesungslila: Nick Cave allein im Haus (Joel Ryan).

Heute Abend überträgt Nick Cave sein bereits im Juni im (sonst locker 2500 Menschen fassenden) Londoner Alexander Palace ohne Publikum aufgenommenes Flügel-Konzert "Idiot Prayer" - ein einmaliges Streaming-Event, kostenpflichtig, danach nicht mehr abrufbar und ohne Stop- und Spulfunktion. Die Popkritiker konnten sich das Ereignis schon vorab ansehen, für das man sich wahrscheinlich in Abendgarderobe vor den Bildschirm setzen sollte. Mit den verpixelt-verwahrlosten Corona-Streams der letzten Monate hat dieser von Kameramann Robbie Ryan aufwändig in Szene gesetzte Konzertfilm jedenfalls nichts zu tun, schreibt Jan Kedves in der SZ: "Das Set ist perfekt ausgeleuchtet, Instrument und Stimme sind perfekt mikrofoniert. Der Schlag von Caves schwarzer Gucci-Anzughose betont noch seinen federnden Schritt hin zum Fazioli-Flügel - auch das lohnt im Grunde schon das Ansehen."

Von "edler Melancholie", die diesen Abend durchzieht, spricht Jens Balzer auf ZeitOnline. Cave - "mal gülden, mal verwesungslila beleuchtet" - versenkt sich ganz in sich und seine Musik: Es "herrschen Gravitas und elegische Stimmung, was auf Dauer dann doch ein bisschen langweilig wird." Stimmt schon, der Abend hat "durchaus Längen", meint auch Simon Rayß im Tagesspiegel, aber zum Ende erreicht Caves Vortrag dann doch noch "jene Intensität, mit der der Frontmann ein Konzertpublikum förmlich zu hypnotisieren versteht - ein kleines Stück Live-Erfahrung, derzeit rar und gern gesehen."

Außerdem: Kathleen Hildebrand berichtet in der SZ von der Lage der Berliner Chöre, die nun nach viel Widerstand unter Auflagen wieder singen dürfen. Besprochen wird Kamaal Williams' Jazzalbum "Wu Hen" (Berliner Zeitung).
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Stichwörter: Cave, Nick, Corona, Streaming

Literatur

Wenn Buchkritiken einen Text für seine "Zärtlichkeit" loben, dann fast ausschließlich, wenn das Buch auch von einer Frau geschrieben wurde, ärgert sich Antje Schmidt auf 54books.de. Sicher, auch sie findet "Friederike Mayröckers späte Prosa zu großen Teilen zärtlich. Die Sprechhaltung ist häufig die einer Liebenden, einer Sehnenden und Trauernden, die Worte erscheinen zart und bedächtig gewählt, obgleich immer mit einer Tendenz zum Wahn. Aber auch Texte von Autoren können von einer subtilen Sanftheit sein, die ich als Zärtlichkeit bezeichnen würde. Arne Rautenbergs Gedichte empfinde ich als zärtlich. Nick Hornby, den ich als Teenagerin gerne gelesen habe, zeichnet seine Figuren mit einer zärtlichen Ironie. Über diese Autoren ist das Wort allerdings nur äußerst selten zu lesen." Warum das so ist, legt Schmidt in einer ausführlichen Spurensuche nach der Zärtlichkeit in der europäischen Kulturgeschichte dar.

Weiteres: In der Welt schreibt Jan Knopf über das Verhältnis zwischen Bertolt Brecht und Peter Suhrkamp. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Marc Reichwein daran, wie Paul Celan 1964 in Bayern vor einem Kruzifix einen beachtlichen Ausraster hinlegte.

Besprochen werden unter anderem Colum McCanns "Apeirogon" (Tagesspiegel, FR), Eileen Changs Novelle "Die Klassenkameradin" (NZZ), Claudio Mairas Neuübersetzung von Edgar Lee Masters' "Die Toten von Spoon River" (online nachgereicht von der FAZ), Philipp Rödings "20XX" (ZeitOnline), Felix Lüttges "Auf den Spuren des Wals" (SZ) und Carl Weissners Essay- und Reportagenband "Aufzeichnungen über Außenseiter" (FAZ).
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Film

Endgültig in der Corona-Quarantäne: Christopher Nolans "Tenet", hier ein frühes Promo-Motiv.

Christopher Nolans neuer Autorenfilm-Blockbuster gilt als Hoffnungsträger für die Kinobranche: Wenn dieser Film denn erst einmal in die Kinos kommt, dann kommt sicher auch das Publikum wieder. Allein, angesichts unsicherer Märkte, nicht zuletzt in den USA selbst, wurde der Film zum mittlerweile dritten Mal kurzfristig und diesmal aber auf ungewisse Zeit verschoben. Schon häufen sich Gerüchte und Vorschläge, der Filme könnte ja, wie in Prä-Internetzeiten, als die Industrie die Piraterie noch nicht so sehr fürchtete, großzügig zeitlich versetzt in verschiedenen Ländern anlaufen - worauf sich der Verleiher Warner allerdings ziemlich sicher nicht einlassen wird. Für die hiesigen Kinos wäre das ein Licht am Ende des Tunnels, denn "auch die deutschen Filme brauchen das Fahrwasser der großen US-Produktionen, um die Kinos auf Kurs zu halten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die alte Klage der deutschen Verleiher, das zu viele Hollywoodfilme die Leinwände belegen, sie wirkt angesichts des aktuellen Kinoprogramms wie ein Hilferuf aus längst vergangenen Zeiten."

Nacktes Leben, authentische Stimmen: Roberto Minvervini blick in die Südstaaten der USA (Bild: Grandfilm)

Vielleicht wird das Kino im Zuge aber auch als Ort wiederentdeckt, in dem nicht nur millionenschwere Hochkaräter, sondern auch prekärere Filmkonzeptionen wieder ihren Platz finden können? Roberto Minervinis Dokumentarfilm "What You Gonna Do When the World's on Fire?" etwa ist so etwas wie ein Film der Stunde: Er beobachtet den Rassismus in den Südstaaten der USA und das ohne Autoritätsmarkierungen von Experten vor der Kamera und säuselige Musik - zu sehen gibt es "nur nacktes Leben und authentische Stimmen", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ. So unter anderem die 50-jährige Barbesitzerin Judy Hill aus New Orleans, der die Gentrifizierung die Lebensgrundlage zu entziehen droht: "Sie singt, veranstaltet politische Gesprächsrunden, besucht ihre alte Mutter. Vor allem pflegt sie die seelischen Wunden, die Armut und Rassismus bei ihren Freunden hinterlassen haben", denn sie "weiß genau, dass der Schmerz des Kollektivs, dem sie angehört, nur betäubt, nie wirklich geheilt werden kann." Mit Spannung beobachtet auch Bert Rebhandl in der FAZ, wie Minervini seinen Film gestaltet: Zwar ist er im Film selbst als Instanz nicht zu sehen, aber er "steht seinen Protagonisten nicht als Ethnograph gegenüber, er will nicht etwas aus ihnen herauslesen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem Menschen zu sich selbst kommen können: sprechend, singend, performend, agitierend."

Besprochen werden außerdem "Als wir tanzten", in dem Levan Akin von einer schwulen Liebe im georgischen Nationalballett erzählt (FR, SZ, die taz hat mit dem Hauptdarsteller gesprochen),  Masaaki Yuasas japanischer Animationsfilm "Ride Your Wave", der nur am 28. Juli in einigen Kinos zu sehen ist und FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ziemlich verzaubert, Uisenma Borchus "Schwarze Milch" (taz), die dreiteilige Netflix-Doku "Fear City: New York vs The Mafia" (Guardian, Hollywood Reporter), Keith Thomas' Horrorfilm "The Vigil" (SZ) und Bartosz Konopkas Historienfilm "Sword of God" (taz).
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